17. 3. 2004

Einreise, Integration und Assimilation

Die Einwanderung von Menschen ist nicht abgeschlossen, wenn sie in ihrer neuen Heimat angekommen sind. Auch, wenn sie eine Arbeit und eine Wohnung haben, ist das noch nicht genug, um auf Dauer ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Migration ist ein langwieriger, ein Generationen überdauernder Prozess - was aber nicht bedeutet, dass man deswegen keine Anstrengungen unternehmen kann und muss, um ihn zu ermöglichen und zu fördern. Ganz im Gegenteil, gewaltige Anstrengungen sind nötig, um wirklich erfolgreiche Einwanderungspolitik zu machen, und viele schlechte Beispiele stehen dem zur Verfügung, der sich Gedanken und Sorgen um sie macht.

Der Prozess läuft in drei Schritten ab: Er beginnt mit der Einreise in ein neues Land; diese aber nicht erst in dem Moment, in dem die Grenze überschritten wird, sondern viel früher - noch im Ursprungsland. Bereits hier sollte ein Einwanderer rudimentäre Sprachkenntnisse erwerben, sich allgemein über die im Land herrschenden Gesetze, Sitten und Gebräuche informieren und sich darüber bewusst werden, welche Elemente seiner eigenen Kultur ihm wirklich von Bedeutung sind, damit er sie auch in der Fremde bewahren kann. Wer so vorbereitet ist, wird niemals zu einer Belastung, sondern ausschließlich zu einem Gewinn für das Land, in das er einreist.

Oft ist das nicht möglich - zum Beispiel im Falle von Flüchtlingen, die auch mittel- oder langfristig nicht in ihre Heimat zurückkehren können und erst im Laufe ihrer Anwesenheit in Deutschland beschließen, sich um den Einwandererstatus zu bewerben. Das sollte man gezielt fördern, den Flüchtlingen aber auch die Tragweite dieser Entscheidung vermitteln und sie eindringlich auf die Notwendigkeit sorgfältiger Vorbereitung hinweisen. Um diese zu ermöglichen, empfiehlt es sich, sie - wie die Rückkehrer unter den Flüchtlingen - zunächst in ethnisch homogenen Unterkünften unterzubringen. Dort haben sie die gleiche Chance, sich eine Einwanderung sorgfältig zu überlegen und vorzubereiten, wie sie Direkteinwanderer im Heimatland hatten.

Jetzt beginnt der Prozess der Integration, der sich in wenigen Jahren abschließen lässt. Durch Wohnung und Arbeit im neuen Land, soziale Kontakte zu Arbeitskollegen und Nachbarn sowie steigende Sprachkenntnisse drücken sich seine Fortschritte aus, an deren Ende eine Person steht, die zwar immer noch klar als Ausländer angesehen wird, aber mit den Menschen um sie herum friedlich koexistiert und eine Funktion in der Gesellschaft erfüllen kann. Durch den entstehenden Kontakt vertieft sich das Verständnis des Einwanderers für die ihn umgebende Kultur - sowie auch das Verständnis der Umgebung für die seine. Kommt eine ausreichende Zahl von Immigranten aus einem gewissen Kulturkreis, so kann es ihnen auch durchaus gelingen, einen Teil ihrer Kultur so erfolgreich zu vermitteln, dass er auch vom Rest der Gesellschaft angenommen und bald als Teil der eigenen empfunden wird: bei den Speisegewohnheiten, dem Liedgut und einzelnen Worten aus der Umgangssprache hat sich dieser Effekt als besonders stark erwiesen.

Darüber hinaus, bis zum Status der Assimilation, gelangen die wenigsten Migranten - und wollen das für gewöhnlich aus ersichtlichen Gründen auch gar nicht. Immerhin haben sie ja bereits eine Kultur, in der sie aufgewachsen und erzogen worden sind. Diese Identität aufzugeben, kann man von niemandem verlangen; und ist auch nicht nötig, wenn innerhalb der Umgebung Toleranz und ein positives Miteinander herrschen. Diese Zuwanderer werden ihr Leben als willkommene Fremde leben - aber eben doch als Fremde. Sicher gibt es einige, die ihre eigene Kultur schon immer ablehnten und sich nun völlig in die neue, in unserem Falle also die deutsche, Kultur vertiefen.

