Die schlechteren Politiker
Eine organisatorische Meisterleistung war Sir Bob Geldofs Konzert “Live 8″ allemal. Hunderttausende Zuschauer fanden sich auf den Plätzen in aller Welt ein, um sich ein gewaltiges Lineup von Künstlern anzusehen, die wohl den wildesten musikalischen Mix repräsentierten, den man sich vorstellen kann. Hunderte Millionen Fernsehzuschauer erlebten mit, wie sich so unterschiedliche Musiker wie Pink Floyd, Silbermond oder Linkin Park vs. Jay-Z ein internationales Stelldichein gaben. Alle Konzerte blieben ein friedliches Fest, ohne Ausschreitungen oder Streitigkeiten, und bis auf einige Details lief all das flüssig und problemlos. Kulturell und organisatorisch also eine globalisierte Sternstunde.
Politisch aber blieb die Aktion internationaler Popstars vollkommen bedeutungslos und kann nur als gescheitert betrachtet werden. Zwar fanden sich 30 Millionen Leute bereit, auf der Website der Aktion eine Forderung nach Schuldenerlass für die Dritte Welt zu unterzeichnen. Das aber schon als einen Erfolg zu verkaufen, ist eher ein Witz. Denn noch nie wurde es Gutmenschen so leicht gemacht, ihr Gewissen zu beruhigen, ohne wirklich Engagement zu zeigen und der Angelegenheit Bedeutung für das eigene Leben beizumessen.
Wie viele Kids in Sportbekleidung, die von südostasiatischen Sklavenarbeitern zusammengenäht wurde, mögen wohl unter den 30 Millionen sein? Ob die Zahl der Landwirte, Bergleute und anderen Profiteure von Subventionen und Schutzzöllen, mit denen wir uns vor der Konkurrenz aus der Dritten Welt absichern, wohl eine Million übersteigt? Waren unter den Unterstützern wohl auch Mitarbeiter von Rüstungskonzernen, die besonders reichlich und besonders gewissenlos ihr eigenes Leben auf den Trümmern afrikanischer Konflikte eingerichtet haben?
Vor 20 Jahren war es eine bis dahin beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft, die “Live Aid” auslöste. Die Menschen des Westens griffen tief in ihre eigenen Taschen, um den Bewohnern des Schwarzen Kontinents Unterstützung zu geben und ihr Leid zu lindern. Dass heute das Geld nicht mehr so locker sitzt, haben auch Geldof und sein Freund Bono begriffen, und zu Spenden rufen sie demgemäß auch nicht mehr auf. Stattdessen zielen sie auf Geldreserven, die niemandem so recht zu gehören scheinen und mit denen immer gern herumgeworfen wird, wenn es darum geht, populistische Forderungen zu erfüllen: Steuergelder.
Bei einem Gesamtschuldenstand von über anderthalb Milliarden Euro ist auch für die Bundesrepublik der Bewegungsspielraum längst ausgereizt. Auch unser reiches Land zahlt längst über 10 Prozent seines Gesamthaushaltes nur an Zinsleistungen für unsere eigenen Schulden, der Sozialhaushalt frisst fast den gesamten Rest. Für Investitionen, für Verkehr und Bildung, haben wir längst nichts mehr übrig. Und nun sollen wir auch noch Milliardenschulden afrikanischer Staaten übernehmen? Ja, wie denn? Und mit welchem Ziel? Dass weltweit niemand mehr Bildung und Forschung finanzieren kann, dass unsere Infrastruktur ebenfalls vollständig zusammenbricht? Das würde niemanden helfen, auch den Afrikanern nicht.
