22. 3. 2006

Oder hatten sie doch recht?

Meine Umgebung ist sehr islamkritisch, teils würde ich sie sogar islamophob oder islamfeindlich nennen. Das gilt sowohl für meine “politischen Nachbarn” hier im Internet als auch für die Menschen, mit denen ich im täglichen Leben zu tun habe. Ob es sich nun um liberale und konservative Blogger handelt, die von Islamofaschismus sprechen und schon lange vor den Mohammed-Karikaturen aus Dänemark dazu aufriefen, die besten Witze über den Islam einzusenden - oder ob es ein älterer Verwandter ist, mit dem ich gern über Politik diskutiere und der immer darauf hinweist, dass “der Islam die Welt beherrschen” will: Ich höre mir jeden Tag eine Menge an, was ich nicht unwidersprochen stehen lassen mag.

Ich verweise auf muslimische Freunde und Bekannte, die ganz und gar nicht so denken und auftreten wie Taliban und Terroristen, erzähle von Moscheen, in denen zu religiösem Frieden aufgerufen und der Terror verdammt wird. Sehr oft habe ich schon argumentiert, dass man Religionen eben so und so auslegen kann und dass auch das Christentum schon zur Grundlage für Gewalt, Kreuzzüge und Hass genommen wurde. Sicher viele hundert Male habe ich nun schon gegen die Auffassung angekämpft, dass der Islam zum friedlichen Miteinander nicht fähig ist und dass er jedem Gedanken an Religionsfreiheit im Wesen entgegensteht. Muslime sind Menschen wie du und ich, ist die Botschaft, die ich dabei stets vermitteln möchte: Sie wünschen sich Frieden und ein ruhiges, tolerantes Zusammenleben.

Doch es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob meine Diskussionsgegner nicht doch recht haben, ob wir mit der überwiegenden Mehrheit der Muslime nicht wirklich gewalttätige, fanatische und intolerante Nachbarn haben, die die globale Herrschaft ihrer eigenen Religion mit aller Gewalt durchsetzen wollen und dabei vom dummen und blinden Westen auch noch tatkräftige Unterstützung erhalten. Heute ist so ein Tag.

Zum Nachdenken hat mich ein Kommentar von Claus Christian Malzahn von SpOn gebracht, den ich in einem Posting beim Luclog gefunden habe.

Malzahn schreibt:

Zwölf Karikaturen in einer dänischen Zeitung waren für radikale Muslime Grund genug für blutige Krawalle. Jetzt droht einem zum Christentum konvertierten Mann in Afghanistan die Todesstrafe. Der Westen soll sich raushalten, meinen die Afghanen. Wie bitte?

Und recht hat er ja. Viele Muslime, nicht nur im Nahen Osten, beanspruchen für sich selbst das Recht auf Gewalt, auf Zensur und Terror, nur weil ein paar Karikaturen veröffentlicht wurden. Sie bestehen aber selbst darauf, dass der Westen kein Recht hätte, sich zu einer Hinrichtung zu äußern, die jedem Gedanken an die Menschenrechte widerspricht, denen ihre Staaten Lippenbekenntnisse geliefert haben. Mit erschreckender Doppelzüngigkeit haben die afghanischen Verfassungsväter sich zur Religionsfreiheit bekannt - gleichzeitig aber die Scharia durch die Hintertür mit in die Verfassung aufgenommen. Das lässt einen schon darüber nachdenken, ob der Islam nicht doch auf jede Art und Weise, ob durch Gewalt oder List, nach Dominanz über andere Religionen strebt.

Zum Glück hilft mir Google wieder einmal dabei, diese Sorgen etwas kleiner werden zu lassen. Denn der Islamrat für die BRD, vertreten durch den Vorsitzenden Ali Kizilkaya, zeigt in einer öffentlichen Äußerung (in der Netzeitung), dass auch für Muslime Religionsfreiheit und Toleranz nicht im Widerspruch zu ihren religiösen Ansichten stehen müssen. “Religion ist Überzeugungssache” so Kizilkaya, der die afghanische Justiz zur Einstellung des Verfahrens aufrief und forderte, auch in muslimischen Ländern möge der Religionswechsel ohne gesetzliche Einschränkungen möglich sein. Inschallah!

