8. 1. 2006

Mehr zum religiösen Hass

Auf meinen Beitrag “Ökumene des Hasses” merkte Boche folgendes an:

Nichts desto trotz bleibt nun einmal der grundlegende Unterschied zwischen religiös begründeter Macht totalitären Ausmaßes und Lobbyismus in einem demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaat.

Das kann man wohl kaum bestreiten. Auch in einer anderen Hinsicht habe ich etwas vereinfachend verglichen: Während Ahmadinedschad ein rein weltliches Amt bekleidet, ist Robertson Priester Pastor (”Reverend”). Eine Google-Recherche ergab bisher keine Reaktionen hochrangiger religiöser Würdenträger muslimischen Glaubens, die Freude über Scharons Ableben geäußert hätten. Es handelt sich bei den entsprechenden Stimmen ausschließlich um politische Kräfte, vor allem aus dem totalitären und militanten Spektrum.

Ich stimme Boche also zu, dass Ahmadi-Nedjads Äußerungen ungleich bedrohlicher einzuschätzen sind, weil sie von einem Menschen mit Macht, nicht von einem mit Einfluss, geäußert worden sind. Der wildgewordene Präsident kann ungleich mehr Schaden anrichten als ein rein religiöser Führer, der keinerlei weltliche Befugnisse hat. Man sollte aber nicht vergessen, dass es auch in Amerika gelegentlich ähnliche Entgleisungen von ultrareligiösen Politikern gibt, die sich an Predigern wie Robertson orientieren. Auch Einfluss kann also gefährlich sein, vor allem, wenn er schleichend wächst.

Ich habe die Verbindung zwischen den beiden “Hasspredigern” hergestellt, weil ich davon überzeugt bin, dass man nicht nur auf Menschen aufpassen muss, die einen ermorden wollen, wenn man am Leben bleiben will. Manchmal wächst auch im Innern ein Geschwür heran - zunächst unsichtbar, später vernichtend. Und religiöser Fanatismus ist augenblicklich offenbar sowohl für umherstreifende Mörder als auch für Hetzer und Demagogen eine gute Grundlage.

10 Kommentare »

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  1. Und religiöser Fanatismus ist augenblicklich offenbar sowohl für umherstreifende Mörder als auch für Hetzer und Demagogen eine gute Grundlage.

    Das dürfte für Fanatismus schlechthin gelten, und der kann sich auf vieles begründen, was von den Menschen als besonders wertvoll und erstrebenswert angesehen wird.

    Dennoch bleibt das Bild schief: Bei den US-Fundis sehe ich nur Rhetorik. Selbst da, wo Fundamentalismus mit Macht zusammentrifft, dient diese Rhetorik nur der Verkleidung von Entscheidungen, die auf ganz anderer Basis getroffen werden. Sobald mir einer wirklich religiös begründete, systematisch ausgeübte Gewalt nachweist, stimme ich dir zu. Bis dahin nicht.

    Viel näher liegt der Verdacht, dass Entscheidungen der US-Regierung aufgrund einzelwirtschaftlicher Bereicherungsinteressen getroffen werden. Und das, nichts anderes, diskreditiert diese Regierung bei dem Versuch, sich als Verteidiger von Werten zu präsentieren.

    Comment von Rayson — 8. 1. 2006 @ 23:51

  2. Robertson ist kein Priester - wie im Beitrag behauptet -, sondern ein Pastor. (Die theologischen Unterschiede zw. diesen beiden “Ämtern” oder “Funktionen” sind markant und wesentlich!)

    Comment von J.K. — 9. 1. 2006 @ 0:35

  3. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe das entsprechend korrigiert und mich über diese Unterschiede genauer informiert. Ich verstehe das (vereinfacht) so: Die evangelische Theologie weist dem Pastor keinerlei “göttliche Erleuchtung” zu, die mit dem Status eines Priester verbunden ist. Richtig?

    Trotzdem aber ist Robertson zumindest von der Führung seiner Kirche ausgewählt und beauftragt, das Evangelium zu verkünden, oder nicht?

    Comment von Karsten — 9. 1. 2006 @ 0:42

  4. Rayson hat es schon recht gut ausgedrückt: So lange die wirr-religiösen Ideen eines zweitrangigen Militärs nur als Begründung für demokratisch beschlossenes Handeln dienen (und ja auch gleich Thema der kritischen Presse werden), sind sie relativ ungefährlich und wieder keineswegs mit religiös begründeten Totalitarismen vergleichbar.

