30. 9. 2005

Herrlich! Sie arbeiten!

“Unwürdig”, so finden viele die bisherigen Verhandlungen um die Große Koalition in Berlin. Der eine findet “beschämend”, wie Gerhard Schröder “an seinem Stuhl klebt”. Ein anderer hält Angela Merkel für “machtgeil”, wieder andere sehen einen “Kindergarten” am Werke und sind des “Gehampels” überdrüssig, das sich dort in Berlin entspannt. Tatsächlich, viele der ausgetragenen Konflikte sind eher peinlicher Natur, und im Getümmel des politischen Kampfes lässt sich der eine oder andere Politiker hinter das Visier blicken, um eine häßliche Fratze zu offenbaren. Aber schädlich für die Demokratie, wie manch einer befürchtet, ist diese Auseinandersetzung wohl nicht.

Ganz im Gegenteil: Warum sollten wir uns nicht freuen, dass die von uns gewählten Politiker auch einmal hart arbeiten müssen, um die 80 Millionen einzelnen Meinungen, die sich am 18. September ausgedrückt haben, zu einem regierungsfähigen Ganzen zu stricken? Können wir uns nicht glücklich schätzen, dass sich nun keiner der ursprünglich angetretenen Kandidaten für das Kanzleramt mit der Rückendeckung durch einen zweifelhaften “Volontée Genérale” schmücken kann? Nein, es gibt keinen “klaren Wählerauftrag”, hinter dem sich Angela Merkel oder Gerhard Schröder verstecken könnten.

Nur den Beweis eines gespaltenen Landes, das keinen “Macher” (und auch keine “Macherin”) haben will, der sie (auf die eine oder andere Art und Weise) “durchregiert” - sondern das von seinen Politikern erwartet, stellvertretend für die Vielen zu verhandeln, Kompromisse zu schließen und Meinungen auszutauschen. Es müssen wieder Gemeinsamkeiten gefunden werden, anstatt auf der Welle der Unterschiede zu schwimmen. Das Land braucht Heilung dieser Spaltung mehr als jede Art von Reformen.

Und eine solche Heilung ist nun einmal nicht einfach und leicht, nicht zum emotionalen Nulltarif zu erhalten. Die Politik ist nun gezwungen, in das Wechselbad der verschiedenen Wünsche und Forderungen einzutauchen - sich auf die Meinung der Anderen einzulassen, zuzuhören, Hoffnung zu geben und einen mehrheitlich getragenen Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Sonst wird es keine Regierung geben können; das dürfte in Berlin allen klar sein.

Also, seien wir doch froh über ein Wahlergebnis, das die Spaltung der Gesellschaft nicht noch für vier weitere Jahre verdecken hilft, sondern diese allen vor Augen führt. Es zwingt nämlich unsere Repräsentanten, uns wirklich zu repräsentieren; sie müssen täglich und immer wieder um die Ideen kämpfen, für die sie gewählt worden sind. Am Ende muss ein Ergebnis stehen, das auch wirklich von einer breiten Mehrheit akzeptiert werden kann - das ist die Bewährungsprobe der Politik wie der Gesellschaft, die sie ins Amt gehievt hat.

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