Die Symptombehandlung blüht
Die Diskussion um die Renten, die noch vor wenigen Jahren mit schlichten Behauptungen und ein paar Plakaten abgebügelt wurde („Die Renten sind sicher“), hat mittlerweile Ausmaße angenommen, die es auch dem interessierten Beobachter schwer machen, noch allen Reformvorschlägen und Schuldzuweisungen zu folgen. Allein über eines sind sich mittlerweile alle Parteien einig: Die Rente in ihrer derzeitigen Form ist nicht mehr zu halten.
Die Hauptursache für die Rentenkrise liegt in der Bevölkerungsentwicklung; immer mehr Rentner, immer weniger Arbeitnehmer und vor allem immer weniger Kinder, die eines Tages die Arbeit in Deutschland erledigen und für das Auskommen der Rentner sorgen können, haben unser Rentensystem in die Knie gezwungen. Dass Kohls Regierung die Rücklagen vollständig ausgeplündert und verschwendet hat, Schröder seit 1998 aber ebenfalls alle strukturellen Reformen verweigert, verschärft diese Krise noch.
Längst schon ist das Verhältnis von Beitragssätzen und Rentenniveau nur noch ein Treppenwitz; zu den Beiträgen muss man gewaltige Zuwendungen aus Steuermitteln rechnen, vor allem die rapide steigenden Energiekosten (Ökosteuer!). Während die Rot-Grünen hier versuchen, ein Zukunftsproblem anzugehen – die absehbare Energiekrise – kaschieren sie das andere Zukunftsproblem der Bevölkerungsentwicklung und des Rentensystems und verhindern damit aktiv dessen Lösung.
Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Der erste – offensichtliche – Vorschlag ist es, doch einfach die Beitragssätze zu erhöhen und die Renten zu senken, um eine rechnerische Lösung des Problems zu erreichen. Für einen Mathematiker am Schreibtisch mag die Aufgabe damit gelöst sein – für die Arbeitnehmer, die bei diesem System mehr als die Hälfte ihrer Löhne und Gehälter ausgeben müssten, um allen Rentnern ein lächerliches Taschengeld überweisen zu können, ist sie es nicht.
Ein weiterer Vorschlag ist es, die jungen Menschen doch einfach dazu aufzufordern, zusätzlich privat vorzusorgen, um ihre spätere Rente zu sichern. Erneut himmelschreiender Blödsinn; auf diese Art und Weise bleiben zwar die scheinbaren Werte der Beiträge und Renten konstant; faktisch aber finden Erhöhungen der Ersten statt, damit die Menschen später schweigen, wenn die Letzteren auf ein Niveau unter dem Existenzminimum gesenkt werden. Die derzeitige junge Generation müsste zum einen die derzeitigen Rentner weiter versorgen, zum anderen aber auch noch die eigene Rente ansparen.
Außerdem fragt man sich hier: Wenn die private Anlage irgendeinen Vorteil gegenüber dem bisherigen Umlagesystem hat, warum richten wir dann nicht das gesamte Rentensystem ausschließlich darauf aus? Oder ist das gar das Ziel, das unsere „Volks“-Parteien insgeheim verfolgen, ohne es den Menschen mitzuteilen?
Das würde aber zwei logische Schlüsse nach sich ziehen – zum einen den, dass unsere Gründerväter einen riesigen Fehler gemacht haben, als sie überhaupt jemals das Umlagesystem für ihre Rente in Betracht zogen. Zum anderen aber würde es auch bedeuten, dass unsere Rentenkassen ineffizient arbeiten und Geld verschwenden – denn wenn der private Finanzsektor in der Lage ist, noch Gewinn zu erzielen, trotzdem aber ein besseres Verhältnis zwischen Beiträgen und Renten zu erreichen, warum kann unsere Verwaltung das dann nicht?
Die Antwort ist einfach – um sicherzugehen, dass niemand eines Tages mit ansehen muss, wie bei einem Börsencrash oder einer Bankenpleite seine gesamten Ersparnisse „flöten gehen“ und er oder sie ohne Altersversorgung da steht, investieren die Rentenkassen das Geld nur in sichere Wertanlagen, die entsprechend geringere Renditen verheißen. Natürlich kann man, indem man das Risiko steigert, Geld zu verlieren, mehr Rendite erzielen; und manche Investmentfirmen erreichen ausreichende Renditen, um sogar unsere Rentenschere wieder zu schließen.
