5. 5. 2006

Die Mär von Onkel Dagoberts Erben

Über die falsche Angst vor dem „Angstsparen“

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des „Angstsparens“. Nachdem wir im vergangenen Jahr bereits Franz Müntefering auf eine spannende Exkursion ins bunte Reich der Tiere begleiten durften, haben Politiker und einige Voodoo-Ökonomen seit einiger Zeit einen weiteren Schuldigen für die deutsche Malaise ausgemacht: den Konsumenten. Der nämlich, anstatt seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachzugehen und den Schlager „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ zu seinem Lebensmotto zu machen, nimmt sich unpatriotischerweise die Frechheit heraus, sein Geld lieber zu horten. Daran, dass wir Exportweltmeister sind, so die wohlbekannte Argumentation dieser Tage, sähe man doch, dass Deutschland keine Strukturprobleme hätte. Unser Problem sei vielmehr, dass wir die eigene Lage so über alle Maßen schlecht reden, dass es irgendwann tatsächlich jeder glaubt, woraufhin die Bürger in Angstpsychosen verfallen und sich an jeden Cent klammern. Die Warnungen der Griesgrame und Miesepeter würden so zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die beste Wirtschaftspolitik müsste demnach wohl in der Zwangsverabreichung von Glückshormonen bestehen.

Zum Wortführer der Nachfrage-Gurus ist der in Würzburg Ökonomie lehrende Wirtschaftsweise Peter Bofinger avanciert. Er hat erkannt, „dass es derzeit nicht bergauf gehen kann, weil alle Akteure „sparen“ wollen. Wohin man blickt – die privaten Haushalte, die Unternehmen und der Staat versuchen gleichermaßen, ihre Lage zu verbessern, indem sie ihre Ausgaben einschränken. Doch die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen.“ Seine Erwartung an die Bürger lautet daher: „Wir brauchen eine dynamische und vor allem konsumfreudige Bevölkerung“ , seine Erwartung an den Staat: „Es gibt doch gar keinen Grund, die Schulden abzubauen“ und „Warum brauchen wir einen ausgeglichenen Haushalt?“ . Ja, warum eigentlich?

Nun aber mal langsam. Die deutsche Sparquote liegt seit Mitte der 90er Jahre recht konstant bei 10-11%. Was die Hohepriester der Binnenkonjunktur uns verschweigen: In der bundesrepublikanischen Geschichte ist das ein ungewöhnlich niedriger Wert. Zwar haben sie Recht, wenn sie darauf verweisen, dass die Sparquote seit 2000 gestiegen ist. Ein ganz zufällig ausgewählter Referenzpunkt ist das aber nicht, denn 2000 erreichte die Quote einen historischen Tiefpunkt. Der damalige Wert von 9,2% war zuletzt 1961 erreicht worden. Es ist ein alter statistischer Trick, eine Entwicklung in einem Rekordtief (oder -hoch) beginnen zu lassen und von dort ausgehend einen kometenhaften Aufstieg (oder einen Fall ins Bodenlose) zu inszenieren. Im Mittel sowohl der 90er, der 80er, der 70er und der 60er Jahre aber lag die Sparquote über dem Mittel dieses Jahrzehnts. Wer Mittelwerten nicht traut: Von 1963 bis 1996 hatte sie auch in jedem einzelnen Jahr höher gelegen als heute. Wie Peter Bofinger daraus trotzdem den Schluss „Wollen wir wieder zu Wachstum kommen, muss irgend jemand mehr ausgeben als bisher“ ableiten kann, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Ist eine hohe Sparneigung also möglicherweise gar nichts Schlechtes? Die Empirie zumindest gibt den Rittern des heiligen Nachfrageordens nicht Recht. Die höchsten Sparquoten der Welt finden sich ausgerechnet bei den südostasiatischen Aufholjägern. Spitzenreiter ist der Wachstumsweltmeister der letzten Jahrzehnte, der Stadtstaat Singapur, wo die Bürger mehr als die Hälfte ihrer Einkommen auf die hohe Kante legen. Das ist zwar auch für diese Region ein Spitzenwert, aber auch der Wachstums-Vizeweltmeister Hong Kong und die „Tiger“ Südkorea und Taiwan erreichen mit einem Drittel der Wirtschaftsleistung noch Sparwerte, die den Nachfragepropheten hierzulande das Blut in den Adern gefrieren lassen müssten. Zufall?
Traditionell wenig gespart wird dagegen in den stagnierenden Volkswirtschaften Lateinamerikas, wobei es auch dort eine Ausnahme gibt. Das ist das Boomland Chile, mit über einem Fünftel des Erwirtschafteten. Auch wieder Zufall? Für Peter Bofinger wohl schon: „Ideal für die Wirtschaft sind daher Phasen mit einer sehr niedrigen Sparquote.“

