18. 5. 2006

Gefahr von Links (Report Mainz)

Offenbar steigt nicht nur die rechts-, sondern auch die linksextreme Gewalt an, wie der Report aus Mainz berichtet (via Externspeicher).

Und wegen solcher Leute ist es mir unangenehm, wenn Menschen im politischen Diskurs über Revolution sprechen. Ob das nun der Ver.di-Mensch ist, der vom “mangelnden revolutionären Potenzial in den Betrieben” spricht (ich habe ihn, so glaube ich, schon einmal erwähnt) oder “Che”, der hier in relativ abstrakter und theoretischer Art und Weise die Möglichkeiten der Enteignung im Falle einer Revolution im Kommentarbereich erörtert.

Ich habe keine Löschungen vorgenommen, obwohl die Diskussion gegen meinen Willen off-topic weitergeführt wurde - ich bitte aber darum, hier demnächst auf “revolutionäres” Gerede zu verzichten. Ganz freundlich, als Hausregel. In Ordnung?

53 Kommentare »

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  1. Jetzt juckt es mir in den Fingern was zu schreiben. Ich will aber auch nicht gleich die Hausregel auf die Probe stellen. Vielleicht mache ich einen eigenen Artikel daraus.

    Auf jeden Fall ist es faszinierend das Thema mal nicht aus politischer sondern auch aus soziologischer und psychologischer Sicht zu betrachten.

    Comment von Paul — 18. 5. 2006 @ 10:23

  2. Unabhängig vom i.d.R. extrem fragwürdigen gesellschaftlichem Idealbild: Nahezu jeder revolutionäre Prozess ist von Willkür begleitet. Das begreifen mitunter diejenigen nicht, die sich an anderer Stelle i.d.R. besonders engagiert gegen Willkür wenden und das Grundgesetz loben.

    Ich halte das für elinen Widerspruch. Jedoch: Wenn Aufwand und Ertrag stimmen, wenn das Ziel stimmt, ist eine Revolution vollkommen Okay. Stichwort: Friedliche Revolution in der DDR.

    Comment von Dr. Dean — 18. 5. 2006 @ 14:01

  3. Es ist schon interessant, wie hier von angeblichen Links”Liberalen” der gewaltbereite Extremismus von Autonomen oder Neonazis mit der friedlichen Revolution gegen das Unrechtssystem DDR vermengt wird. Karsten hat sich auf sich auf die demokratische verfasste Bundesrepublik bezogen.
    An M-R. Deans Aussage “wenn das Ziel stimmt, ist eine Revolution vollkommen Okay” ist deshalb in diesem Kontext absolut nichts Liberales. Das ist lediglich ein billiger Versuch, mittels “der Zweck heiligt die Mittel”-Sprüchen Gewalt zu legitimieren.
    Che vom Kriegstagebuch ist diesbezüglich wenigstens ehrlich(er).

    Comment von jo@chim — 18. 5. 2006 @ 15:58

  4. “An M-R. Deans Aussage “wenn das Ziel stimmt, ist eine Revolution vollkommen Okay” ist deshalb in diesem Kontext absolut nichts Liberales.”

    Aber Achim!

    Wir sind hier nicht im Kindergarten. Bereits mit durchschnittlich verständigen Augen sollte klar sein, dass der Maßstab einer gerechtfertigten Revolution bei mir die Überwindung eines Unrechtssystems und die Herstellung einer demokratischen Ordnung ist.

    Okay?

    Ich sprach - explizit daher auch der Verweis auf die friedliche Revolution der DDR - ganz allgemein vom Thema, und zwar in Form einer eng umrissenen Ausnahme, die auf die Herstellung eines fundamental besseren Zustands zielt.

    HIer in der Bundesrepublik, darüber besteht zwischen mir und Achim sicherlich Einigkeit, steht z.Zt. keine Revolution an. Anderenfalls hätte ich es offen angesprochen. Denn die grundgesetzliche Ordnung ist bei uns verwirklicht, die Demokratie herrscht: Wozu dann Revolution, Achim?

    Theoretisch gesprochen, würden wir uns allerdings in einem demokratiefernen Zustand befinden, bei dem wir z.B. von “den Ackermanns” und anderen Kräften - und zwar am Willen der Bürger vorbei - regiert würden, ohne Aussicht, diesen Zustand in freien Wahlen zu überwinden, dann würde ich keine Sekunde zögern, um eine Revolution zur Überwindung des undemokratischen Unrechtszustands zu unterstützen.

    Wie jeder gute Demokrat, Achim!

    Aber wie wir beide jetzt sogar gemeinsam festgestellt haben, besteht für unser Land dafür keine Notwendigkeit und daher ist die Diskussion selbstredend theoretischer Natur.

    Schließlich ist ja die Ausnahme oft interessanter als die Regel, und die Frage, ganz allgemein, ist nun wirklich interessant, unterr welchen Bedingungen eine Revolution gerechtfertigt sein könnte.

    Ich meine, der eine Revolution rechtfertigende Maßstab ist neben Demokratieferne auch eine deutliche Entfernung von den Menschenrechten. Ich formuliere, selbstverständlich rein theoretisch, also zwei gemeinsam auftretende Bedingungen für die Rechtfertigung einer Revolution, Achim.

    Ich bin also ein Revolutionsskeptiker, übrigens auch meinem Glauben geschuldet, dass die eruptive Herstellung besserer Zustände praktisch kaum möglich ist, sondern ein erhebliches Maß eines zu überwindenen Unrechts zur Rechtfertigung notwendig macht. Ich glaube nämlich, dass Willkür Ergebnis der meisten Revolutionen ist, und das ist ein unerhört teurer Preis, der in die Gesamtrechnung einzubeziehen ist.

    Eine positive Differenz aus “Aufwand und Ertrag” muss auch diese, sehr erhebliche Willkürgefahr übersteigen. Das ist selten möglich, hierzulande unmöglich.

    Ich denke, Achim, meinen Hinweis auf “Willkür” hast Du völlig falsch verstanden, als ob ich Willkür befürworten würde. Nein, das ist nicht der Fall, im Gegenteil.

    Ich bevorzuge Menschenrecht und Demokratie gegenüber jeglicher Willkür.

    Und hier wird es etwas peinlich für Dich, Achim: Das ist bei Dir nämlich anders…!

    Comment von Dr. Dean — 18. 5. 2006 @ 18:28

  5. Franky, my dear: darf ich hinter all dem Geschwurbel erkennen, dass Du Gewaltausübung zur Erreichung politischer Ziele unter den Bedingungen, wie sie aktuell in diesem Lande herrschen ebenso wie ich im Gegensatz zu Kriegstagebuch-Che kategorisch ablehnst?
    Dann hätte ich Dich ja wirklich falsch verstanden!

    Comment von jo@chim — 18. 5. 2006 @ 18:39

  6. @Achim
    Nett, dass Du unter Bezug auf Dein Leseverständnisproblem gleich auch eine Erklärung mitlieferst.

    Dann ist ja zum Thema nun alles gesagt, und Deine Entschuldigung: Die nehme ich an. Billiger bekomm ich die nie wieder.

    Nur das mit “my dear” solltest Du Dir abgewöhnen, denn sehr viel Liebe wird es zwischen uns beiden nicht geben, auch wenn => z.B. Dein letzter Beitrag zu rechtsextremer Gewalt vollen Respekt verdient.

    Comment von Dr. Dean — 18. 5. 2006 @ 20:11

  7. Das ist alles Bullshit: Gegenüber der zunehmenden rechten Gewalt ist “links” derzeit wirklich absolut vernachlässigbar. Die paar Autonomen sind eine Loser-Truppe! Heye dagegen hat völlig recht: Auslander zusammenschlagen ist in Brandenburg - und nicht nur da - Pop of the Tops.

    Wobei sich Extreme allerdings immer zu berühren pflegen. Der Übertritt der WASG-Kader zur NPD ist kein Zufall. Die Welt ist rund: Wer nach links verschwindet, taucht rechts wieder auf. Und umgekehrt.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 18. 5. 2006 @ 22:54

  8. Was soll ich da noch sagen, besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können, Sire Atkins :)

    Comment von jo@chim — 18. 5. 2006 @ 23:26

  9. @Chat Atkins:
    Ja und nein. In der Tat, derzeit sind die Rechtsextremen an Kopfzahl, Anzahl und öffentlicher Wirksamkeit ihrer Straftaten den Linksextremen bundesweit deutlich überlegen.

    Wenn man aber beispielsweise einmal Neonazi-Demos in bestimmten Gebieten (z. B. Ruhrgebiet) sieht, relativiert sich das Bild ein wenig - einige Dutzend bis zu wenigen Hundert rechter Demonstranten treffen dort meist auf eine fünf- bis sechsfach überlegene Zahl autonomer Gegendemonstranten; zumindest lokal begrenzt verschiebt sich das Bild also durchaus auch einmal.

    Weiterhin ist es so (wie du ja auch angemerkt hast), dass “Rot und Braun aus dem gleichen Sumpf schöpfen” - auffällig ist in der Tat, dass rechtsextreme Parteien und Organisationen genau dort ihre Anhängerschaft finden, wo auch die linksextremen stark sind. Deswegen - und wegen der Tatsache, dass eine Radikalisierung auf der einen Seite für gewöhnlich auch Gegenradikalisierung auf der anderen nach sich zieht - halte ich es für ratsam, auch die Linksextremen immer im Blick zu behalten.

    Wir sollten auf keinem Auge blind sein, auch nicht, wenn uns die oberflächliche Faktenlage in Sicherheit wiegen mag.

