31. 5. 2006

Ungewöhnliche Rabattaktion

Überall in den Innenstädten sieht man das gleiche Phänomen - nach und nach sterben die dort angesiedelten Läden aus, entweder, weil sie pleite gehen oder aber, weil sie ihren Standort in eines der überall aus dem Boden geschossenen “Malls” verlegen. Der wichtigste Grund dafür ist die Tatsache, dass es immer schwieriger, aufwändiger und unangenehmer wird, diese Läden mit dem Auto zu erreichen.

Einerseits ist es die Autofeindlichkeit moderner Innenstädte - “Autos raus aus dem Zentrum” ist ein beliebter Slogan, der vielfach aber auch ein “Menschen raus aus dem Zentrum” nach sich zieht. Seine Einkäufe kilometerweit zu tragen oder mit verstopften öffentlichen Verkehrsmitteln zu transportieren, gefällt eben nicht jedem. Zum anderen aber hat auch die immer beliebtere Parkplatzbewirtschaftung nebst einhergehender Abschaffung zahlreicher Parkplätze ihren Anteil daran. Dass es in vielen Innenstädten und Ortskernen entweder gar nicht mehr möglich ist, zu parken, oder dies ständig steigende Kosten verursacht, vertreibt die Kunden des Einzelhandels.

So auch hier in Pulheim - nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Ortskernen der einzelnen Stadtteile werden nun fast alle Parkplätze, die in der Nähe von Geschäften und Einkaufszeilen liegen, bewirtschaftet. Dass die angesetzten Parkgebühren dabei im Vergleich zu anderen Gemeinden recht hoch sind, wird von den Gewerbetreibenden durchaus als Bedrohung angesehen. Wie man hört, haben die Ladeninhaber im Ortsteil Stommeln (das mit seiner idyllischen Ortsmitte, die zum Shoppen einlädt) der Stadt sogar die Zahlung einer fünfstelligen Summe jährlich angeboten, wenn diese auf die Aufstellung von Parkautomaten verzichtet: Vergeblich.

Durch Udo Vetter und sein law blog bin ich nun auf eine andere Aktion aus Passau aufmerksam geworden, über die der Focus vorgestern berichtet hat:

Ein Zusammenschluss dortiger Geschäfte und Gastwirtschaften gewährt nun Rabatte, wenn der Kunde ihnen einen Strafzettel für Falschparken vorlegt. Dies ist zum einen eine besonders lustige und medienwirksame Form des Protestes gegen das Ausbluten der Innenstädte, zum anderen auch eine originelle Gutscheinaktion: “Besonders erfreulich für uns ist, dass die Gutscheine von Leuten verteilt werden, die wir selbst nicht bezahlen müssen”, so der Initiator Michael Neukirchinger.

Zwar kann man das durchaus als Aufforderung zum Falschparken verstehen, ich persönlich jedoch begrüße diese Aktion sehr und hoffe, dass sie auch in anderen Städten Schule macht - und vielleicht etwas dazu beitragen kann, die Kundenströme wieder in die Innenstädte und den öffentlichen Raum zurückzutragen.

11 Kommentare »

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  1. Naja, so witzig das sein mag, an einigen Stellen gibt es aus gutem Grund Parkverbote. Und wenn das nun belohnt wird (weil der Rabattgeber ja nicht ins Detail gehen wird, wo nun falsch geparkt wurde) dann wird halt gleich abgeschleppt.

    Comment von marcc — 31. 5. 2006 @ 16:06

  2. Nun, wir könnten in alle Innenstädte sechsspurige Straßen legen und dann dort genügend Parkraum schaffen. Wohin nur mit den Innenstädten?

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 31. 5. 2006 @ 23:56

  3. Man kann es als Verteidigung gegen unfähige Kommunalpolitik sehen, deren Aufgabe es ja ist unter anderem für solche Probleme Lösungen zu finden - sicher auch unter der Berücksichtigung von Umständen die Parkverbote notwendig machen bzw. die Schaffung von Parkraum behindern.

    Und die Bußgelder sind ja sowieso unterschiedlich schmerzhaft, je nachdem wie vermögend man ist, daran ändert auch eine solche Aktion nichts.

