20. 4. 2006

Lächelnde Krawallmacherin

Das “Bündnis für Erziehung”, das Ursula von der Leyen angekündigt hat, scheint glücklicherweise weniger konkretes Vorhaben als vielmehr lautes Trara zu sein. Denn was diesem Bündnis bei aller großspurigen Rhetorik bisher fehlt, sind konkrete Ansätze, Pläne und Vorhaben - seinen offensichtlichen Zweck als Provokation für all jene, die sich dem christlichen Glauben nicht so verbunden fühlen, hat es hingegen offensichtlich erreicht. “So wie man die eigene Muttersprache lernt, müssen wir erst unsere eigene Position klären, damit wir uns später für andere Religionen öffnen können”, so Frau von der Leyen - eine deutliche Vereinnahmung aller Deutschen für das Christentum. Dass dieses nämlich für viele Deutsche nicht “unsere eigene Position” ist, das ist ihr vollkommen egal. Deutscher gleich Christ, lautet hier die einfache Formel - wer kein Christ ist, ist per Definition ein Fremder.

Und auch weiterer Unsinn liegt ihr nicht fremd. “Die ersten 19 Artikel unseres Grundgesetzes fassen doch im Prinzip die zehn Gebote zusammen”, behauptet sie. Seltsam. Denn ich kann in den Zehn Geboten weder etwas von der Gleichberechtigung der Geschlechter noch von der freien Persönlichkeitsentfaltung entdecken. Der Freiheit des religiösen Bekenntnisses widersprechen die Zehn Gebote sogar ausdrücklich (”Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir”). Wo fordern die Zehn Gebote die Pressefreiheit? Wo etablieren sie die Versammlungsfreiheit? Und selbst die Würde des Menschen, das erste und wichtigste Gebot unseres Grundgesetzes, ist nicht in den Zehn Geboten enthalten. Dort geht es um die Würde Gottes.

Schon die Natur der Grundrechte und die der Zehn Gebote sind völlig unterschiedlich. Erstere sind eine Aufzählung von Rechten und Freiheiten, letztere Verbote und Handlungsanweisungen. Mithin besteht also überhaupt kein Zusammenhang zwischen den beiden Regelwerken.

Also bleibt mir nur eine Frage: Hat Frau von der Leyen das Grundgesetz möglicherweise nie gelesen, weiß sie überhaupt nicht, was in den ersten 19 Artikeln steht? Oder, und das ist wohl die wahrscheinlichere Option, handelt es sich bei der Kampagne und ihrer Diskussionsführung nur um populistische Krawallmacherei?

Empfehlungen zum Thema: SoWhy findet deutliche Worte gegen Frau von der Leyen

4 Kommentare »

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  1. Ach…ich habe das im Autoradio gehört um mich gleich aufgeregt. Kann uns die Frau mit ihrem Christentum nicht in Ruhe lassen.

    Gott sei Dank ist es nur lautes Getöse. Ich glaube echte Maßnahmen würden auch gegen diese komischen 19 Gebote verstoßen auf die Frau von der Leyen zwar einen Eid abgeleistet hat aber sich doch mehr an ihre nur 10 Gebote hält.

    Noch so ein paar Sachen und keiner nimmt sie mehr ernst. Ich kenne niemanden aus meinem Freundeskreis der sich nicht kopfschüttelnd über unsere Familienministerin äußert.

    Comment von Paul — 21. 4. 2006 @ 10:26

  2. Ein bisschen Metaphorik musst du der Ministerin schon noch gönnen. Die Gleichwertigkeit der Menschen untereinander ist eine ursprünglich religiöse Idee, die auch ursächlich für den Gottesbezug in der Verfassung ist.

    Aber warten wir doch einfach mal, was für Werte aus diesem “Bündnis” denn herauskommen. Ich gehe jede Wette ein, dass sie so schröcklich nicht sein werden.

    Comment von Rayson — 21. 4. 2006 @ 20:15

  3. Ein bisschen Metaphorik gönne ich ihr schon. Aber diese schlichte Gleichsetzung ist einfach so… dumm, dass mir der Kragen platzt.

    Rayson, du weißt vielleicht aus anderen Diskussionen, dass ich Christen gegenüber nicht prinzipiell negativ eingestellt bin. Ich bin sogar der Überzeugung, dass acht von den zehn Geboten die Grundlage der (westlichen) Moral an sich darstellen. Aber diese simple Gleichsetzung Deutsche=Christen (oder gar Westen=Christentum), die erzürnt mich, weil sie mich gegen meinen Willen vereinnahmt. Das kannst du sicher auch verstehen, nicht wahr?

    Übrigens finde ich auch die manchmal in liberalen Kreisen gängige Position Westen=Atheismus (oder hier oft sogar Agnostizismus) unpassend. Hier sitzt ein Metaphysiker an der Tastatur, auch ich habe einen Glauben an Dinge, die über die physische Welt hinausgehen. Mit den Glaubenslehren der christlichen Kirche aber haben diese oft nur wenig zu tun. Und das schöne am freien Westen ist für mich, dass ich das sein kann, während ich unter dem Dach eines Katholiken Gedanken mit einem Altkatholiken austausche. Religionsfreiheit eben.

    Und zur Frage, ob die Gleichheit der Menschen eine “ursprünglich religiöse Idee” ist, empfehle ich dir den alten Perikles und seine Zeitgenossen.

    Comment von Karsten — 22. 4. 2006 @ 1:32

  4. Nicht zu glauben…

    Diese Frau meint echt Deutschland sei voller Christen? Da könnt ich ja bolzgerade in die Höhe s……n!
    Wenn das so wäre könnte ja ich und andere verfolgte Christen wieder nach Deutschland zurück und die Gefangenen kämen frei.
    Quatsch. Mit Christen meint die doch Katholiken, Lutheraner und andere Sektenglieder.

    Wie geschworen hat sie? Na sowas:

    Matth.5,34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht; weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 5,35 noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt; 5,36 noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein Haar weiß oder schwarz machen. 5,37 Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber mehr ist als dieses, ist vom Bösen.

    Jak.5,12 Vor allem aber, meine Brüder, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde noch mit irgendeinem anderen Eid; es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht unter ein Gericht fallt.

    Comment von Ben Kalenol — 16. 6. 2006 @ 13:14

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