Einseitige Loyalität
Warum regen sich Menschen auf, wenn sie ihren Job verloren haben, der soeben nach Vietnam oder auf die Philippinen verlegt worden ist? Schon klar, sie machen sich Sorgen um ihre Familien - sie fragen sich, wie sie ihr Haus oder ihr Auto abbezahlen sollen, ob sie ihren Kindern ein sorgenfreies Studium ermöglichen und ob sie ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen weiterhin werden nachkommen können. Das ist alles mehr als verständlich, und es kann schon große Besorgnis und echte Angst auslösen.
Was es aber nicht erklärt, ist die tiefe emotionale Bewegung, die vor allem die Opfer von Massenentlassungen kennzeichnet. In den meisten Fällen reden diese bei Interviews nicht nur über ihre Sorgen, rechnen einem nicht einfach nur vor, wie wenig Geld sie in Zukunft zur Verfügung haben werden - nein, man hört von ihnen Begriffe wie “Ausbeuter” und “Geier”, Wut und Hass kennzeichnen die öffentlichen Ausbrüche dieser Menschen. Und das hat nicht nur etwas mit Geld zu tun. Es liegt vielmehr daran, dass sie einem riesigen Betrug aufgesessen sind und erst im Moment der Entlassung einen Eindruck davon bekommen, wie sehr sie im Laufe ihrer Arbeitszeit belogen worden sind.
Und dieser Betrug heißt Loyalität. Ein alter (manche sagen, überholter) Begriff, der die gegenseitige Treue und Verpflichtung zweier Partner beschreibt, die sich ihre wechselseitige Unterstützung im Falle schwieriger Zeiten und ein gegenseitiges Gefühl der Zuneigung und Achtung versichern. Er stammt aus der grauen Vorzeit der Menschheit, kennzeichnete zunächst Familien und Sippen, später ganze Dorfverbände, wurde schließlich im Rahmen von Nationen und Staaten fest eingerichtet und in Gesetzen festgeschrieben. Immer aber blieb er auch ein Gefühl, eine emotionale Bindung - man dachte nicht nur an die gesetzlichen Vorschriften, sondern spürte tatsächlich den Drang, sich dem Anderen gegenüber loyal zu verhalten und auch im Falle größter Schwierigkeiten an seiner Seite zu verbleiben.
Frühere Gesellschaften waren ausschließlich auf diesem Gefühl und seinen Auswirkungen aufgebaut - nur die Loyalität gegenüber anderen, die ein Netzwerk aus Kontakten um jeden herum bildeten, verhinderte Raub, Mord und Totschlag, ließ Gesellschaften überhaupt erst entstehen. Wo es nicht für alles Gesetze gab, drängte die Loyalität die Leute dazu, sich gegenüber dem Anderen auch dann großmütig und freundlich zu verhalten, wenn dieser schwach und schutzlos war. So erst waren wir in der Lage, uns überhaupt Schwäche zu leisten, diese erkennbar zu machen und auf Schutzmaßnahmen gegen manche Mitmenschen zu verzichten.
Diese Gesetze und Gefühle waren auch die Grundlage ursprünglicher abhängiger Beschäftigung. Diese nämlich ist wesentlich älter als ihre heutige Form - schon in Altertum und Mittelalter war es nicht unüblich, sein eigenes wirtschaftliches Schicksal mit dem eines anderen zu verbinden. Durch die Anlehnung an die Geschicke eines anderen, der wirtschaftlich erfolgreicher war, als sie selbst es sein konnten, gelang es diesen römischen “Klienten” und mittelalterlichen “Vasallen”, eine Absicherung gegen die Gefahren des Lebens (Armut, Alter, Krankheit) zu erlangen.
Man verzichtete darauf, in guten Zeiten selbst die Früchte seiner Arbeit zu ernten, und erlaubte einem Anderen, diese abzuschöpfen - dafür aber konnte man sich auch auf dessen Schutz und Unterstützung verlassen, wenn die Zeiten einmal schlechter waren. Grundlage dieser Beziehung waren die wirtschaftliche Unfreiheit und die enge Bindung an eine andere Person. Sowohl die Organisation wirtschaftlicher Tätigkeit als auch die “soziale Sicherung”, wie wir sie heute kennen, sind Elemente dieser Klientelverhältnisse, die sich in einer Gesellschaft entwickelten, die von Planwirtschaft und allgemeiner Unfreiheit dominiert wurde.
