Gedenken in Gasmasken?
Die Fragen, die sich nach unseren Recherchen die Menschen in Pulheim stellen, beginnen sich langsam aufzuklären. Wie der Kölner Stadtanzeiger am Mittwoch berichtete, wurde die Installation des Spaniers Santiago Sierra von der Provinzial-Versicherung “unterstützt” - aber auch ins Stadtsäckel ist sehr tief gegriffen worden. 15.000 Euro, so berichtet die Zeitung, habe sich Pulheim die Aufsehen erregende Aktion kosten lassen. Und das in einer Stadt, die mittlerweile an allen Ecken und Enden spart. Ob Schreibmaterial für die städtischen Bediensteten oder die Förderung für Vereinsleben, Sport und Jugendarbeit, überall hat Bürgermeister Karl August Morisse entschlossen den Rotstift angesetzt.
Im kleinen Ortsteil Sinnersdorf etwa steht derzeit der Altenclub vor dem Aus, der für viele alte Menschen die wichtigste Chance für Sozialkontakte darstellt. Mit viel Engagement und der Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter hat man jahrelang für Beschäftigung und Freude bei den Senioren gesorgt; Finanzmittel hatte der Altenclub aber noch nie zur Verfügung. Brauchte er bisher auch noch nicht - doch wenn der Club nun nicht nur Miete für die Schulaula zahlen muss, in der seine Versammlungen stattfinden, sondern sogar noch 50 Cent Miete für jeden benutzten Stuhl entrichten, dann sieht es düster aus für die älteren Herrschaften und ihre Treffen.
Schon lange murrt man in Pulheim, dass zwar überall gekürzt wird und die Gebühren steigen, die hochverschuldete Stadt sich aber auch mal eben ein neues Kulturzentrum für mehrere Millionen Euro gegönnt hat. Dieses wird von den Ortsansässigen (vor allem wegen der Architektur, aber auch wegen der exklusiven Ausstattung) gern “Tempel” genannt. Damit konnte man sich aber allgemein noch abfinden, sicher auch wegen der Aussicht, nun eine wunderschöne neue Bücherei im Ortskern nutzen zu können. Dass aber etliche Tausend Euro für Aktionskunst ausgegeben werden, die nur ein kleines Stück vom Stommelner Kinderhort entfernt betrieben wird, dafür haben die meisten kein Verständnis mehr - denn der Hort wird schon sehr bald aus Kostengründen geschlossen werden. Ob die Stadt wohl noch weiß, wo bei kommunalen Aufgaben die Prioritäten liegen sollten?
Völlig unangemessen sind hingegen die Reaktionen mancher Journalisten und Kommunalpolitiker, die nun schon von “Zensur” sprechen. Ihnen, darunter auch die FDP-Fraktionschefin im Pulheimer Rat, Luzia Kilias, muss man empfehlen, sich mit solchen Kampfbegriffen etwas zurückzuhalten. Zensiert man einen Künstler, wenn man ihm nicht erlaubt, ein Gotteshaus für seine Installationen zu missbrauchen? Vor allem, wenn diejenigen, die den dort verehrten Gott den Ihren nennen, ganz und gar nicht mit der Installation einverstanden sind, weil sie ihnen zu banal und beleidigend ist? Frau Kilias scheint das so zu empfinden, denn sie kritisiert, man habe zu schnell dem Druck “aus einer bestimmten Richtung” nachgegeben. Welche “bestimmte Richtung” sie damit wohl meint? Ob sie weiss, aus welcher (vermutlich unerwünschten) Richtung ihr da Zustimmung zuteil werden wird? Und warum hat man nicht schon vorher in diese Richtung gefragt, ob man dort mit dieser Form des Gedenkens einverstanden ist?
Im Rahmen der Attacken auf ehemalige Synagogen im Gazastreifen betonte der orientalische Oberrabbiner, Schlomo Amar, dass sogar die Ruinen von Synagogen ihre Heiligkeit bewahren. Außerdem darf eine aufgegebene Synagoge auch später keinem schmutzigen, stinkenden oder unsittlichen Verwendungszweck zugeführt werden. Doch das Gebäude in Stommeln wird - wie Heinz-Peter Katlewski in einem Leserbrief an den Stadtanzeiger anmerkt - sogar nach wie vor gelegentlich als Synagoge benutzt, unter anderem von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln. Mit Recht fragt Herr Katlewski, wie sich wohl die christlichen Leser fühlen würden, wenn ihre eigene Kirche, der Ort, wo sie geheiratet haben und ihre Kinder getauft wurden, in solcher Art und Weise genutzt würde. Ob ihnen der Gedanke wohl gefallen würde, dass sie in ein paar Wochen in einem Raum beten, der noch vor kurzem eine improvisierte Gaskammer darstellte? Bedenkt man, wie schwierig es ist, ein gewöhnliches Rockkonzert in einer Kirche zu veranstalten, darf man das wohl bezweifeln.
Und schließlich: Welchen Wert soll eine Installation wie die Synagogenvergasung eigentlich für die Erinnerungskultur haben? Dass es den Holocaust gegeben hat, ist so ziemlich die einzige Erinnerung, die es wecken könnte - es bietet weder Fakten und Informationen noch einen wirklichen Blick auf das Grauen, wie man ihn etwa durch einen Besuch in einer der echten Gedenkstätten erlangt. Stattdessen verkommt die Erinnerung hier zum Kitzel einer außergewöhnlichen Aktion. Vor allem zu diesem stolzen Preis ist das eine Form des Gedenkens, die wir nicht brauchen und die die Nachkommen derer, denen gedacht werden soll, auch nicht haben wollen. Warum also?
