Ausbildung zu teuer?
Gestern Abend im Fernsehen (ARD, glaube ich) beschäftigte sich ein Kurzbeitrag mit den Kosten der Ausbildung und der Höhe der Ausbildungsvergütung. Zu sehen war auch ein Interview mit einem hohen IHK-Funktionär, der versuchte, den aktuellen Mangel an Ausbildungsplätzen mit der Ausbildungsvergütung zu erklären: Diese sei schlicht und einfach zu hoch, sie müsste dringend gesenkt werden.
Komisch, dass die kleinen und mittelständischen Unternehmer, die tatsächlich ausbilden, zumeist ganz andere Klagen hören lassen. Die Höhe der Vergütung spielt für die meisten von ihnen keine große Rolle; denn für diese bekommen sie ja eine Gegenleistung, die im Falle eines engagierten und motivierten Azubis akzeptabel ausfällt. Ohne Gegenleistung sind hingegen die Gebühren und Verwaltungskosten, die die IHK dem Arbeitgeber für einen Azubi in Rechnung stellt - und hier hört man auch schon deutlichere Klagen, die die IHK selbst aber natürlich verschweigt und durch Beschwerden über das Vergütungsniveau zu tarnen versucht.
Das größte Problem aber, darüber sind sich fast alle Ausbildungsbetriebe einig, ist das kontinuierlich abfallende Leistungs- und Bildungsniveau der Auszubildenden. Immer weniger von ihnen sind von der Schule angemessen aufs Berufsleben vorbereitet worden. Oft fehlen hinreichende Deutschkenntnisse (ob nun bei Migranten oder Alteingessenen), vielfach auch mathematische und soziale Fähigkeiten. Die Ausbildung wird dadurch oft erschwert und der oben angesprochene Gegenwert, den der Ausbilder erhält, reduziert.
Aber ist es nun die richtige Antwort darauf, die Ausbildungsvergütung zu reduzieren? Das bezweifle ich doch sehr.










Ich nenne mal nicht die Worte, die mein Ausbilder vor Jahren für die IHK hatte. Kleiner Tipp: Hatte was mit mittelalterlichen Einnahmemethoden zu tun.
Comment von Paul — 10. 5. 2006 @ 11:50
“Die” richtige Antwort ist es nicht. Aber die kurzfristig am meisten Erfolg versprechende.
Man kann von Unternehmen, die einem harten Wettbewerb ausgesetzt sind, nicht erwarten, dass sie die durch das geringere Bildungsniveau der Auszubildenden entstehenden höheren Kosten einfach so schlucken. Auch bei Investitionsgütern verringert ein Anstieg des Preises die Nachfrage.
Mittel- bis langfristig ist es natürlich im Interesse aller Beteiligten, das Bildungsniveau wieder zu erhöhen. Und da wäre das Heil nicht nur in staatlicher Bemutterung zu suchen, sondern durchaus auch in einer nach Bildungsniveau differenzierten Vergütung. Es wird schon lange beklagt, dass die “Bildungsrendite” in Deutschland vergleichsweise gering ist - so lange das so bleibt, treffen staatliche Bemühungen auf eine sehr, sehr ungünstige Ausgangslage.
Comment von Rayson — 10. 5. 2006 @ 14:23
@Rayson:
Überzeugende Argumentation.
Wobei ich noch einen weiteren Grund dafür sehe, dass eine solche Senkung der Vergütung nicht zu einem Anstieg der Zahl der Ausbildungsplätze führen wird:
Ein Auszubildender bindet Ressourcen und stellt ein höheres Risiko dar, weil er häufiger Fehler macht und nicht so unabhängig arbeiten kann wie selbst ein Hilfsarbeiter mit Erfahrung. Eingestellt werden Azubis also sowieso vor allem, weil die Betriebe selbst Interesse an weiteren Mitarbeitern haben. Solange aber die Zahl der Beschäftigten nicht steigt, wird auch die Zahl der Auszubildenden nicht steigen.
Mit der Senkung der Vergütung würde man vermutlich den Arbeitgebern helfen - Ausbildungsplätze werden aber wohl eher nicht entstehen.
Comment von Karsten — 10. 5. 2006 @ 19:48
@Karsten
Mit Fluktuation muss auch ein nicht-expandierendes Unternehmen rechnen. Von daher besteht schon ein Eigeninteresse an einem stetigen Zustrom von Nachwuchskräften.