Unser heutiges Wirtschaftsmodell allerdings hat sich dem gegenüber erheblich verändert. Der Begriff der Loyalität hat keine rechtliche Bedeutung mehr in Geschäftsbeziehungen, stattdessen ist “Rechtmäßigkeit” gefragt, also die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen. Entsprechend der kapitalistischen Idee hat sich die Form der abhängigen Arbeit ebenfalls sehr gewandelt - aus dem Verhältnis zwischen Patron und Klienten, Herr und Gesinde, ist ein Vertragsverhältnis geworden, das persönliche Beziehungen nicht mehr zur Grundlage hat.
Es scheint ganz offensichtlich, und doch gehört es zu den Dingen, die von den meisten Menschen gern übersehen werden. In einem modernen Beschäftigungsverhältnis entsteht keine persönliche (oder emotionale) Verbindung mehr zwischen den Partnern. Weder verspricht der Arbeitnehmer, sich zu bescheiden und in jeglicher Hinsicht dem Befehl des Arbeitgebers zu unterwerfen, noch garantiert dieser eine Absicherung für schwere Zeiten. Alles, was in einem solchen Arbeitsvertrag geregelt wird, ist ein Handel: Der Arbeitnehmer stellt dem Arbeitgeber seine Arbeitskraft zur Verfügung, dieser zahlt dem ersteren dafür einen zuvor vereinbarten Betrag. Die Perspektive ist auch nicht ein Loyalitätsverhältnis, in dem beide Partner auf den Vorteil des anderen zu schauen verpflichtet wären, sondern lediglich ein Geschäft, das nur so lange gilt, wie beide Partner es als vorteilhaft ansehen und davon profitieren.
In dieser Betrachtung der Arbeitswelt sind alle Beteiligten gleichberechtigt. Sie gehen auf gleicher Augenhöhe aufeinander zu, schließen eine Abmachung und tauschen Güter gewisser Werte aus. Sie hat sowohl das patriarchalische Verhältnis in früheren Betrieben (der Chef als göttliche oder väterliche Figur, die die Angestellten unter sich versammelt) als auch das Gemeinschaftsgefühl beseitigt, das eine Firma mehr als eine Schicksalsgemeinschaft denn als einen Ort für gemeinsames Gewinnstreben darstellte.
Und sie hat die aus der Loyalität erwachsenden gegenseitigen Verpflichtungen erledigt. In dieser Wirtschaftsform existiert nun einmal keine Erwartung an eine Firma, auch in Zeiten schlechter Auftragslage Mitarbeiter zu bezahlen, die man nicht beschäftigen kann. Von einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter auf der Basis eines Tauschgeschäfts beschäftigt, kann man nicht erwarten, dass es deren Interessen über die der Kapitaleigner stellt - denn denen gehört das Unternehmen, die Arbeiter sind nur Geschäftspartner.
Auch wenn letzteres den Magnaten der Wirtschaft sicher gefallen hat, weil es ihren Spielraum für das Streben nach Gewinn erhöhte, waren die übrigen Auswirkungen doch eher nachteilhaft. Was nützt einem denn auch der größte Reichtum, wenn man von niemandem ehrerbietig behandelt wird? Und ein Arbeiter, der lediglich seinen Vertrag zu erfüllen sucht, ist nun einmal weniger nützlich als einer, der ständig an seine Verantwortung gegenüber den Kollegen und des Unternehmens als Ganzes denkt. Letzterer wird sich bemühen, mehr als nötig zu leisten, die Augen ständig nach Verbesserungsmöglichkeiten offenhalten und von selbst auf den Erfolg seiner Firma achten; ersterer aber wird nur so viel arbeiten, bis er seinen Teil des Geschäftes erfüllt hat, um sich dann anderen Beschäftigungen zuzuwenden.
Das war ja nun so nicht wünschenswert - aber alle Gesetze wieder umkehren und damit als “Patron” auch wieder Verantwortung für die “Klienten” übernehmen zu müssen, war ebenfalls kein gangbarer Weg. Also griffen die Oligarchen der Weltwirtschaft zu einem Trick, zu einer der größten Lügen und Heuchelgeschichten des 20. Jahrhunderts: Sie erfanden die “Unternehmenskultur” und vermittelten ihren Arbeitern durch Marketing und Werbung, dass sie unabhängig von der aktuellen Gesetzeslage immer noch abhängige Klienten und nicht etwa selbständig handelnde Kapitalisten seien. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts griff dieser neue Begriff blitzartig um sich.