Manche. Und die anderen? Freuen sich, wenn sie die gleichen Ergebnisse erzielen, die auch die stabilen Anlagen der Rentenkassen erreichen können. Wieder andere verlieren alles, und bei vielen bleibt jedenfalls nicht mehr viel übrig; Senioren, die zwischen Bierdosen und billigen Mikrowellengerichten von ihrer Rente erzählen, die verloren ging, als die Wirtschaft zuletzt in der Krise war, sind in den USA ein üblicher Bestandteil der Gesellschaft.
Das Problem war der Börsenboom Ende der 90’er Jahre, der den verzweifelten Rentenrechnern eine neue Hoffnung bescherte – wenn alle Tricks und Kniffe ausgereizt sind, wenn die Schulden immer mehr steigen, dann geht der Verzweifelte ins Spielcasino und versucht dort, genug zu gewinnen, um alles bezahlen zu können und wieder gut dazustehen. Und genau dieser Rat ist es, mit dem uns die Regierung nun die private Vorsorge schmackhaft zu machen versucht.
Natürlich wäre es gut, wenn nur eine Grundrente, die ein menschenwürdiges und gesellschaftsfähiges Leben ermöglicht, durch die Rentensysteme gedeckt würde. Über seine weitere Altersvorsorge könnte dann jeder Mensch selbst entscheiden, die Gesellschaft aber wäre von weiteren Kosten befreit. Und mit diesem Geld zu „zocken“ oder es sicher anzulegen, das bliebe jedem Einzelnen überlassen. Ein schöner Plan, und einer, der hoffentlich umgesetzt wird; nur leider auch keine Lösung für unser strukturelles Rentenproblem.
Wenn also all diese Konzepte nicht zum Erfolg führen, wo kann man dann ansetzen, um uns vor dem Kollaps der Altersvorsorge zu retten? Vielleicht wäre es gut, mit einer Methode anzusetzen, die in unserem Land leider sehr ungewöhnlich geworden ist: Man könnte das Problem bei seiner Ursache bekämpfen, anstatt bei den Symptomen herumzudoktern – das heißt, aktiv auf die Bevölkerungsentwicklung reagieren.
Es gibt zwei Stellen, wo man hier ansetzen kann – man kann die Kinderzahlen steigern, um durch weiteres Wachstum der Bevölkerung das Verhältnis zwischen jungen und alten Menschen zu verbessern, oder man senkt die Zahl der Rentner. Da letzteres nur in geringem Maße und indirekt realisierbar ist, ist es ganz offensichtlich der erste Weg, den wir hauptsächlich gehen müssen.
Es muss also eine intensive Förderung für Familien und Kinder geben, die es wieder attraktiv macht, Kinder zu bekommen. Die Nachteile, die eine kinderreiche Familie heutzutage hat, machen das Konzept der Großfamilie untragbar, und schon für kleine Familien mit nur einem oder zwei Kindern stellt sich immer mehr die Frage, ob der „Luxus“ Kinder überhaupt noch zu finanzieren ist. Diese Situation ist so offensichtlich, dass sogar das Verfassungsgericht es als nötig ansah, auf den Schutz der Familie durch das Grundgesetz hinzuweisen.
Erst, wenn die Kinderzahl wieder über die Selbsterhaltungsrate von zwei Kindern pro Durchschnittshaushalt steigt (oder diese zumindest erreicht), ist an eine Rettung der Renten überhaupt zu denken. Allein durch Umverteilung aber, die am Ende ohnehin wieder nur die Taschen weniger erreicht, ist das nicht zu leisten. Die liberalen Forderungen nach einem übertragbaren Steuerfreibetrag und einer Negativsteuer, die auch für Kinder und Jugendliche gilt, würden endlich wieder anerkennen, dass Kinder nicht nur Anhängsel ihrer Eltern sind, sondern eigenständige Bürger unseres Landes, mit eigenen Rechten.
Hinzu kommt, dass angesichts der Entwicklung der Familien in unserem Lande, die zunehmend kleiner und individueller werden, ein gesellschaftliches Konzept für die Betreuung, Versorgung, Bildung und Erziehung von Kindern her muss, das den neuen Verhältnissen gerecht wird. Dann, und nur dann, wird sich die Haltung der Deutschen zu Kindern wieder verändern.