Nach wie vor bleibt es also wichtig, dass wir in ständigem Gespräch mit den islamischen Gemeinschaften hierzulande bleiben und dabei jene unterstützen, die sowohl Allah als auch die Menschenrechtskonventionen und die bürgerlichen Freiheitsrechte ehren und achten wollen. Zu nennen wäre hier auch Ayyub Axel Köhler, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der die Gewalt nach der Karikaturenveröffentlichung als “unislamisch” brandmarkte. Auch diesmal hat sich der ZMD eindeutig positioniert und fordert, dass auch der Islam Konvertiten und ihre Überzeugungen respektieren müsse. Man sieht also: So einfach, Muslimen generell die Fähigkeit zu religiösem Miteinander abzusprechen, kann man sich die Sache nicht machen. Ein großer Fehler wäre es, diese Stimmen zu überhören und nur auf das gewalttätige Getöse aus islamistisch geprägten Weltregionen zu hören; eine Chance hingegen, gemeinsam mit ihnen vielleicht die Ideen von Toleranz und Aufklärung auch dort allmählich zu verbreiten.

Was nun allerdings den Fall Abdul Rahman angeht, wird es im Falle einer Verurteilung eine echte Nagelprobe für Hamid Karsai geben. Begnadigt er Rahman nicht, stellt sich automatisch die Frage, welchen Sinn die ISAF-Truppen überhaupt noch haben - ob der Islamofaschismus nun unter einem polyglotten Ölmanager oder einem ungewaschenen Mudschaheddin-Scheich floriert, bleibt sich im Ergebnis gleich. Dann könnten wir uns auch gleich viel Geld und Mühe sparen und einfach zusehen, wie die Anhänger des Letzteren dem Vorgenannten den Kopf abschlagen.

Weitere Meinungen haben euroneuzeit, Rayson (kurz und knackig) und Gunnar Schupelius bei “Libertas Cara” zu bieten. Auch Lutz Büge vom FR [blog] beschäftigt sich mit der Frage der muslimischen Integrations- und Toleranzfähigkeit.

22 Kommentare »

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  1. Das mit dem Auslegen ist beim Islam, nicht so einfach wie bei anderen Religionen.
    Weil genau das eigentlich verboten ist. Und es ist ein Unterschied ob der Religionsstifter Räuberhauptmann und Kriegsherr war oder ein weltabgewandter Asket.

    Der Punkt wo man das auseinander dividieren kann ist dann aber wieder ähnlich wie beim Christentum. Es gibt auch Haufenweise Taufschein Christen die keine Ahnung von der Religion haben, und alles ziemlich Locker sehen für die sind es nur ein paar Riten wie die weiße Hochzeit und Weihnachten mit Geschenken was sie als Christen charakterisiert. Das sind aber eigentlich gar keine Christen. Und ähnlich ist das auch bei Muslimen. Man darf eigentlich nicht alles als Muslim bezeichnen was sich manchmal selbst subsumiert.

    Das eigentliche Problem besteht darin das solche religiösen Konstrukte immer in ihren Rändern den Hang zum Fanatismus in sich tragen, da sie von einer allgemein gültigen Wahrheit ausgehen. Und diese Gefahr strahlt von den fanatischen Rändern, auf die eher moderaten Gruppierungen aus. Und bei einer Konfrontation radikalisieren sich alle Parteien.

    Ich gehe nicht davon aus, daß dies vermeidbar ist. So ist einfach der Lauf der Dinge. Mann kann sich nicht in die Mitte stellen und unparteisch abwarten, nur Entschiedene Reaktionen führen überhaupt zu irgendeiner Bewegung. Die Mitte hat keine Funktion

    Comment von Luc — 22. 3. 2006 @ 21:15

  2. Nun, wenn du mal die Evangelikalen fragst, dann erlaubt auch die Bibel keinerlei Auslegung; “Wort für Wort Gottes Botschaft an die Menschen”.

    Ich gehe übrigens davon aus, dass viele dieser “Taufschein-Christen” die Botschaft des Christentums besser verstanden haben als jemand, der im Namen Jesu Konflikten und Krieg Vorschub leistet. Ebenso, wie ich mir den Islam lieber von Kizilkaya als von Muktada al-Sadr erläutern lasse.

    “Die Mitte hat keine Funktion”? Das halte ich, deutlich gesagt, für bescheuert. Wer auf historistische Art und Weise eine “unvermeidliche Radikalisierung” prophezeiht, der macht sich an ihrer Herbeiführung selbst mit schuldig. Wir Menschen haben die Wahl und den freien Verstand, und ich bin davon überzeugt, dass die meisten von uns in der Lage sind, beides einzusetzen.

