Klerikale Gewalt auch nebenan
Angesichts der theokratischen und totalitären Entwicklungen im Nahen Osten sind viele Blogger dazu übergegangen, die politische Haltung, die die Hamas, aber auch der iranische Präsident verkörpern, als “Islamofaschismus” zu bezeichnen. Zwar ist diese Klassifizierung durchaus ein wenig zweifelhaft, in Analogie zum Klerofaschismus des Ante Pavelic im Kroatien des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts scheint sie aber nicht vollkommen falsch zu sein. Eine totalitäre, nach den Regeln und Gesetzen einer einzelnen Religion aufgebaute Gesellschaft, die diese mit Gewalt und absoluter Kontrolle über das Privatleben aufrecht erhält, darf und muss durchaus auch mit starken Worten gekennzeichnet werden.
Nach wie vor bleibt aber darauf hinzuweisen, dass auch hier in der EU, in unserer direkten Nachbarschaft, klerikal-totalitäre Tendenzen existieren. Was sich bereits vor der Wahl in Polen andeutete, wird langsam zur traurigen Gewissheit: Die polnische Politik und Gesellschaft verabschieden sich vom Konsens des Liberalismus und der Aufklärung und wenden sich stattdessen einem mittelalterlichen Katholizismus zu, der in Hass, Gewalt und Ausgrenzung gegen alle gipfelt, die sich nicht dem religiös begrenzten Welt- und Menschenbild unterwerfen wollen. Sei es Gewalt gegen Homosexuelle, die von politischen Kreisen unterstützt und angestachelt wird, oder der indirekte Aufruf zum Kreuzzug gegen den Islam - in Polen werden derzeit alle Register gezogen, um die Stimmung aufzuheizen und die Gesellschaft im Hass gegen alles “Fremde” gleichzuschalten.
Doch die EU bleibt erstaunlich ruhig; es ist kaum Kritik an den Entwicklungen in unserem östlichen Nachbarland zu hören. Waren die Österreicher für eine Regierung mit der rechtsorientierten FPÖ noch öffentlich gescholten und mit Ausgrenzung belegt worden, können die Polen mit der stillschweigenden Duldung ihres Verhaltens rechnen. Vielleicht ist es ein Eingeständnis der eigenen Schwäche, vielleicht auch der Wunsch, die Polen nach dem Konflikt um den Irakkrieg nicht noch weiter zu verärgern - auf jeden Fall aber verrät die Union hier ihre eigenen Ideale von Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Aufklärung. Wir knicken an allen Fronten ein: islamischer und christlicher Fundamentalismus schreiten mit großen Schritten über unseren Kontinent, und der Liberalismus ist überall in die Defensive geraten. Eine bedrohliche Entwicklung für uns und unsere Lebensweise.










Ich möchte nun wirklich nicht relativierend wirken aber meinst du, dass hier schon von Vergleichbarkeit des Totalitären gesprochen werden kann?
Sicher ist es besorgniserregend, wenn es stimmt, dass die Polizei nur zögerlich reagiert, und sicher geben homophobe Demagogen auch Anlass zur Kritik.
Aber so lange Staat, Gerichte und Polizei funktionieren und gegen die Gewalttäter vorgehen, kann von einer totalitären Tendenz doch noch keine Rede sein.
Comment von Boche — 6. 3. 2006 @ 10:57
Vergiss nicht, dass es der Präsident und die Regierungsparteien sind, die an der Spitze dieser Bewegung stehen. Lech Kaczynski hat als Bürgermeister von Warschau öffentliche Auftritte von Schwulen verboten und mehrfach kundgetan, dass man “diese Leute” in Polen nicht haben wolle.
Und wirf mal einen Blick auf die Geschichte des Bauernführers Andrzej Lepper, auf den sich die Regierung nun stützt; sie ist voll von Geld- und Haftstrafen für politische Gewaltakte auf dem Lande, wo man seines Lebens nicht sicher ist, wenn man sich Leppers Kurs widersetzt.
Wenn die höchsten Positionen des Staates von Antiliberalen und Antidemokraten besetzt sind, die ihre eigenen Schlägertrupps im Lande unterhalten, ist die Gefahr groß, dass die Tage der Demokratie gezählt sind.
