20. 11. 2005

Jugendschutz - oder Zensur?

Neu (30. November): Auf den folgenden Brief habe ich bereits Reaktionen erhalten. Die Antwort von Jörg van Essen findet sich hier.

Dr. Dieter Wiefelspütz, MdB
Laurenz Meyer, MdB
Jörg van Essen, MdB

via Mail

Sehr geehrter Herr Wiefelspütz,
sehr geehrter Herr Meyer,
sehr geehrter Herr van Essen,

ich wende mich an Sie als Bürger ihres Heimatwahlkreises, weil ich hoffe, dass Sie sich im Parlament gegen eine Umsetzung des ominösen “Verbotes für Killerspiele” einsetzen werden, das im Koalitionsvertrag festgehalten ist. Da ich selbst gelegentlich einmal zu einigen der meistkritisierten Computerspiele greife, kann ich nicht begreifen, worin die Bedrohung liegen sollte, die von diesen Spielen ausgeht. Auch jüngere Bekannte, für die diese Spiele ein wesentliches Hobby sind, weisen keine Symptome gesteigerter Aggression auf - oft ganz im Gegenteil. Amokläufer entstehen anders.

Auch der exzessive Hang zu solchen Spielen ist vielleicht manchmal ein Symptom eines aggressionsgestörten Jugendlichen. So gut wie nie aber stellt er die Ursache dafür dar. Eine Therapie, die die Heilung bei den Symptomen sucht, kann aber nicht fruchten und bleibt daher reiner Populismus. Da hilft auch der Quantensprung in der Gewaltforschung nichts, den die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Unionsfraktion, Maria Böhmer, leistet, wenn sie den Zusammenhang zwischen Fernsehen und Gewalt als “eindeutig geklärt” deklariert.

Hinzu kommt, dass die bisherige Formulierung von erschreckender Substanzlosigkeit ist; ein solch sinnfreies Schlagwort wie “Killerspiele” muss sich in den Koalitionsvertrag wohl verlaufen haben. “Spiele, in denen der Tötungsakt dargestellt wird”, gibt Minister Beckmann als Definition aus. Diese aber ist derart schwammig, dass sie als Gesetz eine quasi beliebige Zensur von Computerspielen erlauben würde.

Zensur deshalb, weil der Gedanke des Jugendschutzes hier weit überschritten wird. Frau Böhmer spricht ja nicht von Kindern, die wir selbstverständlich vor beunruhigenden Gewaltdarstellungen schützen müssen. Nein, es geht um “die jungen Männer, die sich in den LAN-Partys treffen”, und die sind nun einmal zumeist Erwachsene, vielfach Mitte zwanzig. Bei den meisten Veranstaltungen dieser Art werden auch erst Teilnehmer ab 18 Jahren eingelassen. Denen ihre Freizeitbeschäftigung, ihre Vorstellung von Unterhaltung per Gesetz vorschreiben zu wollen, ist kein Jugendschutz - sondern Zensur, das Wort drängt sich auf.

Die ganze Unsinnigkeit des Vorhabens verdeutlicht sich am Beispiel eines Freundes von mir. Dieser ist Unteroffizier bei der Bundeswehr, aber auch schon jahrelang ein Fan von Spielen wie “Counterstrike” und “Battlefield”, die beide oft genannt werden, wenn es um “Killerspiele” geht. Zwar habe ich größten Respekt vor dem Dienst, den er leistet. Trotzdem aber scheint es mir mehr als absurd, dass der Staat ihm sein Hobby verbieten möchte, weil es sich abstrakt mit der “Tötung” von Pixelhaufen beschäftigt, während ihn der gleiche Staat sehr konkret zum Töten echter Menschen ausgebildet hat und bereit hält.

