10. 7. 2004

Die Flucht in den Fußball

Dass in diesem Land kaum noch Politik stattfindet, in dem Sinne, dass freie, unabhängige Menschen gemeinsam diskutieren und entscheiden würden, wie sie gemeinsam leben und welchen Gesetzen sie folgen wollen, wird in letzter Zeit immer deutlicher. Hier kann man nicht nur die Plakate während der Europawahl anführen, die völlig bedeutungsleer und ohne Perspektive Slogans droschen und Ästhetik an Stelle von Inhalt treten ließen. Es geht auch um andere Dinge, so die zunehmende Dominanz des Fernsehens in der politischen Diskussion, die ständige Verkürzung und unzulässige Zuspitzung von Themen und vor allem: Der Sieg des Fußballs in der Politik.

Der Comedian Michael Mittermeier forderte noch vor geraumer Zeit, allen Profifußballern möge es bei Geldstrafe in Zukunft vertraglich verboten werden, sich vor einer Kamera zu äußern. Nicht nur, dass das nicht geschehen ist; ganz im Gegenteil hat die Sprache der Fußballer, ihrer Trainer und Anhänger es nun sogar geschafft, den gesellschaftlich-politischen Sprachschatz zu überwältigen und die ganze Welt mit ihrer einfachen Logik und tumben Wortwahl zu überwältigen.

Den Weg gebahnt hat wohl unser Bundestrainer - Verzeihung, Bundeskanzler - Gerhard Schröder. Ohnehin ist es diesem wichtig, dass man über sein Privatleben besser informiert ist als über seine politischen Absichten. Weiterhin aber ist auch die Art und Weise, wie vergangene Stationen seines Lebens dargestellt werden, äußerst bezeichnend. So weiß beinahe jeder seiner Untertanen, dass “unser Gerd” (nein, nicht Müller, sondern Schröder) seine politische Karriere als Mittelläufer beim TuS Talle begann - und nicht etwa bei der linksradikalen “Stamokap”-Fraktion der Jungsozialisten.

Wenn er von bewegenden Momenten der deutschen Geschichte spricht, dann nicht vom Kniefall Brandts in Warschau, nicht von den Verträgen zur europäischen Einigung und ganz sicher nicht vom Mauerfall, den er und die anderen “Enkel” Brandts mit schnoddriger Gleichgültigkeit betrachteten. Nein, für Gerhard Schröder gelten als solche Momente der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 und vor allem 1954, als der “Nationale Mythos” unseres Landes im Rahmen eines Fußballturniers geschaffen wurde.

Nun, nachdem Schröder den Anfang gemacht hat bei der Umwandlung der Bundesrepublik in einen Fußballstaat, nachdem “schönes Spiel” und “kämpferischer Einsatz” anstelle von echtem, messbaren Erfolg in den Mittelpunkt der Politik getreten sind, zeigen sich auch andere Fußballer, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und das Feld der Politik für sich beanspruchen. Herausragend unter diesen ist der Vorsitzende der SPD, dessen Fußballmetaphern eine zuvor ungeahnte Dichte erreichen.

Hört man Franz Müntefering zu, ohne zu wissen, dass es sich bei ihm um einen Politiker handelt - man hält ihn bei all den ersten und zweiten Halbzeiten, Rückständen und Führungen, Stürmern und Verteidigern, gelben und roten Karten, aber auch bei seinen Einordnungen in Bundes- und Kreisliga, Champions League und Weltmeisterschaft ganz klar für einen Fußballexperten. Und seit man sieht, dass der SPD-Chef, der sich selbst auch ganz gern mal als etwas dümmer darstellt, als er ist (”ich kann nur kurze Sätze”), damit Erfolg hat, hat sich die Fußball-Lingo auch an anderen Orten breit gemacht.

Die gesamte SPD-Spitze hat sich angeschlossen - offenbar aus der Überzeugung heraus, dass man der Nationalmannschaft über kurz oder lang auch das erbärmlichste Spiel verzeiht, so lange die Spieler nur genug Volksverbundenheit und Kampfgeist zeigen, zwei Qualitäten, die auch in der programmatisch und personell ausgebluteten SPD noch halbwegs vorhanden sind. Und man strahlt gleich auch noch Mannschaftgeist aus, was auch die Opposition, hier vor allem Laurenz Meyer und der ehemalige Kanzlerkandidat Stoiber, durch die selbe Strategie auszunutzen wissen.