    Ich hoffe, dass die Mitte ihre wichtige Aufgabe in Zukunft weiter wahrnehmen wird: Nämlich diejenigen im Zaum zu halten, die - wie du hier - eine unvermeidliche Konfrontation herbeizureden versuchen.

    Comment von Karsten — 22. 3. 2006 @ 21:28

  3. Natürlich ist die ganze Angelegenheit äußerst beunruhigend. Das Hauptproblem ist in meinen Augen allerdings folgendes.

    Die afghanische Verfassung ist 2003 von der Stammesversammlung Loya Jirga verabschiedet worden. Die Grundlagen hierfür sind auf der Petersberger Konferenz unter Aufsicht des Westens geschaffen worden. Die Verfassung legt fest, dass in Streitfragen, die nicht von der Verfassung geregelt werden, die Sharia-Gesetze der hanafitischen Rechtsschule greifen. Diese sehen für Apostasie die Todesstrafe vor.
    Daher würde Karzai bei einer Billigung der Todesstrafe nach geltenden afghanischen Bestimmungen handeln, die unter Obhut der Nato zu Stande kamen.

    Einen solchen Fall, wie den des bedauernswerten Rahman hätte man schon 2002 verhindern können…

    Comment von C.Sydow — 22. 3. 2006 @ 21:34

  4. “Die Mitte hat keine Funktion”? Das halte ich, deutlich gesagt, für bescheuert. Wer auf historistische Art und Weise eine “unvermeidliche Radikalisierung” prophezeiht, der macht sich an ihrer Herbeiführung selbst mit schuldig. Wir Menschen haben die Wahl und den freien Verstand, und ich bin davon überzeugt, dass die meisten von uns in der Lage sind, beides einzusetzen..

    Wer die Wahrheit sagt ist nie bescheuert. Nur ist die Wahrheit manchmal unangenehm und eben nicht auf Kompromiss ausgelegt. Der Kompromiss ist immer die Mitte und die Mitte liegt immer falsch. Das ist einer der Grundfehler der Demokratie, sie ist auf Konsens ausgelegt und der Konsens ist niemals Richtig.

    So gesehen kann auch nur mit maximaler Position eine kleine Verschiebung in eine Richtung erreicht werden. Keinen interessiert die Position: “Sowohl als auch und wenn nicht dann anders.” Ein Kommunikationsfehler, das wusste schon Jesus: Deine rede sei: “ja ja, nein, nein”.

    Ich kann nichts dafür, daß die Welt sich nicht an idealistischen Vorstellungen orientiert. Es kann immer nur darum gehen, eine richtige und möglichst schonungslose Analyse durchzuführen und aufgrund dessen dann zu agieren.
    Das was dann entsteht ist dann sowieso wieder ein Kompromiss, aber man geht nicht mit einem Kompromiss los und man gibt sich nicht zufrieden, man hat einen Standpunkt.

    Comment von Luc — 22. 3. 2006 @ 22:46

  5. Ruhig bleiben, Luc: Ich habe nicht dich als bescheuert bezeichnet, sondern nur den Spruch mit der Mitte. Ich hatte überlegt, ob das eindeutig genug war; offenbar nicht, darum sage ich es jetzt noch mal ausdrücklich.

    “Die Wahrheit” - das finde ich übrigens immer schön, wenn so Absolutes verkündet wird. Und deine Einstellungen zu Demokratie und politischer Mitte sprechen wohl für sich.

    Comment von Karsten — 22. 3. 2006 @ 23:11

  6. Ok, hier darf ich differenzieren, hier kann ich sein.

    Zunächst: Es gibt fundamentale Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum. Um sie zu verdeutlichen, könnte ich jetzt viele Worte verlieren, aber als Kommentar möchte ich mich darauf beschränken, auf das Leben und die Taten der jeweiligen Hauptprotagonisten hinzuweisen.

    Der Unterschied aus meiner Sicht ist, dass, um den christlichen Glauben in seiner Gänze erfassen zu können, eine zeitbezogene Auslegung sinnvoll ist, beim Islam aber zwingend, wenn wir dessen prinzipielle Gewaltfreiheit beweisen wollen. Auf der anderen Seite, und da helfen auch deine evangelikalen Minderheiten nicht weiter, Karsten, ist es allgemein akzeptiert nur unter Christen (und Juden), dass das jeweils grundlegende Buch von Menschen in ihrer Zeit verfasst wurde.