Comment von Karsten — 6. 3. 2006 @ 11:40
Dass die Gefahr besteht, bestreite ich gar nicht. Was sich da im finster-katholischen Milieu tummelt, erscheint mir auch äußerst suspekt.
Allerdings denke ich, dass die Einbindung in Europa und z.B. den Europarat Schlimmstes verhindern hilft. Wachsamkeit ist sicher angebracht und in sofern finde ich deinen Artikel wertvoll, trotz der aus meiner Sicht (noch) überzogenen Parallelen.
Comment von Boche — 6. 3. 2006 @ 14:15
Eine gewisse Überspitzung will ich ja gar nicht abstreiten. :)
Comment von Karsten — 6. 3. 2006 @ 22:21
indirekte Aufruf zum Kreuzzug
Brauchst du einen neuen Zollstock zum Justieren deines Maßstabs?
Wer sich etwas mit der Geschichte mitteleuropäischer Länder beschäftigt, wird immer wieder auf einen Land-Stadt-Gegensatz stoßen, der entlang politischer Linien verläuft. Die eher liberalen Städter werden dort von einer extrem konservativen bis reaktionären Landbevölkerung misstrauisch beäugt. Dass erstere zu den Gewinnern und letztere zu den Verlierern der Umgestaltungen der letzten 15 Jahre gehören, erleichtert die Sache nicht gerade.
In Polen kommt noch dazu, dass die katholische Kirche eine besondere Bedeutung als nationales Bollwerk gegen den von außen aufgezwungenen Sowjetkommunismus erlangt hat. Dass Menschen wie die Kaczynskis, die unter den Kommunisten verfolgt wurden, ein besonders inniges bis irrationales Verhältnis zum Katholizismus aufgebaut haben, verwundert da nicht.
Den Menschen in Mittel- und Osteuropa hat die Geschichte besonders viel zugemutet - Fremdherrschaft war die Regel, und der real existierende Sozialismus hat ihre Länder so sehr ausbluten lassen, dass viele Menschen jetzt in einer Armut leben, die jeden Hartz-IV-Empfänger beschämen müsste. Die Erwartungen dort sind besonders groß, und der Kontrast zur Wirklichkeit ist es auch. Mit ziemlicher Regelmäßigkeit wird dort bei jeder Wahl die vorherige Opposition gewählt - totalitäre Züge können so nicht entstehen.
Comment von Rayson — 6. 3. 2006 @ 23:08
Eine Kampagne, die von Moslems getötete Christen als Märtyrer auf öffentliche Plakatwände bringt, halte ich nicht gerade für ein Symbol der religiösen Verständigung, Rayson - es ist eine Aufforderung, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. So empfinden es offenbar auch viele Polen.
Und da hast du schon recht, noch kann man nicht wirklich von Totalitarismus reden. Warten wir ab, inwiefern der Populismus der Regierungskoalition ihnen eine dauerhaftere Position an der Macht verschaffen kann. Solange man die Ausländer und die Globalisierung nebulös verantwortlich machen kann für alles Übel, das dem eigenen Land widerfährt, kann man auch Menschen verführen. Totalitär also (noch?) nicht, antiliberal und “nicht sonderlich demokratisch” aber schon.
Comment von Karsten — 7. 3. 2006 @ 0:02
Opfern ein Gesicht zu geben, ist ein Aufruf zur Gewalt?
Etwas weit hergeholt, oder?
Comment von Boche — 7. 3. 2006 @ 10:03
Nein. Warum sonst sollte man eine Ansammlung von “Märtyrern” überall plakatieren (und auch eben so bezeichnen)? Welchen Zweck verfolgt jemand, der so etwas tut? Er will zumindest den Hass schüren.
Comment von Karsten — 7. 3. 2006 @ 10:38
Will ai den Hass schüren? Die machen auch ab und zu mal Kampagnen mit bestimmten politischen Gefangenen.
Und ein Märtyrer ist einfach jemand, der für seinen Glauben leiden oder gar sterben muss. Christlicher Märtyrer kann man übrigens nur durch passives Erleiden werden.
Comment von Rayson — 7. 3. 2006 @ 11:15
Genau das habe ich einige Beiträge weiter unten auch geschrieben, muss ich eingestehen. Sorgen machen mir diese Nachrichten aus Polen dennoch, aber in dem Punkt hast du natürlich Recht.
Comment von Karsten — 8. 3. 2006 @ 9:51