Sicher lässt sich durch das Herauspicken einiger Einzelbeispiele so gut wie jede These „belegen“, ebenso wie ihr Gegenteil. Aber auch eine ökonometrische Studie der österreichischen Johannes-Kepler-Universität in Linz, die unter Einschluss von 122 Ländern Wachstumsdeterminanten ermittelte, zeigt einen signifikant positiven Zusammenhang zwischen Sparquote und Wirtschaftswachstum.

Nun könnte eingewendet werden, dass mit ein paar Zahlenspielereien noch nichts bewiesen sei. Es gibt allerdings durchaus systematische Gründe für die Annahme, dass Sparsamkeit eine Tugend und kein Laster ist. „Mehr Ludwig Erhard und weniger Dagobert Duck: Das ist das Rezept, mit dem Deutschland wieder auf die Beine kommen kann“ , meint Peter Bofinger. Dabei nimmt er aber nicht nur den wehrlosen Ludwig Erhard, sondern auch Dagobert Duck zu Unrecht für seine Ideen in Geiselhaft. Dessen Geldspeicher in Entenhausen nämlich ist eine denkbar schlechte Metapher für das Sparen. Während Dagoberts Besitztümer schlicht gehortet werden, aus dem Wirtschaftsgeschehen also verschwinden, finden die Ersparnisse aller anderen Bürger über das Bankensystem wieder ihren Weg zurück in die Wirtschaft.

Nur am Rande: Selbst, wenn das Bild zuträfe und jeder Bürger seine gesamte Ersparnis in einem Miniatur-Geldspeicher aufbewahren würde, könnte das keine lang anhaltende Wachstumsschwäche wie die deutsche erklären. Denn selbst dann würde niemand tatsächlich weniger konsumieren, der Konsum würde nur zeitlich anders über eine Lebensspanne verteilt. Ohne Ersparnisbildung würde stets alles Einkommen eines Landes sofort verkonsumiert. Mit Ersparnissen wird stets nur ein Teil des jetzigen, zusätzlich aber ein Teil des gestrigen Einkommens zu Konsum, und den Bäcker interessiert es nicht, ob ich die zwei Euro für sein Brot gerade eben, vor einem Jahr oder vor fünf Jahren verdient habe. Nicht das absolute Niveau, sondern bestenfalls ein Anstieg in der Sparquote wäre dann problematisch, wobei auch hier noch zu berücksichtigen ist, dass Unternehmen sich nicht nur nach der gegenwärtigen Nachfrage richten, sondern auch nach der erwarteten zukünftigen.

Vor allem aber ist Sparen gerade kein unproduktives Horten. Bofingers Geringschätzung der Sparsamkeit hat eine lange und schlechte Tradition in der keynesianischen Ökonomie. Sein Kollege Paul A. Samuelson lockte eine ganze Generation von angehenden Ökonomen auf diese Fährte, indem er in früheren Auflagen seines Standardlehrbuchs „Economics“ die Ökonomie als einen Wasserkreislauf darstellte, der ein Leck in der Leitung aufwies: das Sparen. Höhere Ersparnisse bedeuten aber ein Mehrangebot an potentiellen Krediten. Wollen die Banken darauf nicht sitzen bleiben, muss der Zins auf ein markträumendes Niveau fallen, wodurch die Ersparnisse als Investitionen wieder in den Wirtschaftsprozess zurückgelangen. Keynesianer würden einwenden, ohne zusätzliche Nachfrage gäbe es keine Veranlassung für zusätzliche Investitionen, selbst wenn die Zinsen auf Null fielen. Nur müssen Investitionen nicht immer den Zweck haben, die produzierte Menge zu erhöhen. Ebenso kann ihr Sinn darin bestehen, ein bestehendes Produktionsvolumen kapitalintensiver und damit produktiver zu gestalten. Nahezu jedes Unternehmen steht zu jedem Zeitpunkt vor einer Reihe von theoretischen Möglichkeiten, seine Produktivität durch vermehrten Kapitaleinsatz zu steigern. Diese unterscheiden sich im Ausmaß der erwarteten Produktivitätssteigerung und in der Wartezeit, die vergehen muss, bis sich das Unterfangen auszahlt. Der Zins bestimmt, wie viel die Zeit des Wartens kostet.

