“Nation Europa”
Mein gestriger Beitrag zum Treffen der rechtsextremen Elite Europas in Wien rief auch einen Kommentar von marcc hervor, der Anlass zu interessanten Überlegungen bot: “Wie kann denn ein ‘Nationalisten aller Länder vereinigt euch’ funktionieren?”, fragte er dort. Als Antwort verwies ich auf die Möglichkeit, dass sich die Ideologien der extremen Rechten vom Nationalismus weg, hin zu einer Art “Kontinentalismus” entwickeln könnten - oder genauer zu einem Kontinentalchauvinismus. Eine solche Strategie scheint mir auch hinreichend wirkungsvoll, da sie - angesichts des momentanen Diskurses - auch eine breite Öffentlichkeit ansprechen könnte. Eine Ideologie etwa, die die Bewohner anderer Kontinente wahlweise als “raffgierig, gewalttätig und hedonistisch” oder aber als “kulturell unterentwickelt und unfähig zu moderner Lebensweise” charakterisiert, dürfte sowohl rechts als auch links der politischen Mitte vorhandene Komplexe bei Enzensbergers “radikalen Verlierern” kanalisieren. Durch eine mythische Überhöhung der eigenen Kultur, Menschen und Werte würde das entstehende pro-europäische Gefühl für einen neuen Chauvinismus dienlich gemacht.
Hierzu empfehle ich den Text “Nation Europa” von Samuel Salzborn und Heribert Schiedel, der sich eben mit der “Ausprägung einer rechtsextremen Europaideologie” befasst. Diese ist (im Gegensatz zur Wahrnehmung der Öffentlichkeit, die meist nur nationale Aspekte erkennt) bereits in den faschistischen Theorien des frühen 20. Jahrhunderts zu entdecken. Der “Befreiungsnationalismus”, wie er etwa in Kreisen französischer und italienischer Faschisten üblich war, bediente sich dazu des Bildes einer in Ketten hängenden Nation - wobei die Ketten von den “raumfremden” Mächten USA und UdSSR angelegt und abgeschlossen worden waren. Im Kampf sowohl gegen den Sowjetimperialismus als auch gegen die “Machenschaften des jüdischen Großkapitals”, das vor allem an der Ostküste der USA vermutet wurde und wird, sah man die gemeinsame Aufgabe der europäischen Nationalisten. Unterfüttert wurde dies durch Intellektuelle wie Carl Schmitt, der ein “Interventionsverbot für raumfremde Mächte” forderte und damit eine Ideologie des völkischen Großraumes verbreitete, die später von anderen aufgegriffen wurde.
Seit dem 2. Weltkrieg gab es verschiedene Bewegungen, die diese Gedanken weiter entwickelten - Sir Edward Mosley (GB) und Arthur Erhardt (D) sind da zu nennen, doch auch in anderen europäischen Ländern lebte der unheilvolle Samen einer rechtsextremen Europaideologie fort. Die politische Kooperation aber scheiterte vor allem an persönlichen und strategischen Konflikten, wie etwa der Abneigung zwischen Le Pen und Jörg Haider, den beiden wichtigsten Akteuren auf der europäischen Bühne. In den letzten Jahren aber wird die Kooperation stark forciert - bereits 2001 und 2002 fanden ähnliche Treffen statt wie das, das in diesem Monat zur “Wiener Erklärung” führte. Nur damals ohne den Chef der Front National. Denn da war der “Haider-Jörg” ja noch bei der FPÖ in Amt und Würden. Dass Le Pen diesmal mit von der Partie war, dürfte an Haiders Ausscheiden liegen - und könnte eine Stärkung der jungen Allianz bedeuten.
Der letzte und (möglicherweise entscheidende) Streitpunkt, der einer kontinentalchauvinistischen europäischen Rechten noch entgegen steht, ist ein ideologischer. Es ist der Gegensatz zwischen einer völkisch-regionalistischen Apartheidsideologie, wie sie etwa von FPÖ und Vlaamse Belang vertreten wird, und dem etatistisch-autoritären Zentralstaatsentwurf eines Jean-Marie Le Pen. Ob die “europäischen Völker” oder die “europäischen Nationen” nun der verdorbene Leib sein sollen, aus dem ihr Dämonenkind entspringt, war ja auch diesmal wieder ein Streitpunkt zwischen den Rechtsfrontlern. Sollten sie sich in dieser Frage einigen können - da sie die Organisation des geplanten “Europäischen Reichs” betrifft, ist sie von entscheidender Bedeutung - dürften sie zu einer erheblichen Gefahr für Freiheit und Demokratie werden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der richtigen Kombination aus Apartheid, Antiliberalismus und Globalisierungsfeindlichkeit sowie der Aufweichung der Grenzen zwischen Rechtspopulismus und ideologischem Rechtsextremismus. Es kommt nur auf das richtige Zückerchen an, in dem man die bittere Botschaft von Haß und Rassismus tarnen kann.










Und schon wieder sind wir bei Schmitt. Warum nur stirbt dieser “Geist” des Politischen (gefällt mir persönlich besser als “Begriff”) nicht endlich aus?
Sehr schöner und leider wahrscheinlich wahrer Beitrag.
Comment von Jochen — 22. 11. 2005 @ 16:40