    Comment von nite owl — 1. 6. 2006 @ 3:51

  4. @Chat Atkins:
    Das ist ja gar nicht nötig. Es würde schon reichen, wenn man nicht überall Rückbau betreiben und die Anzahl der Parkplätze nicht noch verringern würde, anstatt sie auszubauen.
    Ich fühle mich unwohl dabei, wenn alle Einkaufszeilen im öffentlichen Raum zugunsten rein privater Malls verschwinden - schon allein deswegen, weil dies das öffentliche Leben zerstört. Wo einer Hausrecht hat, da findet nur noch das statt, was ihm gerade gefällt (und was ihm bezahlt wird). Das ist für eine Gesellschaft nicht gerade sehr positiv…

    Comment von Karsten Dürotin — 1. 6. 2006 @ 11:14

  5. @nite owl:
    Sorry, ich weiß nicht, warum du immer im Spamfilter landest. Eigentlich erfüllt weder dieses Posting die Kriterien, um abgefangen zu werden, noch war das beim letzten der Fall… komisch.
    Das mit den unterschiedlich hohen Bußgeldern finde ich auch nicht in Ordnung; andererseits aber müsste man für Tagessätze bei jedem Parkverstoß erst mal die Vermögensverhältnisse des Parksünders eruieren. Kaum praktikabel, oder?

    Comment von Karsten Dürotin — 1. 6. 2006 @ 11:16

  6. Der verkehrserzieherische Effekt solcher Bussgelder wird unterlaufen, aber in Passau ist das wohl Nebensache.

    Comment von Olaf Petersen — 1. 6. 2006 @ 11:33

  7. Mal ernsthaft: Städte sind zunehmend nur noch als Arbeitsorte interessant, weil alles, was es sich leisten kann, ins den grünen Speckgürtel zieht. Rings um die Cities wohnen Studenten, Arbeitslose, Migranten. Die Folge: An den Rändern der Städte entstehen die neuen Konsumtempel, weil’s da so schön auf dem Nachhauseweg liegt, aber die Innenstädte bluten aus.

    Die Schuld für die Krise der Cities im fehlenden Parkraum zu suchen, ist schlicht falsch. Bei uns z.B. wächst auf Druck der City-Kaufleute die Zahl der Parkhäuser von Jahr zu Jahr. Trotzdem bleiben die Leute weg.

    Abhilfe liegt wohl eher auf anderer Ebene: Senkung der exorbitanten City-Mieten, was auch anderen Mietern als großen Filialisten noch eine Chance ließe. Und vielleicht vollständige Abschaffung der Pendler-Pauschale, die im Grunde eine Zersiedelungs-Prämie ist und die Konkurrenz der Stadtrand-Supermärkte fördert.

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 1. 6. 2006 @ 19:29

  8. @Chat:
    Dass es zahllose andere Gründe dafür gibt, dass die Innenstädte ausbluten, ist schon klar. Aber den Mangel an verfügbarem Parkraum einfach so abzutun, das halte ich nicht für richtig. Denn die Parkplatzsituation wird von vielen Kunden bei Umfragen immer wieder als entscheidender Hinderungsgrund für einen Einkaufsbummel in der Innenstadt angesehen.

    Comment von Karsten Dürotin — 1. 6. 2006 @ 20:52

  9. bezüglich spamfilter: möglich ist das es an meiner e-mail-Adresse (der Begriff “online” darin) liegt.

    Comment von nite owl — 2. 6. 2006 @ 4:28

  10. “Abhilfe liegt wohl eher auf anderer Ebene: Senkung der exorbitanten City-Mieten, was auch anderen Mietern als großen Filialisten noch eine Chance ließe.”
    Schon richtig, nur schwierig, das Problem politisch zu lösen.

    “Und vielleicht vollständige Abschaffung der Pendler-Pauschale, die im Grunde eine Zersiedelungs-Prämie ist und die Konkurrenz der Stadtrand-Supermärkte fördert.”
    Ja schon, führt nur eben auch dazu, dass in ländlicheren Gebieten die Dörfer und Kleinstädte immer mehr aussterben. Auch nich so doll…

    Comment von dointime — 3. 6. 2006 @ 13:38

  11. Die kleinen Geschäfte sterben nur zum Teil wegen Parkplatzmangels=Innenstadtverödung. Eine Preisdrückerei von agressiven Großmärkten, die Verblödungskampagnen zwecks Kundenfang starten (Geiz ist geil), ist für den Niedergang der kleinen Geschäfte verantwortlich. Hinzu kommt, daß sie aufgrund ihrer Finanzkraft geltende Gesetze offenbar aushebeln können. Ein kleiner Händler, der seine Ware unter dem Einkaufspreis verschleudert, bekommt Ärger mit dem Kartellamt, Schlecker, der seine Fotos unter der eigenen EK verjubelt aber nicht (Klage wurde abgewiesen). Das ist keine Marktwirtschaft mehr, sondern eine pervertierte Form eines Anarcho-Kapitalismus!

    Comment von Kay Hanisch — 6. 6. 2006 @ 13:15

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