20. 11. 2005

Goodbye, Kanzler

Nun ist sie vorbei, die Amtszeit Gerhard Schröders: Mit dem Großen Zapfenstreich, dem höchsten militärischen Ritual der Bundesrepublik, wurde der Kanzler heute Abend aus dem Amt verabschiedet. Wie immer, so war der Zapfenstreich auch diesmal wieder eine außergewöhnlich beeindruckende und anrührende Aktion; Schröders Augen glänzten, und manchmal glaubte man, eine Träne erkennen zu können, die seine Wangen herablief. Auch ein Wehrdienstverweigerer, so konnte man hier sehen, kann sich durchaus der Würde und Bedeutung dieses Rituals bewusst sein.

Obwohl Schröders Zapfenstreich natürlich mit besonderen Details gespickt war. Dass die Wachkompanie, inmitten von Fackeln und militärischem Schmuck, die “Moritat von Mäckie Messer” von Kurt Weill spielt, ist wohl durchaus überraschend. Es gibt dem altüberlieferten preußischen Ritual allerdings auch eine moderne, eine bundesrepublikanische Note: Brecht trifft auf Marschtritt, linksalternative Symbolik vermischt sich mit militärischer Tradition. Es war nicht allein Gerhard Schröder, der von diesem Moment beeindruckt war - auch für Deutschland war es etwas besonderes: Der Weg der 68er ist vollendet, sie haben das Land verändert. Gestaltet, möchte man sagen, wäre da nicht die komplizierte Situation, in der sich die Republik nun befindet. “Alles ist soweit, nur der Kanzler fehlt noch”, meinte der n-tv-Kommentator während des Wartens auf Gerhard Schröder - und hätte damit gut auch die Lage in Berlin meinen können.

Doch es gab auch Wermutstropfen für die Anhänger einer offenen, bürgernahen Demokratie - dass die Zeremonie, wie sonst eher in totalitären Staaten üblich, nur vor gewählten Gästen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, nahm ihr einen Teil ihrer Würde und Legitimation. Sicher, die antimilitärischen Demonstrationen, die nun weit ab vom Schuss hinter blickdichten Zäunen stattfanden, hätten durchaus zu erheblichen Störungen des traditionellen Rituals führen können. Insofern ist es schon bedauerlich, dass es für viele in diesem Land nichts gemeinsames gibt, dass selbst die einfachsten gemeinsamen Traditionen nicht ohne Streit stattfinden können. Noch viel trauriger aber ist, dass der Staat vor diesen Demonstranten kapituliert hat und mit ihnen auch die vielen Menschen ausgesperrt hat, die diesem Festakt gerne beiwohnen würden - als Bürger, die ihrem Regierungschef auf den letzten Schritten ihre Unterstützung erweisen wollten. Doch das war nicht möglich - die politische Elite blieb unter sich, wollte vom Volk nichts wissen und trennte sich mit Zäunen und Polizeisperren von ihm. Nur eine Kleinigkeit? Vielleicht, aber symbolisch.

Andere Stimmen: Die Websozis schreiben etwas zur Geschichte des Rituals und setzen sich dabei mit einigen Bloggern auseinander, denen Schröders Zapfenstreich nicht gefallen hat.

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