“Gib einem Hungernden einen Fisch…
…und er wird einen Tag lang zu essen haben. Gib ihm aber eine Angel, und er wird den Rest seines Lebens essen können!”
Ein chinesisches Sprichwort, uralt, und doch so aktuell wie nie. Seine konsequente Anwendung würde viele unserer heutigen Probleme lösen; das gilt vor allem für die beiden wichtigsten Bereiche, die Sozialpolitik und die Lösung des Armutsgefälles auf unserem Planeten.
Schon seit Jahrzehnten ist klar, dass man mit Hungerhilfe-Aktionen, bei denen mit großen Spendensammlungen Geld zusammengebracht wird, um Nahrungsmittel zu kaufen, das Problem nicht löst; zwar werden die Menschen für den Tag gerettet, schon eine Weile später aber wird die nächste Hungersnot sie und die Weltgemeinschaft wieder vor das gleiche Problem stellen, durch die Bevölkerungsexplosion gerade in Ländern der Dritten Welt verstärkt. Stattdessen, so sind wir uns einig, muss “nachhaltige” Hilfe geleistet werden, es muss den Bewohnern dieser Länder dabei geholfen werden, sich selbst zu versorgen. Wie genau das nun richtig geschieht, da herrscht noch große Uneinigkeit, und viele vielversprechende Ansätze haben sich bereits als falsch herausgestellt.
Einfach die moderne Zivilisation im Hauruckverfahren einzuführen, durch Staudämme, Kraftwerke und Überlandleitungen, hat sich als ein Irrtum erwiesen, der nur die Taschen internationaler Großkonzerne füllt, die eben diese Anlagen bauen. Ein modernes Bildungswesen zu etablieren, war eine gute Idee, scheitert aber an der Tatsache, dass die wirtschaftliche Sicherheit der Schüler nicht garantiert werden kann - und dem simplen Fakt, dass wir ja selbst noch nicht wissen, wie ein solches System auszusehen hat.
Wie auch immer aber die endgültige Lösung aussehen wird, zumindest sind wir auf dem Weg dorthin und uns auch bereits einig, wie er auszusehen hat: Als Umsetzung dieser alten chinesischen Weisheit, die doch wie keine zweite die Bedeutung des Begriffes “Nachhaltigkeit” beschreibt. Schade nur, dass unsere sozialen Sicherungssysteme noch lange nicht fähig sind, diesen Weg zu gehen.
Die nämlich verschenken Fische. Nein, eigentlich sind sie nicht so großzügig, wie es jetzt auf den ersten Blick scheint. Denn so einen Fisch erhält natürlich nicht jeder, schließlich arbeiten die Betreiber der großen Netze nicht für Faulenzer. Nein, er muss zunächst einmal nachweisen, dass an den Netzen kein Platz mehr für ihn ist - und danach einen Großteil seiner Zeit damit zubringen, diesen Nachweis wieder und wieder zu erbringen. Zwar erhält er jetzt jeden Tag einen Fisch, aber seinem Ziel, sich selbst zu ernähren, kommt er nicht näher. Warum? Weil nun einmal nur ein Bruchteil der Menschen noch an den Netzen benötigt wird; alle anderen müssen entweder etwas finden, das sie gegen Fisch eintauschen können, oder sich an der öffentlichen Fischverteilung beteiligen.
Nun wäre es ja äußerst sinnvoll, wenn jeder derjenigen, die nun keine Tauschwaren haben, einfach eine Angel statt der täglichen Fische bekäme - für jeden, außer den Besitzern der Netze. Denn wenn diese Angel ausreicht, um dem Einzelnen nicht nur seine tägliche Fischration, sondern mehr zu verschaffen, dann ist der Beweis erbracht, dass ihre Netze nicht der einzige Weg sind, um die Bevölkerung zu versorgen. Das aber bedeutet einen Verlust von Macht und Einkommen, denn der Netzbesitzer lässt sich natürlich von jedem Fang einen scheinbar kleinen Anteil ausbezahlen. Sind weniger Menschen auf das Netz angewiesen, so schrumpft auch dieser Anteil, auf den der Status der Netzbesitzer in der Gesellschaft beruht.
