Jenseits der Autarkie
Allerlei Argumente werden zugunsten der selbstmör-derischen deutschen Subventionen auf Landwirtschaft und Kohleproduktion ins Feld geführt. Selbst, wenn man aber nach und nach fast alle von ihnen durch sachliche Argumentation und logisches Nachdenken widerlegen kann, gibt es eines, das solchen Angriffen gegenüber fast völlig resistent zu sein scheint. Es handelt sich um die Auffassung, Deutschland müsse in der Lage sein, seinen Bedarf an Lebensmitteln und Energieträgern möglichst vollständig selbst zu decken.
Wie bei den meisten Argumentationen, die die Menschen nicht bei ihrem Verstand, sondern bei ihrer Angst zu packen versuchen, hält sich dieser Irrglaube mit erheblicher Penetranz in weiten Teilen der Bevölkerung. Erstaunlicherweise hängen sogar viele Menschen, die sich als Pazifisten oder Freunde der Friedenspolitik bezeichnen, ihr an. Das verwundert um so mehr, als der Drang nach Autarkie ein typisches Zeichen kriegerischer und gewalttätiger Gesellschaften ist - der Schoß, aus dem der Imperialismus entspringt.
Wer mit seinen Nachbarn in Frieden lebt, ehrlichen Handel auf Basis eines freien, ohne Gewaltandrohung stattfindenden Warenaustausches mit ihnen betreibt und seine eigene Wirtschaft stärkt, indem er sie auf die eigenen Stärken hin ausrichtet, benötigt keine Autarkie. Alles, was in der eigenen Volkswirtschaft benötigt wird, aber nicht erzeugt werden kann, wird von Außen importiert; im eigenen Land werden aber durch besonders effizientes Wirtschaften Exportgüter geschaffen, die die entstehenden Kosten decken.
Dass ein Land mit einer solchen Wirtschaftspolitik nicht etwa nur ein armer Rohstoffexporteur sein muss, zeigen Beispiele wie das Japan der Nachkriegszeit und Hongkong, wo im wesentlichen felsige und rohstoffarme Inseln durch Einbindung in die Weltwirtschaft zu erheblichem Wohlstand gekommen sind. Die zahlreichen Handelskontakte mit ihren Nachbarn und die engen gesellschaftlichen und kulturellen Kontakte, die in ihrer Folge entstehen, reduzieren die Konfliktbereitschaft auf allen Seiten. Allein schon die Tatsache, dass im Falle eines Krieges der Import notwendiger Ressourcen gestört oder gar gestoppt wird, hält alle Beteiligten davon ab, militärische Konfliktlösungen auch nur in Betracht zu ziehen.
In einer eher auf den Konflikt mit anderen Nationen ausgerichteten Gesellschaft hingegen muss zwangsläufig der Wunsch nach Autarkie entstehen. Wer seine Nachbarn nicht als Partner, sondern als Konkurrenten betrachtet, der muss sich davor fürchten, durch diese von der Versorgung abgeschnitten zu werden. Das gilt insbesondere dann, wenn die eigene Wirtschaft sich nur mangelhaft auf die Vernetzung mit der Außenwelt einstellt und es versäumt, qualitativ hochwertige und nachgefragte Exportgüter herzustellen, um damit ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten zu etablieren.
Eine Politik aber, die sich die Errichtung einer möglichst vollständigen Autarkie auf die Fahnen geschrieben hat, führt dazu, dass die vorhandenen Handelsbeziehungen noch weiter zurückgefahren und eingefroren werden. Die exportstarken, leistungsfähigen Sektoren der eigenen Volkswirtschaft werden belastet und geschwächt, um Subventionen für die Bereiche leisten zu können, die eigentlich nicht sinnvoll und wirtschaftlich betrieben werden können. Während die eigene Wirtschaft schwächelt, schwindet die eigene Integration in den weltweiten Markt; internationale Partnerschaften werden geschwächt, und die Sichtweise anderer Völker als Konkurrenten und Gegner wird gestärkt.
Am Ende einer langen Spirale muss zwangsläufig die Erkenntnis stehen, dass Autarkie allein schon aus dem Grunde nicht erreichbar ist, dass die für eine moderne Wirtschaft notwendigen Ressourcen nun einmal quer über den Planeten verteilt sind. Selbst die Nationen, die mit einer außergewöhnlichen Quantität und Vielfalt an Rohstoffen gesegnet sind, verfügen innerhalb der eigenen Grenzen nicht über alles, was sie benötigen. Auf diese Problematik aber gibt es nur zwei Antworten: Die Ausweitung des internationalen Handels - oder eine imperialistische Politik, deren Ziel es ist, möglichst viele Rohstoffquellen unter die eigene Kontrolle zu bringen.