Geboren wurden der Begriff und seine Bedeutung im Japan der Nachkriegszeit, wo viele Millionen Menschen schlagartig mit Demokratie und freier Marktwirtschaft konfrontiert wurden, ohne auch nur im Mindesten darauf vorbereitet zu sein. Die Verwirrung und Unsicherheit, die sich unter diesen Menschen ausbreitete, machten sich andere zunutze. Die uralten samurai-Familien, die bisher in einer strikt regulierten Gesellschaft die Macht monopolisiert hatten, wurden nun durch neue Gesetze daran gehindert, diese Macht weiterzuführen. Sie konnten niemanden mehr töten, misshandeln oder sonstwie bestrafen, der sich gegen ihren Willen entschied - und auch in der Wirtschaft hatten die amerikanischen Invasoren ihre Regeln durchgesetzt, die die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen und das neue Verständnis von Lohnarbeit mit sich brachten.
Doch die einstigen Herren fanden schnell ein Schlupfloch, um ihre Lebensweise nicht allzu sehr verändern zu müssen. An die Stelle des Lehensverhältnisses, mit dem sie zuvor leibeigene Klienten banden, trat nun der Anstellungsvertrag bei einem der neuen großen Konzerne (die natürlich erst mit dem Geld der samurai errichtet werden konnten und dadurch von Anfang an unter ihrer Herrschaft standen). Neben die übliche Vereinbarung - Geld gegen Arbeit - traten in Japan von Anfang an eine Fülle weiterer, geschriebener und ungeschriebener, Gesetze, die im Ergebnis den alten feudalen Lebensstil bewahrten. Vom Arbeitnehmer wurde nicht nur Vertragserfüllung erwartet, sondern Hingabe an das Unternehmen. Er musste sich immer als treu erweisen, die Firmenhymne singen, sich mit sehr viel Arbeit für wenig Lohn zufrieden geben, generall gesagt also loyal gegenüber dem Unternehmen sein, das ihn beschäftigte.
Zum Glück der japanischen Arbeiter aber hatten auch ihre neuen und alten Herren das moderne Wirtschaftssystem der amerikanischen Besatzer nicht wirklich verstanden. Und so erkauften sie die anhaltende Loyalität ihrer Mitarbeiter - besser: Untertanen - mit der gleichen Währung, die die Feudalherrschaft immer schon kannte: ihrer eigenen Loyalität. Kündigungen etwa waren in den japanischen zaibatsu ein nahezu unbekanntes Wort; die Idee, alte oder kranke Mitarbeiter einfach an die Luft zu setzen, war auch den neuen Konzern-daimyo (jap.: Fürsten), fremd.
Sie kümmerten sich um Arbeiterinnen, die schwanger wurden, richteten Firmenkindergärten ein und erfanden die betriebliche Altersvorsorge. Auch das Unternehmen erwies den Mitarbeitern einen gewissen Respekt und gab ihm Sicherheit und Schutz vor den (stets übertriebenen) Gefahren der Außenwelt. Sicher, dass System beruhte auf der Angst und der Einschüchterung der Arbeitnehmer, die ihre Freiheit für den Schutz, den ihnen Toyota, Mitsubishi oder Sony zu geben bereit waren, leichtfertig weggaben. Doch wie sollten sie sie auch zu schätzen wissen, hatten sie doch nie Gelegenheit, sie zu genießen? Und es funktionierte: Mit geringen Löhnen und einer fleißigen Arbeitnehmerschaft, minimalen wirtschaftlichen Freiheiten und einer maximalen Gewinnspanne der Kapitaleigner reihte sich Japan schon bald in die Phalanx der Großen der Weltwirtschaft ein.
Und damit begann die eigentliche Katastrophe, die zu den heftigen Auseinandersetzungen der Gegenwart führte: In einem Versuch, das Geheimnis des japanischen Erfolges zu kopieren, versuchte sich die westliche Wirtschaft ebenfalls an dieser japanischen Unternehmenskultur und verlangte von seinen Mitarbeitern ebenfalls die Hingabe, mit der sich Japaner ihrer Firma zuwenden. Bald schon entwickelten sich auch im Westen (zumal in Deutschland, das sich ebenfalls in der Wirtschaft an seiner totalitären Vergangenheit orientierte) Forderungen an die Arbeitnehmer. Wie die Japaner, so sollten auch unsere Arbeiter nun Loyalität gegenüber dem Unternehmen empfinden; die Firmen präsentierten sich immer mehr als “Heimat” ihrer Mitarbeiter, versuchten, deren emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber zu steigern und in klingende Münze umzusetzen.