Nachtrag: Zu Sierra im Allgemeinen und der Hilflosigkeit, mit der dieser sich zu groß geratenen Themen widmet, hat Andreas Ullrich bei der Freiheitsfabrik einige sehr lesenswerte Zeilen verfasst.










Ein klassisches Beispiel, wie der Staat mit Kulturförderung umgeht…
Ich kann mich noch gut an mein allererstes Rockkonzert erinnern. Ein Pfarrer hat uns seine Kirche zur Verfügung gestellt. Bedingung: Keine unchristlichen Themen in unseren Songs, und Umbauten (Bänke etc wegschaffen und wieder hinstellen) mussten wir selber machen.
5 Mark Eintritt für 3 Rockbands an einem Abend. Der Saal war voll, ca 450 Besucher.
Eine friedliche Rockparty, sogar der Pfarrer selbst hat “mitgeschunkelt”.
Solche Angebote scheinen heute eher selten zu sein.
Einige Zeit später hat derselbe Pfarrer mir ein wichtiges Schreiben für meine KDV ausgestellt, und das, obwohl ich nicht mal zu seiner Gemeinde gehörte…
Was aber staatliche Stellen an Kulturangeboten bieten, sah man schon früher oft: Die Fettverschmierte Badewanne von Josef Beuys zum Beispiel. Ich gratuliere der Putzfrau heute noch, die dieses “Kunstwerk” zerstört bzw gründlich gereinigt hat. Und den verantwortlichen Kulturbeauftragten, der dieses Kunstwerk finanziert hat, würde ich heute noch zur Verantwortung ziehen und Regressansprüche bei ihm persönlich geltend machen.
Dass z.B. Hohenschönhausen als Mahnmal erhalten wird, finde ich durchaus sinnvoll, dass aber die Wagnerfestspiele weiter staatlich subventioniert werden, auf Kosten aller Steuerzahler, und trotzdem nur einem begrenztem Publikum zugänglich gemacht werden, ist dagegen völlig daneben.
Etwas mehr Jugendförderung fände ich wünschenswerter als die sogenannte Kulturförderung.
Comment von Klaus Lenz — 19. 3. 2006 @ 18:57
@Lenz
Zerstören ist immer Scheisse. Ob der Staat durch Abzocke die alternativen Verwendungsmöglichkeiten des Abgezockten zerstört oder eine Putzfrau die (wie auch immer willkommenen) Ergebnisses des vollzogenen Abzockens: es ist Vergeudung von fremdem Eigentum. Und die Putzfrau vergeudet restlos! Sie vollzieht nur endgültig den staatlichen Enteignungswillen. Kein Grund zum Jubeln.
Gruss
Andreas
Comment von Andreas Ullrich — 19. 3. 2006 @ 22:06
Andreas,
überwiegend würde ich dir da zustimmen - außer, dass die Putzfrau ja keine zerstörerische Intention hatte, sondern nur sauber machen wollte. Was deutlich vor Augen führt, wie schwer die Kunst von Beuys für einen “normalen” Menschen als solche zu erkennen ist. Nur an der Tatsache, dass sie sich im Museum befindet, könnte man sie identifizieren.
Comment von Karsten — 19. 3. 2006 @ 22:35
Weder bin sachverständig für Kunst noch für Finanzen und wo die Stadt Pulheim ist, müsste ich auch erstmal nachschlagen. Aber in vielen Fällen ist es so, dass zweckgebundene Etats aufgebraucht werden müssen, damit sie im nächsten Jahr wieder in gleicher Höhe bewilligt werden.
Ich möchte aber mal folgendes grundsätzlich in den Raum stellen, nämlich dass Deutschland so pleite gar nicht sein kann. Zwar macht man bei den Sozialversicherungen ein Riesengewese im Promillebereich, beharkt sich deswegen im Bundestag - aber die neubeschaffungen der Bundeswehr bis 2015, die mit ca. 150 Milliarden Euro veranschlagt werden, stehen völlig ausser Diskussion.
Wir knausern am Bildungssystem und legen uns statt dessen die Kapazitäten zu, militärisch ein Global Player zu werden. Wir verkünden den alten Menschen, dass deren Renten nicht angepasst werden und bestellen lieber für 80 Milliarden Euro den Eurofighter.
Investitionen in die Rüstung armortisieren sich nicht, gleichzeitig sind sie aber jenes Konjunkturprogramm, dass in allen anderen Fällen strikt abgelehnt wird.
Nicht, dass ich Rüstung für überflüssig halte, aber es ist ein Indiz für mich, dass die Kassen nicht so leer sind, wie man uns weismachen will.
Comment von Olaf Petersen — 20. 3. 2006 @ 5:33
Pulheim liegt unmittelbar nördlich von Köln im schönen Rheinland - unser Ministerpräsident Rüttgers kommt von hier.
Das mit den zweckgebundenen Etats ist mir durchaus bekannt - und mit Oswald Metzger bin ich der Ansicht, dass das staatliche Rechnungswesen mit doppelter Buchführung statt Kameralistik sowie Controlling statt Budgetierung schon erhebliche Schritte voran machen würde; so aber halten wir uns weiter zur Verschwendung bereit.
Wie wäre es übrigens mit der Theorie, dass die Kassen eben doch so leer sind wie gedacht - und der eine oder andere, der die Mittel und die Macht dazu hat, sich und seinen Freunden gern die letzten verbliebenen Mittel sichern will, bevor das Licht ausgeht?
Comment von Karsten — 20. 3. 2006 @ 9:02