Von der Antike ins Digitalzeitalter
Einen weiten Weg haben die Bildungssysteme hinter sich, bis sie zu dem geworden sind, was wir heute als moderne Schulsysteme kennen. Die Griechen entwickelten – noch für eine kleine Elite, aber bereits organisiert – die Grundlagen; Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundbildung und der Kanon von Philosophie über Mathematik bis hin zur Physik wurden griechischen Schülern näher gebracht. Noch war es recht leicht, in allen Wissenschaften das gesamte verfügbare Wissen zu erlernen, denn es gab noch nicht viel zu wissen.
Als die Antike endete und das Mittelalter über die Menschheit hereinbrach, galt Bildung den meisten nicht mehr viel; Mönche und einzelne Gebildete trugen das Vermächtnis der Antike über die Zeit. Die Menschen spezialisierten sich auf ihre Aufgaben und verzichteten auf eine breite und allgemeine Bildung. Das änderte sich erst mit der Renaissance und der nachfolgenden Aufklärung: nun waren die Universalgelehrten wieder gefragt. Schulen wurden überall eingeführt, und erste Experimente mit einer breiten Bildung der Bevölkerung begannen. Hier hat das moderne Schulsystem seine Wurzeln.
In der Folge gab es eine Explosion des menschlichen Wissens. Da viele die Grundbildung erhielten, wurde es immer leichter, jene Menschen zu erkennen und zu fördern, die forschen und das Wissen ihrer Mitmenschen erweitern konnten. Als das Industriezeitalter hereinbrach, entstand auch die allgemeine Schulpflicht, die diesen Effekt noch verstärkte und neben der weitgehenden Erforschung der bisherigen Wissenschaften auch noch zahlreiche neue hervorbrachte.
Immer weiter spezialisierten sich die Menschen der industriellen Ära, und immer weniger war ihnen der Universalgelehrte wert. In einer großen, geölten Maschine hatte jeder seinen Platz als ein Rädchen, das funktionieren sollte – das Wissen, das man angesammelt hatte, schien einfach viel zu groß, als dass jemand es vollständig erwerben könne. Also reduzierten sich Bildung, Horizont und Selbstwahrnehmung, die die Schulsysteme vermittelten, auf einen immer kleineren Ausschnitt der Welt.
Diese Entwicklung kann man nicht als vorteilhaft betrachten. Die Weisen der Antike haben das Ideal des allseits gebildeten, mündigen Menschen nicht ohne Grund eingeführt; wer nur einen kleinen Teil der Welt kennt und wem alles andere fremd ist, der kann nicht frei und ohne Angst leben. Entsprechend auch die Unzufriedenheit der Schüler, die in einer sich verändernden Welt einerseits sehen, wie viel veraltete Informationen ihnen die Schule vermittelt, andererseits aber spüren, wie immer weniger von dieser Welt ihnen offen zu stehen scheint.
Einen Ausweg aus dem Dilemma aber können uns jene Maschinen weisen, die für die Explosion des menschlichen Wissens mit verantwortlich waren: Computer. Das Internet stellt das geballte Wissen der Menschheit zur Verfügung; auf Knopfdruck kann ein kundiger Mensch jede gewünschte Information finden. Wer gelernt hat, mit diesen Mitteln zu arbeiten, kann sich spezialisierte Informationen in relativ kurzer Zeit aneignen.
Eine Rückkehr zum klassischen Bildungsideal in den Schulen scheint also gar kein auswegloses Unterfangen mehr zu sein, wenn man es so betrachtet. Ein Lehrer muss seinen Schülern keine bestimmte Menge an Wissen mehr vermitteln – er ist gehalten, den Schülern einen breiten Überblick über viele Themen zu geben. Indem er ihnen zeigt, wie man Wissen erwirbt und es anwendet, ihnen gezielt die Techniken vermittelt, mit denen sie auf dieses Wissen aufbauen können, rüstet er sie für die moderne Informationswelt.
Die Arbeit der Schüler in dieser Schule bestünde vor allem aus eigenständigem Arbeiten und der Präsentation der Ergebnisse. Leistungsstarke Schüler werden gezielt gefordert, andere Schüler zu unterstützen; durch diese Kooperation wird nicht nur Teamfähigkeit gefördert, sondern auch direkt die Wiedergabe des Gelernten genutzt, um den Stoff bei beiden Schülern weiter zu vertiefen. Bei all diesen Maßnahmen greift man auf die klassischen Methoden der Rhetorik und Dialektik zurück, die die Grundlage aller Bildung sind.
So würden wir Menschen erziehen und ausbilden, die wieder das Gefühl haben, ihre Welt in ihren Grundlagen zu verstehen und mündig mit ihr umgehen zu können. Sie würden motiviert, sich selbst nach Wahl zu spezialisieren und gleichzeitig spüren, dass das heute immer mehr geforderte lebenslange Lernen dank moderner Technik keine aufwändige, kostspielige Horrorvision sein muss. Im Gegensatz zu den immer drohnenartigeren Menschen des Industriezeitalters ist heutzutage der selbstverantwortliche, flexible Mensch gefragt – und genau den wollten bereits Griechen und Italiener erziehen. Das Problem? Eine solche Bildung für alle ist unglaublich teuer.