Der Beispiele für einen solchen Lauf der Geschichte sind viele. Der merkantile Kolonialismus war vom Wunsch nach Selbstversorgung geprägt, ebenso die russische Expansion nach Sibirien, der Wahnsinn des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha und die Wirtschafts- und Kriegspolitik der Nationalsozialisten. “Das Volk braucht Raum” war der Ausdruck für deren Kriegsziele im Osten: Mit der Kornkammer Ukraine und den Ölvorkommen im Kaukasus sollte das Deutsche Reich in die Lage versetzt werden, sich selbst mit allen notwendigen Ressourcen zu versorgen. Ähnlichen Zielen dienten auch die Forschungen an Bio- und Kohletreibstoffen sowie neuen Snythetisierungstechniken, die die Nazis in ihrem verzweifelten Wahn nach Autarkie förderten. Auf ihrem Erbe gedeihen noch bis heute Panikkampagnen wie etwa die der Deutschen Steinkohlewirtschaft, in der diese mit doppelseitigen Zeitungsanzeigen ihre Subventionen bewirbt.
Ähnliche Fälle sind auch in unseren Tagen noch zu finden. Das Regime des Kim Jong-Il lebt, wie zuvor schon Pol Pots Terrorherrschaft, den Traum eines autarken, Subsistenzwirtschaft betreibenden Volkes, das ohne den Handel mit der Außenwelt zurechtkommt und nur verbraucht, was es auch selbst erzeugen kann. Ein Traum vor allem deshalb, weil Nordkoreas landwirtschaftliche Nutzfläche viel zu klein ist, um die Bevölkerung zu ernähren. Gelöst wird das Problem, indem Nordkorea eine gigantische Armee unterhält, mit der es die übrige Welt (und vor allem seine Nachbarn im Süden) zu Nahrungsmittelspenden erpresst.
Am anderen Ende der Machtskala stehen die Vereinigten Staaten, die unter dem Eindruck eines wachsenden Außenhandelsdefizits und wachsender Ölimporte in den letzten Jahren immer stärker zur Umsetzung einer Autarkiepolitik übergeht, die die Ölvorkommen der Welt unter ihre Kontrolle bringen soll. Die Lösung des Handelsdefizits wird nicht in der Verbesserung und Modernisierung des eigenen Exportangebots gesehen, wie das noch unter Bill Clinton der Fall war, sondern in merkantilen Daumenschrauben und imperialem Auftreten. Eine Entwicklung, die letztlich nur in den Abgrund führen kann und durch die Ausbreitung eines manichäischen Weltbildes (”Wir sind die Guten, die sind die Bösen”) in Teilen der amerikanischen Gesellschaft bestärkt wird.
Sind die internationalen Beziehungen durch den Abbruch von Handelskontakten und kriegerische Betätigung erst einmal genug geschwächt, ist ein solcher Weg fast nicht mehr umzukehren. Wachsendes gegenseitiges Misstrauen verhindert den Aufbau neuer Beziehungen, die ja auch nicht im Interesse der Autarkiepolitik liegen. Jede wirtschaftliche Verwerfung kann nun zu existenzbedrohenden Krisen für den eigenen Staat führen - etwa eine Mißernte, das Versiegen von Rohstoffquellen oder Naturkatastrophen. Da eine weitgehend autarke Volkswirtschaft weder über die Außenhandelskontakte noch über die Devisenreserven verfügt, um einen hieraus entstehenden Mangel mit Importen auszugleichen, sind Mangelwirtschaft und Versorgungsengpässe die Folge.
In letzter Konsequenz folgen meist militärische Schläge, in denen sich die eigene Nation neue Ressourcen zu sichern versucht. Die Kosten, die solche militärischen Abenteuer verursachen, beschleunigen jedoch letztendlich nur den Untergang - weder war der 2. Weltkrieg für Deutschland zu finanzieren, noch können die USA heute ein deutlich ausgedehntes Kriegsabenteuer im Nahen Osten bewältigen. Versuchen sie es dennoch, könnte ein ausgelaugtes und verzweifeltes Amerika eines Tages vom Verteidiger des Weltfriedens selbst zu seiner größten Bedrohung werden. Das aber ist die Autarkie nicht wert.