Und diese, nicht weniger von Angst und Sorgen beherrscht als ihre japanischen Kollegen, stürzten sich auf diese Versprechungen. Endlich konnte man sich wieder zu einer Gemeinschaft bekennen, sich über diese definieren und das Gefühl bekommen, für etwas größeres zu arbeiten als nur für das eigene Mittagessen. Mit Logos, Flaggen, repräsentativen Gebäuden, schließlich auch Hymnen und regelrechten Aufmärschen bei Konzernfeierlichkeiten begannen die Unternehmen des Westens all jene Dinge in ihrem Herrschaftsbereich zu etablieren, die nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts im Falle von Staaten und politischen Organisationen nicht mehr erwünscht waren und als Symbole zweifelhafter Gesinnung gebrandmarkt wurden. Mangels religiöser oder politischer Zugehörigkeit empfanden die Mitarbeiter nun den Konzern und das Heer seiner Mitarbeiter als “Heimat”, der Erfolg der Firma wurde zum Symbol gemeinsam erbrachter Leistung, auf die alle stolz sein können.
Im Gegensatz zu den Japanern aber hatten die Manager westlicher Unternehmen durchaus die Grundlagen des kapitalistischen Wirtschaftens verstanden. Für sie waren Mitarbeiter eben keine Klienten, für deren Wohlergehen sie verantwortlich gemacht werden konnten; sie waren Gegner am Verhandlungstisch der Tarifabschlüsse, sie waren für sie Produktivfaktoren, aber auch Kostenpunkte, die sich gegeneinander aufrechnen lassen mussten, um zu funktionieren. Solange sie das taten (was ihnen durch die neue Hingabe an idealisierte Firmen leicht fiel), war alles gut - doch was war, wenn das Unternehmen nicht mehr stark und leistungsfähig war, sondern seine wirtschaftliche Zukunft durch hohe Kosten und niedrigen Gewinn gefährdet war? Die Menschen mit durchziehen, ihnen Loyalität erweisen und ihnen im Ausgleich für Treue und Hingabe nun den Schutz in Zeiten der Not gewähren?
Nein, das fiel den Bossen im Westen nicht ein, waren sie doch in einem ganz anderen Verständnis des Arbeitsverhältnisses aufgewachsen. Ihnen war die Unternehmenskultur nicht etwa Herzensangelegenheit, sondern diente nur der Ertragssteigerung und der Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Firma. Und wenn ein Mitarbeiter dieser nicht mehr diente - seine Leistung geringer als seine Kosten wurde - dann lösten sie eben den Vertrag auf und suchten sich eine andere Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Eine Vorgehensweise, die sich mit der Logik unseres Systems durchaus auch moralisch rechtfertigen lässt.
Denn der Kapitalismus ist kein Sozial- sondern ein reines Wirtschaftssystem, das der Idee einer freien und demokratisch organisierten Gesellschaft dienen soll. Die Versorgung der Alten und Schwachen ist in unserem System keine Aufgabe der Wirtschaft, sondern eine der Politik. Von den Unternehmen zu erwarten, unproduktiven Menschen Geld zu bezahlen, würde unser gesamtes System auf den Kopf stellen - und jegliche moralischen Ansprüche an sie zielen ins Leere, denn eigentlich haben sie keinerlei Pflichten übernommen, als sie den Tausch Arbeit gegen Geld mit ihren Mitarbeitern vereinbart haben.
Und dennoch kann man verstehen, warum diese Arbeiter wütend sind. Man hat sie glauben machen, sich durch gute Leistung Loyalität erwerben zu können; oftmals glaubten sie an die Slogans, die das Management zur Leistungssteigerung ausgab. “Wir alle gemeinsam”, hieß es da oft. “Unser Unternehmen ist wie eine Familie”, wagten manche sogar zu behaupten. Eingehalten wurde es selten oder eigentlich sogar nie. Also kann der Aufruf an die Arbeiter nur lauten: Jetzt, wo es so offensichtlich vor euch liegt, macht Schluss mit den Lügen von Gemeinsamkeit, familiärer Atmosphäre, von “Unternehmenskultur” und dem Glauben an die Loyalität der Arbeitgeber. Schmeißt Begriffe wie “Lohnzurückhaltung” über Bord und streikt und kämpft für das, was ihr haben wollt. Doch gebt dann auch das Gefühl der Betrogenheit auf, das euch überkommt, wenn ihr entlassen werdet. Willkommen im Kapitalismus.