    Comment von Karsten — 19. 5. 2006 @ 13:21

  10. @Paul:
    Klingt sehr interessant. Vielleicht hättest du es doch versuchen sollen - ich bin für großzügige Auslegung meiner Hausregeln bekannt, auch in der eigenen Wohnung. :)

    Comment von Karsten — 19. 5. 2006 @ 13:22

  11. @Karsten: Bei uns hier laufen, wenn’s gegen rechts geht, auf Seiten der Demonstranten noch ein paar mehr Gruppen mit, als nur durchgeknallte Autonome, die sich voller Sozialromantik ins schwarze Lederhöschen pubertieren. Man muss nicht alle Demonstranten als “linke Extremisten” in einen Topf werfen. Bei den Nazis hingegen laufen auch nur Nazis mit. Anders ausgedrückt: Wo Reichskriegsflagge drüberschwebt, ist auch Reichskriegsflagge drin.

    Die unübersehbare Hassliebe zwischen rechts und links wie in jeder guten Verwandtschaft ist nicht weiter verwunderlich. Nach Gregory Bateson sind es “immer die Muster, die verbinden”. Ob die Funktionsstellen in diesem Muster nun mit “Rasse” oder “Klasse”, mit “Antisemitismus” oder “Antizionismus”, mit “Führer” oder “Partei”, ob die rote Flagge mit “Hammer und Sichel” oder “Hakenkreuz”, die Hemden mit “HJ” oder “FDJ” beschriftet sind - das ist gegenüber dieser mächtigen Strukturverwandtheit absolut zweitrangig. Wer wechselt, fühlt sich jedenfalls sofort wie zu Hause.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 19. 5. 2006 @ 19:09

  12. Dazu mal zwei Bemerkungen:

    Ich hatte geschrieben “in einer revolutionären Situation”, und so etwas ist ein aufgrund historischer Gesetzmäßigkeiten zustandegekommenes Ereignis, das sich durch den totalen Zusammenbruch der Ökonomie eines Landes und den völligen Legitimitätsverlust seiner Regierung ergibt, und das Beispiel, das ich erwähnte, war auf Südamerika bezogen, das sich erstens nicht im Geltungsbereich des Grundgesetzes befindet und wo die Menschen zweitens Opfer ganz anderer gesellschaftlicher Widersprüche und Traumatisierungen sind als in Deutschland. Wie Andere schon festgestellt haben, steht diese Frage in Deutschland, auch langfristig, gar nicht zur Debatte.

    Zum Kollegen Dean: Dessen Positionen hätten in der ersten Hälfte der 70er Jahre problemlos zur FDP gepasst, insofern sind sie klassisch linksliberal, während die heutige FDP wohl liberal, aber nicht linksliberal ist (sagt in diesem Fall nicht der Linke, sondern der Politikwissenschaftler und Historiker in mir).

    Comment von che2001 — 19. 5. 2006 @ 19:16

  13. @Chat Atkins:
    Nun, bei uns ist es meist so, dass sich faktisch sogar drei Demos bilden. Rechtsextreme und Linksextreme versuchen dabei möglichst dicht beieinander zu bleiben (und letztere sind vorwiegend Autonome), während das demokratische Lager eine dritte Kundgebung weiter weg organisiert. Da kann man schon ganz gut unterscheiden…

    @che:
    Ich habe ja auch laufen lassen. Und das, obwohl eure Diskussion Off-Topic in einem anderen Beitrag landete, nachdem ich sie im ersten geschlossen hatte. Mit dieser Klarstellung kann ich aber ganz gut leben.
    Was Dean angeht: Ich stehe dem, was er so schreibt, näher als die meisten Bloggerkollegen, die hier schon länger lesen und gelegentlich kommentieren. Andererseits verstehe ich aber auch manche Vorbehalte, die er zu provozieren scheint. Ich nehme an, dass er auch in den 70ern ein ziemlich linkes FDP-Mitglied gewesen wäre. Woran ja nichts verwerfliches ist.

    Comment von Karsten — 19. 5. 2006 @ 19:37

  14. @Chat Atkins:

    “Die unübersehbare Hassliebe zwischen rechts und links wie in jeder guten Verwandtschaft ist nicht weiter verwunderlich. Nach Gregory Bateson sind es “immer die Muster, die verbinden”.”

    Wer war noch Gregory Bateson? Der aus “American Psycho”?

    War jetzt’n Scherz, aber das ist so pauschal formuliert mindestens genau so schlicht gestrickt (was jetzt viel zu freundlich formuliert ist) wie die Behauptung, alle Liberalen wären ausnahmslos wahlweise nützliche Idioten des Großkaptitals oder der Konservativen (oder beider zusammen).

    Oder aber, daß es nicht mehr lange dauern würden, bis die Libertären - z.B. meine neuen Interims-Diskussionspartner von freilich - anfangen, sich auf Bakunin zu besinnen, um gegen den verhaßten Staat und die verhaßte Demokratie dann ernst zu machen. Was ja Blödsinn ist, aber eine ähnliche, diskursive Strategie verfolgen würde.

    Diese ausgelutschten Sprüche verfolgen mich nun auch seit meinem 14. Lebensjahr, und die waren schon damals falsch, verstehe gar nicht, wer Interesse daran sie wieder aufzuwärmen.

    Selbst dann, wenn Lafontaine ziemlich widerlich gegen Fremdarbeiter wettert, irgendwelche WSAG-Leute zur NDP übertreten oder man sich die Horst-Mahler-Biographie anschaut, sind diese Sätze, zumindest so formuliert, falsch. Habe auch schon mal in die Richtung was in meinem Blog geschrieben, schäme mich hiermit öffentlich dafür und nehme das somit zurück. .

    Ich fand die von Stefanolix angestoßenen und von Che dann klasse aufgenommen Diskussion übrigens ausgesprochen erfrischend, kann man ja auch mal schreiben, einfach, weil sie einen Bezugsrahmen, der eigentlich - mit guten Gründen, siehe Che oben - völlig außerhalb der aktuellen Debatten liegt, eröffnet hat. Sowas ist ja immer erhellend.

    Comment von MomoRules — 19. 5. 2006 @ 22:00

  15. @MomoRules:

    Pauschalisierungen sind immer falsch. Einfach immer. *ahem*

    Aber du zählst ja noch eine Reihe weiterer, interessanter Argumente dafür auf, dass die totalitäre Linke und die totalitäre Rechte nicht allzu weit voneinander entfernt liegen und teilweise ähnliche Denkmuster mit austauschbaren Begriffen verfolgen.

    Dabei reden wir nicht von den wirklich politisch Interessierten. Für diese sind die Theorien beider Seiten tatsächlich zu unterschiedlich, um einen leichten Wechsel zu ermöglichen. Aber für die Masse des “Fußvolks”, das linke wie rechte Diktaturen aufzubieten haben, ist der Unterschied schon erheblich geringer. Ein klares Feindbild mit deutlichen Unterscheidungslinien, großartiger Pathos und Überlegenheitsphantasien sind es, die diese Leute anziehen. Und da liegt der Grund dafür, dass Rechte und Linke Extremisten - wie ich zuvor schon sagte - im gleichen Sumpf fischen. Oder ist das so falsch?

    Comment von Karsten — 19. 5. 2006 @ 22:51

  16. Das kommt darauf an, was Du unter Extremisten verstehst. Dass Nazis, sonstige Faschisten und Stalinisten mental ähnlich gestrickt sind, OK, aber Anarchisten? Radikalfeministinnen? Ökolinke? Durch die Verbindung von Psychoanalyse, unorthodoxe Marxinterpretation und Dekonstruktivismus geprägte Neu-Linke? Autonome (ich meine keine Hau-Druffs, sondern Leute, die die eben beschriebenen Ansätze miteinander verbinden) das Gleiche? Da zweifle ich doch sehr.

    Comment von che2001 — 19. 5. 2006 @ 23:53

  17. @Karsten:

    “Ein klares Feindbild mit deutlichen Unterscheidungslinien, großartiger Pathos und Überlegenheitsphantasien sind es, die diese Leute anziehen.”

    Das gilt auch für mindestens 75% der liberalen Blogosphäre, das reicht nicht als Beschreibung … das ist, glaube ich, eher das Patriarchat ;-) ….

    Ich habe mich hier:

    http://www.bissige-liberale.com/2006/05/19/nestbeschmutzung-durch-reisewarnung/

    Kommentar 21, gerade noch mal zu dem Thema ausgelassen, auch aufgrund der Diskussion hier. Man muß da schon differenzieren.

    Diese Linke, die sich manche Liberale da gerne aufbauen, die gibt’s doch kaum noch. Vollste Zustimmung, Che, wobei Du das live und in Farbe viel besser kennst als ich Schreibtischtäter.

    Und zu den von ihm genannten Strömungen gibt es noch Leute wie Habermas, wie Tugendhat, wie Foucault, auf die ich mich dann immer berufe bei allen Anleihen bei der älteren Kritischen Theorie (um mir dann zu Recht den Vorwurf einzufangen, bei der Moral zu verharren und die Kritik politischer Ökonomie außen vor zu lassen), während ich mit Althusser, Derrida oder Lacan nie viel anfangen konnte. Und noch so unendlich viel mehr …

    Und dann gibt’s noch allerlei linke Feld-, Wald- und Wiesen-Emotivisten, was ich völlig unverächtlich meine, die aber sowas von weit weg von den Rechten sind …

    Diese Gleichung links = rechts ist eher politische Rhetorik denn irgendeine sachliche begründete Aussage.