Die Bedeutung der Wartezeit im Kapitalbildungsprozess hat der österreichische Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk bereits vor über hundert Jahren erkannt. Er erläuterte sie am Beispiel eines Mannes, der sein Trinkwasser von einem weit entfernten Brunnen bezieht und vor der Entscheidung steht, eine Wasserleitung vom Brunnen zu seinem Haus zu bauen. Die Wasserleitung würde, einmal fertig gestellt, sein Leben deutlich erleichtern. Solange sie sich aber im Bau befindet, nützt sie ihm überhaupt nichts, sondern sie kostet ihn. Er hat während des Baus weniger Zeit für solche Aktivitäten, die der Befriedigung unmittelbarerer Bedürfnisse dienen, etwa dem Nahrungserwerb. Daher kann er das Projekt nur in Angriff nehmen, wenn er entweder vorher durch Konsumverzicht selbst Vorräte gebildet hat, oder wenn seine Dorfmitbewohner das getan haben und ihm einen Kredit zur Verfügung stellen können. Irgendjemand aber muss irgendwann auf Konsum verzichten, da die Investition kurzfristig Ressourcen bindet, ohne Vorteile zu bringen. Ob er sich letztendlich für die Investition entscheidet, hängt davon ab, wie geduldig er ist, und wie lange und wie schwer sein vorübergehender Konsumverzicht ausfällt. Langfristig ist es dieser Prozess der Kapitalbildung, der die Produktivität bestimmt und damit über unseren Lebensstandard entscheidet.

So betrachtet hat Peter Bofingers Argumentation, bei anspringender Nachfrage würden auch die Investitionen anspringen, einen entscheidenden Haken. Die Kombination aus hoher Nachfrage und hohen Kreditzinsen würde nur dazu anregen, das Produktionsniveau bei gleich bleibender Kapitalintensität anzuheben. Sie signalisiert den Produzenten, dass ihre Kunden ungeduldig sind und ihre Produkte jetzt haben möchten, dass sie zu Verzicht heute zugunsten von besseren und/oder billigeren Produkten morgen nicht bereit sind. In einer bofingerschen Welt würde der gute Mann aus Böhm-Bawerks Analogie sein Wasser noch heute vom Brunnen holen, es wäre nie zum Bau der Leitung gekommen, geschweige denn zu beliebig wählbarer Wassertemperatur zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es wäre zwar eine Welt von ständiger Kapazitätsauslastung, aber auch von stagnierender Produktivität und stagnierendem Lebensstandard. Nicht nur die Verteufelung des Sparens, die Unterscheidung zwischen Konsum und Ersparnis insgesamt ist irreführend. Sparen ist nicht das Gegenteil von Konsum. Sparen ist eine andere Art von Konsum. Wer sein gesamtes Einkommen ausgibt, regt die Produktion von Konsumgütern an. Wer spart, regt die Produktion von Kapitalgütern an. Ersteres sorgt für mehr Beschäftigung heute. Letzteres sorgt für mehr Beschäftigung heute und für einen höheren Lebensstandard morgen. Am Ende dieses Prozesses steht dann auch eine höhere Nachfrage – als ein zufälliges (wenngleich außerordentlich begrüßenswertes) Nebenprodukt, auf keinen Fall aber als Auslöser.