Doch auch, wenn wir noch die fröhlichen Überschüsse aus den 70er Jahren hätten, als Geld billig war und jede Interessengruppe sich ebenfalls einen Anteil an der staatlichen Beute sichern konnte, wäre die Idee des Schuldenerlasses nicht besser. Er würde nämlich eine falsche Botschaft nach Afrika senden - die Message, dass ordentliches Wirtschaften und realistische Wirtschaftspolitik nutzlos sind. Die Staaten, die unter großen Opfern ihre Haushalte sanieren, ihre Wirtschaft modernisieren und in den internationalen Handel einbinden, ordentlich ihre Schulden abzahlen und sich kulturell, politisch und wirtschaftlich öffnen, sind die eigentliche Hoffnung Afrikas. Sie haben die Chance, eines Tages Leuchttürme der Wirtschaftskraft zu sein, die einem zusammenwachsenden Afrika Stützpfeiler und helfende Hand sein können.
Doch ihnen kommt der Schuldenerlass ja kaum zu Gute. Besondere Zielgruppe sollen - wie immer - jene Staaten sein, in denen das menschliche Leid am Größten ist. Doch dies sind eben besonders jene Staaten, die Krieg mit ihren Nachbarstaaten oder gnadenlose Bürgerkriege zwischen Interessengruppen im eigenen Land führen. Die ärmsten Staaten der Erde zeichnen sich durch oligarchische Cliquen aus, die die Entwicklungshilfe für Waffenkäufe nutzen oder unter den Machthabern aufteilen. Wo Menschen sich in diesen Ländern - mit oder ohne Hilfe - eine Existenz aufbauen und sichern wollen, da sind es korrupte Beamte und ein mangelnder Schutz des Eigentums, die oft schon nach wenigen Jahren Verfall und Zusammenbruch auch der kühnsten Projekte bewirken.
Wollen wir also wirklich, dass unsere Steuergelder demnächst im Rachen eines Robert Mugabe enden, der in seiner Heimat Farmer enteignet, um mit ihrem Land seine Kindersoldaten und Guerilleros zu entlohnen? Wie viel Geld wollen wir stecken in den Sudan, wo die Regierung Reitermillizen mit der Vernichtung der schwarzen Bevölkerung betraut hat? Wie viele Landminen und Sturmgewehre soll die Regierung des Kongo von Geld bezahlen können, das wir hier mühevoll Rentnern und Sozialhilfeempfängern abtrotzen? Beschäftigt man sich mit solchen Fragen, wird der Sinn von Live 8 schnell zweifelhaft.
Zur Ehrenrettung der Veranstalter muss aber gesagt sein, dass es auch auf der Bühne Stimmen gab, die nicht so einfach auf simple Forderungen hereinfielen. Der frühere südafrikanische Präsident und Freiheitsheld Nelson Mandela etwa weist schon lange darauf hin, dass Armut nicht das wichtigste Problem Afrikas ist. Unterdrückung und Ausbeutung, Korruption und Diktatur, Militarismus und mangelnde Freiheitsrechte sind es, die die Armut erst bedingen und verursachen; sie zu bekämpfen, wäre erste Bedingung, damit Bob Geldofs Traum von einem wohlhabenden, friedlichen Afrika Erfüllung finden kann.
Einige Künstler, darunter auch Campino von den Toten Hosen, zeigten sogar regelrechte Weitsicht und forderten die G8-Staaten dazu auf, ihre Handelsbeschränkungen fallen zu lassen und den afrikanischen Staaten wirklich offene Wirtschafts-beziehungen zu ermöglichen. Doch diese Forderungen gingen unter in einem Trubel aus Woodstock-Romantik und dem warmen Gefühl, ohne eigenes Engagement und eigene Überlegungen etwas Gutes tun zu können und sich dabei noch als Mitglied einer weltumspannenden Allianz zu fühlen - kuscheliger Selbstbetrug ist in, eigenes Denkvermögen leider out. Und wer Kritik äußert, wird von Anhängern des Festivals gern mal als Chauvinist oder Befürworter globaler Ausbeutung gebrandmarkt.