    Wer als Christ Gewalttaten gegen Andersgläubige rechtfertigen möchte, wird im Neuen Testament keine Grundlage dafür finden. Wer als Muslim Gewalttaten gegen Andersgläubige rechtfertigen möchte, findet im Koran viel Bestätigendes.

    Aber man darf auch den meisten Muslimen zutrauen, dass sie sich aus dem historischen Gefängnis, in das sie die wortgläubige Orthodoxie gerne zwängen möchte, am Liebsten befreien wollen. Es gibt Ansätze dafür, nur sind diese noch bedroht.

    Comment von Rayson — 22. 3. 2006 @ 23:32

  7. Oder hatten sie doch nicht recht?

    Ein wunderbares Beispiel fr Fast-Verstehen, aber dann doch nicht Wahrhaben-Wollen finden Sie hier.
    Zugegeben: den Islam zu verstehen ist nicht leicht. Was aber nicht in erster Linie am Islam an sich liegt (der ja geradezu durch primitive Einfachkeit…

    Trackback von Gegenstimme — 22. 3. 2006 @ 23:55

  8. Argumentation gelungen, Autor tot (bzw. geköpft)

    Comment von Mats — 23. 3. 2006 @ 1:28

  9. Und deine Einstellungen zu Demokratie und politischer Mitte sprechen wohl für sich.

    Was ist die Mitte? Möchtest Du gerne die Mitte sein? Denkst Du, Du kannst für die Mitte sprechen?

    Die Mitte ist einfach nur Matsch grauer Brei, keiner kann damit etwas anfangen. Ich habe noch nie einen
    Menschen der Mitte erlebt. Im Übrigen ist die Mitte von Deutschland links, das macht es noch komplizierter.

    Comment von Luc — 23. 3. 2006 @ 1:36

  10. Ein Denkfehler, der dieses von Ihnen beschriebene Debakel auslöst ist meiner Meinung nach, daß man den Islam immer nur als eine Religion ansieht. Eine Religion (immer aus unserer heutigen Sicht!) kann ich im Privaten für mich ausüben, ohne dabei zwangsweise Einfluß auf meine Umgebung nehmen zu müssen. Eine Religion beschreibt das Verhältnis zwischen mir und meinem Schöpfer, sie ist lediglich ein Leifaden für das Individuum, sein Bezug zur “Zeitachse des Lebens” und eine mögliche Erläuterung seiner Herkunft. Eine Religion, die starken Einfluß auf nahezu das komplette Leben eines Menschen ausüben will, nennen wir im allgemeinen nämlich ‘Sekte’ ;-)

    (Die Beispiele die ich hier jetzt aufzähle gelten für einen ‘echten’ Muslim der den Koran streng auslegt, über einen Kamm scheren will ich sie nicht alle, sondern nur die Grundhaltungen zur Veranschaulichung aufzeigen. Mehr dazu später…)

    Der Islam ist aber deutlich mehr als eine Religion:
    Er ist zum einen eine Gesellschaftsordnung und ein Gesellschaftsauftrag. Weit mehr als eine Religion im eigentlichen Sinne erhebt er den Anspruch, das gesellschaftliche Leben überhaupt zu definieren, und zwar nicht nur für den Gläubigen, sondern auch für seine gesamte Umgebung. Er grenzt die Verhaltensspielräume des Individuums recht stark ein, ist damit das Gegenteil unserer pluralen Gesellschaftsordnung.
    Der Islam identifiziert sich primär durch Gruppen, nicht durch das Individuum. Religiöse Bedürfnisse haben Vorrang vor Gruppenbedürfnissen, Gruppenbedürfnisse haben Vorrang vor individuellen Bedürfnissen. Wie einmal ein Moslem bei Spiegel-Online gesagt hat: “Auch wenn ihr das nicht versteht, aber der Prophet Mohammed ist sogar wichtiger als meine Familie”. Die Religion hat auch Vorrang vor nationalen Strukturen. Ein Moslem sieht sich primär als Moslem, erst sekundär als Staatsbürger eines Landes.
    Ein Muslim ist nicht nur für sich, sondern für seine gesamte Umgebung verantwortlich und haftbar zu machen! Nur durch strenge Hierarchien innerhalb einer Gesellschaft ist diese Verantwortung überhaupt aufrecht zu erhalten und der Druck auszuhalten. Ein Familienmitglied das aus der Reihe schlägt, macht der gesamten Familie enorme Probleme (Stichwort Ehrenmorde). Es ist aber im Islam schlicht nicht möglich z.B. homosexuelle Neigungen auszuleben, denn dies sind ‘Einzelinteressen’, die gegen gewichtigere Gruppeninteressen stehen. Dasselbe gilt allgemein für die Partnerwahl. Das Gruppeninteresse geht auch hier vor den Gefühlen der betreffenden Person.