Bleibt zu fragen, warum auch die Politik, die an ökonomischen Theoriedebatten wie der hier skizzierten ansonsten eher uninteressiert ist, das Sparen als gefährliche Volksseuche ausgemacht hat. Der Grund erschließt sich, wenn man den Blick von den gesamtgesellschaftlichen auf die individuellen Konsequenzen hoher Spartätigkeit richtet. Wer früh beginnt, einen Kapitalstock anzusparen, schafft sich eine solide wirtschaftliche Grundlage, die ihn gegen allerlei Schwankungen absichert. Brüche in seiner Biografie werfen ihn nicht mehr so leicht aus der Bahn. Es ist dieser selbständige Bürger, der auf staatliche Wohltaten nicht angewiesen ist, an dem die Politik kein Interesse haben kann. Politik braucht bedürftige, auf vielfältige Weise vom Staat abhängige Bürger, da diese die beste Grundlage für eine permanente Machtausweitung des Politischen zulasten des Privaten darstellen. Politik ist ein Geschäft wie jedes andere, hinter der geheuchelten Gutmenschenmoral steckt oft genug knallhartes Eigeninteresse. Wir können also durchaus weiterhin sparen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das erste, was wir uns sparen sollten, ist die Politik.

13 Kommentare »

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  1. Wer spart, kann nicht rechnen. Bargeld lacht! Muss ich deutlicher werden? =D

    Die “Wirtschaft” kann noch so sehr lahmen - die Baumärkte boomen. Muss ich noch deutlicher werden?

    =D))

    Comment von Olaf Petersen — 5. 5. 2006 @ 21:39

  2. Klasse geschrieben.

    Aber die Mär vom Angstsparen muß bleiben. Wenn alle sparen muß es Staat vielleicht auch noch. Dabei haben wir doch erst die 1,5 Billionen geknackt.

    Comment von PAul — 5. 5. 2006 @ 21:46

  3. Karsten, ich glaube, Du übersiehst da etwas. Wenn Du schreibst:

    Wie Peter Bofinger daraus trotzdem den Schluss „Wollen wir wieder zu Wachstum kommen, muss irgend jemand mehr ausgeben als bisher“ ableiten kann, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
    Dann übersieht das (meiner Meniuntg nach), dass Bofinger nicht allein auf die Sparquote zielt, sondern auch auf die Realeinkommen. Diese sind tatsächlich rückläufig - und bei konstanter Sparquote ergibt sich damit eine rückläufige Inlandsnachfrage (wenn ich mich nicht sehr täusche) und fallende EH-Umsätze usw. usf.

    Ich persönlich misstraue jeglicher keynsianistischen Argumentation, allerdings entspricht es inzwischen meinem - eher intuitiven - Eindruck, dass ein zu großer, also irrationaler, Fokus auf wirtschaftliches Schrumpfen und Sparen tatsächlich unaufholbar wachstumsschädlich sein kann.

    Wo Bofinger sich aber in meinen Augen mächtig täuscht, das ist seine implizite Annahme, dass staatliche Ausgaben das Mittel wären, um aus dieser “Schrumpf- bzw. Stagnationsfalle” (so nenne ich das mal) heraus zu gelangen. Das Gegenteil halte ich für richtiger.

    Das Geld gehört in die private Wirtschaft, die notwendige Expansion muss dort stattfinden. Ich würde also eine Konsolidisierung von Staatsfinanzen (auf dem Weg der Ausgabenreduktion) mit einer optimistischen Tarifpolitik (zur Stärkung des privaten Verbrauchs) kombinieren.

    Den Fokus auf ständig sinkende Löhne als angeblichen Kardinalpunkt jeglicher Wirtschaftspolitik halte ich für reichlich falsch. Richtig finde ich es allerdings, wenn Lohnnebenkosten abgebaut werden, und dies auch zum Zweck der Wirtschaftsbelebung.

    Ich halte nichts von der Idee “den Faktor Arbeit” bevorzugt als Steuer- und Abgabenquelle anzuzapfen, sondern menie, dass hier entlastet werden muss und im Bereich Unternehmenssteuern erhöht werden muss, um die Stagnation zu lockern.

    Was aber auf gar keinen Fall geht und auf gar keinen Fall gut geht: Staatliche Ausgabenprogramme. Niemals!

