Französische Protestgewohnheiten
Was soll man zu den Unruhen in Frankreich sagen? Es ist schon schwer genug, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zu widersprüchlich sind dafür die Berichte, zu groß die Zahl der widersprüchlichen Analysen und vorschnellen Urteile. Dass es sich dabei um die Intifada in Frankreich handelt, wie viele in Amerika und der Blogosphäre vermuten, kann man aber doch eher bezweifeln. Religiöse Themen spielen weder bei den zahlreichen Interviewpartnern deutscher Korrespondenten noch bei der internen Aufarbeitung durch die französische Presse eine entscheidende Rolle.
Ob man den Konflikt hingegen primär als einen ethnischen oder einen sozialen bezeichnen kann, ist schon nicht mehr einfach zu beantworten. Vermutlich tragen beide Faktoren zu der aggressiven Stimmung bei, in der diese Ausschreitungen entstehen konnten. Einerseits ist Frankreich durch dauerhafte Reformunwilligkeit die soziale Mobilität fast völlig abhanden gekommen. Wer am Boden der Gesellschaft ist, hat praktisch keine Möglichkeit, seine Lage zu verbessern, weil das gesamte System diejenigen schützt, die weiter oben sind - durch eine extrem reglementierte Wirtschaft, die ebenso unfähig ist, dem globalen Wettbewerb zu begegnen wie die deutsche. Nach ständigen Kürzungen im sozialen Bereich und ohne den sozial Schwachen eine Perspektive bieten zu können, forderte die französische Regierung nach Meinung vieler solche Ausschreitungen geradezu heraus.
Ethnische Fragen aber spielten für viele der jungen Revoluzzer, die sich gegenüber der Presse äußerten, auch eine Rolle. Als einer von ihnen gegenüber der deutschen Presse erklärte, dass er verzweifelt darüber sei, “irgendwo zwischen Frankreich und Algerien festzuhängen und nirgendwo anzukommen”, da fielen schon Parallelen zur Integrationssituation in Deutschland auf. Denn diese Aussage hat man auch hierzulande schon oft genug gehört. Ob es sich dabei nur um eine Floskel handelte, die manche der halbwüchsigen Terroristen brauchen, um sich zu rechtfertigen, bleibt natürlich fragwürdig. Anlass dazu, in Zukunft aufmerksamer gegenüber ähnlichen Entwurzelungsproblemen junger Migranten in Deutschland zu sein, gibt es allemal.
Ein schlagartiges Übergreifen auf Deutschland hingegen ist für den Augenblick wohl eher als unwahrscheinlich zu betrachten. Im Vergleich zwischen deutschen und französischen Protestgewohnheiten kann man beobachten, dass die Franzosen erheblich schneller zu Gewalt als Ausdrucksform politischen Protests neigen. Meist ist dies zwar nicht von Gewalt gegen Personen bestimmt, wenn etwa die Bauern aus Protest gegen eine Kürzung ihrer Unterhaltszahlungen Straßen absperren und Sachwerte zerstören. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind die Aufstände in Paris nur ein kleiner Schritt weiter. Bedauerlich, aber wahr.
Nachtrag: Die soziale Komponente sieht auch “Der Deutschling” vorn: Björn Gießler über Klassenkampf auf den Straßen von Paris. Außerdem fehlte noch der Veweis auf den Artikel von Gudrun Eussner bei “Die Jüdische”, der einerseits interessante Informationen über die französische Pressereaktion bietet, andererseits aber auch als Beispiel für die These, es handle sich um einen religiösen Aufstand, dienen kann. Schließlich schreibt auch word2go über die “Enfants oubliés des banlieues“. Auch dort hat man Eussner gelesen, und auch dort wird die Theorie einer Intifada in Paris entschieden zurückgewiesen.
Weiterer Nachtrag am 17. November: Die Aufstände sind (überwiegend) vorbei, Frankreich ist wieder zur Normalität zurück gekehrt. Und diese Normalität bedeutet eben rund 100 brennende Autos in der Nacht - da kräht kein gallischer Hahn nach. Clemens Wergin sieht das ähnlich skeptisch: “Das ganz normale Frankreich“










Intifada in Paris?
Okay, es ist keine Intifada und sie findet auch nicht nur in Paris statt. Aber es klingt so schön schmissig, darauf kam es mir besonders an.