Auf kurze Sicht aber ist hier nicht mit einer Verbesserung der Situation zu rechnen; die aktuelle Krise – denn die Zahl der Kinder, und mit ihr die der späteren Arbeitnehmer, ist ja schon so weit geschrumpft, dass bereits die Auswirkungen zu spüren bekommen – lässt sich mit einem solch langfristigen Plan nicht bewältigen.
Unumgänglich ist daher die Zuwanderung mehrerer hunderttausend Menschen im Jahr, die sich an der Finanzierung der Rente beteiligen. Erfahrungsgemäß ist unter Zuwanderern die Geburtenrate auch höher als unter den traditionell familienfeindlichen Deutschen; ein Gewinn für unser Rentensystem, aber auch ein Ansporn für die Familienmuffel, sich auch an der Erhaltung unseres Landes zu beteiligen. Dass Migration und Integration in diesen Ausmaßen eine gigantische Aufgabe ist, die wir nicht ohne Vorbereitung und Anstrengungen auf allen Seiten bewältigen können, versteht sich aber von selbst.
Schließlich noch ein paar Worte zu den Möglichkeiten, die sich an der anderen Seite des Altersspektrums bieten – bei den Senioren. Zum einen sollte jedem klar sein, dass die Verlängerung des Lebens, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, nicht ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bewältigt werden kann. Sicher aber würde sich kein Protest gegen eine schrittweise Anhebung um einige Jahre regen, wenn die Unsicherheit über die anderen Faktoren der Alterssicherung endlich beendet würde.
Außerdem stünde es ja durch die Mischfinanzierung jedem frei, auch schon eher in den Ruhestand zu gehen – finanziert allein von privater Vorsorge, die ab dem 67. oder 70. Lebensjahr durch die staatliche Rentenzahlung ergänzt würde. Statt eines vorgeschriebenen Rentenalters könnte sich jeder selbst aussuchen, wann er seine Arbeit niederlegen und seinen Lebensabend genießen möchte; und wer sich fit genug fühlt, arbeitet einfach weiter, so lange er möchte und eine Arbeit findet.
Denn eigentlich ist es ja auch nicht das Ziel der meisten Rentner, nach dem 65. Geburtstag nur noch die Hände in den Schoß zu legen und auf das Ende zu warten; ganz im Gegenteil wären viele von ihnen gern noch jeden Tag einige Stunden unter Menschen und würden auch noch etwas hinzuverdienen – allein die Sicherheit, dass ihr Auskommen auch ohne diese Arbeit gesichert ist und sie ihre „alten Tage“ nicht in Armut verbringen müssen, ist ihr klarer und verständlicher Anspruch.
Und diejenigen, die nicht mehr arbeiten wollen, weil sie es nicht mehr schaffen, sich dem Druck der hektischen Wirtschaftswelt auszusetzen, oder weil ihre Altersvorsorge ihnen genügt? Auch diese Menschen sind zumeist froh, wenn sie noch eine Aufgabe haben; der Verlust sozialer Bindungen und Kontakte zu Menschen ist es vor allem, der unsere Angst vor dem Alter heute auslöst. Wenn wir diesen Senioren Ehrenämter übertragen, die von Umfang und Ausführung ihren Ansprüchen und Bedürfnissen entsprechen, die aber auch jene Anerkennung erhalten, die ihnen zukommt – dann haben wir auch ihre Arbeitskraft aktiviert und ihnen gleichzeitig ermöglicht, Teil der Gesellschaft zu bleiben und sich dabei geistig und körperlich fit zu halten, so lange es möglich ist.
Und wo wären diese Ehrenämter besser zu suchen als in dem Masterplan für Bildung, Betreuung und Erziehung, den wir ohnehin für unsere Kinder erstellen müssen? Über Jahrtausende hinweg war es gute Tradition menschlicher Gesellschaften, dass die Alten, die über Weisheit und Erfahrung, aber nicht mehr über die Kraft für die tägliche Arbeit verfügten, ihr Wissen an die Jüngsten weitergaben – die so nicht nur von der Generation der Eltern, sondern auch von der der Großeltern lernen konnten.
Beleben wir diese Tradition wieder; was einst in Großfamilien möglich war, das muss einer derartig organisierten und effizienten Gesellschaft wie der unseren auch wieder möglich sein. Legen wir die Distanz zum Nächsten wieder nieder, kümmern uns um unsere Kinder und vertrauen unseren Eltern und Großeltern das an, was schon immer das Ihrige war. Dann können wir auch wieder mit Optimismus in die Zukunft schauen, ganz gleich, welcher Generation wir angehören.









