31. 5. 2004

Wir wählen die Freiheit

Abgelegt unter Liberales, Volker Schmitt

Am Ende des Kalten Krieges, so die offizielle Lesart, hat sich der Kapitalismus gegen den Kommunismus durchgesetzt. Die ganze Spanne von mehreren Jahrzehnten dient heutigen Historikern oft nur noch dazu, die natürliche Überlegenheit der einen Wirtschaftsform zu belegen. Autoren wie der Amerikaner Francis Fukuyama sehen gar “Das Ende der Geschichte” gekommen und behaupten, mit dem Ende des Kommunismus werde allgemeine Glückseligkeit über die Welt kommen.

So einfach kann man das aber nicht sagen. Die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus war keine, bei der die Vertreter des modernen Raubtierkapitalismus sich als die Helden der Westlichen Welt gebärdet hätten. Vielmehr war das 20. Jahrhunderts geprägt vom Kampf gegen staatliche Unterdrückung und undurchschaubare totalitäre Systeme. Als Konrad Adenauer etwa nach dem 2. Weltkrieg Wähler für die CDU an die Urnen rufen wollte, da tat er es nicht mit dem Slogan “Wir wählen den Profit” oder gar “Wir wählen den Kapitalismus”. Was Adenauer proklamierte - und ihm sicher die meisten Stimmen verschaffte - war “Wir wählen die Freiheit”.

Wenn man heutige Konzernchefs hört, dann meint man, wir hätten diesen jahrezehntelangen, unglaublich teuren Kampf ausgefochten, um faire Entlohnung für Arbeiter, menschliche Arbeitsbedingungen und eine Orientierung an anderen Werten als dem reinen Materialismus zu verhindern. Wer Rücksicht auf und Hilfe für sozial und gesundheitlich Schwache fordert, wer mehr Freiheit für die Menschen und weniger Herrschaft des Profits verlangt, der wird als “Kommunist” verschrien und abgestempelt - dabei waren es gerade nicht diese Prinzipien, die die kommunistischen Diktaturen und ihre faschistischen Zwillinge ausmachte. Man sollte nämlich nicht vergessen, dass es Karl Marx war, der nicht nur den Kommunismus, sondern auch den “Historischen Materialismus” etablierte, der als Grundlage einer materialistisch-mechanistischen Weltanschauung diente.

Nein, der Kampf des Westens galt doch vielmehr der Unterdrückung der Menschenrechte, der Entmündigung der Menschen, der Zerstörung von Kultur und Religion und dem absoluten Unterordnungsanspruch, den die sozialistische Doktrin verlangte und gegenüber der alle menschlichen Bedürfnisse bedeutungslos werden mussten. Dagegen kämpften Liberale und Christen ebenso wie Sozialdemokraten und Grüne, und auf der Verteidigung der Freiheit, nicht auf dem Kampf für den Manchester-Liberalismus, basierte das Selbstverständnis des Freien Westens.

Der Sieg des Kapitalismus aber hat sich in die Köpfe der Menschen hineingebrannt; nicht die Freiheit war es, die den Menschen in der DDR fehlte, sondern Bananen und die D-Mark, Konzernvorstände und Rationalisierungen. Für all diese Dinge, meint man heute, seien die “Ossis” auf die Straße gegangen. Diese Betrachtung macht es natürlich leicht, alle als “Meckerfritzen” abzustempeln, die heute darauf hinweisen, dass ihre Revolution eigentlich gescheitert ist. “Was wollt ihr denn? Jetzt habt ihr Südfrüchte und könntet in den Urlaub fahren, wenn ihr nur mehr arbeiten würdet”, lautet die entsprechende Reaktion. Und die Mechanismen der Unterdrückung laufen weiter; oft mit den gleichen Menschen, aber mit anderen Titeln.

Was wir wirklich an Kommunismus und Sozialismus verabscheuten - und was viele Mitbürger auch im Westen durch den National-Sozialismus ebenfalls kennengelernt hatten - war der totalitäre Anspruch des Staates, die Forderung an jeden Einzelnen, sich den Wünschen und Zielen Anderer entsprechend zu verhalten, weil diese angeblich “für die Allgemeinheit besser” seien. Demokraten, Libertäre, Christen und Marktwirtschaftler stimmten darin überein, dass wir die Freiheit der Entscheidung, des Gewissens und der Träume brauchen, um ein wirklich faires und gerechtes System aufzubauen.

Im Gegensatz zu den verordneten und scheinbar allmächtigen Strukuren der Totalitären pflegten wir unsere kleinen Gemeinschaften, fanden uns im Verein, in der Gemeinde oder Gewerkschaft, in politischen Parteien und anderswo zusammen, fällten fast alle Entscheidungen selbst und arbeiteten so viel, wie wir zu Leben brauchten (oder wollten, um uns mehr zu leisten). Ein herrlich ineffizientes Leben, das den Menschen, nicht irgendein Dogma oder Konzept, in den Mittelpunkt stellte - und eines, das wir nach unserem angeblichen “Sieg” über den Kommunismus nach und nach gegen die totalitäre Lebensweise der “Besiegten” eintauschten.

Heute leben wir in einer seltsamen Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus. Einerseits gibt es eine kapitalistisch anmutende Wirtschaftsordnung, in der Privatbesitz geschützt und Leistung honoriert wird. Andererseits aber haben immer weniger Menschen die Gelegenheit, Besitz zu erwerben oder über irgendeinen Aspekt ihres täglichen (Erwerbs)-Lebens selbst zu entscheiden. Diese Entscheidungen werden mehr und mehr von Managern und Bürokraten getroffen, die nach dem neuen Dogma “Effizienz und Profit” anderen genaustens vorschreiben, was sie mit ihrem Leben anzufangen haben.

Damit haben wir die Schlacht eigentlich verloren; die gleichen Kräfte, die die kommunistischen Länder zu einem Ort der Unfreiheit gemacht haben, sind es nun auch heute im “Freien Westen” und überall auf der Welt, die im Namen eines Dogmas die Menschen versklaven und ausbeuten. Dass aber als Anhänger der Diktatur gilt, wer sich ihren Machenschaften widersetzt, ist eine direkte Folge des Missverständnisses vom “Kapitalistischen Sieg im Kalten Krieg”. Diesen hat keiner gewonnen - wir alle haben verloren.

Kommentare »

URI-Trackback für diese Seite:

http://liberalestimme.blogsome.com/2004/05/31/volker-schmitt-2/trackback/

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Kommentar hinterlassen

Zeilenumbrüche und Absätze automatisch, Email wird niemals angezeigt, HTML erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>