    Die im wesentlichen dazu dient, “Soziale Fragen” aus Diskussionen ganz grundsätzlich auszugrenzen, indem man sie per se als faschistoid deutelt, völliger Blödsinn. Polemische Ellenbogen, damit einem niemand mehr im Weg steht bei der Durchsetzung je eigener Interessen …

    Die Rechten haben allenfalls bestimmte Topoi der Globalisierungskritik geklaut und für ihren widerwärtigen, völkischen Nationalismus instrumenatalisiert, um jedoch in jeder Hinsicht konträre Ziele zu verfolgen …

    Comment von MomoRules — 20. 5. 2006 @ 10:33

  18. Volle Zustimmung. Und noch einen Blick auf die diffuse Linke: Als “Ideologie” eines nicht unwesentlichen Teils der autonomen Szene der 90er Jahre habe ich Folgendes kennengelernt: Eine Verbindung aus Bushido-Kampfsport Ethos (aufgrund der Wahrscheinlichkeit, mit Nazis in gewalttätige Auseuinandersetzungen zu geraten, bei Frauen auch, um sich handgreiflich gegen Vergewaltiger wehren zu können) praktizierte ein Großteil der Szene, wie ich, wenn auch mit eher sportlichem Hintergrund, Kampfsportarten wie Karate, Escrima, Kendo oder Wing Tsun), Vegetarismus, einer allgemeinen PC-Haltung, die sich gegen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus wandte und eine Abneigung gegen gesellschaftskonforme Geschlechterrolle (viele extrem toughe Frauenn und eher softe Männer). Der Marxismus-Leninismus als Ideologie westdfeutscher Linker hat doch schon den Löffel abgegeben, als in den 70ern die ersten grünen Listen in die Landtage einzogen. Und was die Gleichsetzung rechtsextremer und autonomer Gewalt angeht: Die Gewalt von Neonazis richtet sich gegen Wehrlose, vor allem Ausländer, aber auch Schwule. Skateboardfahrer und mitunter selbst Behinderte, die für sie “unwertes Leben sind”. Die Gewalt von Autonomen richtet sich primär gegen Neonazis, aber nie gegen Wehrlose.

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 12:42

  19. Kurze Antwort auf einen Punkt bei momorules: Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die Insistenz auf soziale Fragen unterscheide links und rechts, weil dies bei den Rechten keine Rolle spiele. Gerade darin unterscheiden sich links und rechts doch gerade NICHT. Lafontaines populistischer Sprung ins eher national Soziale unter Instrumentierung des Begriffs “Fremdarbeiter” grenzt ihn gerade NICHT aus linken Zusammenhängen aus. Reden Sie mal mit gestandenen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern über die “polnische und indische Gefahr” für ihren Arbeitsplatz. Die hoffen noch immer unverdrossen auf nationale Lösungen dieser neuen sozialen Fragen, sind nicht den Hauch “globalisiert”, auch wenn die Internationalisten in den Eine-Welt-Gruppen das bereits anders sehen. Selbst der Hitlerstaat war ausdrücklich als national zentrierter Sozialstaat konzipiert, von der Pendlerpauschale bis zum Ehegattensplitting haben wir vieles aus jener dunklen Zeit “hinübergerettet” (s. z.B. Götz Alys Bücher)

    Noch einmal: Links und rechts im klassischen Sinn unterscheiden sich nicht in der sozialen Motivierung ihrer ideologischen Konstrukte, sondern vor allem in “Führerstaat vs. Einparteienstaat”, “Charisma” vs. “Wissenschaftlich-ideologischer Kanon”, und in ihrem Feindbild, das bei den einen über die Klasse und bei den anderen über die Rasse die Geschlossenheit der Gefolgschaft generiert, die in beiden Fällen zu tun hat, was ihr “von oben” gesagt wird. Ansonsten ist da nicht viel an Unterschiedlichkeit, der Mussolini-Kult unterschied sich für einen Beobachter kaum vom Stalin-Kult (große Tribünen-gereckter Arm-martialische Führerfigur-jubelnde Gefolgschaft - alles ganz wie bei Kim Il Sung oder Mao Tse Tung), die meisten Lenin-Denkmäler könnten auch von Arno Breker gemeißelt sein, die Kolchosgemälde mit den drallen jubelnden Proletfiguren der UdSSR waren der reinste Blut-und-Boden-Kitsch, stilistisch war kein großer Unterschied zwischen einem Zöberlein und Willi Bredel: Beides in eine rosarote Zukunft wandelnde Ideologie auf den Stelzen hölzerner Romanfiguren. Diese Reihe ließe sich noch endlos fortsetzen. Sie können natürlich gern weiterhin behaupten, dass das alles nur Zufall sei.

    Natürlich aber fand auch die Linke mehr willfährige intellektuelle Clerks zu ihrer Unterstützung als die Rechte, weil sich die Linke erfolgreich den Anschein von Wissenschaftlichkeit gab - in Wirklichkeit aber steuerten dort kommunistische Parteien bloß einen wilden, stets leicht verspäteten Zickzackkurs durch die fortlaufende Weltgeschichte, den Becher, Brecht, Lukacs, Seghers und Co. in abenteuerlichen Argumentationen nachvollziehen mussten, auch wenn sie sich dabei moralisch gleich mehrfach den Hals brachen.

    *MomoRules schrieb, die Gleichsetzung Links-Rechts diene dazu, abzulenken, um soziale Fragen aus Diskussionen grundsätzlich auszugrenzen.*

    Comment von Chat Atkins — 20. 5. 2006 @ 12:52

  20. Dann versuch mal, Ingrid Strobl, Jutta Ditfurth, die Gewaltfreie Aktion /Graswurzelrevolution, die Weltläden, Pro Asyl, Robinwood, die Antfagruppen oder die anarchistishe FAU in diesem Bezugsrahmen unterzubringen. Für die westdeutsche außerparlamentarische Linke der 80 und 90 er waren das die prägenden Kräfte, die Bedeutung Stalins würde ich mit Fakor null ansetzen.

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 13:20

  21. @Che: Dass die Gewalt der Autonomen sich nie gegen “Wehrlose” richte, das gehört zum geschönten Selbstbild dieser Gruppen. Faktisch hauen sie ja auch lieber die Polizisten und alle möglichen “Faschos” als die Ausländer. Vor einigen Jahren kriegten auch manchmal alle Männer als geborene “Schwanzträger” und deshalb unwiderlegliche “Vergewaltiger” was auf die Mütze. Soweit ist das richtig.

    Dass die Autonomen aber durch die Polizeiketten jemals bis zu den Neonazis vorgedrungen seien, das habe ich noch nicht erlebt - und auch nicht gehört. Das ist ja wohl auch nicht intendiert. Neonazis und Autonome “genießen” doch beide gewissermaßen diesen Polizeischutz, hinter dessen Plastikschilden sie sich so richtig stark fühlen dürfen. Ich möchte es wirklich mal erleben, dass die Polizei einfach zur Seite träte. Ob das wirklich noch im Sinne der rechten und linken Straßenkämpfer wäre? Für mich also ist dort viel Folklore dabei - links wie rechts.

    Mal konkreter gefragt: Was ist, wenn bei den nächsten rituellen Silvester-Krawallen im Bremer Ostertor-Viertel der Laden des kleinen türkischen Gemüsehökers wieder brennen sollte? Was war, als damals der Penny-Markt geplündert wurde, unter dem Motto der “Expropriation der Expropriateure”, wo so viele Ausländer einen Arbeitsplatz gefunden hatten, bevor der Markt daraufhin dann geschlossen wurde? Wodurch ganz viele “kleine Leute” ihre Lieblingseinkaufsstätte verloren. Beim nächsten Mal ist vielleicht der kleine Trommelladen von Siad ur He aus Nigeria dran? Nur ein paar Meter entfernt vom Sielwall-Haus - der Hochburg der Autonomen. Ist das alles eigentlich keine Gewalt gegen Ausländer?

    Comment von Chat Atkins — 20. 5. 2006 @ 13:24

  22. @Che: Bitte erkläre mir mal, weshalb Robin Wood irgendwie “links” sein sollte? Und was für ein Begriff von “links” dort dann dahintersteckt? Nur weil jemand kein Fleisch isst, Kaffee aus Nicaragua verkauft, auf Männer schimpft, eine Schwulenparade organisiert oder die Atomkraft ablehnt, ist er doch noch nicht “links”. Ich kenne ganz viele StiNo-Liberale, die sich gegen Kinderarbeit engagieren, bei Amnesty mitmachen, für Ärzte ohne Grenzen spenden usw. - die würden es sich verbitten, ihre Haltung als irgendwie “links” zu bezeichnen. Die wählen auch grün oder FDP, manche vermutlich sogar CDU. Die meisten nennen es schlicht “Engagement”, was sie machen - und es kommt bei ihnen aus einem moralischen und nicht aus einem politischen Ansatz heraus. “Links” ist aber nun mal eine politische Zuordnung, die über die Handhabung der Machtfrage in Gesellschaften reflektiert, die allein schon deshalb nicht moralisch sein kann, aber auch deshalb, weil dieses moralische Engagement auch bei Nicht-Linken zu finden ist. So war es zum Beispiel möglich, dass bei den Grünen zur Ditfurth-Zeit ein Revolutionario wie Ebermann ebenso wie ein schwer angebräunter Baldur Springmann gleichermaßen “Ökologen” sein konnten (bei Ebermann, dem alten Zocker, bin ich mir über seine ökologische Ernsthaftigkeit allerdings nicht ganz so sicher).

    Comment von Chat Atkins — 20. 5. 2006 @ 13:39

  23. @Chat Atkins:

    Da hast Du mich jetzt aber ziemlich mißverstanden. Ich habe keineswegs behauptet, daß Nazis nicht die “”soziale Frage” behandeln würden, sondern viel mehr, daß

    a.) sie diese auf ihre, der Linken, so wie ich sie verstehe und kennen gelernt habe, diametral entgegengesetzte Art beantworten.