    Comment von Dr. Dean — 6. 5. 2006 @ 0:15

  4. Exellenter Text! Das “Sparenbashing” ist IMO ein weiterer Versuch, für ein komplexes und kompliziertes Problem eine “einfach” Lösungen zu finden, kombiniert mit den allseits beliebten Schuldzuweisungen an “die da” - zu denen “man selbst” natürlich nie gehört.

    Comment von MartinM — 6. 5. 2006 @ 17:14

  5. @Dean: Der Politik sollten die total egal sein. Ebenso wie die Lohnneben kosten natürlich runter müssen.

    Aber was passiert wenn die Unternehmensteuer erhöht wird ist klar oder? Entweder wird das Produkt teuerer => zahlt der Kunde (wenn er dazu bereit ist und nicht etwa ein billigeres Produkt vielleicht aus dem Ausland erwirbt) oder die Firma wandert ab. Beides bringt nicht den von dir gewünschten Effekt….

    Comment von Nex — 7. 5. 2006 @ 2:37

  6. @Dean:
    Der Text ist von Kristian Niemietz. :)

    Comment von Karsten — 7. 5. 2006 @ 12:19

  7. @Nex
    Du schreibst in Bezug auf die Reallöhne:

    Der Politik sollten die total egal sein.
    Das halte ich für einen Fundamental-Irrtum. Es gibt ohnehin - leider - kaum ein größeres Thema in der Politik wie die alte und gemeinschädliche Leier, dass die Löhne in Deutschland flächendeckend fallen sollen. Gute Politik sollte aber darauf zielen, dass die Reallöhne steigen, womit dann m.E. auch klar wird, dass Politikformen und politische Gestaltungen schlecht sind, welche Geld von mäßig bezahlten Lohnabhängigen z.B. zu Besserverdienenden oder zur Industrie (z.B. via Transrapid-Wahn) umverteilen, oder Solidarlasten einseitig den Arbeitnehmern aufdrücken, was regelmäßig zur Erhöhung ihrer Abgabenlast führt und zur Steigerung der Lohnnebenkosten.

    Du fragtst:

    “Aber was passiert wenn die Unternehmensteuer erhöht wird ist klar oder?”
    Nein. Ich halte die Idee, dass angemessen höhere realeUnternehmenssteuern (bei gleichzeitig geringeren Lohnnebenkosten) automatisch zur Abwanderung von Unternehmen führen werden für kontrafaktisch. Denn wie so oft im Wirtschaftsleben, verbieten sich pauschale Antworten, man muss genauer hinschauen. Die Unternehmenssteuerpolitik ist auch eine Frage des Konkurrenzumfeldes, und hier steht Deutschland (man betrachte die Exportkonjunktur oder die Stückkostenentwicklung im OECD-Vergleich) recht gut da. Ich würde es für eine gute Idee halten, wenn man die Pflegekosten und Arbeitslosenversicherung komplett aus den Lohnnebenkosten rausnimmt, und diese Maßnahme (welche übrigens auch die Arbeitgeber entlastet) komplett über höhere Unternehmenssteuern (besonders über Vergrößerung der Bemessungsbasis) gegenfinanziert. Im Ergebnis bekäme man in Deutschland ein günstigeres und für die wirtschaftliche Entwickung förderlicheres steuerliches Gleichgewicht. Man sollte auch beachten, dass die Unternehmen erhebliche Nutznießer dieser Gesellschaft sind (und erhebliche Gewinneinnahmen verzeichnen), und dies bei der Bemessung von Steuern und Abgaben bislang nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

    Überdies sollte man die Arbeitsverwaltung verschlangen und diese effizeinter und unbürokratischer agieren lassen, während man die Kosten im Pflegebereich durch neue und vor allem deutlich intensivere Formen von Wettbewerb senken sollte - bei gleichzeitigen Abstellen von teils erschreckenden Mängeln, die wir hier haben - bis hin zur Gefährdung der Menschenwürde alter, zu pflegender Menschen. Die heimische und ambulante Pflege (ohnehin günstiger) ist hierfür zu stärken zu Lasten einer Pflegeindustrie, welche z.Zt. sehr stark aus Arbeiterwohl, pirvaten und kirchlichen Verbänden besteht.

