Habermas meldet sich zu Wort
Jürgen Habermas gilt als einer der führenden Philosophen in Deutschland. So wird es auch in der Blogosphäre mit großem Interesse aufgenommen, wenn er sich über die Möglichkeiten und Auswirkungen des Internet als Kommunikationsmedium äußert, wie er es in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Bruno-Kreisky-Preises getan hat (Der Standard veröffentlicht diese auch im Web). Der Teil der Rede, der sich direkt mit dem Internet auseinandersetzt, ist dabei relativ kurz; und auch, wenn er die Blogosphäre nicht explizit erwähnt, ist doch klar, dass er von ihr spricht: “Die horizontale und entformalisierte Vernetzung von Kommunikationen” dürfte wohl das sein, was wir Blogger täglich erleben.
Die entsprechenden Zeilen lassen sich in einfacheren Worten zusammenfassen: Den Vorteil an der Kommunikationsform Internet sieht Habermas darin, dass in totalitären Staaten das Monopol der Eliten auf Verbreitung von Informationen und Deutungsmacht gebrochen wird. Er erkennt aber auch einen Nachteil darin, dass hierzulande das Monopol der Eliten auf Verbreitung von Informationen und Deutungsmacht gebrochen wird.
Natürlich führt Habermas den letzteren Punkt ausführlicher aus, doch im Kern geht es darum: Er bedauert, dass die egalitäre Form der Webkommunikation den Intellektuellen die Fähigkeit raube, einen Fokus zu bilden - also die öffentliche Diskussion zu lenken und zu kontrollieren. Auch vermisst er “kritische Filterung” dessen, was an die Öffentlichkeit gelangt; ein schöner Euphemismus für eine niederschwellige Zensur. Es ist auf den ersten Blick leicht, ihm zuzustimmen, wenn man sich selbst zum Kreis der Intellektuellen zählt - oder gar zu jener exklusiven Gruppe gehört, innerhalb derer man sich gegenseitig diesen Status zugesteht. Wer aber den Markt der Meinungen schätzt und prinzipiell davon ausgeht, dass jeder etwas zur öffentlichen Diskussion beitragen kann, der sich nur bemüht, seinen Verstand zu benutzen, betrachtet Habermas’ Stoßseufzer schon mit etwas größerer Distanz.
Denn das Internet beschränkt oder bedroht ja nicht die Fähigkeit der (Berufs-)Intellektuellen, besser, überzeugender oder klarer zu denken und zu schreiben, als dies anderen Menschen (aus Zeit- oder Befähigungsgründen) möglich ist. Nach wie vor kann ein solch begnadeter Denker einen “Fokus” in der öffentlichen Diskussion bilden. Aber nicht durch Beziehungen zu kapitalstarken Meinungsmachern, nicht durch die exklusive Gelegenheit, die eigenen Gedanken auch veröffentlichen zu dürfen, sondern lediglich noch durch überlegene analytische und schriftstellerische Befähigung. Und da diese - und nicht die Anerkenntnis durch eine Meinungsoligarchie - den Status des Intellektuellen ausmachen und begründen sollte, kann man der von Habermas ausgemachten Bedrohung der kommunikativen Zersplitterung deutliche Gelassenheit entgegenbringen.
Sicher, es wird eine härtere Konkurrenz der Meinungen geben, die Sphäre der Intellektuellen wird eine erheblich höhere Durchlässigkeit gewinnen (sowohl hinein als auch hinaus) - insgesamt kann das Internet jedoch nur die Struktur, nicht aber die Substanz der öffentlichen Diskussion verändern. Dies zeigt sich auch an der Blogosphäre. Wer würde etwa bestreiten, dass Blogger wie Don Alphonso oder Johnny Haeusler durchaus die Fähigkeit besitzen, im Dorf der Blogger einen Fokus zu setzen, weit über die Grenzen der eigenen Freunde hinaus? Wenn einer dieser beiden eine Kampagne lostritt, dann reagiert darauf die ganze Blogosphäre - mit Zustimmung oder Ablehnung, Kritik oder zusätzlichen Informationen.