    Abgesehen davon finde ich den verlinkten TP-Artikel auch aus einem anderen Grund bedenklich (was mich bei diesem Medium aber auch nicht überrascht):

    “Zwar wurde vom Weißen Haus immer wieder betont, dass man keinen Krieg gegen den Islam führe, aber dies wird doch von vielen Menschen, besonders von Muslimen, angenommen, zumal die Bush-Regierung gleichzeitig die Politik der israelischen Regierung immer wieder deckt.”

    Als würde die Verteidigung einer Demokratie gegen seine totalitären, antisemitischen Nachbarn in den Augen des TP-Autors für Muslime ein hinreichender Grund sein, Feindschaft gegen den Islam vermuten zu können.

    Comment von Boche — 9. 1. 2006 @ 14:55

  5. Oh, dass Heise etwas einseitig ist und gerade Amerika extrem kritisch betrachtet, war mir schon klar. Aber obwohl sie tendenziös schreiben, scheinen sie mir bei den Fakten relativ sicher zu sein; also verlinke ich solche Informationen trotzdem. Mit dem Medium umgehen können muss halt jeder selbst.

    Zum Satz selbst: Der Freund meines Feindes ist mein Feind, kann man die entsprechende Denkweise unter Muslimen (die ja auch tatsächlich existiert) zusammenfassen. Wenn man Staatssekretäre hat wie diesen, sich Berater sucht wie Pat Robertson, dann muss man damit leben, dass andere einem glauben, was man damit ausdrückt: Dass fundamentalistische, von Hass geprägte Perversionen der christlichen Lehre auch Einfluss auf Entscheidungen der amerikanischen Regierung haben.

    Gut, dass er unendlich viel kleiner ist als der der Kriegstreiber in Teheran. Trotzdem bleibe ich dabei: Qualitativ sind die beiden Phänomene durchaus vergleichbar, und Quantität kann sich schnell verändern. Wie unsere libertären Freunde immer wieder betonen, ist Demokratie schließlich kein Synonym für gut und gerecht - es geht um die Inhalte.

    Comment von Karsten — 9. 1. 2006 @ 15:03

  6. @Rayson ganz oben nochmal:
    Sicher, jeglicher Fanatismus ist eine gefährliche Sache, bei weitem nicht nur der Religiöse. Auch wenn es andere Ideologien sind, muss man aufpassen. Glücklicherweise ist der fanatische Kommunismus im Augenblick aber recht gut eingedämmt und global auf dem absteigenden Ast; Probleme bereitet derzeit vor allem der religiöse Fanatismus.

    Comment von Karsten — 9. 1. 2006 @ 16:28

  7. Aber obwohl sie tendenziös schreiben, scheinen sie mir bei den Fakten relativ sicher zu sein; also verlinke ich solche Informationen trotzdem.

    Klar kannst du die verlinken. Ist halt eine Geschmacksfrage, ob man sich die Fakten zwischen der oft dumpfen Polemik heraussuchen mag.

    Quantität kann sich schnell verändern.

    Gegen wachsame Aufmerksamkeit gegenüber christlichen (oder sonstigen) Fundamentalisten habe ich nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

    Comment von Boche — 9. 1. 2006 @ 20:46

  8. Übrigens gibt es noch einen fundamentalen Unterschied:
    Robertson ist ein Teilnehmer am Wert-Markt, der fundamentalistische “Produkte” unter Wahrung der Marktregeln anbietet.
    Die herrschenden islamischen Fundis haben den Markt abgeschafft und herrschen total.

    Comment von Boche — 10. 1. 2006 @ 10:39

  9. Hm, das würde ich nicht als neuen Einwand bezeichnen, sondern nur als eine Neuformulierung des bereits oben angesprochenen Unterschiedes zwischen einem freiheitlichen und einem totalitären System mit dem Vokabular der Wirtschaftswissenschaften. Was du sagst, ist wahr, aber nicht neu. :)

    Comment von Karsten — 10. 1. 2006 @ 12:35

  10. Es gibt halt nichts Neues unter der Sonne. ;-)

    Comment von Boche — 10. 1. 2006 @ 13:34

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