The right deed for the wrong reason
Gefunden in der Kommentarspalte der Kollegen Statler und Waldorf:
“Der Vergleich zwischen christlichen und islamischen Fundamentalisten taucht ja in regelmäßigen Abständen aus allen politischen Richtungen auf. Wenn das Christentum dabei besser wegkommt (was ja keineswegs immer der Fall ist), wird dies allein auf die Aufklärung, manchmal noch auf die Reformation geschoben.
Unbestreitbar: Luther und den Auklärern verdankt das Christentum gewaltiges. Dennoch glaube ich, dass es einen Unterschied zwischen den islamischen und den christlichen Fundamentalisten gibt, den es auch schon vorreformatorisch gab: Der islamistische Terror verbreitet seinen Schrecken v.a. durch Selbstmordattentate. Und das unterscheidet: Terror - v.a. in dieser perfiden Form - ist dem Christentum m.E. wesensmäßig fremd. Um nicht missverstanden zu werden: Ich will damit keineswegs behaupten, dass Terror wesensmäßig zum Islam gehöre, aber ich glaube, dass die Abgrenzung für den Islam schwerer ist, da ja offensichtlich ein Heilsgewinn durch diese Selbsttötung, die andere mit in den Tod reißt, von Gruppen angenommen wird.” - Joachim Kretschmar
Der “islamistische Terror”, das schreibt ja auch Joachim, ist kein typisches Wesensmerkmal muslimischen Lebens. Auch der Islam schätzt den Helden mit offenem Visier weitaus mehr als den feigen Attentäter aus dem Hinterhalt; auch ein als kriegerischer Gott verstandener Allah wünscht sich seine Gefolgsleute als mutige Kämpfer, weniger als feige Terroristen. Der Übergang zum Terrorismus ist nicht aus religiösen, sondern aus rein praktischen Gründen geboren: Der Islamofaschismus verfügt weder über die Kopfzahlen noch über das militärische Gerät, um sich mit seinen Feinden einen offenen Kampf zu liefern. Nur die Guerillataktik, also der menschenverachtende Terrorismus, bietet ihnen eine Chance, sich gewalttätig mit dem Westen und den friedliebenden Muslimen auseinanderzusetzen. Ähnlich war die Situation auch für die Republikaner in Irland, die ebenfalls oft mit dem Gedanken an Märtyrertum und heilige Pflichten in den Tod gingen (und auch Zivilisten dorthin mitnahmen). Ebenso in manchen Phasen des Ustascha-Klerofaschismus in Kroatien, der seine Religion ebenfalls mit Terror und entsetzlichen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung durchsetzen wollte.
Natürlich, diese Gruppierungen und Einzeltäter werden vom überwiegenden Teil der heutigen Katholiken nicht als echte Vertreter ihrer Glaubensrichtung anerkannt. Kein hoher Vertreter der katholischen Kirche käme heute noch auf die Idee, ihnen die Heiligkeit ihrer Absichten und Taten zu bestätigen. Doch auch das war einmal anders. Zu Zeiten der Kreuzzüge waren es nicht allein die Muslime, die im selbstsüchtigen Kampf um die Heiligen Stätten das Märtyrertum suchten; auch den christlichen Rittern war die direkte Fahrkarte ins Paradies versprochen worden, wenn sie während eines Kreuzzuges ums Leben kämen. Und das nicht von irgend jemandem, sondern vom höchsten Vertreter ihres Glaubens, dem Papst. “Wesensmäßig fremd” sind Selbstopfer und religiös inspirierter Massenmord dem Christentum also nicht.
Ob es nun die Aufklärung war, die Reformation oder ein neues Verständnis des Glaubens, das das Christentum aus sich selbst geboren hat, kann ich nicht beurteilen - ich muss aber zugeben, dass diese Todessehnsucht und das aktiv herbeigeführte Selbstopfer im modernen Christentum wirklich keine Rolle mehr spielen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist ein völlig anderes Verständnis des Märtyrertums: Für einen modernen Christen darf ein Märtyrer keine selbstsüchtigen Gedanken an den Eingang in das Paradies haben, und vor allem ist er verpflichtet, vor dem Selbstopfer jeden anderen Weg zur Erhaltung seiner religiösen Pflichten zu gehen. Nur aus der absoluten Unausweichlichkeit des Schicksals kann ein christlicher Märtyrer entstehen.