    Daß sie dabei außerordentlich erfolgreich waren, lag schlicht daran, daß ansonsten diese Frage überhaupt niemand mehr ernsthaft thematisiert hat. Überspitzt polemisch gesagt, haben Schröder und Clement Nazis produziert. Weil die SPD sich einfach nicht mehr glaubwürdig um einen bestimmten Politik-Bereich gekümmert hat. Deshalb kam’s ja auch zur WASG-Gründung.

    Das mit der Endphase der Weimarer Republik auf Identität und Unterschied hin abzuklopfen, das überlasse ich mal den Historikern …

    b.) daß diese Gleichsetzung “links = rechts” eben keine wahre Aussage ist, sondern eine Diskursstrategie, um die “soziale Frage ” als solche zu diskreditieren. Daß aus völlig unterschiedlichen Perspektiven beide Seiten sich um diese kümmern, streite ich keineswegs ab.

    Du hast a.) und b.) jetzt miteinander kurzgeschlossen.

    Und hinsichtlich der Stalin-Mussolini-Nummer: Che hat da völlig recht - allerspätestens im Verlauf der 70er war Stalin nicht mehr relevant, Maoisten z.B. waren Splittergruppen, und auch vorher schon haben sich die meisten Quellen, aus denen sich linkes Denken auch heute noch sich speist, ganz dezidiert in Auseinandersetzung mit, in Abgrenzung zu und unter massiver Zurückweisung des Stalinismus bzw. Marxismus-Leninismus formiert. Da kamen nur andere Ansätze bei raus als bei Liberalen.

    Da hat beispielsweise Sartre völlig zu Recht auf die Glocke bekommen, daß er mit Stalin kokettierte, z.B. von Merleau-Ponty und Camus.

    Auch Horkheimer/Adorno haben die “Dialektik der Aufklärung” unter dem Eindruck beider Totalitarismen geschrieben. Bei Bloch kenne ich mich nicht so gut aus, und Marcuse und Wilhelm Reich sind ein eigenes Thema. Auch all die anderen, oben ja nur als symptomatisch für bestimmte Strömungen genannten Denker sind alle dezidiert antitotalitär.

    Und ob man die angstzerfressenen Gewerkschafter nun noch als links bezeichnen kann - ich meine nicht. Das sind Strukturkonservative. Nationalismus ist nie links, selbst dann nicht, wenn er so tut, als sei er’s.

    Bei all diesem anderen, was Du da in der Gleichsetzung von “Rasse” und “Klasse” schreibst, hast Du Dich ein wenig in der Historie verheddert und 60 Jahre (wenn nicht noch mal 60 Jahre oben drauf, es gab immer eine unorthodoxe, nicht-marxistisch-leninistische Linke, und Lenin ist noch lange kein Grund, Marx in jeder Hinsicht zu beerdigen) überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

    Ich habe in meinem ganzen Leben - so jung bin ich auch nicht mehr - gerade mal eine Person kennengelernt, die einen “Einparteienstaat” gefordert hätte.

    Allenfalls das Räte-System, das ja nicht als Partei, sondern idealerweise als Basisdemokratie funktionieren sollte, fand der eine oder andere attraktiv, und selbst das waren wenige, die’s aber gerade als andere Möglichkeit der Demokratie, nicht als Parteiendiktatur sich vorstellten.

    Was übrigens auch diesen ewigen Kronzeugen Herrn Aly betrifft, der ja nur einen Ausschnitt beschreibt - die Nazis haben auch Sport instrumentalisiert, deshalb sind Fußballer noch lange nicht per se faschistoid (obwohl das neulich tatsächlich sinngemäß in der EMMA so stand). Die Geschichte des Sozialstaates fing doch völlig anders an, nicht erst mit Hitler.

    Na, und zu diesen Geschichten mit den Autonomen und den Nazis, da überlasse ich mal lieber anderen das Wort, die sich damit besser auskennen. So isses meines Wissens zumindest nicht, wie Du’s darstellst.

    Comment von MomoRules — 20. 5. 2006 @ 14:19

  24. Das Kapitel über die Autonomen in Wikipedia bringt dies in Ansätzen zum Ausdruck. Links im Sinne der westdeutschen außerparlamentarischen Lonken ist auf jeden Fall die feministische Gesellschaftskritik, als zentrale Position der Neuen Linken kann wohl die Triple Opression festgehalten werden. Die Formulierung eines gemeinverbindlichen politischen Ziel, etwa eines zu errichtenden Staatswesens, gibt es in dieser Linken seit Langem nicht mehr, mindestens seit 1977 nicht. Diese Linke definiert sich eher darüber, wogegen sie ist und über euine bestimmte subkulturelle Lebensweise. Es gibt dort natürlich viele Leute mit sehr genauern theoretische Konzepten - so gehörte ich den Sozrevs und dem Kreis um Kark Hein Roth etc an - aber im Vordergrund steht die theoretische Analyse des Bestehenen und die Durchführung politischer Kampagnen keine bestimmte Utopie.Und wenn diese Leute aus Dener Sicht nicht links sind, wären z.B. die Autonomen kein Teil der Linken.

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 14:22

  25. “Und wenn diese Leute aus Diener Sicht nicht links sind, wären z.B. die Autonomen kein Teil der Linken.”

    Meintest Du jetzt mich oder Chat Atkins damit?

    Comment von MomoRules — 20. 5. 2006 @ 14:41

  26. Antwort an Che: Wenn ich eine Forderung bloß für richtig halte - nehmen wir von mir aus den Mindestlohn - dann bin ich deshalb noch lange nicht “politisch”. Politisch bin ich erst dann, wenn ich das als richtig Erkannte auch umsetzen will, wenn ich also Mehrheiten für mein Anliegen schaffen will, wenn ich Beschlüsse herbeiführe, den Mindestlohn in meinem Gemeinweisen (meiner “polis”) durchsetze - oder das zumindest versuche. Politik ist immer Tun - im Sinne von sich die nötige Macht zum Handeln zu verschaffen. Wenn ich dagegen das Konzept dieser “neuen Linken” mit generalüberholtem theoretischem Austauschmotor richtig verstehe, dann geht es jetzt schlicht darum, auf moralischem Fundament “irgendwie dagegen zu sein”, mit dem guten Gefühl, innerlich recht behalten zu dürfen, und sich ansonsten in einer als falsch erkannten kapitalistischen Gesellschaft häuslich-alternativ einzurichten (”eine bestimmte subkulturelle Lebensweise” zu führen) und irgendwann vielleicht einen Biobrot-Laden aufzumachen. Für mich ist das von Grund auf “apolitisch”, man gibt sich individualistisch mit einem guten Gewissen zufrieden - exakt auf Linie des berühmten Tucholsky-Satzes über die deutsche Linke: “Sie haben gesiegt, der andere weiß es nur noch nicht”. Und einen von Ossietzky gibt es noch gratis dazu, weil er das “Dagegensein” als Lebensprinzip trefflich glossiert und dabei zeigt, dass die hier gefeierte “neue Linke” mitsamt ihrem Glück im Winkel immer noch die gute alte Linke ist: “Denn da die Linke selbst nicht weiß, was sie will, kann sie nur gegen etwas und nicht für etwas kämpfen”.

    Zu MomoRules: Es mag ja sein, dass die Linke in den 70er Jahren endlich unhaltbare Positionen geräumt hat, aber längst nicht alle (siehe heute bspw. die SAV im Schafspelz der WASG) - vor allem aber hat sie seither auch keine neuen Positionen erklommen: “Fast alle sog. Linken gehen nach, wie alte Uhren. Es stimmt ja alles nicht mehr - nichts stimmt mehr” (Kurt Tucholsky).

    Zu den Autonomen: Anarchismus ist keine “linke” Theorie oder Haltung, sondern eine letztlich eher karl-may-getriebene, idealistische Anthropologie, die schlicht auf falschen, meist ebenso jugendlichen wie auch falsifizierbaren Ansichten über die Natur des Menschen basiert.

    Comment von Chat Atkins — 20. 5. 2006 @ 17:02

  27. Natürlich Chat Atkins. Wenn ich definieren wollte, was lnks ist, würde ich sagen: Interessiert daran, den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, die Herrschaft ders Mannes über die Frau sowie Rassismus und Antisemitismus, im Idealfall die Herrschaft des Menschen über den Menschen überhaupt historisch zu überwinden un durch eine neue Gesellschaft zu ersetzen. Aus unserer Sicht als radikale Linke war auch z.B,. Stalin kein Linker, sondern der Totengräber der russischen Revolution, zu der er im gleichen Verhältnis steht wie Napoleon zur französischen und Napoleon III zur 48er Revolution. Wir sahen die Sache so: In der russischen Revolution haben Arbeiter, Soldaten und Bauern von sich aus die Staatsmacht lahmgelegt, mit Besetzungen von Betrieben und Regierungsgebäuden selbst die Macht ergriffen und mit den Räten, den Sowjets, sich ihre legitimen basisdemokratischen Vertretungen geschaffen. Dann trat Lenin mit der Parole “Alle Macht den Räten!” scheinbar als der Vollender, tatsächlich aber als der Beender dieser autonomen proletarischen Revolution auf und sorgte dafür, dass eine diktatorisch organisierte Partei aus kleinbürgerlichen Funktionären die unumschränkte Macht bekam, mit den bekannten grauenhaften Folgen. Was als Diktatur des Proletariats deklariert wurde, war eine Dikatur über das Proletariat, in der das Bürgertum in Form einer neuen Elite, der Nomenklatura, weiterhin herrschte, mit dem Faschismus ähnlichen Mechanismen, eben totalitär. Die eigentlich proletarischen Revolten, die es dann noch gab und die von den bürgerlichen Bolschewiki unbarmherzig niedfeheschlagen wurden, waren der Aufstand in Kronstadt und die anarchistische Bauernbewegung der Machnotschina in Gulag Polje. Der Zusammenbruch des Kasernhofkommunismus wurde von uns als Scheitern eines nicht konkurrenzfähigen kapitalistischen Systems (mit dem Staat selber als einzigem Monopolisten, eine ziemlich dumme Idee) analysiert, und zwar streng nach Marx. Ihren Zusammebruch sahen Einige von uns übrigens 1983 schon voraus und plädierten für eine Zusammenarbeit mit Teilen der DDR-Opposition un dem Fluchtpunkt neutrales blockfreies wiedervereinigtes Deutschland, scheiterten aber Betonköpfen im eigenen Lager und dem Vorwurf, nationalistische UBoote zu sein.

