Mal wieder nach unten
1,4 Prozent sollte das Wachstum im Jahr 2005 betragen, so schätzten die “Wirtschaftsweisen” um ihren Sprecher Bert Rürup noch zu Jahresbeginn. Jetzt aber wurde diese Zahl wieder einmal deutlich nach unten korrigiert - nur noch 1% Wachstum erwartet Rürup jetzt. Ursache dafür sind vor allem der hohe Ölpreis und der schwache Dollar, zwei Faktoren, die offenbar nur den Wirtschaftsweisen unbekannt waren, als diese ihre letzte Prognose tätigten.
Der “Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage” setzt damit eine Serie von Fehleinschätzungen fort, die schon auffällige Ausmaße angenommen hat. Waren die Wirtschaftsweisen früher eine allgemein akzeptierte Instanz, deren Prognosen stets mit hoher Genauigkeit eintrafen, treffen ihre Schätzungen heute eher auf Skepsis und Spott. Das große Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wurde, ist verspielt, der einzige, der seine Planungen noch nach ihren Vorhersagen ausrichtet, ist der Finanzminister. Und dem bleibt ja nicht viel anderes übrig, will er zu Jahresanfang wieder einmal ein Defizit von 2,9% versprechen.
Dabei zeichnet sich ab, dass dieses Jahr zum bisher schlechtesten Wirtschaftsjahr der Rot-Grünen Regierung werden wird. Selten waren die Weisen schon zu Jahresbeginn so vorsichtig, und dass die Zahlen bereits im Februar um mehr als ein Drittel gesenkt würden, ist ebenfalls ungewöhnlich. So können wir in diesem Jahr vermuitlich froh sein, wenn nach der dritten oder vierten Korrektur überhaupt noch Wachstum übrig bleibt. Ein Sinken des Ölpreises ist ja ebenso wenig zu erwarten wie ein starker Anstieg des Dollar oder gar ein Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Deren Anstieg wird wohl als Begründung für die nächste Korrektur der Prognose herangezogen werden.
Dabei soll nicht gesagt sein, die Experten dürften keine Fehler machen. Irren ist menschlich, und besonders dann üblich, wenn man die Aufgabe eines Propheten übernehmen soll, der aus dem Kaffeesatz der Wirtschaftsdaten deren zukünftige Entwicklung lesen soll. Auch früher gab es schon Fehleinschätzungen des Sachverständigenrates: Mal lagen die Schätzungen etwas zu hoch, mal etwas zu niedrig. Insgesamt aber bildeten ihre Prognosen eine solide Arbeitsgrundlage für Investoren, Finanz- und Wirtschaftsminister, die daraufhin Investitionen tätigen und Haushalte planen konnten.
Heute aber scheint es sich bei dem Sachverständigenrat eher um ein Propagandainstrument der Regierung zu handeln. Statt realistischer Einschätzungen verteilen die Wirtschaftsweisen nun Durchhalteparolen, ihre Vorhersagen sind Wunschdenken geworden, ihre Glaubwürdigkeit auf dem Altar der Volksberuhigung und Schönrechnerei geopfert. Jahr für Jahr zerstören sie ihr Ansehen etwas weiter, wenn Hans Eichel sich bei Haushaltskorrekturen hinter ihnen versteckt.
Schröder, Clement und Eichel sind sich offenbar nicht einmal klar, wie fatal diese Taktik sich auf Dauer auswirken kann. Denn wer hat heute noch die Autorität, um den Turnaround zu verkünden, wenn er denn wirklich kommen sollte? Hätten die Wirtschaftsweisen in den vergangenen Jahren stets ehrlich auf die Krise in der Wirtschaft aufmerksam gemacht und die Prognosen entsprechend niedrig angesetzt, läge diese Autorität nach wie vor bei ihnen. Mit einer hohen Wachstumsvorhersage könnten sie ein Feuerwerk an Konsum und Investitionen auslösen, das die Wirtschaft wieder in Schwung bringen würde.
Doch diese Chance ist längst vertan. Prophezeiht Bert Rürup nun im Februar ein Prozent Wachstum, sorgen sich die Menschen schon darum, wie stark die Wirtschaft wohl schrumpfen wird. Selbst hoffnungsvolle Prognosen treffen nur auf Misstrauen, das in der Wirtschaft immer schädlich für Wachstum ist. Man hat eben die Erfahrung gemacht, dass auf die Wirtschaftsweisen kein Verlass mehr ist. Und wer einmal Propaganda macht, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.