T.S. Eliot formulierte diesen Anspruch auf wunderbare Art in seinem Stück “Murder in the Cathedral“, das sich mit den letzten Tagen des Heiligen Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, beschäftigt (übrigens eine moderne Bearbeitung des Themas - 1171 verstand man die Sache noch anders. Als Sühne für den Mord an Becket bezahlte König Henry 200 Ritter dafür, im Heiligen Land im Namen Gottes zu töten und zu erobern):
“The last temptation is the greatest treason:
To do the right deed for the wrong reason.”
Und genau aus diesem Grunde war die Jungfrauen-Karrikatur auch die einzige, die ich gelungen fand - weil sie auch gläubige Muslime zum Nachdenken darüber hätte bringen können (und müssen), ob ein fanatisierter junger Mann, der mehr an sich, seinen Ruhm und seine Belohnungen im Paradies denkt, ein richtiger Märtyrer sein kann, oder ob er nicht vielmehr den größten Verrat an seinem Gott begeht, der denkbar ist.










“Wesensmäßig fremd” sind Selbstopfer und religiös inspirierter Massenmord dem Christentum also nicht.
Kommt drauf an, was man unter “Christentum” versteht: Die Botschaft des Mannes aus Nazareth oder die Praxis von Organisationen, die sich auf ihn berufen.
Der Punkt ist: Mit Jesus lässt sich Gewalt gegen Andersgläubige überhaupt nicht in Verbindung bringen, mit Mohammed dagegen durchaus.
Comment von Rayson — 21. 2. 2006 @ 12:18
Tja, da liegt eben der Nachteil eines historischen Religionsstifters gegenüber einem eher mythischen. Denn während Leben, Handeln und Sterben Mohammeds ganz hervorragend historisch dokumentiert sind, gibt es über den historischen Jesus praktisch keine Belege. Das führt dazu, dass das Christentum in seiner Auslegung wesentlich flexibler ist - aber auch dazu, dass wir uns bei der Beurteilung der Lehre Jesu sehr stark auf die Praxis der Organisationen stützen müssen, die sich auf ihn berufen. Und die hat eben ihre gewalttätigen ebenso wie ihre friedliebenden Aspekte.
Comment von Karsten — 21. 2. 2006 @ 13:51
Ich würde ohnehin dafür plädieren, nur die religiöse Praxis in Betracht zu ziehen und nicht mit irgendwelchen rückständig-brachialen oder modern-menschlichen Versen aus den jeweiligen zugrundeliegenden Schriften zu argumentieren - es sei denn, diese werden auch von den Religiösen Gruppen als Grundlagen ihres Handelns angeführt. Obwohl nämlich z.B. das alte Testament einiges an fiesen Strafvorschriften zu bieten hat, habe ich schon lange nichts mehr von Steinigungen und dgl. in jüdischen Gemeinden gehört.
Comment von David — 23. 2. 2006 @ 22:54
“schon lange nichts mehr” soll heißen “nie”, was unsere Zeit betrifft.
Nicht, daß das noch einer falsch versteht…
Comment von David — 23. 2. 2006 @ 22:56
//Kommt drauf an, was man unter “Christentum” versteht: Die Botschaft des Mannes aus Nazareth oder die Praxis von Organisationen, die sich auf ihn berufen.//
Richtig!
//aber auch dazu, dass wir uns bei der Beurteilung der Lehre Jesu sehr stark auf die Praxis der Organisationen stützen müssen, die sich auf ihn berufen.//
Falsch!
Comment von Ben Kalenol — 16. 6. 2006 @ 14:19