Und da wird es die berühmten Grenznachfrager geben, die zwar einen Bedarf haben, denen die Kosten aber zu hoch sind. Um die geht es.
Hohe Vergütungen lassen sich staatlicherseits nicht ohne Nachfragrückgang durchsetzen, weder bei Auszubildenden noch sonstwo. Die kriegen wir erst wieder, wenn Auszubildende für die Betriebe attraktiver werden.
Ich halte eine preisunelastische Nachfrage nach Arbeit insgesamt für unwahrscheinlich.
Comment von Rayson — 10. 5. 2006 @ 19:56
@Rayson:
Die Vergütungen staatlicherseits durchzusetzen, dafür bin ich sicherlich nicht. Die Tarifautonomie muss schon erhalten bleiben.
Und für die Grenznachfrager empfehle ich - das habe ich ja auch schon im Beitrag selbst angemerkt - zunächst einmal die zusätzlichen Kosten zu reduzieren, mit denen Ausbildungsplätze derzeit belegt sind. Wenn das nicht reicht, kann man sich ja auch wieder mit der Vergütung auseinandersetzen.
Was diese angeht, so sollte auch bedacht werden, dass es sich für die meisten Auszubildenden heute nicht mehr um Geld “zum Verballern” handelt - viele Azubis finanzieren bereits ihre eigene Existenz, manche sogar eine Familie, aus der Ausbildungsvergütung und staatlichen Hilfen. Immerhin sind sie ja auch bei Ausbildungsbeginn nicht mehr 14, sondern oft 19 oder gar 20. Ohne Abitur ist ein Ausbildungsplatz schwer zu bekommen…
Comment von Karsten — 10. 5. 2006 @ 22:01
Die “Tarifautonomie” mit einheitlichen Kartellpreisen macht die Sache auch nicht besser.
Ich glaube auch nicht, dass die Grenznachfrager deiner Empfehlungen bedürfen: Wer sich heute noch als Kleiner oder Mittelgroßer im Wettbewerb hält, kann mit Verschwendung und dicken Overheads nichts am Hut haben. Die IHK als staatliche Zwangsveranstaltung ist da natürlich etwas anderes.
Was die Entlohnung von Auszubildenden oder vielleicht generell angeht, so kann die individuelle Situation dabei keine Rolle spielen. Was nutzt es dem, der eine hohe Vergütung für seinen Lebensentwurf braucht, wenn er zu diesem Preis keine Chance kriegt?
Comment von Rayson — 11. 5. 2006 @ 12:22
Ich sprach von der IHK, nicht von sonstigen Overheads. Die sollten nicht die Sorge der Politik sein, einverstanden.
Für denjenigen, der seine Rechnungen bezahlen und von irgend etwas leben muss, spielt seine individuelle Situation übrigens durchaus eine Rolle. Und das hat nicht nur mit “Lebensentwürfen” zu tun, sondern auch mit Lebenssituationen. Man kann eben nicht alles planen.
Comment von Karsten — 11. 5. 2006 @ 13:52
Ja, Karsten, für den Einzelnen spielt sein Leben immer eine besondere Rolle. Er kann daraus aber keine Ansprüche an Andere ableiten, bei denen das nämlich ebenso gilt.
Comment von Rayson — 11. 5. 2006 @ 15:11
Ich lebe in einem sozialen Land, in dem die Interessen derer, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren, nicht nur ihre eigene, sondern auch öffentliche Aufmerksamkeit finden. Und darüber bin ich froh.
Comment von Karsten — 11. 5. 2006 @ 16:58
Das ist eine andere Ebene. Mit der Forderung nach einer gewissen Höhe einer Ausbildungsvergütung verpflichtest du einen bestimmten Kreis von Menschen - nämlich die, die auch Ausbildungsplätze anbieten wollen.
Meine Frage ist, ob es sich hier um eine sinnvolle Einstellung handelt.
Inwieweit eine das Scheitern zum gesellschaftlichen Ideal erhoben werden soll, ist eine ganz andere Frage, die ich auch gerne diskutiere.
Comment von Rayson — 11. 5. 2006 @ 22:44
Nun, die Forderung nach einer Absenkung der Ausbildungsvergütung wurde ja auch nicht im privaten Gespräch einer Lohnverhandlung erhoben, sondern öffentlich, quasi als Forderung, irgendjemand möge sie senken. Das solltest du auch bedenken.
Comment von Karsten — 12. 5. 2006 @ 10:29