    Und mit diesem meinem Standpunkt bin ich in ehrenwerter Gesellschaft, zu der z.B. Rosa Luxemburg (die mit den Äußerungen “Die Feiheit ist immer die Freiheit des Anders Denkenden” und “Die Arbeiterklasse wird ihre Fehler machen.Aber Fehler, aus denen gelernt werden kann, sind tausendmal besser als das allerbeste “Zentralkomittee” “), George Orwell und Augustin Souchy gehören.

    @ die Heterogenität der linken Gruppen und Überschneidungen mit Zielen und Aktivitäten mit Liberalen: Tja, so ist das Leben, so sind politische Bewegungen, die aus echten Menschen mit ihrem Eigen-Sinn, ihren Schrulligkeiten, ihrenh Höhen und Tiefen bestehen. Ich war 18 Jahre lang ein politischer Praktiker, der bundesweite Demos, Konzerte, Diskussionsveranstaltungen, Seminare, Kampagnen usw. mitorganisiert hat, und habe immer damit gelebt, dass sich Menschen und soziale Prozesse nicht in die abstrakten Schablonen der Theorie pressen lassen. Schaue ich mir zwei politische Gruppen an, denen ich nacheinander über lange Jahre angehört , so war die Eine ein Sammelsurium aus Jusos und Grünen, die eine Gruppe imk erweiterten Umfeld der autonomen Szene menschlich netter fanden als ihre Parteien, Feministinnen, die die Männer noch nicht aufgegeben hatten und es wichtig fanden, in gemischten Gruppen aktiv zu sein, versprengte Kommunisten, die erkannt hatten, dass damit kein Blumenpott zu gewinnen ist, und radikalen Linken meines Schlages (Umfeld Wildcat, Autonomie Neue Folge) sowie ein paar Punk- und Metalfreaks, die Andere war ein Sammelsurium aus iranischen, aserbaidjanischen und kurdischen Rätekommunisten mit Guerrillaerfahrung und Foltertraumatisierung, wiederum Feministinnen und Vertretern meines Typs. Und dazwischen immer Leute, die sich vielleicht als verspätete Hippies bezeichnen lassen, auch Leute aus der Veganer-Ecke, die aber mich Rindermörder problemlos aktzeptierten, ohne Toleranz funktionierte ja so ein heterogener Haufen überhaupt nicht. Und die politische Praxis mancher autonomen Gruppe war über Jahre hin weniger Straßenkampf, als unbezahlte Sozialarbeit für Asylbewerber, so schaut´s aus. Und wenn da mancher Liberale jetzt sagt, hey, da gibt es zwar grundsätzliche Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten mit liberalen Inhalten, alöso ICH habe nie einen Unvereinbarkeitsbeschluss ausgesprochen.

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 17:13

  28. @”Politisch bin ich erst dann, wenn ich das als richtig Erkannte auch umsetzen will, wenn ich also Mehrheiten für mein Anliegen schaffen will, wenn ich Beschlüsse herbeiführe, den Mindestlohn in meinem Gemeinweisen (meiner “polis”) durchsetze - oder das zumindest versuche. Politik ist immer Tun - im Sinne von sich die nötige Macht zum Handeln zu verschaffen. Wenn ich dagegen das Konzept dieser “neuen Linken” mit generalüberholtem theoretischem Austauschmotor richtig verstehe, dann geht es jetzt schlicht darum, auf moralischem Fundament “irgendwie dagegen zu sein” - ich habe das immer kritisiert, ich war immr gegen das aus rein sozialen Gründen dagegen sein, schließlich war ich als Operaist Theoretiker, aber dafür habe ich muir den Vorwurf des Politmackertums eingehandelt. Es wäre noch viel,Anderes zu sagen, aber das mache ich auf meinem Blog, ich will dem guten Karsten nicht seine Wohnung vollstellen :-)

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 17:31

  29. @Chat Atkins:

    Einen stelle ich Karsten noch in die Wohnung: Was Che beschreibt, ist ja gerade das, was sehr viele theoretische Vorläufer hatte, aber um 77 herum - da war ich noch einen Tick zu jung, habe nur viel drüber gelesen - im TUNIX-Kongreß sich bündelte: Eben die Erkenntnis, daß man mit dem großen Entwurf, den noch Teile der 68er im Sinne hatten, herzlich wenig erreichen kann und stattdessen in konkreten Lebensumfeld oder bei konkreten, internationalen Projekten etwas zu erreichen sucht (leer stehende Häuser besetzen, 3.Welt-Läden in Schulen aufmachen etc.) .

    Das ist ja noch der politische Ansatz, der auch heute z.B. hinter den Opfer-Initiativen im Osten wie auch hinter Musik-Projekten, die AIDS-Waise in Afrika unterstützen, steckt, aber auch hinter den Bauwagenplätzen hier in Hamburg. Und wenn das keine Politik ist, ich weiß ja nicht …

    Politik ist zudem auch nicht nur Handlung, sondern ein gesellschaftliches Feld, das auch durch reine Diskussionen, die immer auch Handlungen sind, sich formt. Zum Beispiel hier gerade.

    Daß nix Neues hinzugekommen wäre ist schlicht falsch. Die Postmoderne in einer bestimmten Hinsicht, die US-Liberals (Rawls z.B.), Neo-Aristoteliker wie Sen und Nußbaum, das gesamte Habermas-Umfeld, die Gender- und die Queer-Theory - sie haben allesamt ihre Schlüsse aus bestimmten, historischen Entwicklungen gezogen und sind allesamt auf jene unterschiedliche Art Pragmatiker, die am Konkreten arbeiten und das Totalisieren möglichst bleiben lassen, einem methodischen Skeptizismus und einer prinzipiellen Offenheit verpflichtet bleiben. Das dauert noch eine Weile, bis das in die Organisationen vordringt.

    Der erste Schritt wäre aktuell, daß eine europäische Gwerkschaftsbewegung sich mit sich zu konstituierenden Arbeistlosenverbänden zusammenschließt und aufhört, endlich dieser Konkurrenz-Rhetorik zwischen Rumänen, dem berühmten polnischen Klempner und Leuten hier bei Opel auf den Leim zu gehen. Da ist’s mal wieder an der Zeit für internationale Solidarität - dauert nicht mehr lang … wart’s ab.

    Die einzigen, die überhaupt noch totalisieren, ist eine bestimmte US-Neocon-Variante z.B. im Falle des Irak-Krieges sowie der Wirtschaftsliberalismus … da haben die Linken schlicht einen historischen Vorsprung, das haben sie nur selbst noch nicht gemerkt. Die anderen hängen noch irgendwo bei ihrem Milton und ihrem Hayek fest ;-) … oder sind als Konservative schon per Definition rückwärtsgewandt.

    Comment von MomoRules — 20. 5. 2006 @ 18:56

  30. Ganz kurz - auch bei mir als Abschluss: Die ganzen genannten Organisationen sind selbstverständlich ein höchst selbstverständlicher Teil der großen, offenen Bürger-Gesellschaft mit ihren vielen Zimmern. So geht’s halt zu im Liberalismus: Alles, was überlebt, überlebt. Auch ich hasse Bush, finde Chavez ganz witzig und wünsche Castro einen natürlichen Tod. Bauwagen haben mich noch nie gestört …

    @Che: Dass ich noch einmal den großen anarcho-syndikalistischen Gassenhauer hören darf von der “guten” Februar-Revolution 1917 und der “bösen” Oktoberrevolution kurz danach, mit den Schurken Lenin und Trotzki als Handlangern einer internationalen Finanzbourgeoisie, die nur leider ihre Handlanger dann bis aufs Messer bekämpfte - das haut mich wirklich um.

    Comment von Chat Atkins — 20. 5. 2006 @ 20:11

  31. Chat Atkins- von einer internatuionalen Finanzbourgeoisie war nicht die Rede, derlei paranoider Schwachsinn kommt bei mir nicht vor, sondern die Rede war von der Tatsache, dass Lenin und Konsorten ja Angehörige einer bürgerlichen führungsschicht aren, die dafür sorgten, dass eine privilegierte Bürokratenschicht mehrheitlich bürgerlicher Herkunft zur herrschenden Klasse im Sozialismus wurde, und dass die Produktionsweise im Sozialismus weiterhin dem Prinzip der entfremdeten Fabrikarbeit folgte (man feierte ja sogar Arbeiter, die sich selbst ausbeuteten, als “Helden der Arbeit”) , weiterhin, dass die Marxisten/Leninisten mit ihrem ganzen Diamat-Schwachsinn das Wesen der Marxschen Gesellschaftskritik nie begriffen haben. Nun denn, ich hoffe, zumindest ein paar Denkanstöße gegeben zu haben und auch klargerückt zu haben, was der Teil der Linken, zu der ich einmal gehörte, nicht ist. Ich werde Beiträge zu diese Thematik auf meinem Blog in lockerer Folge fortsetzen und bin im Übrigen der Meinung, dass man eher das hochhalten sollte, was einen verbindet, als das, was einen trennt. Also wünsche ich allen Mitdiskutanten, insbesondere Momo und Chat, noch einen ganz flotten Abend!

