Der Volkstribun spricht
Der Kanzler solle bei KarstadtQuelle aushelfen und den schlingernden Konzern aus der Krise retten, so forderte nicht nur die BILD-Zeitung, sondern auch Sprecher aus Gewerkschaftskreisen. Wie im Falle Holtzmann, so erwartete man auch diesmal von Gerhard Schröder, mit staatlichen Kreditgarantien und Subventionen die Sicherheit von Arbeitsplätzen bei einem großen deutschen Unternehmen zu garantieren.
Doch Schröder lehnte ab - die Probleme bei KarstadtQuelle rechtfertigten keine staatliche Unterstützung, betonte er. Wenn die Führung eines Unternehmens in eklatanter Art und Weise versage, sei nicht der Staat dafür verantwortlich, diese Fehler auszubügeln. “Die haben dafür zu sorgen, dass diese krasse Form von Managementversagen aufhört”, befahl er in deutlich verstimmtem Ton über die Presse - fast meinte man, ein Donnergrollen zu hören.
Eigentlich hat er ja Recht. Für seine Entscheidung spricht auch, dass eine Unterstützung für ein bestimmtes Unternehmen alle nationalen und internationalen Wettbewerber benachteiligt und damit den Markt verzerrt. Wer einem Unternehmen (über die Steuern) Geld nimmt, um es einem anderen zu geben, unterstützt damit zumeist denjenigen, der seine Arbeit schlechter und ineffizienter organisiert und am Markt versagt.
Doch leider zeigt sich hier kein Bewusstseinswandel Schröders und seiner Regierung. Wäre dem so, hätte er längst eingestehen müssen, dass auch die Unterstützung der Holtzmann AG ein Fehler war - denn auch hier spielte Managementversagen eine entscheidende Rolle. Damals aber argumentierte er ja noch ganz anders - er sprach von den Arbeitern, die man ja nicht für
Managementfehler verantwortlich machen könne, und forderte Solidarität für sie ein.
Nein, hier sprach einmal mehr der Volkstribun Gerhard Schröder. Immer im Zeitgeist unterwegs, nahm er auf, dass die Wut der Menschen über hohe Managergehälter bei immer schlechterer Führungsleistung in der Wirtschaft wächst. Also war jetzt Härte gegen die Manager angesagt - über die Arbeitnehmer wird diesmal gar nicht mehr gesprochen.
Wie immer wählt sich der gewiefte Medienkanzler seine Scheuklappen aus, blendet aus, was nicht zu seiner jeweiligen Botschaft passt, und geht mal wieder zu einer Attacke auf die “Volksverräter der Woche” über.
Zuvor waren es bereits Arbeitslose (”Kein Recht auf Faulheit”), Steuerbetrüger (”Vaterlandsverräter”) und Menschen, die einfach nur ihre gesetzlichen Rechte in Anspruch nehmen (”Man muss nicht alles mitnehmen”) - und heute sind es eben die Manager, die sich ihre Belehrung und öffentliche Ausgrenzung abholen müssen. Geschickt gelingt es Schröder, durch Attacken in alle Richtungen für jeden etwas zu bieten. Eine von diesen Bevölkerungsgruppen macht schließlich fast jeder für die deutsche Krise verantwortlich.
Sogar den öffentlichen Dienst hat Schröder mehrfach attackiert, nicht zuletzt durch die Ernennung von Florian Gerster zum Chef der Bundesanstalt/-agentur für Arbeit. Das hat er sich aber mittlerweile abgewöhnt, vor allem, weil er sich dabei zahlreiche Niederlagen eingefangen hat. Die Lobby in Gewerkschaft und Parlamenten, die den Beamten und öffentlichen Angestellten zur Verfügung steht, war einfach zu stark - die Regierung hält sich hier mit Attacken zurück. Dafür wird die Koalition mit einer treuen Wählerschaft im öffentlichen Dienst belohnt.
Ansonsten aber ist jeder vogelfrei, wenn der Kanzler zu seinen Verbalattacken ausholt. Zielsicher reagiert er auf die BILD-Schlagzeilen (wie er im Falle KarstadtQuelle wieder einmal unter Beweis stellte) und bedient sich mehr und mehr eines in Form und Ausführung vergeichbaren Stils - der Medienkanzler wird zum Boulevardkanzler, zum Volkstribunen römischen Stils eben.
Im Gegensatz zum heutigen Deutschland aber hatten die Römer das Amt des Volkstribunen strikt von den Regierungsämtern getrennt. Die Tribunen waren einfache Leute ohne Macht in Senat und Regierung; ihre Aufgabe war es, den Mächtigen die Meinung des Volkes unverblümt vor Augen zu führen. Die Konsuln aber führten die Republik unter den wachsamen Augen des Senats - die Meinung der Tribunen zu befolgen, war manchmal klug, nicht aber verpflichtend. Unsere Regierung hingegen vereinigt beide Aufgaben in sich - in blindem Populismus und Hörigkeit gegenüber der Boulevardpresse findet sie ihre politische Leitlinie.