Dass den Hunderttausenden aber politisches Interesse deutlich ferner lag als der Wunsch, kostenlos ein Konzert mit zahlreichen Top-Acts sehen zu können, musste Bob Geldof schon gestern bei seiner zweiten Aktion zur Kenntnis nehmen. Um den Druck auf die Führer der G8-Staaten zu erhöhen, hatte der britische Ritter nach eigenen Angaben zehntausend Schiffe in England aufgetrieben, die Demonstranten von der französischen Küste nach Edinburgh schaffen sollten. Als diese Flotte jedoch dann in England ankam, folgte die Ernüchterung: Drei Schiffe, noch dazu völlig leer und ohne Demonstranten, langten im Hafen an - Geldof verzichtete sogar darauf, selbst aufzukreuzen.
In Krisenzeiten ist es offenbar nicht so leicht, Menschen davon zu überzeugen, “ein paar Tage freizunehmen oder die Schule zu schwänzen”, wie Geldofs Aufruf an die Fans lautete. Insbesondere dann nicht, wenn es keinen eigenen Vorteil gibt, den man damit erringen könnte. Für ein Konzert und das eigene Vergnügen, ja, da reist man gern durch halb Europa. Für eine politische Demonstration aber, die auch noch Fremden zugute kommen soll - nein, dazu haben die jugendlichen Massen keine Lust und sind wohl auch nicht ausreichend überzeugt von den Lösungansätzen der sozialistischen Wunderdoktoren. Die Demonstration in Gleneagles wird wohl wieder einmal eine ATTAC-Hochburg werden, reichlich gewürzt mit gewaltbereiten Autonomen und Anarchisten. Die friedliche Jugend der Welt? Fehlanzeige.
Schade wäre nur, wenn das Scheitern solcher Aktionen den Blick auf die wahren und realen Probleme Afrikas versperren würde. Denn in Afrika sterben ja wirklich jeden Tag zehntausende von Menschen an Unterernährung und Krankheiten, die behandelt werden könnten. Dort bestimmen Hunger und Armut wirklich das tägliche Leben, entbrennen militärische Konflikte um Ressourcen und Macht und werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Afrika geht es ja wirklich schlecht, in einem Maße, das jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.
All das sind Probleme, die wir in einer zunehmend globalisierten Welt nicht mehr an der Küste des Mittelmeeres stoppen können. Wenn wir Afrika nicht helfen, wieder aufzustehen, wird es uns eines Tages mit in den Abgrund ziehen. Doch Hilfe heißt nicht Almosen, sondern Fairness. Faire Wirtschaftsbedingungen, die nicht mehr die gesamte Wertschöpfung in Europa konzentrieren und afrikanische Landwirte und Industriearbeiter nicht mehr zugunsten unserer Verbraucher benachteiligen. Ein Ende der Waffenlieferungen in Krisenregionen, und ein Ende der politischen Zusammenarbeit mit Diktatoren und Gewaltherrschern, gleich welcher Couleur. Das wäre wahre Hilfe für Afrika.
Vielleicht kann das Konzert indirekt so doch noch zur Lösung der Probleme beitragen - indem es nämlich die echten Politiker dazu zwingt, sich auch mit den Entwicklungsländern zu beschäftigen und ihren Bürgern Lösungsansätze zu präsentieren. Doch in der Politik gehört dazu eben mehr, als eine radikale Forderung vor einem Rudel musiktrunkener Fans herauszusingen und Druck zu machen; Politik bedeutet Austausch von Ideen, Kompromisse und gegenseitiges Verständnis. Das aber ist nicht die Sache von Geldof und Bono, Campino und Brad Pitt - sie hauen lieber auf die Pauke und mobilisieren die Massen für halbgare Forderungen. Das kann ja nützlich sein, es macht sie aber sicher nicht zu den “besseren Politikern”, die manche in ihnen sehen wollen.
Grauen sollten wir empfinden vor dem Tag, an dem echte Politiker sich wieder mit viel Trara vor Hunderttausende von Menschen stellen und einfache Slogans vortragen, dabei viel über Gerechtigkeit sprechen und gleichzeitig inhaltliche Diskussion durch aufpeitschende Musik und ein diffuses Gemeinschaftsgefühl ersetzen. Diese Kategorie “besserer Politiker” bringt nicht das Heil, sondern den Weltkrieg.