    Comment von che2001 — 20. 5. 2006 @ 21:32

  32. Und was ist mit Gorki?

    Comment von Chat Atkins — 21. 5. 2006 @ 0:12

  33. @Che:

    Danke! War’n flotter Abend - ich fand die Finnen ja ganz gut ;-) …

    “…und bin im Übrigen der Meinung, dass man eher das hochhalten sollte, was einen verbindet, als das, was einen trennt.”

    Ja!

    Comment von MomoRules — 21. 5. 2006 @ 9:25

  34. Gorki? Was meinst Du? Ach ja übrigens, die Bremer veganen Gurkenkinder mit ihren Angriffen auf einenn netten Ökometzger, die sinnlose Supermarkt-Aktion, also die hatten einfach einen an der Waffel. Ist ihnen von uns damals auch so gesagt worden.

    Comment von che2001 — 21. 5. 2006 @ 15:50

  35. Maxim Gorki, der größte Schriftsteller, den der Sozialismus bis dato hervorgebracht hat, lange ein glühender Lenin- und auch Stalin-Anhänger, war eindeutig proletarischer Herkunft. Die “bürgerliche Herkunft” eines Lenins kann man dem also nicht vorwerfen. Wie passt der ins allzu schlichte Genealogie-Schema? Das meinte ich.

    Nebenbei: Diese ganze Herkunfts-Arie ist in meinen Augen der größte Schwachsinn aller Marxismen dieser Welt (und damit gehört natürlich auch dieser quasi natürliche “Klassenstandpunkt” auf den Müll). Jemand kann Millionärskind sein und zu einem absolut ehrenwerten Sozialisten werden, jemand kann aus uraltem Arbeiteradel stammen und als verkommener Börsenspekulant enden. So geht’s ja auch zu auf der Welt. Nimm nur Angola - alles assereine Marxisten dort, Freiheitskämpfer und alte Kumpels von Castro an der Macht, die trotz Öl- und Diamentenreichtum das Land von Tag zu Tag mehr ruinieren (s. die Cholera derzeit), die die Bevölkerung zu einer der ärmsten der Welt machen - und sich selbst maßlos bereichern. Man muss den Menschen unter Kontrolle halten, nicht die Klassen.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 21. 5. 2006 @ 18:36

  36. Ja und nein. Natürlich hast Du mit Gorki recht, aber es springt doch ins Auge, dass von der politischen Funktionärselite der Sowjetunion der allergrößte Teil eben nicht dem Proletariat entstammte. Ein Arbeiter- und Bauernstaat, in dem Beamte kleinbürgerlicher Herkunft das Schicksal der Arbeiter und Bauern am Schreibtisch verplanen, wie absurd ist das denn? Wer an die Autonomie des Menschen glaubt, wird niemals einen Determinismus der Herkunft annehmen, aber es lässt sich wohl auch kaum bestreiten, dass die soziale Herkunft zumindest von großem Einfluss ist. Wobei die Linke damit sicherlich übertrieben hat (ich kann mich erinnern, dass es Situationen gab, in denen ich mich für meine Mittelschicht-Herkunft rechtfertigen musste), aber dass zahlreiche Verhaltensweisen und Gewohnheiten etwas mit der sozialen Herkunft (wegen mir: Klassenlage, Milieuzugehörigkeit oder wie auch immer) zu tun haben ist evident. Ságt ja schließlich auch die Soziologie o0der aktuell die PISA-Studie.

    Comment von che2001 — 21. 5. 2006 @ 19:18

  37. @Angola: Bei aller Korruption und Wohllebe sozialistischer Eliten, Ursache des Elends sind in erster Linie 30 Jahre Bürgerkrieg.

    Comment von che2001 — 21. 5. 2006 @ 19:30

  38. Nee, nee - und nochmals nee - eines der besten Bücher über den Menschen an und für sich, das ist nicht Marxens Kapital, sondern Hobbes’ Leviathan.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 21. 5. 2006 @ 22:45

  39. Jedem der diese Seite besucht, dürfte klar sein, daß es eine liberale Seite ist, mit entsprechenden Inhalten und entsprechend eingestellten Lesern. Dennoch bin ich dagegen “ideologische Zensur” zu betreiben, wenn die Regeln des Anstandes nicht verletzt werden.

    Die BRD ist übrigens zwar eine demokratisch verfaßte Republik, aber zwischen Grundgesetz und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Weil die friedliche Revolution in der DDR bemüht wurde, fällt mir gleich ein Zitat von Bärbel Bohley ein: “Wir wollten Gerechtigkeit, aber bekommen haben wir nur den Rechtsstaat.”

    Comment von Kay Hanisch — 22. 5. 2006 @ 13:17

  40. Ein Buch, das nicht den liberalen Verfassungsstaat legitimiert, sondern die absolutistische Monarchie.

    Comment von netbitch — 22. 5. 2006 @ 13:19

  41. @Che/MomoRules:
    Die “Neue Linke”, Adorno, Horkheimer, etc. etc. - leider aber sind diese “Neuen Linken” niemals zu einer wirklich starken Kraft innerhalb der Bundesrepublik geworden. Die einzige politisch bedeutsame Linke, die in unserer Republik derzeit existiert, sind die Poststalinisten von der Linkspartei.PDS. Und aus der Sicht von jemandem, der eine Gesellschaft ohne starken Staatsapparat wünscht, sind eben schon große Ähnlichkeiten zwischen Stalinisten und Nationalsozialisten zu sehen. Aber da scheinen wir ja nicht so weit auseinander zu liegen, was die Deutung angeht.

    @Kay:
    Nun, ideologische Zensur ist etwas viel gesagt. Worum es mir ging, war, dass ich immer häufiger Gespräche über eine mögliche Revolution höre und das nicht auch noch fördern will. Zensur widerstrebt mir, und auf Löschungen habe ich bisher ja auch verzichtet.
    Abgesehen davon, ist mir der Rechtsstaat weitaus lieber als “Gerechtigkeit” - denn diese ist ein subjektives Konzept, und der Kampf für Gerechtigkeit ist meist nur ein Synonym für Unterdrückung.

    @netbitch:
    Sehe ich ähnlich.

    Comment von Karsten — 22. 5. 2006 @ 15:34

  42. @Karsten & netbitch:

    Hobbes schrieb sein Buch unter dem frischen Eindruck der Cromwell’schen Religions- und Bürgerkriege, Kämpfe, die er als grausame Strategien zur persönlichen Bereicherung skrupelloser Heerführer-Figuren auf beiden Seiten sah. Er forderte deshalb den “Leviathan”, den starken Staat, um das “gierigste Raubtier” von allen, den Menschen, mit einer starken Gegenmacht im Zaum zu halten und diesen Wölfen die Zähne herauszubrechen. Mit Absolutismus hat das nur wenig und dann höchst zeitbedingt zu tun. Vermutlich ist England der einzige Staat in jener absolutistischen Zeit gewesen, der niemals absolutistisch war, sondern seit hunderten von Jahren schon die Macht des Königs mit der Magna Charta beschränkte. Historisch ist vermutlich das der Grund, weshalb Hobbes aus den blutigen Erfahrungen des Bürgerkrieges heraus diese englische Tradition gleich mit über Bord schmiss, denn der “Naturzustand” im Bürgerkrieg war in seinen Augen aus dieser Beschränkung erwachsen.

    Allerdings - auch Hobbes kennt ein Widerstandsrecht des Bürgers, wenn der Leviathan, der “sterbliche Gott” in Königsgestalt, gegen den Gesellschaftsvertrag verstoßen sollte, der vor allem Sicherheit für Leben und Besitz zu schaffen hat im sonst unausweichlichen “Krieg aller gegen alle”. Dass es eine linke Interpretation des Buches gibt, die später vor allem Marx gegenüber Hobbes rosarot anzustreichen strebte, ist auch mir bekannt. Das Freiheitspotential einer Gesellschaft unter einer “Diktatur des Proletariats” ( = Einparteienherrschaft) bei Marx ist in meinen Augen aber noch erheblich geringer einzuschätzen als dasjenige bei Hobbes mehr als 200 Jahre vor dem Trierer Rauschebart.

    Man sollte Texte, die viele hundert Jahre alt sind, auch historisch lesen - und nicht von Hobbes schon die demokratische Drei-Gewalten-Lehre einfordern. Hobbes begründete vor allem den politischen Pessimismus - ähnlich wie im pädagogischen Bereich später auch Pestalozzi (s. dort z.B. Lienhard u. Gertrud). Er ist gewissermaßen ein Anti-Rousseauist. Dass der Mensch, vor allem, wenn er Macht verspürt, von Natur aus eben nicht gut ist und ihm manchmal der Zorn Gottes veritable Beulen in den krummen egoistischen Schädel schlagen sollte, dieser Einsicht kann ich mich nur selten verschließen.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 22. 5. 2006 @ 18:56

  43. @Karsten:

    Daß all die aufgezählten Strömungen oben nie gewirkt hätten, ist ja nicht richtig - z.B. das Konzept der “Naturbeherrschung” Horkheimers und Adornos hat bei den Grünen schon nachhaltig gewirkt, jetzt mal ganz unabhängig davon, wie man dieses findet. Wie alles Unorthodoxe organisieren sich nur viele dieser Vorstellungen eher punktuell-projektbezogen als im Rahmen einer Partei und wirken gesellschaftlich wohl auch anders.