Ich bitte Sie daher herzlich, sich im Bundestag gegen solche Versuche zu wehren, in die Privatsphäre der Bürger einzudringen. Dieser Brief wird auch auf meiner Website http://www.liberale-stimme.de veröffentlicht, damit auch andere Internetuser ihre Meinung dazu abgeben können. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Mit besten Wünschen,

Karsten Dürotin

Nachtrag: Andere Meinungen zum Thema bei herchet.net, der Computerwoche, EuroNeuzeit, Marc Redmann, DiTTES.iNFO BLOG, dem “Deutschling” und Andreas Günthers Bariba-Blog

Noch ein Nachtrag: Wie intensiv sich die Befürworter eines Verbotes oft mit der Materie beschäftigt haben, zeigt ein Beitrag des BILDblog. Peter Hahne darf in der “Zeitung mit den vier Buchstaben” unqualifizierte Propaganda und recherchefreie Falschinformationen verbreiten.

7 Kommentare »

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  1. Sehr gut, findet meine volle Unterstützung.

    Comment von Don Loc — 21. 11. 2005 @ 1:15

  2. Ich kenne wirklich eine Menge Computerzocker. Bleibt ja heutzutage gar nicht aus, vor allem unter Informatikern. Das Thema an sich ist zwar vielleicht etwas nebensächlich - aber es geht hier ums Prinzip einer freien Gesellschaft, die ihre erwachsenen Bürger nicht erziehen will.

    Comment von Karsten — 21. 11. 2005 @ 5:10

  3. In meien Augen ist das nur ein hilfloser Versuch auf die Probleme unserer Zeit zu reagieren. Dass eine so komplexe Thematik nicht mit einem Wundermittel (in dem Fall der Zensur) angegangen werden kann ist meiner Meinung nach offensichtlich.
    Ausserdem bin ich wie auf meinem Blog vermerkt der Auffassung, dass durch ein solchen Vorhaben lediglich die Spiele aus der Öffentlichkeit verschwinden, jedoch nicht weg sind. Für junge Menschen mit “gesteigertem Aggressionspotentiel” (welch ein Unwort) wird es doch viel mehr ein Anreiz sein, sich ein “illegales” Spiel zu besorgen. Sei es nun über ein europäisches Nachbarland oder über Internet-Tauschbörsen.

    Bitte liebe Politiker, überlasst solche Themen den Leuten, die sich damit auskennen. Wofür gibt es denn Lobbyisten und Berater?

    http://www.dittes.info/blog/2005/11/18/killerspiele-sollen-verboten-werden/

    Comment von Andreas Dittes — 21. 11. 2005 @ 9:40

  4. „Killerspiele“ II

    Karsten Dürotin veröffentlicht auf Liberale Stimme Online einen offenen Brief an seine drei Wahlkreisvertreter im Bundestag. Er setzt sich darin gegen das im Koalitionsvertrag vereinbarte Verbot von „Killerspielen“ ein.
    Auch der exzessive Hang …

    Trackback von Der Deutschling - Verständnis für Deutschland — 21. 11. 2005 @ 20:44

  5. Maria Bhmer, sie sehen das falsch!

    Maria BhmerBild: Deutscher BundestagSchn das sich endlich ein Politiker/in zum Thema “Killerspiele” uert. Im Deutschlandradio wurde die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Bhmer, zum heftig umstrittenenn (hier bezieh ich mich mit ein) T

    Trackback von h e r c h e t . n e t — 22. 11. 2005 @ 0:03

  6. @Andreas: Ja, das sehe ich auch so. Aber für die Gesetzgebung ist das kein ausschlaggebendes Argument - sonst kann man ja gegen jedes beliebige Verbot sein, mit der Begründung, dass es eh einer übertreten wird und sich mancher noch angespornt sieht. Wenn es wirklich gute Gründe für ein Verbot gäbe, müsste man sich eben Gedanken darüber machen, wie man solche alternativen Kanäle ausschalten kann. Aber die gibt es eben nicht.

    Comment von Karsten — 22. 11. 2005 @ 1:04

  7. Eine erste Antwort ist eingetrudelt - da ich noch keine Erlaubnis habe, sie zu veröffentlichen, hier nur die Essenz: Dr. Dieter Wiefelspütz steht vollständig hinter der Forderung des Koalitionsvertrages. Wer also meint, es sei nur die CDU, die sich hier engagiert, liegt vollkommen falsch: Dieter Wiefelspütz ist innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag.

    Comment von liberalestimme — 24. 11. 2005 @ 12:03

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