12. 9. 2005

Warum ich Guido nicht lieben kann

Es ist ein wundersames Phänomen, das ich mit vielen anderen Liberalen teile. Wir sehen die Führungsfigur des deutschen Liberalismus, den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle, im Fernsehen. Wir lauschen seinen Worten, und hören viele kluge und wahre Aussagen. Wir lachen über die Witze, die der Rheinländer immer wieder geschickt in seine Reden integriert, freuen uns auch sehr, wenn er rhetorisch brilliert und mit immer perfekterer Körpersprache seine Reden untermalt.

Und dann ist die Ansprache vorbei, Westerwelle verlässt das Pult, und wir bleiben, über uns selbst verwundert, mit der Frage zurück, warum wir ihn nicht mögen und warum uns jetzt schon das sichere Gefühl beschleicht, dass das den Menschen draußen im Land nicht viel anders geht. Warum nur, warum kann das so sein? Wieso müssen wir selbst dann ein intensives Gefühl der Sympathie für Joschka Fischer niederkämpfen, wenn er den größten Unsinn verzapft - und können Guido Westerwelle nicht begeistert zujubeln, wenn er genau das sagt, was wir in diesem Moment denken?

Die Erleuchtung kam gestern Abend, bei der Übertragung von Westerwelles Parteitagsrede bei N-TV. Es waren nicht einmal die schon totgerittenen Steckenpferde des FDP-Vorstandes, die Wühlmäuse und die Agentur für Arbeit, die den Glanz des Vorsitzenden ankratzten. Auch nicht der deutschnationale Moment, als er verkündete, die Deutschen seien klüger als andere Völker. Ein anderer Punkt war es, nagend zunächst, dann bohrend, der sich in meine Aufmerksamkeit drängte: Der alles überdeckende Materialismus, den Guido Westerwelle verkörpert.

Ganz gleich, über welches Thema er sich äußerte, stets endete der Monolog bei der Wirtschaft, oder, konkreter, beim Geld. Dass dieses ohnehin einen erheblichen Teil der transportierten Inhalte ausmacht, ist bei den anderen Parteien nicht anders; Arbeitslosigkeit, Schulden und mangelndes Wachstum dominieren den Wahlkampf. Aber es gibt auch viele andere gute Punkte im liberalen Programm. Trotzdem gelingt es dem Vorsitzenden, jeden dieser Punkte schließlich zu monetarisieren.

Spricht er von Teilhabe an der Gesellschaft, so geschieht das im Rahmen der Arbeitslosigkeit. Redet er von Familie, so geschieht das als Unterpunkt der Rentendebatte. Und als er über die Bildung spricht, endet Westerwelle mit dem Verweis auf Produkte, die man sonst teuer im Ausland einkaufen müsse. Immer ist es Geld, sind es wirtschaftliche Prozesse, Waren und Dienstleistungen, die den obersten Liberalen umtreiben. Und wenn es partout nicht in Richtung Materialismus geht, dann behilft er sich mit Zahlen - “wir haben es vorgerechnet”, wieder und wieder.

Was Guido Westerwelle damit aber ausstrahlt, ist das Bild eines kalten, gefühllosen Technokraten. Seine Bekenntnisse zur kulturellen Vielfalt, zur Pluralität der Lebensentwürfe, zur freien und offenen Gesellschaft; sie alle haben zwar Feuer, aber das tiefe Gefühl bleibt aus. Auf zur nächsten Statistik…

Die Rede von Guido Westerwelle als .pdf (von FDP)
Die Rede als .mp3 (von FDP)

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  1. Alte Kommentare unter: Forum

    Comment von Karsten — 13. 10. 2005 @ 13:31

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