Nun aber genug von Meerestieren und primitiver Wasserbewirtschaftung - was heißt das für unsere Gesellschaft? Dass das Phänomen der Arbeitslosigkeit nicht etwa mit der Tatsache zusammenhängt, dass es nur begrenzt viel Arbeit in unserer Gesellschaft gebe, die eben von zu vielen “weggenommen” würde. Nein, die Ursache für die vielen Erwerbslosen und Verzweifelten sind starre Gesetze und eine Propaganda, die es fast unmöglich machen, in diesem Land frei ein Gewerbe ausüben.
Wer schon einmal ein solches angemeldet hat, der weiß, wovon die Sprache ist - allein die Anmeldung ist schon ein Schritt, der mit Formularen, Entscheidungen und dem Durcharbeiten zahlreicher Seiten voller Gesetzestexte zu tun hat. Wer dann die Post von der Industrie- und Handelskammer erhält, vom Finanzamt zu zahllosen Details der künftigen Finanzplanung befragt (mit Strafandrohung!) und vor einem Haufen von Rechnungen und Belegen fast zusammenbricht, bereut spätestens jetzt seine Entscheidung.
Auch die guten Ratschläge, die man von allen Seiten bekommt, bringen weiter (”lass es lieber sein, bringt doch nichts…”), ein Besuch bei der Bank macht Lust auf mehr (”für sie können wir leider nichts tun…”) und die freundlichen Herrschaften vom Ordnungsamt begeistern den Ladenbesitzer vollends für seine neue Aufgabe (”sie können das da nicht hinstellen - und wo ist eigentlich ihre Damentoilette?”). Wer jetzt noch nicht freiwillig das Handtuch geworfen hat, der wird - je nach Arbeitsgebiet - mit einiger Sicherheit vom letzten Bollwerk gegen Jungunternehmer zur Strecke gebracht: den Gilden oder “Handwerkskammern”.
Alles in allem eine effiziente Maschinerie, die vor allem den Interessen einer Gruppierung dient: denjenigen, die das Kapital besitzen. Nicht mehr dem Unternehmer an der Ecke, der mit seinen 30 Angestellten etwas produziert und jeden Abend eine Abrechnung erstellt; über diese Zeit sind wir längst hinaus, denn morgen schon kann auch er sich an der “Fischverteilung” Sozialhilfe beteiligen müssen. Die Rede ist von den internationalen Großkonzernen und Spekulanten, die jenseits aller staatlichen Aufsicht und ohne Kontrolle einen globalen Raubtierkapitalismus entfesselt haben, der in der Geschichte seinesgleichen sucht.
Die Ressourcen des Planeten werden in Windeseile verbraucht und in sinnlosen Überproduktionen verheizt, damit sich wenige einen Promillesatz dieses Verbrauchs in die Tasche stecken können. Ein Teil der Überproduktion wird sorgfältig aufgeteilt und benutzt, um die, die an dieser Verschwendung keinen Anteil haben können - ob sie nun in Lesotho leben oder in Bockum-Hövel - abzuspeisen. Ihren gerechten Anteil an den Schätzen dieser Welt aber verweigert man ihnen, und jeder Versuch, sich aus dieser Herrschaft zu befreien - sei es durch eine Verweigerung gegenüber der Macht der Ölkonzerne durch Hugo Chavez in Venezuela, sei es durch einen deutschen Sozialhilfeempfänger, der sich eine Existenz aufzubauen versucht - wird gnadenlos bekämpft.
Doch wir sehen die “Wirtschaftsflüchtlinge”, die nach Deutschland kommen, als eine Bedrohung für unsere Existenz; ihnen geben wir die Schuld dafür, dass unsere Arbeitsplätze Mangelware sind und unsere Wirtschaft immer schwächer wird. Dabei sind sie nur die Vorboten einer Zukunft, die auch unserem Land blühen könnte, wenn wir nicht Maßnahmen ergreifen, die Eigeninitiative, selbständiges Denken und Wirtschaften und eine gerechtere Aufteilung der vorhandenen Arbeit und Reichtümer sicherstellen. Der Schwarzafrikaner auf der Flucht vor Hunger und Unterdrückung in seiner Heimat ist kein Feind für den Arbeitslosen in Pelkum, Herringen oder Hamm-Westen, sondern sein Bruder im Elend.
Sie beide brauchen endlich Angeln - behaltet eure Fische!