An diesen so genannten A-Bloggern zeigt sich aber auch, dass die Hoffnungen, die ich zuvor aufgezeichnet habe - dass es nämlich keine Meinungsoligarchie mehr geben wird - vermutlich zu hoch gesteckt sind. Denn auch in der Blogosphäre ist es von entscheidender Bedeutung für die Wirkungskraft der eigenen Gedanken, von diesen A-Listern zitiert, anerkannt und verlinkt zu werden. Ob sie es wollen und anstreben oder nicht, aber ihnen wird damit zumindest teilweise die Rolle des Redakteurs zuteil, der die Meinungen anderer kritisch filtert und für eine breitere Öffentlichkeit sortiert.
Und schließlich übersieht Habermas auch, dass die Kommunikation im Internet überwiegend gar nicht “horizontal und entformalisiert” stattfindet. Auch im digitalen Raum sind nämlich die Onlineauftritte der klassischen Presse für die Diskussion von erheblich größerer Bedeutung, als es die Blogosphäre ist. Hier spielt Vertrauen eine große Rolle. Das Vertrauen darauf nämlich, dass die gebotenen Informationen und Meinungen tatsächlich die Folge intensiver Recherchen und Überlegungen sind - ein Vertrauen, das auch mit der beruflichen Stellung von Journalisten und anderen Intellektuellen einhergeht. Man liest vielleicht einige Blogs, aber wenn Spiegel Online oder tagesschau.de über einen Vorgang berichten bzw. diesen kommentieren, zeigt dies aufgrund des diesen Medien entgegengebrachten Vertrauens erheblich größere Wirkung als selbst beim bedeutendsten A-Blogger.
Das zeigt sich sogar in der Blogosphäre selbst; dieser wird ja oft vorgeworfen, dass sie sich zu intensiv mit der Arbeit professioneller Journalisten beschäftigt und ein erheblicher Teil der Blog-Aktivität im Windschatten vorangegangener Pressebeiträge geschieht. Ein Vorwurf, der eigentlich gar keiner ist, sondern eher die realistische Bedeutung “horizontaler und entformalisierter Kommunikationen” einzustufen hilft. Dass die Blogosphäre an die Stelle des klassischen Journalismus treten könnte, ist wohl eher ein Wunschtraum einiger Blogger. Klein-Bloggersdorf hingegen ersetzt den klassischen Stammtisch, wo jeder das Wort führen kann, der den Mut hat, es zu ergreifen, und wo auch der Intellektuelle in einer direkten Auseinandersetzung mit dem “gemeinen Volk” die Überlegenheit der eigenen Meinung unter Beweis stellen muss. Allein die Qualität dieser “Stammtische” steigt, da sie einerseits eine dauerhaftere Kommunikation darstellen und andererseits eine Zahl an Diskutanten zusammenbringt, die niemals um einen echten Tisch versammelt werden könnte.
Also kein Tod des Intellektuellen, keine völlig zersplitterte Kommunikation ohne Fokus und Qualitätssicherung - sondern vielmehr die Angst eines privilegierten Denkers vor einer Konkurrenz, deren Hemmschuhe deutlich reduziert wurden. Auch, wenn das Internet agenblicklich etwas vom Wilden Westen hat und Habermas’ Befürchtungen durchaus mit empirischen Beispielen untermauert werden können: Auf Dauer ändert sich durch das Internet lediglich die Form der Publikation und wird die Einstiegsschwelle gesenkt, aber die Grundregeln des öffentlichen Diskurses dürfte es nicht umstoßen. Dieser braucht Orte, an denen die Themen gesetzt werden, und wird sich diese auch suchen. Und auch die Qualitätskontrolle wird stattfinden, durch Netzwerke und die Aufmerksamkeit, die von den neuen “Fokuspunkten” erzeugt wird. Sie lässt sich eben nur nicht mehr leicht durch Geld und Macht beherrschen, wie das zuvor der Fall ist. Schade für jene, die über beides verfügen - gut für die Freunde der Meinungsfreiheit.