    Comment von Dr. Dean — 7. 5. 2006 @ 12:27

  8. Um hier auch mal wieder etwas Lobendes zu sagen:

    Das ist eine wunderbar allgemeinverständlich geschriebener Text, den sogar ich verstanden habe!
    ;-)

    Comment von Boche — 8. 5. 2006 @ 13:28

  9. @Boche
    Sollte das ironisch sein?

    Comment von Dr. Dean — 8. 5. 2006 @ 13:46

  10. @Dr.Dean

    Nein, ich meinte nicht deine Ausführungen.

    Comment von Boche — 8. 5. 2006 @ 15:48

  11. Freut mich, daß mein Artikel Diskussionen auslöst. Allerdings schwingt mir hier zu viel Kollektivismus mit. Dr. Dean schreibt:
    >>entspricht es inzwischen meinem - eher intuitiven - >>Eindruck, dass ein zu großer, also irrationaler, Fokus >>auf wirtschaftliches Schrumpfen und Sparen >>tatsächlich unaufholbar wachstumsschädlich sein >>kann.
    Ich habe geschrieben, auf welchem Wege Sparen wachstumsfördernd wirkt. Mit einem “Gesundschrumpfen” hat das nichts zu tun. Ich habe aber auch nicht die Wertung abgegeben, daß Sparen “gut” sei. Es komt auf die Zeitpräferenz der Individuen an. Nehmen wir den Brunnenbesitzer aus dem Text: Vielleicht ist der vorrübergehende Verzicht, den er durch den Bau der Leitung erleidet, für ihn so furchtbar, daß ihn noch nicht einmal die späteren positiven Folgen kompensieren können. Das kann nur er wissen, nicht irgendein Bürokrat.

    >>Gute Politik sollte aber darauf zielen, dass die >>Reallöhne steigen
    Abgesehen davon, daß es “gute Politik” genauso wenig gibt wie gute Grippeviren: Die optimale Lohnhöhe, die Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringt, kann nur dezentral am Markt gefunden werden. Dafür braucht es freiwillige Vereinbarungen, nicht allgemeinverbindliche Flächentarifverträge. Ob das Lohnniveau insgesamt “zu hoch” oder “zu niedrig” ist, kann kein Mensch wissen.

    >>Ich halte die Idee, dass angemessen höhere >>realeUnternehmenssteuern (bei gleichzeitig >>geringeren Lohnnebenkosten) automatisch zur >>Abwanderung von Unternehmen führen werden für >>kontrafaktisch.
    Solange wir einen so konfiskatorischen Steuer-Leviathan haben wie heute, halte ich es aus liberaler Sicht für ausgesprochen uninteressant, welche Steuer vielleicht etwas weniger schädlich ist als eine andere, oder bei welcher wir vielleicht noch etwas weniger geschröpft werden als die Steuersklaven anderer Länder. Als Liberaler möchte ich keinen besseren Staat und keine besser verteilten Steuern. Ich möchte weniger Staat, und weniger Steuern. Wenn wir wenigstens neuseeländische Verhältnisse hätten, dann würde es allmählich sinnvoll, über den Rest nachzudenken.

    Comment von Kris — 8. 5. 2006 @ 19:01

  12. Neuseeländische Verhältnisse? Abschaffung des Agrarsubventionswesens, Beendigung des neoiberalen Experiments, Einführung und inzwischen dreifache Erhöhung von Mindestlöhnen.

    Nun. Seitdem man vom neoliberalen Tripp runter ist und den unteren Bevölkerungsschichten wieder ein wenig Wohlstand zubilligt, boomt die Wirtschaft. Das Abschaffen von Subventionen war vermutlich auch kein Fehler. Habe ich eigentlich erwähnt, dass Neuseeland seit einigen Jahren von Linksliberalen regiert wird?

    *grins*

    Comment von Dr. Dean — 11. 5. 2006 @ 21:50

  13. Bleibt bloß noch die Frage, ob die neuseeländische Wirtschaft wegen oder trotz der “linksliberalen” Regierung boomt.

    Ich vermute man erntet gerade die Früchte des neoliberalen Experimentes.

    Comment von Matthias B. — 12. 5. 2006 @ 20:34

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