    Der Islam in reiner Lehre ist weiterhin eine politische Ordnung. Islam ist Regierung und Regierung ist Islam. Deshalb ist es für (nichtaufgeklärte) Muslime absolut unverständlich, warum der dänische Präsident sich überhaupt nicht für Karikaturen einer dänischen Zeitung entschuldigen kann, weil sie unsere Trennung zwischen Regierung und gesellschaftlichem Leben nicht nachvollziehen können!

    Der Islam ist auch eine Rechtsordnung und sozusagen ‘Strafgesetzbuch’. (Stichwort ‘Sharia’) Er definiert Verbrechen und Gesetz und dazu bereits das vorgesehene Strafmaß für Vergehen. (Natürlich auch nicht auf ‘neuestem Stand’) Er erhebt dabei Anspruch auf Unfehlbarkeit, das Wort Allahs ist endgültig und ‘gerecht’ in Ihrem Sinne. Da der Koran das direkte Wort Gottes ist, darf an der Rechtsauslegung auch nichts verändert werden, wie in westlichen Gesellschaften durch Gesetzesanpassungen üblich. Das was wir als Gewaltenteilung kennen, ist dem Islam als Ideologie fremd.

    Doch das dramatischste: Der Islam erhebt Anspruch auf Vollständigkeit und Unfehlbarkeit. Er ist totalität. Er gibt keinen Kuschel-Islam oder “Moschee-Light”. Wer den Frieden im Islam finden will, muß sich dem Koran vollständig unterwerfen oder er ist zu ächten. Der Islam sieht sich als das einzig Wahre, so wie Rassisten ihre Rasse als die ‘höchste’ ansehen. Alles andere ist verachtenswert oder zumindest ‘niedriger’

    Islam bedeutet nicht wie immer angenommen ‘Frieden’, sondern ‘Frieden durch Unterwerfung/Hingabe’ (!), bzw. genauer: Dadurch das ich mich den fest definierten Regeln des Islam unterwerfe, ist meine (Um)Welt einfacher/geregelter und ich finde den Frieden mit mir, meiner Umgebung und meinem Schöpfer.

    Was folgt daraus:
    - Das gesellschaftliche Leben eines Muslim definiert sich vorwiegend aus einem sehr alten Buch. Neue Erkenntnisse der Moderne werden dabei kaum/gar nicht berücksichtigt, weil sie zu dieser Zeit nicht ‘erfunden’ waren. Nur Erkenntnisse, die nicht im Gegensatz zum Islam stehen können genutzt werden.
    - Ein ‘richtiger’ Muslim kann sich in einer streng nichtislamischen Umgebung nicht wirklich entfalten, da die (moderne) Gesellschaftsordnung dem Islam widerspricht und den einzelnen Moslem zu Handeln nötigt.
    - Der Islam verlangt von der ihm umgebenden Gesellschaft mehr als Gebetshäuser. Es sind vielfältige Anpassungen erforderlich, von der Zubereitung von Nahrungsmitteln bis zur Struktur von Bildungseinrichtungen, Finanzinstituten etc.
    - Der Islam strebt nach Verbreitung, bereits seine innere Struktur erfordert dies.
    - Der Vergleich zwischen Islam und Christentum (oder auch anderen Religionen) ist so sinnvoll wie der zwischen Kirschen und Hackfleisch.

    Erst wenn man diese Zusammenhänge versteht (und das tun meistens nur Muslime), dann kann man überhaupt versuchen, Islam und Moderne in Einklang zu bringen und ein Zusammenleben der ‘Kulturen’ zu ermöglichen. Der erste der dies geschafft hatte war Kemal Adatürk.