Der moderne Lehrer muss anders ausgebildet werden als sein Vorgänger; statt immer spezifischerem Fachwissen brauchen unsere Lehrer mehr pädagogische und didaktische Schulung, um die Anforderungen eines solchen Unterrichts erfüllen zu können. Insbesondere im Beruf des Lehrers ist der Status des Universalgelehrten wieder mehr als gefragt. Diese Ausbildung ist sicher aufwändig und eine Umwälzung des Systems schwierig; da man aber gleichzeitig eine massiv höhere Anzahl an Lehrern benötigt und die Kollegien ohnehin oft vor Alter erstarren, ist der Zeitpunkt jetzt so günstig wie nie.
Was all dem natürlich im Weg steht, ist die Vergessenheit der ersten Lehre, die bereits antike Pädagogen erkannten – ohne die drei Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens ist der Erwerb von Bildung unmöglich. Und bereits dort scheitert es oft, was vor allem an mangelnden Deutschkenntnissen der Erstklässler liegt, die sich bis zum 4. Schuljahr nicht mehr ausgleichen lassen. Es liegt aber auch daran, dass die Kinder sozial schwacher Familien oft im eigenen Umfeld gar nicht mehr die Notwendigkeit sehen, diese Fertigkeiten überhaupt zu erwerben. Die Eltern sind arbeitslos oder üben einen Job aus, der keinerlei Bildung erfordert; oft gibt es keinerlei politisches und gesellschaftliches Engagement, keine Zeitung und kein Internet.
Und so ist es auch klar, dass man auch bei den Reformen am Bildungssystem dem klassischen Ideal folgen und bei den Grundlagen beginnen sollte. Wir brauchen eine massive Initiative zur personellen und finanziellen Ausstattung unserer Grundschulen, die immer weniger ihrer Aufgabe gerecht werden. Hier, wo auch noch der klassische allseits gebildete Lehrer vorherrscht, muss die Reform beginnen, denn nur mit Kindern, die eine gute Grundschulbildung erworben haben, lässt sich irgendeine andere Reform überhaupt vollziehen.
In späteren Schritten müssen die weiterführenden Schulen umgestellt und reformiert werden. So schlecht unser Schulsystem auch immer sein mag, noch funktioniert es und bildet auch Schüler aus – verschonen wir die Gymnasien, Real- und Hauptschulen mit den augenblicklichen Dauerreformen. Wenn man sich vier Jahre lang auf eine Reform der Grundschulen konzentriert und diese zu einem Abschluss bringt, kann die Erneuerung der weiterführenden Schulen bereits mit den Kindern der Reform begonnen werden.
Die Bildungsreform aber an der Spitze, bei angeblichen „Eliteuniversitäten“ anzupacken, ist eine weitere Dummheit einer medienbesessenen Politik. Wer Nobelpreisträger anzieht, der mag sein Renommee im Blick haben und vielleicht auch kurzfristig seine Position in der einen oder anderen Spezialdisziplin verbessern; wirklichen Bildungserfolg erreicht aber nur, wer seinen Kindern Rechtschreibung, Bruchrechnung und die eigene Sprache vermitteln kann, bevor sie zum Jugendlichen werden.
Viele Politiker wiederholen gerne, dass wir nur mit Spitzenpositionen in der Wissenschaft eine Chance haben, uns auch in Zukunft zu beweisen. Das ist zwar wahr, geht aber viel weiter. Wenn die Staaten der Dritten Welt sich industrialisieren, müssen wir entweder zu den Lebensbedingungen des frühen Industriezeitalters zurückkehren, in denen sie leben, oder es möglichst allen unseren Bürgern ermöglichen, das Digitalzeitalter zu erreichen und die moderne Technik zu benutzen, statt von ihr ersetzt zu werden. Das aber ist nur durch eine Massenbildung erreichbar, die alle bisher da gewesenen Maßstäbe sprengt.
Und für genau diese Massenbildung müssen wir auf die Weisheiten zurückgreifen, die uns die Antike überlassen und die Renaissance in Erinnerung gerufen hat; jeder muss lesen und schreiben lernen, die Schulen sollen eine breite Bildung vermitteln und den Schüler dazu anhalten, sich in jeder Richtung zu entfalten und seine Spezialisierungen eigenständig zu wählen. Mündige, respektvolle Menschen erzieht man nach wie vor auf die gleiche Art und Weise wie vor 3000 Jahren – indem man ihnen die Welt erklärt und ihnen zeigt, wie sie sie weiter erkunden können. Besinnen wir uns wieder darauf.
Mit Dank an Familie G.









