1000 Fragen und Hans-Olaf Henkel
Mancherlei Kritik ist bereits über die Kampagne “1000 Fragen” der Aktion Mensch geäußert worden. Manche, auch in der Redaktion der Liberalen Stimme, waren entsetzt von der einseitigen und plump vereinfachenden Art und Weise, in der hier die komplexen wissenschaftlichen und moralischen Fragen der Biotechnologie angerissen wurden. Man fragte sich, ob die Aktion Sorgenkind im Rahmen der Umbenennung von einer karitativen Organisation in ein Sprachrohr des christlichen Fundamentalismus amerikanischen Stils verwandelt worden war.
Besonders derb war das Motiv zur Frage “Darf der Mensch alles, was er kann?”. Diese - an sich bereits
provokant formulierte Frage - wurde mit dem Bild einer Comicgestalt unterlegt, die an den grünen “Hulk” aus dem gleichnamigen Film erinnerte. Offenbar machte sie gerade eine Veränderung vom gewöhnlichem Menschen hin zu einem muskelbepackten Monster durch. Dass solch eine Verwandlung mit den Mitteln der Biotechnologie weder möglich ist noch für unsere Wissenschaft vorstellbar scheint, wurde großzügig übersehen; dass diese Anzeige nicht etwa Diskussion anregen, sondern Ängste schüren sollte, war offensichtlich.
Viele andere Motive waren ebenfalls sehr einseitig ausgewählt und betextet worden; die extrem lange Laufzeit der Kampagne lässt ebenfalls vermuten, dass eine freie Diskussion nicht wirklich das Interesse der Initiatoren der Kampagne war. Darunter litt das Ansehen der Aktion Sorgenkind in liberalen und atheistischen Kreisen, ebenso aber auch das Thema selbst, das nun schwieriger als zuvor zu diskutieren schien. Eine Zuspitzung der Debatte von Fundamentalisten aller Seiten dürfte ihr wohl kaum zuträglich sein.
Das scheint sich aber nun auch bei der Aktion Mensch herumgesprochen zu haben; mittlerweile sind einige Motive geändert und entschärft worden, und auch die “andere Seite” hat einen Platz in der Debatte gefunden. Die oben angesprochene Frage nach den Grenzen der Forschung dokumentiert jetzt kein Comicmonster mehr, sondern Hans-Olaf Henkel, der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und frühere Vorsitzende des BDI. Ein überraschender Anblick, denn Herr Henkel ist sonst ja nicht gerade als christlich-moralischer Bedenkenträger und Kritiker von Technologie und Fortschritt bekannt.
Der angefügte Kommentar Henkels erleuchtet die Situation dann aber. Er schreibt: “Aus den über 9000 Fragen, die bisher im 1000Fragen-Projekt gesammelt wurden, habe ich diese für die Diskussion ausgewählt, weil wir noch immer so wenig können, dass sich die Frage nach den freiwilligen Grenzen unserer Technik nur in den seltensten Fällen stellt. Den Weg zu einem Leben in Würde weisen auf dieser Erde nicht weniger, sondern mehr Technik und Wissenschaft.”
Ein klares Statement von einem, der sich auch nach seinem Abtritt als Sprecher der deutschen Wirtschaft mehr um Reformen in der deutschen Gesellschaft bemüht hat, als man das von den meisten Akteuren der politischen Szene behaupten kann. Während viele von ihm ein Klischeebild haben, das ihn lediglich als knallharten Funktionär und Marktradikalen zeichnet, erkennt man doch an seinen Büchern und diesem kurzen Beitrag zur 1000Fragen-Diskussion, dass hier auch ein moralisch und sozial denkender und engagierter Mensch spricht.
Somit kann man nur beiden gratulieren - Herrn Henkel für einen Kommentar, der kurz und elegant aufzeigt, dass nicht jeder, der der christlichen Moral in einzelnen Punkten
widerspricht, ein kalter und seelenloser Technokrat sein muss. Zum anderen aber auch der Aktion Mensch, dass sie die Aktion “1000 Fragen” nun offenbar zu einer wirklich offenen Diskussion und einer vielschichtigen Betrachtungsweise führt und eine bekannte Figur der “Gegenseite” gewonnen hat, sich öffentlich im Rahmen der Diskussion zu äußern.
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