    Ganz wichtig ist dabei: Unsere westliche Gesellschaft hat für einen Muslimen den Anstrich von ‘Alles ist möglich, nichts ist fix’ (=Schwäche, Unkultur!!) und somit provozieren wir quasi die Installation islamischer Werteordnungen. Es ist also unsere Aufgabe zu definieren und absolut klarzustellen, was die Grundlagen unserer Kultur/Gesellschaftt sind und was eben nicht, und dann für diese auch konsequent einzutreten! Nur so geben wir dem Islam überhaupt die Chance unsere Werte zu verstehen und respektieren zu können. Ich habe nur das Gefühl, das wissen wir selber nicht so ganz und somit bleiben wir unerwünschte, gottlose ‘Hunde’ die bekehrt werden müssen…

    Ein weiterer Denkfehler deines Beitrages ist meiner Meinung nach das Schwarz/Weiß Denken in Bezug zum Thema Gewalt, Gut/Böse und Terrorismus.
    Dazu habe ich jetzt keine Kraft mehr mich auszulassen, vielleicht ein anderes Mal, wenn erwünscht.

    Gute Nacht!

    Comment von Pro-Nation — 23. 3. 2006 @ 3:12

  11. Auch im Irak wurde die Sharia in der neuen Verfassung als Quelle der Gesetzgebung verankert.
    Am Fusse des Leuchtturms ist es am dunkelsten…

    Comment von Olaf Petersen — 23. 3. 2006 @ 5:05

  12. Wo ist die Fatwa gegen Osama bin Laden?

    Moderate Muslime hätten die doch schon lange zuhauf aussprechen können. dass dies nicht geschah, sagt genug.

    Comment von Luke — 23. 3. 2006 @ 7:36

  13. @rayson: Wie definieren Sie folgende Passagen?
    “… weil die Christen … ein jeglicher von seiner Obrigkeit, zum Streit wider die Türken gefordert und berufen werden, sollen sie tun als die treuen und gehorsamen Untertanen (wie sie denn gewisslich tun, so sie rechte Christen sind) und mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen, morden, rauben und Schaden tun so viel sie immer mögen, weil sie eine Ader regen können … werden sie darüber erschlagen, wohlan, so sind sie nicht allein Christen, sondern auch gehorsame, treue Untertanen gewesen, die Leib und Gut in Gottes Gehorsam bei ihren Oberherrn zugesetzt haben. Selig und heilig sind sie ewiglich …”

    (Eine Heerpredigt wider den Türken, D. Mar. Luther. Anno 1529; Tomos 4, S. 494 b - 496)

    “Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen … Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich Gottes in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker.”

    (Matthäus 24, 6.12-14)

    Zum Thema Bin Laden: Der erste internationale Haftbefehl wurde ´98 ausgerechnet von Lybien beantragt, auch in Saudi Arabien sowie im Sudan darf er sich nicht mehr blicken lassen. Ist da noch eine Fatwah nötig?
    Wichtiger wäre, ihn einfach zu fangen und vor Gericht zu stellen, das vereitelt möglicherweise aber Musharaff…

    Comment von Klaus Lenz — 23. 3. 2006 @ 9:14

  14. Klaus Lenz: Zu ihren Fragen an Rayson würd ich gern zwei Sachen anmerken.

    Zunächst zum Matthäuszitat: Ich erkenne da auch beim erneuten Nachlesen keine Aufforderung zur Gewalt. Allerhöchstens könnte man der Stelle vorwerfen, dass sie die Christen auffordert, sich aus der Gewalt herauszuhalten, man könnte es also als unterlassene Hilfeleistung ansehen.

    Nun könnte man ja lange darüber streiten, ob diese Stelle überhaupt von zentraler Bedeutung für das Leben der Christen ist, aber - auch um dem Einwand zu entgehen, jeder könne sich ja die Stellen raussuchen, die ihm wichtig sein - ist es wohl wichtiger das zu betonen, was Luther mit der Zwei-Reiche-Lehre entwickelte, was aber auch schon in der Alten Kirche mit der Zwei-Schwerter-Theorie angelegt war. Die beinhaltet eben auch, dass zu unterscheiden ist zwischen Gewalt, zur Selbstverteidigung (die soll nicht sein) und Gewalt, wenn mein Nachbar schuldlos angegriffen wird (dann soll ich ihn verteidigen).

    Zum Lutherzitat: Ich habe keine umfassende Lutherausgabe zur Hand, daher nun ohne Quellenangaben, es findet sich aber m.W. auch schon in sehr frühen Schriften, wie der Verteidigung der 95 Thesen:

    Luther sprach sich dezidiert gegen einen Kreuzzug aus, sondern forderte die Verteidigung des Reichs gegen die vordringenden Türken - und daran sollten sich auch die Christen beteiligen.