    Und wenn Du so pauschal gegen “Gerechtigkeit” wetterst, gräbst du Dir u.U. das eigene, liberale Fundament ab, da muß man schon vorsichtig sein - gegen Gerechtigkeit plädieren nimmt in Kauf, nichts entgegnen zu können, wenn Leute fordern, daß z.B. Frauen gefälligst wieder das Wahlrecht entzogen gehört und Schwarzen die deutsche Staatsangehörigkeit prinzipiell nicht zuzugestehen sei usw.. - genau so könnte man jetzt auch Beispiele auch dem nicht-staatlichen Kontext wählen.

    Bei so einer Anti-Gerechtigkeits-Rhetorik muß man schon spezifizieren, was man meint … und ein “subjektives Konzept” ist es schon gar nicht.

    Comment von MomoRules — 22. 5. 2006 @ 20:30

  44. @Chat:
    In dieser Hinsicht hast du recht - und es war ja auch deine ursprüngliche Aussage, dass es ein gutes und richtiges Buch über den Menschen (und nicht über den Staat) war, okay. Die Staatsvorstellung des Leviathan macht mir aber trotzdem Angst.

    @Momo:
    Gerechtigkeit ist ein subjektives Konzept, dabei bleibe ich. Fast jeder Mensch hat eine andere Vorstellung davon, wie Gerechtigkeit erzielt werden könnte - das unterscheidet sie vom universalen Recht, dessen Herrschaft ich als erheblich wichtiger betrachte.
    Außerdem “wettere” ich nicht gegen Gerechtigkeit, ich nehme nur den Rechtsstaat gegen jene in Schutz, die ihn zugunsten ihrer individuellen Vorstellungen von Gerechtigkeit geringschätzen.

    Comment von Karsten — 22. 5. 2006 @ 21:11

  45. Wo hat Marx denn bitteschön einen Einparteienstaat befürwortet? Das ist so, wie zu sagen, Jesus habe zur Inquisition aufgerufen. Es ist wahr, dass er von Diktatur des Proletariats sprach. An anderen Stellen ist bei ihm von Demokratie die Rede, und er verstand jeden kapitalistischen Staat, ganz gleich, ob als Demokratie, Monarchie oder Diktatur verfasst, als Klassenherrschaft des Bürgertums. Da stellt sich denn die Frage, ob Marx selber denn Diktatur des Proletariats überhaupt als eine reale Diktatur verstand oder eher als eine Art Vorherrschaft. Noch Luxemburg wollte der Diktatur des Proletariats demokratische Züge geben. Der Einparteienstaat und die zentralistische Partei Neuen Typs waren Erfindungen Lenins. Die SPD des Kaiserreichs war als Partei weit marxistischer als die Bolschewiki.

    Comment von netbitch — 23. 5. 2006 @ 8:54

  46. Der Widerspruch wird übrigens sehr gut sichtbar, wenn mensch Diktatur des Proletariats bei Wikipedia eingibt.

    Comment von netbitch — 23. 5. 2006 @ 9:13

  47. @Karsten:

    Da kannste noch so sehr bei bleiben, falsch ist das trotzdem. Internationales, nationales und Recht überhaupt basiert auf einem Konzept der Gerechtigkeit.

    Um nur mal eine von vielen Definitionen ähnlicher Stoßrichtungen anzuführen:

    “Die Gerechtigkeit verbietet, daß wir jemandes Rechte verletzten. Sie spricht jedem Menschen, nur weil er mensch ist, Rechte zu, zu denen vor allem die Freiheit von Schädigungen gehören, die Menschen einander antun können.” (Ulrich Steinvorth)

    So etwas muß jeder Liberalismus und jede rationale Rechtsetzung in Anspruch nehmen, sonst isses weder liberal noch rational. Gerechtigkeit heißt, das Recht auf Selbstbestimmung aller gleichermaßen einzufordern und zu schützen -der ganze Locke ist in dieser Hinsicht Gerechtigkeitstheoretiker. Das hat mit subejktiv rein gar nix zu tun -sowas wie “subjektiv” können im konkreten Fall sinnvollerweise nur jene behaupten, die ohne Rücksicht auf andere ihre subjektiven Interessen durchsetzen wollen, und zu denen gehörst Du ja eigentlich nicht …

    @Netbitch:

    So habe ich Marx auch immer verstanden: Kein Einparteiensystem, auch keine leninistische Avantgarde, sondern Basisdemokartie z.B. im Rahmen eines Räte-Systems, das mit “Partei” überhaupt gar nix zu tun hat.

    Die “Diktatur des Proletariats” ist ein Übergangszustand, und dazu zwang sich Marx in seiner dialektisch konstruierten Geschichtsphilosophie gewissermaßen selbst. An der ist allenfalls als Strukturthese dann haltbar, wenn man davon ausgeht, daß gesellschaftlicher Wandel tatsächlich zustande kommt, wenn Produktivkraftentwicklung in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen gerät -aktuell hat man das oft im Netz, z.B. bei dem Streiten um Urheberrechte, bei der Entwicklung von “Open Source”-Software etc.. Ansonsten ist diese Geschichtsphilosophie haltlos, und insofern entfällt auch dieser Übergang ;-) ….

    Soll heißen: Die konkrete Utopie von Marx war keineswegs die “Diktatur des Proletariats”, im Falle derer hat er sich sozusagen im eigenen, philsophischen System zu etwas genötigt gesehen, um dieses konsistent zu halten … den muß man, wie alle großen Denker, schon etwas differenzierter sehen, den Kalle …

    Comment von MomoRules — 23. 5. 2006 @ 9:14

  48. @MomoRules:

    (Recht und Gerechtigkeit)
    Lass mich versuchen, meine Meinung zu erläutern, damit wir hier vorankommen. Ich wähle als Beispiel mal ein materielles, weil sich hier besonders gut demonstrieren lässt, was ich meine: Die “Steuergerechtigkeit”.

    Wir alle wünschen uns ein gerechtes Steuersystem. Man kann aber für alle möglichen Steuersysteme hervorragend mit dem Begriff der Gerechtigkeit argumentieren.

    Ist es nun gerecht, wenn jeder die gleiche Summe beiträgt, um den Staat zu versorgen, etwa im Rahmen einer Kopfsteuer? Jeder trägt die gleiche Last, dies ist die einfachste Form der Gerechtigkeit, die wir schon im Kindergarten kennen lernen.

    Oder ist es gerechter, wenn jeder einen gewissen Prozentsatz von dem gibt, was er einnimmt? Jeder trägt auf seine Verhältnisse gesehen die gleiche Last.

    Möglicherweise aber ist auch ein progressives Steuersystem (bzw. eines mit Stufentarifen) das gerechteste, weil hier diejenigen, die wirtschaftlich leistungsfähiger sind, eine größere Last schultern als die wirtschaftlich Schwachen.

    Ich persönlich (also: subjektiv) empfinde das dritte System als das Gerechteste, sehe aber auch gute Argumente, die meine Meinung widerlegen.

    Meine ursprüngliche Aussage bezog sich aber auch auf das Strafrecht, wo ich beispielsweise Richter Schill vor Augen hatte, der Recht brach, um dem Gerechtigkeitsempfinden mancher Menschen nachzukommen. Das darf m. E. nach nicht geschehen.

    Dass das Recht aber anhand des Gerechtigkeitsempfindens einer Mehrheit der Legislative (wie immer diese sich auch konstituieren mag) gestaltet wird und werden sollte, da will ich dir nicht widersprechen. Und auch insofern nicht, als einer, der Politik macht, durchaus versuchen sollte, das Recht im Sinne seiner Gerechtigkeitsvorstellungen zu beeinflussen. Den Rechtsstaat aber zugunsten seiner Gerechtigkeitsvorstellungen zu ignorieren und/oder gering zu schätzen, davon rate ich ab.

    (Wirksamkeit der “Neuen Linken”)
    Point taken and still being considered.

    Comment von Karsten — 23. 5. 2006 @ 14:29

  49. @Karsten
    1. Ich glaube, Du verwechselst ein Stück weit den Begriff der sozialen Gerechtigkeit, genauer gesagt, die Idee der distributiven Gerechtigkeit mit dem Begriff der Gerechtigkeit selbst.

    2. Auf Deine Frage gibt es durchaus Antworten, wenn man etwas länger darüber nachdenkt. Aber keine “absoluten”, im Sinne einer unumstößlichen Wahrheit, sondern mehr in Richtung eine sozialen Konsenses. Du schreibst bzw. fragst:

    Oder ist es gerechter, wenn jeder einen gewissen Prozentsatz von dem gibt, was er einnimmt? Jeder trägt auf seine Verhältnisse gesehen die gleiche Last.
    Das genau würde ich bestreiten. Eine Besteuerung nach der “Last” (Dein Ansatz) würde ja z.B. bedeuten, dass das Existenzminimum steuerfrei bleibt. Ein einfacher gleicher Steuersatz leistet das nicht. Aber mehr noch: Wer wenig hat, für den sind “100 Euro”, die er an Steuern zahlt (auch wenn sein Existenzminimum steuerfrei ist) EINDEUTIG eine höhre Last als “100 Euro” für jemanden, der sehr wohlhabend ist. Dies kann man, auch wenn das Leute wie Statler oder andere Wirtschaftsliberale mit Leidenschaft anzweifeln, sogar einwandfrei wissenschaftlich beweisen! Demnach ist eine Steuerprogression gerechter, weil sie sich ja - in der Höhe der Besteuerung - nach der tatsächlch Last der Besteuerung richtet.

