14. 3. 2006

Staatliche Aktionskunst

Zur breiten Diskussion um die Aktionskunst in der Synagoge von Pulheim-Stommeln lässt sich eigentlich nicht mehr viel beitragen - die Frankfurter Rundschau war so freundlich, eine breite Auswahl von Kommentaren zu präsentieren. Da ist etwa zu lesen, dass Ralf Giordano die Aktion des Spaniers Santiago Sierra als eine “Niedertracht sondergleichen” empfindet, Henryk Broder hingegen als eine “gigantische Geschmacklosigkeit”. Wo schon Christoph Schlingensief meint, die Aktion sei ihm “zu platt”, müssen sich wohl fast alle einig sein: Sie trifft nicht das Kunstempfinden der Allgemeinheit, vermutlich nicht einmal das einer nennenswerten Minderheit. Was Sierra tut, dient wohl eher der Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit (die er ja auch selbst als Antrieb seines Treibens benennt).

Nun mag es ja sein, dass er seine Aktion als Kunst empfindet - und unser Grundgesetz erlaubt ihm das durchaus auch. Der Fall zeigt damit aber wieder einmal, wie der staatliche Auftrag zur Förderung der Kunst einerseits und die absolute Freiheit unseres modernen Kunstbegriffs sich zu allergrößten Verwirrungen zusammenballen. Eine freie Kunst entsteht nämlich im kulturellen Zusammenwirken Einzelner, im Chaos der Kreativität, wo abseitige Kunst eben genau das bleibt: abseitig. Wo aber der Staat massiv öffentliche Gelder einsetzt, um “die Kunst” oder “die Kultur” zu fördern, muss es zwangsläufig einen festen Kunstbegriff geben. Oder die Mittel werden (wie in Pulheim) zur Förderung abseitiger, besonders “elitärer” Kunst eingesetzt.

Und so sind es bei den Menschen auf der Straße in Pulheim auch sehr konkrete Fragen, die sich aufdrängen. Welche Kosten hat wohl die Aktion für die Stadtkasse verursacht? Wer bezahlt nun Sierras Flug aus Spanien, damit er mit den Kritikern vor Ort diskutieren kann? Wer kam auf die unselige Idee, die die Stadt nun schon (via Blogosphäre) einem amerikanischen Publikum bekannt werden lässt? Vielleicht fragt sich der eine oder andere dann auch einmal, wie viel Sinn es macht, die Förderung der Kultur einfach dem Staat (und damit wenigen Entscheidungsträgern) zu überlassen.

Nachtrag: apollon von finger.zeig.net findet es ebenfalls gut, wie Schlingensief sich geäußert hat. Er hat noch umfangreichere Zitate aus dem Interview zu bieten. Außerdem hat die Netzeitung noch einige Detailinformationen zu bieten, die in anderen Artikeln nicht auftauchen, unter anderem einige Zitate von Pulheims Bürgermeister Karl August Morisse.

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