    Luther sah im Islam ein Wirken des Bösen - doch nahm dagegen die Gläubigen Muslime immer wieder in Schutz, deren Frömmigkeit er lobte.

    Luther versuchte auch auf theologischer Ebene zu zeigen, dass auch das Christentum keineswegs vor den Gefahren einer “Islamisierung”, also einer Vergesetzlichung und einer Vermischung von Staat und Kirche gefeit sei, sondern dagegen immer wieder angegangen werden muss.

    Luther setzte sich dafür ein, dass auch der Koran ins Deutsche übersetzt wird, damit nicht nur auf Vorurteilen, sondern auch auf Grund von Wissen argumentiert werden kann.

    Und zum Schluss: Ihr Beispiel zeigts deutlich: Luther blieb dabei immer noch in vielem im mittelalterlichen Denken stecken. So wie gegen Katholiken, Juden, Bauern, so gibt es auch die derben Ausfälle gegen den Islam. Selbst wenn man aber diese Ausfälle als abschließendes Bild von Luther verkauft (was ich für komplett verfälschend halte), ist das keine Entschuldigung für den heutigen Islam: Wir sind eben nicht mehr im Mittelalter! Und so lassen sich die Kreuzzüge auch nicht mit den Selbstmordanschlägen von heute gleichsetzen. Wenn heute einer eine Religion gründen würde, die Menschenopfer darbringt, kämen doch wohl nur die wenigsten auf die Idee, dafür Verständnis aufzubringen und darauf hinzuweisen, dass wir nicht so überheblich über diese neue Gruppierung sprechen sollten, weil unsere Vorfahren, Kelten, Germanen und Slawen, das doch auch gemacht hätten.

    Um nochmal auf den Artikel von Karsten zurückzukommen: Ich find es, wie es Karsten ja auch schreibt, sehr wichtig, dass immer wieder darauf hingewiesen wird, dass nicht Muslim sein gleichzusetzen ist mit Terrorist und Feind der Freiheit.

    Ich glaube aber, dass eine Verharmlosung des Gewaltpotentials, das dies Religion Islam beinhaltet, gefährlich ist. Da hilft eben auch wieder eine christliche Unterscheidung: Gott liebt jeden Sünder doch er hasst die Sünde. Das mag frömmelnd und formelhaft klingen, kann m.E. hier aber wirklich helfen: Gerade weil wir davon ausgehen, dass die Muslime in der Mehrheit Menschen sind, die Frieden wollen, gerade deshalb dürfen wir nicht in falscher Toleranz die unterdrückenden und gefährlichen Teile der Lehren des Islams verharmlosen.

    Comment von Joachim — 23. 3. 2006 @ 10:20

  15. @Klaus:
    Das Luther-Ding ist zweifelsohne einer der hasserfüllten und ganz und gar nicht mit der Nächstenliebe zu vereinbaren Ausfälle unseres lieben Reformators, aber bei dem Matthäus-Zitat bin ich mit deiner Deutung nicht ganz einverstanden. Da findet sich nämlich nirgendwo ein Aufruf zur Gewalt, und das “Ausharren bis zum Ende” bezieht sich vermutlich auf die Liebe, die bei vielen erkaltet. Würdest du mir da zustimmen, Rayson?

    Comment von Karsten — 23. 3. 2006 @ 10:21

  16. Wenn ich etwas hasse, dann ist es ein Zitieren gegen den Kontext.

    Lesen wir uns diese Matthäus-Stelle von Anfang bis Ende durch, dann beschreibt Jesus dort die Geschehnisse vor dem Ende der Welt. Die Christen sind dabei offensichtlich nicht Akteure, sondern Opfer:

    Dann werden sie euch an die Gerichte ausliefern, euch misshandeln und töten. Die ganze Welt wird euch hassen, weil ihr euch zu mir bekennt. (Mt 24,9)

    Die Aufgabe der Christen ist es, trotz allem nicht von ihrem Glauben abzufallen, also “die Liebe nicht erkalten zu lassen”.

    Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, wird gerettet. (Mt 24,13)

    Die Kriege, die Gewalt, der Hass sind hier eindeutig negativ besetzt und stellen schwere Prüfungen dar. Wer daraus einen Aufruf zu Gewalt basteln will (vielleicht gar gegen Andersgläubige), der hat ein ziemlich seltsames Textverständnis.

