Werte, Religion und Politik
Wie soll man sich entscheiden in der heftigen Diskussion zwischen SPD/PDS und dem bürgerlichen Lager um die Einführung eines verbindlichen Werteunterrichts in Berlin? Einfach ist das nicht, denn beide Seiten haben schlechte Argumente. Die CDU/CSU kämpft im Namen der christlichen Religion für deren hervorgehobene gesellschaftliche Position; die Sozialisten aber haben die Vorstellung eines Werteunterrichts, der allen Kindern ein einheitliches weltanschauliches Korsett verpassen soll.
Besonders attraktiv scheint der FDP-Ansatz, eine möglichst breite Palette unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Unterrichtsformen zu bieten, zwischen denen die Schüler dann frei wählen können. Sein Nachteil, den aber sowohl die Christ- als auch die Sozialdemokraten immer wieder deutlich herausstellen, ist das fortgesetzte Fehlen einer verbindlichen, überkonfessionellen Unterrichtsform, in der alle Schüler zusammen etwas über die gemeinsamen Werte erfahren, die die Grundlage unseres Gemeinwesens bilden.
Doch wenn man diese Kritik hört, kann man nicht umhin, sich zu fragen, was die Kinder in anderen Fächern - Politik, Geschichte, Sozialwissenschaften, Gemeinschaftskunde - eigentlich lernen. Ein Geschichtsunterricht, der sich nicht mit der Entwicklung und Veränderung vielfaltiger moralischer und ethischer Werte beschäftigt, lehrt nicht Geschichte, sondern nur Geschichten. Die Sozialwissenschaften haben ethische Werte als Grundlage ihres Denkens - wenn sie nicht in einer entmenschlichten, mechanistischen Weise unterrichtet werden.
Gar nicht erst fragen darf man sich aber, welche Aufgaben den Eltern eigentlich bei der Erziehung ihrer Kinder noch zufallen sollen. Wenn jetzt von staatlicher Seite entschieden wird, welche Werte die Kinder vermittelt bekommen, wenn der Staat sich immer mehr über Sozialarbeiter und Jugendschutz der Aufsicht über sie bemächtigt, werden Eltern bald nur noch eine Aufgabe haben - mit ihrer Arbeit die vom Staat erzogenen Kinder zu ernähren. A Brave New World.