Ich persönlich glaube - wie Hamas - durchaus an den Wert von Filterung und Auslese. Nur: Die Blogs sind in diesem Bereich schon ziemlich gut, weil es (via Verlinkungen, Relevanz usw.) hier bereits einen wirksamen Filter gibt. Will man mit seinem Blog hochgeschätzt werden, dann muss man sich als Blogautor schon etwas anstrengen.
Die Leser sind kritisch! Schlechte Blogs werden schnell nach unten gereicht. So hat man also eine erstklassige Offenheit z.B. für Newcomer. Wird eine Sache bedeutsam (wie bem Moni-Gate), dann gewinnen sogar vormals unbedeutende Blogs schnell Relevanz, was wiederum einen Hinweise auf die Verantwortung der A- und B-Blogger gibt.
Leider, und hier kommen dann wieder die Nachteile des Bloggens, wie wir es haben. Es ist zwar hübsch vernetzt, wort- und autorenorientiert (was ich für einen gedanklichen Austausch sehr gut finde), aber erlaubt auch jenen viel Aufmerksamkeit (Stichwort PI), welche in erster Linie mit Geschrei, Konflikt und Hass auf sich aufmerksam machen. Um nur einen negatigen Aspekt zu nennen.
Schwachpunkte gibt es also. Aber sind da nicht auch noch Journalisten und Wissenschaftler, welche sich um Relevanz und Filterung bemühen können? Sie fallen ja nicht fort - und beachtlicher Weise ist das Diskursniveau (jedenfalls gemessen mit dem Zeitungsboulevard) bislang insgesamt erfreulich hoch, vielleicht sogar eine ziemlich handfeste Überraschung für Medientheoretiker und Angehörige von Meinungseliten.
Und gerade ein kritisches Wechselspiel aus (civitas!) Blogs und Meinungseligen, das wäre in meinen Augen auch eine Art qualitätssteigerndes Wettbewerbselement.
Pathetisch formuliert: Wir Blogger erhöhen die gesellschaftliche Meinungsqualität (etwas) und verhindern den Niedergang der Diskursqualität in den Medien.
*wegduck*
Nein, wirklich: Da ist schon etwas dran, an diesem Gedanken.
Die klassischen Medien und die anderen klassischen Diskursteilnehmer sollten m.E. schleunigst darüber nachdenken, wie sie diese Vorteile (auch auf das Risiko des Kritisiertwerdens hin!) besser nutzen, und ihre bislang abgekapselten Diskurse offener, transparenter und demokratischer gestalten.
Comment von Dr. Dean — 9. 4. 2006 @ 19:42
Habermas und nicht Hamas. Ich glaube, ich werde bald jeden meiner Texte vorm Senden gegenlesen. *Schäm*
Comment von Dr. Dean — 9. 4. 2006 @ 19:43
Wenn mich nicht alles täuscht, dann habe ich zum Abschluss meines Beitrages eine ähnliche Position eingenommen wie die, die du vertrittst, oder? Einen echten Widerspruch kann ich jedenfalls nicht ausmachen.
Gegenlesen sollte man seine Kommentare übrigens schon - ich mache das jedenfalls. Sonst ist man nachher noch einer Meinung mit der Hamas. :)
Comment von Karsten — 9. 4. 2006 @ 19:55
Ich widerspreche ja nicht immer. Das ist das Fiese mit mir. Aber du hast schon recht, ich bin ein weithin anerkannter Widerspruchsgeist. *g*
Comment von Dr. Dean — 11. 4. 2006 @ 13:42
More fish in more water
Philosopher Jürgen Habermas on the disruptive effects of the media and the internet on the role of the intellectual: On the one hand, the communication shift from books and the printed press to the television and the Internet has brought…
Trackback von Undercurrent — 23. 4. 2006 @ 1:00