    Nochmal: Wer die Unterschiede sehen will, braucht sich nur das Leben der Hauptprotagonisten anzuschauen.

    Die Beschreibung des Islam durch Pro-Nation halte ich übrigens für sehr treffend.

    Comment von Rayson — 23. 3. 2006 @ 16:17

  17. @Rayson und Karsten
    Mit den Zitaten von Luther und Matthäus wollte ich nur darauf aufmerksam machen, dass man auch in der Bibel zweideutige Kommentare findet, die man verschieden auslegen kann…
    Viele Leute argumentieren derzeit mit diversen Suren, die angeblich alle Muslime zur Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen.
    Mein Kontakt mit Muslimen hat mir dagegen niemals eine feindselige oder missionarische Einstellung vermittelt.

    Comment von Klaus Lenz — 24. 3. 2006 @ 8:52

  18. @Klaus Lenz

    Sorry, erstens ist Luther kein Bestandteil der Bibel und zweitens ist weder der Matthäus-Text zweideutig noch sind es die entsprechenden Koranstellen.

    Wenn zum Beweis einer Zweideutigkeit eine vollkommen absurde, durch die Textstelle an keiner Stelle gestützte “Auslegung” möglich ist, dann ist auch eine Aussage wie “Die Würde des Menschen ist unantastbar” latent gefährlich.

    Die Suren, die sehr, sehr eindeutig zur Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen, gibt es sehr wohl, und komischerweise stammen sie alle aus der späteren, also der Medina-Zeit und lösen damit die entgegenstehenden, auf Toleranz pochenden Suren ab.

    Dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen, die sich Muslime nennen, Gewalt ablehnend gegenüberstehen, widerlegt diese einfachen Zusammenhänge nicht.

    Comment von Rayson — 24. 3. 2006 @ 15:44

  19. @Rayson:
    […]und komischerweise stammen sie alle aus der späteren, also der Medina-Zeit und lösen damit die entgegenstehenden, auf Toleranz pochenden Suren ab.

    Ist das nun als Beleg für die auch von dir erwähnte Taktik des Islam zu verstehen, sich zunächst friedlich zu tarnen und dann nach Gewalt zu streben - oder siehst du diese Veränderung als Anzeichen einer Wandlung in der Person und dem Charakter Mohammeds? Dass ein Mann nach so vielen Jahren des Kampfes und Krieges nicht mehr derselbe ist, der er zuvor war, scheint ja logisch…

    Comment von Karsten — 24. 3. 2006 @ 19:59

  20. Hallo Rayson,
    Wenn zweideutige Kommentare in der Bibel durchaus häufig auftauchen, so tun es auch eindeutige:

    Z.B.: Ihr sollt eure Feinde jagen, und sie sollen vor euch her dem Schwert verfallen. Fünf von euch sollen hundert jagen, und hundert von euch sollen zehntausend jagen; denn eure Feinde sollen vor euch her dem Schwert verfallen…

    Dieser Satz stammt aus dem Buch Mose… und ist wohl sehr eindeutig.
    Gottlob ist unsere Gesellschaft heute etwas friedlicher geworden, oder?

    Comment von Klaus Lenz — 25. 3. 2006 @ 10:09

  21. @ Klaus Lenz: Das Alte Testament wird von allen relevanten christlichen Gruppierungen, ob liberal oder evangelikal, immer vom Neuen Testament her ausgelegt. Ihr alttestamentliches Zitat trägt so in der Diskussion nichts aus: Es ist durch das Neue Testament überholt.

    Comment von Joachim — 25. 3. 2006 @ 11:45

  22. @Karsten

    Nicht als Beleg, als Vorbild.

    Mohammed war ein toleranter Mensch, als er und seine Anhänger in der Minderheit waren. Danach, wann er immer er die Chance bekam, gegen die gewaltsam vorzugehen, die ihn irgendwie störten oder sich auch nur weigerten, ihr Vermögen in seins zu transferieren, tat er das. Letzteres dürfte aber kein besonderes Charakterdefizit gewesen sein, sondern in der arabischen Welt von damals üblich. Problematisch ist die immer noch hochgehaltene Vorbildfunktion für heute.

    @Klaus Lenz

    Ich warte immer noch auf die angeblich zweideutigen Stellen aus den Neuen Testament. Was das Verhältnis AT/NT betrifft, hat Joachim Recht.

    Comment von Rayson — 26. 3. 2006 @ 13:49

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