    Aber schon diese Frage zeigt: Wo immer man über distributive Gerechtigkeit diskutiert, muss man sehr sorgfältig überlegen, die Ergebnisse sind nicht eindeutig, so ist z.B. über den Verlauf der Progression nichts gesagt. Ist nun eine Progression von 15% auf 50% gerecht? Oder eher von 25% auf 35%? Ist es gerecht, “Windfallprofits” besonders hoch zu besteuern, oder wünschen wir uns nicht alle sowas? Ist es gerecht, dass vermögende Wohlhabende dank Abschreibungen ihre Besteuerungsbasis nahezu beliebig verringern können, bei nur mäßigem Geschick bereits? Ist es gerecht, dass Herr Ackermann, ein Spezialabkommen mit der holländischen Finanzbehörde abgeschlossen hat, was darauf hinaus läuft, dass er von 10 Mio Einnahmen nur 1 Mio versteuern muss? Ist die Forderung nach Chancengleicheiit überhaupt gerecht, wenn man damit Eltern die Möglichkeit nimmt, dass ihre Kinder einen entscheidenen Vorteil haben?

    Oder ist die Suche nach Gerechtigkeit einfach nur “Neid”?

    (das wäre die Antwort der Wirtschaftslibertären)

    Comment von Dr. Dean — 25. 5. 2006 @ 23:19

  50. @Karsten und Dr. Dean:

    Ich behaupte jetzt mal, daß es zwei grundlegende Gerechtigkeitsbegriffe gibt: Jenen der formalen Gleichheit und jenen der Vergeltung.

    Schill vertritt den zweiten - daß z.B. die Sühne für eine Tat dieser adäquat zu sein habe. Uralte Nummer. Den meine auch ich nicht. Das ist faktisch ein Rache-Begriff der Gerechtigkeit.

    Formale Gleichei heißt nix anderes, als daß allen Menschen ungeachtet ihrer Haar- und Hautfarbe, Körpergröße, Abstammung, Geschlecht etc. die jeweils gleichen Rechte zuzugestehen sund. Für mich ist übrigens ein Verstoß gegen diesen tatasächlich immer schon ein Schritt in Richtung Faschismus, das macht Konservative immer gefährlich.

    Ihr streitet gerade über Fragen der distributiven Gerechtigkeit - hatte ja z.B. in meinem Blog gerade noch mal das “Beitrags-Prinzip” dieser dem “republikanischen” gegenübergestellt. Gerade im Steuerrecht gibt’s da diverse Möglichkeiten, distributive Gerechtigkeit zu diskutieren - oder gar etwas ganz anderes, z.B. rein funktionales?

    Inwiefern diese Diskussion jeweils eine Spezifizierung des Modells formaler Gleichheit darstellt, das wäre zumindest für mich die entscheidende Frage.

    Es kann ja sein, daß z.B. Fragen der “Steurergerechtigkeit” gar keine Fragen sind, die im Rahmen dieser beiden Begriffe der Gerechtigkeit diskutierbar ist, insofern handelt es sich potenziell gar nicht um Fragen der Gerechtigkeit, oder man braucht noch ‘nen dritten Typus.

    Ergänzend noch: Positives Recht ist ja auch nix, was absolut gelten würde, dann hätten wir noch immer den §175. Das ist ja ein Paradebeispiel dafür, daß der Gerechtigkeitsbegriff, der auf formale Gleichhheit abzielt, Wirkung zeigte, als dieser - übrigens unter CDU-Regierung - gänzlich abgeschafft wurde.

    Soll heißen: Auch Schill hat da ja nicht nur subjektiv agiert, dann hätten den ja nicht so viele gewählt. Und daß sein Agitieren gegen die konkrete Verfaßtheit positiven Rechts außerordentlich scheußlich war, ist kein Argument, daß nicht auch positives Recht der permanenten Überprüfung bedarf …

    Comment von MomoRules — 26. 5. 2006 @ 8:55

  51. @Dr. Dean:
    Nein, eine solche Verwechslung findet bei mir nicht statt - ich habe lediglich die distributive Gerechtigkeit als ein Beispiel für die Gerechtigkeitsfrage im Staate genommen. Allein schon, weil die soziale (oder materielle)Gerechtigkeit zuletzt der meistdiskutierte Punkt war.
    Die zahlreichen weiteren Fragen, die du aufwirfst, sehe ich eher als Beleg für meine These, dass (soziale/materielle) Gerechtigkeit ein subjektiver Begriff ist.

    @MomoRules:
    Viele Leute teilen aber die Schill’sche Vorstellung von Gerechtigkeit als Vergeltung, was ich eher als Grund dafür sehe, dass er später von so vielen gewählt wurde.
    Die Gleichsetzung von formaler Gleichheit und Gerechtigkeit ist ein interessanter Aspekt, den ich aber als dein subjektives Gerechtigkeitsempfinden beschreiben würde (das ich weitgehend teile). Der §175 konnte nur dadurch abgeschafft werden, dass diese Vorstellung von Gerechtigkeit (glücklicherweise) eine weitgehende Verbreitung in der Gesellschaft gefunden hat.
    Etwas, das ich nach meinem eigenen “Outing” innerhalb einer eher dörflichen Gemeinschaft augenblicklich selbst auch erlebe - viele Leute hier lehnen Homosexualität im Prinzip ab, halten aber die Gleichberechtigung (”Jedem das Seine” höre ich oft) für wichtiger.
    Ich habe es vielleicht immer noch nicht richtig vermitteln können, daher noch ein letztes Mal: Natürlich muss auch das positive Recht ständig überprüft werden. Trotzdem halte ich den Rechtsstaat, der dieses universal einhält, für etwas, das kaum genug Respekt erhalten kann.

    Comment von Karsten — 26. 5. 2006 @ 11:38

  52. Beim DGB-Bundeskongress zeigten Merkel und Müntefering sich einig: Ein Mindestlohn von 3,50 Euro sei allemal genug für die notorischen Hungerleider im Lande.
    Weitere Infos und Poster (bitte verbreiten wenn möglich!) bei Fettisch.de!
    Merkel & Müntefering: 3,50 reicht für’s Pack!

    Comment von fettisch — 27. 5. 2006 @ 13:22

  53. @Karsten:

    Ich würde das übrigens mittlerweile mal das “Entsprechungsprinzip der Gerechtigkeit” nennen, das mit der Vergeltung und auch das Beitragsprinzip (gerecht ist, wenn jeder die seinem Beitrag zum Gesamten entsprechende Entlohnung erhält).

    Und wenn man das so faßt, ist das ist in der Tat weit verbreitet … subjektiv isses aber auch nicht. Das ist a nicht sowas wie ein Weingeschmack oder eine Vorliebe für bestimmte Musikstile …

    Das mit der formalen Gleichheit aber ebensowenig. Das ist ja eine gewichtige Begründungs-Tradition, die nicht zuletzt auch Basis unseres Grundgesetzes wurde. Das ist schon objektiv begründbar …

    Klar, positives Recht hat insbesondere für Richter zu gelten und zunächst auch respektiert zu werden.

    Umgekehrt war schwuler Sex und noch mehr Liebe ja vor ‘68 auch nichts Unrechtes. Habermas hat ja “Faktizität und Geltung”, seine Rechts- und Demokratie-Philosophie, auch genau so genannt, weil eben die Faktizität des Rechts alleine noch nicht dessen Geltung ausmacht, sondern er plädiert dafür, die Geltung an demokratische Verfahren und die Grundlagen dieser zu koppeln (ist ja nix Neues, was er da geschrieben hat). Objektiv ist dann das, worauf man sich mit guten Gründen nach einer Diskussion einigt …

    Reite da nur so drauf rum, obwohl ich verstanden habe, was Du meinst, weil das ganz entscheidende Punkte in der Auseinandersetzung gerade mit Traditionalisten und Konservativen sind … wie Dein Beispiel ja belegt.

    Bei meinem eigenen Outing in der Vorstadt einer mittelgroßen Deutschland hatte ich - abgesehen von der Schule, wo natürlich das übrige Gewitzel herrschte und ich deshalb lieber gar nix zeigte mit meinen damals zarten 16 - eher das gegenteilige Problem: Daß nämlich lauter Leute ein “Super!” ausriefen, ich selbst aber noch lange nicht so weit war, wie die’s Gesellschaft heute ist, was ganz seltsame, psychologische Turbulenzen ergab … na, und Muttern fühlte sich schuldig, was man dann ja zu spüren bekommt. Ist halt Psychoanalytikerin, und die Freudsche Neurosenlehre hat da ja einiges verbrochen. Zum Glück ist dieses Psycho-Gefasel nicht mehr ganz so verbreitet … aber wahrscheinlich reagiere genau deshalb auch so allergisch auf “subjektiv”, weil ich da immer so was wie dieses selbstbezügliche Subjekt der Psychoanalyse witter, das dann immer nur sich selbst und seine eigenen Probleme in die Welt projiziert und zu allem Überfluß auch noch von einem Trieb regiert wird, den es dann ständig zu entziffern gilt und der sich doch immer entzieht … zum Glück hat mich Foucault vor dem gerettet, diesem psychoanalytischen Subjekt.

    Sind für mich alles Facetten eines sinnvollen Redens über Freiheit, deshalb sei’s hier erwähnt …

    Comment von MomoRules — 27. 5. 2006 @ 20:03

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