Was wir von dieser Entwicklung zu halten haben, ist klar - wir sehen vor uns ein weiteres Beispiel jener Simplifizierung, mit der politische Zusammenhänge auf die Komplexität eines Fußballspiels (”Der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten, das Runde muss ins Eckige”) reduziert werden sollen. Politik wird als eine Art sportlicher Wettkampf dargestellt, bei dem sich eine Reihe von Athleten um einen auf lange Sicht bedeutungslosen Pokal streiten, nicht aber als Sammlung von Entscheidungen, die unsere Welt und ihre Zukunft gestalten werden.

“Was zählt, ist auf dem Platz” (also bei der Wahl), nach dieser Regel werden Wahlen auf die Frage reduziert, wer am nächsten Tag etwas Champagner verspritzen darf; die Wahrheit der Politik, die Tatsache, dass hier auch Richtungsentscheidungen fallen, die das Leben der Menschen entscheidend gestalten und über Glück oder Unglück der Bürger entscheiden können - das rückt bei dieser Darstellungsweise aus dem Blick der Spaßgesellschaft, für die die Auseinandersetzung zwischen den Gesellschaftsentwürfen auf die Bedeutung eines Pokalfinales zwischen Bayern und Real Madrid zusammengestaucht wird.

All dieser Zirkus wäre noch ein normaler Bestandteil des üblichen politischen Kampfes um Bilder, Metaphern und Themen, würde unsere Presse noch den gehörigen Skeptizismus und eine ausreichende, kritische Distanz zu Rhetorik und Propaganda bewahren. Diese aber geht in unseren Tagen ebenfalls mehr und mehr verloren: So gelang es den Tagesthemen am 8. Juli, binnen weniger Minuten politischer Berichterstattung selbst mit einer beachtlichen Zahl von sieben Fußballvergleichen aufzuwarten, von denen nicht einmal die Hälfte aus Originaltönen von Politikern der Volksparteien bestand. Der überwiegende Teil wurde von den ARD-Journalisten selbst ausgewählt und eingesetzt.

Und hier liegt das eigentliche Problem der aktuellen Entwicklung. Dass es Politiker immer wieder versuchen werden, Zusammenhänge auf simple, leicht verständliche Bilder und Vergleiche zu reduzieren, ist nur normal und gehört zu Wahlkämpfen nun einmal dazu, wo auch politisch wenig interessierte und informierte Mitbürger gewonnen werden und die Entscheidungen in allseits verständlichen Begriffen formuliert werden sollen.

Dass aber die politisch Gebildeten im Lande, die Mitglieder der Parteien, die intellektuelle Schicht, vor allem aber die Journalisten und Verteter der Presse, vor dieser simplifizierenden Rhetorik kapitulieren und sie für sich selbst annehmen, das ist eine gesellschaftliche Katastrophe. Denn so lange nicht vor der Zuspitzung und Vereinfachung die vielschichtige Diskussion steht, bei der sich die politische Öffentlichkeit von Rhetorik und primitiver Formen von Ideologie löst und zunächst analysiert, besteht heute wie gestern, nach wie vor die Gefahr, dass Rhetorik und Ästhetik, einst auch als “gesundes Volksempfinden” tituliert, wieder einmal die Herrschaft über die politische Willensbildung in unserem Lande übernehmen. Eine solche Entwicklung aber - und das gilt unabhängig von der Ausrichtung zu christ- oder sozialdemokratischer Praxis - kann nur als eine Gefahr für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte angesehen werden. Dabei ist es völlig ohne Bedeutung, aus welcher Richtung und in welchem Gewande die Entwicklung vor uns tritt.

Als eine solche Gefahr sind aber auch jene zu betrachten, die im Konflikt mit dieser Regierung die Argumentation verfolgen, jegliche Theorie und Ideologie sei an sich schon eine Gefahr. Wer denkt, die Wahrheit über die Welt und den richtigen Weg durch sie hindurch sei mit einfachsten Mitteln zweifelsfrei zu erschließen, tiefere Überlegung ohne jegliche Bedeutung und politisches Wirken unmittelbar gleichzusetzen mit dem Verkauf von Waschmittel, der hat die Lehren aus der Vergangenheit nicht gezogen und versäumt zu begreifen, in welcher Gefahr unser politisches System tatsächlich schwebt.

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