Diese Menschen aber, die wir als Erfolg der Integration ansehen, sind als Bindeglied zwischen Deutschen und Ausländern beinahe wertlos, da sie nicht wirklich zwischen den Kulturen vermitteln, sondern nur die ihre gewechselt haben. Viel wichtiger und viel nützlicher ist der Bosnier, der noch immer gebrochen Deutsch spricht und mit all seinen kulturellen Eigenarten trotzdem ein Teil der deutschen Gesellschaft ist - denn er zeigt uns seine eigene Kultur auf, der angepasste oder assimilierte Migrant dient hingegen dazu, uns den scheinbar höheren Wert der unseren zu bestätigen. Besser für unser Ego, schlechter für unser Land.

Ist Assimilation etwas grundsätzlich schlechtes, wie es die Anhänger der Multi-Kulti-Gesellschaft seit Jahrzehnten behaupten? Sie unterdrückt ja gewissermaßen die kulturellen Eigenarten der Einwanderer, versucht, ihre Individualität zu reduzieren und sie unserem Menschenbild zu unterwerfen. Sicher, das sind gewichtige Argumente, die es ebenso sinnlos wie gefährlich erscheinen lassen, die Assimilation von Migranten weiter voranzutreiben - mit einer wichtigen Ausnahme.

Was wir bei Migranten mit Assimilation bezeichnen, nennt man in der Erziehungswissenschaft Sozialisation - und ist ein anderes Wort für das Erwachsenwerden; der Prozess, in dem ein junger Mensch die eigene Gesellschaft kennen lernt, diese für sich, aber auch sich selbst als ein Teil von ihr, akzeptiert und sich schließlich in diese Gesellschaft einbringt - nicht als willkommener Fremder, sondern als Bestandteil der Gemeinschaft. Die Kinder von Migranten aber benötigen den Erfolg dieses Prozesses ebenso sehr, wie das die deutschen Kinder tun; keiner von ihnen kann zu einem reifen, erwachsenen Menschen werden, ohne ihn durchlaufen zu haben.

Klar muss also sein, dass Migrantenkinder, die ihre Bildung und Erziehung in Deutschland erleben, auch assimiliert werden müssen, um ihnen überhaupt eine Chance auf ein verantwortliches und geregeltes Aufwachsen geben zu können. Ja, wir müssen alle Kinder, die deutsche Schulen besuchen, auch in der deutschen Kultur erziehen - und von ihren Eltern verlangen können, ihr möglichstes zu tun, um das zu unterstützen. Um das zu ermöglichen, braucht es aber erst einmal eine offene Diskussion in der gesamten Gesellschaft - “Ureinwohner”, Migranten und Rückkehrer (Aussiedler) - wie diese deutsche Gesellschaft und Kultur eigentlich aussehen soll; jeder, der hier lebt, muss einen Einfluss auf sie haben, aber auch bereit sein, Kompromisse und Zugeständnisse zu machen, Gewohnheiten aufzugeben und neue Wege zu gehen.

Mit dem Kompromiss, jenem neuen Gesellschaftsvertrag, den wir gemeinsam finden und beschließen müssen, können wir wieder vor unsere Kinder treten und ihnen vermitteln, woran wir glauben und auf welchen Fundamenten unser Zusammenleben ruht. Und nur in dieser neuen, dieser gemeinsamen Kultur können sich alle Kinder und Jugendlichen, in den Kindergärten und an den Schulen, sozialisieren. Nur so können wir unsere Erziehung retten.

Die Alternative sind Sozialneid, Rassismus und Fremdenhass auf allen Seiten: Der Untergang des Abendlandes im neuen Gewande, als gemeinsamer Zusammenbruch aller Kulturen, die sich weigern, zusammenzuwachsen.

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