Futurologie
“Wir beschäftigen uns mit der Zukunft”, so umschreibt der “Manicured Man” bei den X-Akten seine Arbeit. Er gehört einer technokratischen Kabbale mit schier unglaublichen Ressourcen an, die sich die Kontrolle des Planeten im Auftrage finsterer Außerirdischer auf die Fahnen geschrieben hat. Tief mit den Geheimdiensten der Welt verstrickt, sammeln sie Informationen über alles, was auf der Welt geschieht, machen Projektionen und Analysen und steuern den Lauf der Geschichte durch gezielte Einflussnahme. Die Welt aus der Sicht von Verschwörungstheoretikern: Alles hat irgendwie mit Geheimdiensten und finsteren Mächten zu tun, und irgendwo sitzt der verborgene Herrscher der Welt. Ob es nun Aliendiener sind, Freimaurer, der Vatikan oder die jüdische Weltverschwörung - das Prinzip bleibt gleich.
“Wir beschäftigen uns mit der Zukunft”, könnte aber auch Prof. Dr. Rolf Kreibich sagen, der Leiter des Instituts für Zukunftsforschung Berlin. Denn seine Aufgabe gleicht ein wenig der des “Manicured Man” - auch er sammelt von Berufs wegen eine Unmenge an Daten über die Weltlage, um daraus Prognosen über die Entwicklung der nächsten 10 bis 50 Jahre zu erstellen. Zwar hapert es bei ihm im Vergleich zu Fox Mulders Gegenspieler etwas im Bereich der Weltherrschaft und der gezielten Einflussnahme, trotzdem aber bleibt die Futurologie eine interessante Sache. Interdisziplinär Forschung und Entwicklung zu beobachten und den Versuch zu unternehmen, ihre Auswirkungen auf das Leben in den nächsten Jahrzehnten zu beschreiben, kann vor allem für die Politik von großem Interesse sein, da deren Entscheidungen ja oft langfristige oder gar generationenübergreifende Wirkung zeigen.
Hierzulande findet die Futurologie verhältnismäßig wenig Beachtung, was Professor Kreibich auch beim XXP-Interview bedauerte. In den USA, so beschrieb er, gibt es mittlerweile bereits eine ganze Reihe von Lehrstühlen an Universitäten - hierzulande hingegen werden die Zukunftsforscher hingegen oft noch misstrauisch beäugt. Wahrsagerei und Science-Fiction, so lauten die gängigen Schlagworte, wenn die Futurologie kritisiert wird. Den ersten Vorwurf beantworten der Professor und seine Kollegen mit dem Hinweis auf die wissenschaftlichen Methoden, die ihre Arbeit von reiner Spökenkiekerei unterscheiden. Und Science Fiction hat sich ja schon oft als erstaunlich fähig erwiesen, technologischen Fortschritt und dessen soziale Wirkung zu prognostizieren, bevor er wissenschaftliche Realität wird. Ob es nun Jules Verne ist, Isaac Asimov oder William Gibson, was noch faszinierende Fantasiegebilde waren, als sie von diesen Autoren zu Papier gebracht wurden, sind heute vielfach technologische Realitäten und konkrete Problemstellungen geworden.
So überzeugend das auch klingen mag, trotzdem machen die tatsächlichen Aktivitäten der Zukunftsforscher den kritischen Beobachter doch etwas skeptisch. Vielfach nämlich präsentieren diese ihre Ergebnisse nicht mit der Bescheidenheit eines Wissenschaftlers, sondern eher mit dem religiösen Eifer eines Propheten. Wissenschaftlich müsste man sich eingestehen, dass man bei Prognosen in hochkomplexen Systemen, wie etwa globalen Gesellschaften, Wirtschafts- und Ökosystemen, noch in den Kinderschuhen steckt. Zwar ist es für die weitere Entwicklung der Menschheit wichtig, mehr über diese Systeme zu erfahren und Experimente mit Vorhersagen in diesen Systemen anzustellen. Wenn sich aber die Zukunftsforscher mehr damit beschäftigen, die Ergebnisse ihrer Forschungen zu verbreiten und Einfluss auf den politischen Prozess zu nehmen, ist das mehr als nur ein wenig verfrüht.
Es überrascht nicht, dass bei den Zukunftsforschern, die es dennoch tun, gelegentlich Ökologismus und Hurra-Etatismus Hand in Hand schreiten. Daten sammeln, Modelle erstellen, die Zukunft kontrollieren - all das lässt sich am Besten in einem möglichst statischen und auf Gleichgewichte ausgelegten Umfeld erfüllen. Wer weiß, wie die Zukunft sein wird, der möchte sich nicht gern von Leuten behindern lassen, die diese Wahrheit noch nicht erkannt haben; also ist der Wunsch nach einer starken Autorität nur konsequent. Und das Chaos einer dynamischen Gesellschaft sowie dynamischer Wirtschaftssysteme lässt auf den Köpfen von Futurologen die Glatzen sprießen - da sind Planwirtschaft und eine geschlossene Gesellschaftsordnung eine willkommene Erlösung.
Und so stellte sich im Verlauf des Interviews auch Professor Kreibich als eher grüner Zeitgenosse heraus. Wie eine unumstößliche Wahrheit verkündete er seine Erkenntnis, dass wir innerhalb der nächsten Jahrzehnte unseren gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Energien decken können (was in der Fachwelt zumindest als umstritten bezeichnet werden darf). Bei RFID-Chips fand er vor allem die Tatsache bedenklich, dass bei ihrer massenhaften Verwendung möglicherweise Schadstoffe und Schwermetalle in die Umwelt verteilt werden könnten; die Nutzung implantierter Chips zur Markierung von Kindern hingegen empfand er eher als interessante Möglichkeit. So oder ähnlich verlief das gesamte Interview. Wer sein gesamtes Berufsleben der Erforschung der Zukunft widmet, tut dies vielleicht auch, weil er keine Überraschungen liebt.
Was bleibt, ist also, den Publikationen und Veröffentlichungen der Futurologie mit kritischem Respekt zu begegnen. Viele faszinierende Entwicklungen lassen sich von ihnen offenbar tatsächlich recht genau prognostizieren; andererseits zeigen Beispiele wie die Horrormeldungen über das “Ende der Natur”, das uns noch vor der Jahrtausendwende erreicht haben sollte, dass die Fehlertoleranz dem Topos entsprechend hoch ist. Falsche Daten, falsche Modelle und der freie Wille des Menschen sind die Teufel im Detail, und auch Jules Verne lag in vielen Dingen daneben. Und das ist ja auch gut so - denn wenn die Welt so einfach berechenbar wäre (oder wir uns unsere Welt so einrichten würden), hätte sie einen Großteil ihres Reizes verloren.