Spass bei Seite. Ich hoffe doch sehr, dass ich mich in meinem zitierten Beitrag nicht unverständlich ausgedrückt habe. Es sind Kinder, die dort durch die Strassen randalieren, moslemische Kinder zumal. Das Ergebnis einer verfehlten Integrationspolitik ist offenkundig.
Frankreich würde aus einem Unglück eine Katastrophe machen, triebe es diese Kinder nun in die Hände islamistischer Gruppen. Der französische Geheimdienst schätzt die Zahl gewaltbereiter Islamisten in Frankreich auf ca. 30.000 ein. Wieviele von denen bei den jetzigen Unruhen schon beteiligt sind, lässt sich wohl kaum sagen, aber die Vorstellung, dass sie sich aus dieser Sache raushalten, wäre wohl ebenfalls naiv.
Frankreich hat ein Problem damit, dass sich seine überaus zahlreichen moslemischen Bürger als Bürger zweiter Klasse fühlen. Sie halten Frankreich für ein Land, dass letztlich auf der Seite der ‘Kreuzzügler gegen den Islam’ steht.
Wie man einen Knaben gewöhnt, so lässt er nicht davon, wenn er alt wird, sprach Salomon. Sarkozy hält tatsächlich Hochdruckreiniger für ein probates Erziehungsmittel.
Merde.
Comment von Olaf Petersen — 5. 11. 2005 @ 23:49
Im Gegensatz zu dir neigen viele Amerikaner aber dazu, ganz unmissverständlich die Schuld für die Ausschreitungen in Paris et al. religiösen Konflikten zuzuschreiben. Einige unserer lieben Bloggerkollegen, bis hin zu Profischreibern, nehmen diese Meinung gern auf, weil sie in ein gewisses Muster passt.
Ach, ich finde es wirklich schwer, eine Meinung zu dieser Angelegenheit zu haben. Zu viele Elemente spielen eine Rolle, und zu nah bei uns geschieht das auch alles. Wie sehr können wir die französische Situation auf die unsere übertragen? Welche Schlüsse daraus ziehen? Jedenfalls, nicht mit dem Kärcher zu drohen, wenn die Stimmung hier schlechter wird.
Comment von Karsten — 6. 11. 2005 @ 1:27
Empfehle den Herren die Lektüre des Artikels “The Barbarians at the Gates of Paris” von Theodore Dalrymple aus dem Jahr 2002.
http://www.city-journal.org/html/12_4_the_barbarians.html
Er beschreibt sehr gut die Akteure und das Milieu in den pariser Vorstädten. Und auch die, doch recht kriminellen Kinder bzw. Mitglieder der Jugendbanden. Und wie man diese “Kinder” leicht zu Islamisten umstricken kann. Und und und.
Th. Dalrymple ist übrigens Arzt und Psychiater, der in den britischen Slums und Gefängnissen tätig war.
Comment von F. Hoffmann — 6. 11. 2005 @ 19:50
“Französische Protestgewohnheiten” sind durchaus schon immer mit Gewalt, auch gegen Personen, verbunden gewesen.
Es ist eine bekannte Tatsache in Frankreich, dass an den Abenden großer Demonstrationen die Vorstadtjugend anreist, und die “manif” in ihrem Sinne weiterführt. Nämlich als brutalen Krieg gegen die Staatsmacht.
Was jetzt passiert ist nichts anderes. Nur hat es sich ergeben, dass der Anlass einer “normalen” Demonstration nicht mehr benötigt wurde.
Comment von Boche — 7. 11. 2005 @ 10:44
Vielen Dank für den Hinweis auf Dalrymple; der Text war sehr aufschlussreich. Ich revanchiere mich mal mit dem “Blick nach Links”: Lysis antwortet Eussner und Dalrymple mit einem Vergleich zwischen der heutigen Situation in Frankreich sowie ihrer Aufarbeitung einerseits und Äußerungen von Intellektuellen über die Unterschichten der Revolutionszeit. Gut argumentiert, auch wenn ich nicht ganz überzeugt bin, dass es so einfach ist. Manchmal sind auch die Rassisten, die nichts haben und Steine werfen…
Comment von Karsten — 7. 11. 2005 @ 13:33