Gerüttelt, nicht gerührt
Als ich in der Zeitung las, dass vor kurzem die Stadtverwaltung Pulheim ein paar Leute über die Friedhöfe geschickt hat, um mit Hilfe einer Spezialmaschine an allen Grabsteinen zu rütteln, um diese auf ihre Standfestigkeit hin zu überprüfen, habe ich noch geschmunzelt. Der Vorgang erschien mir als eine außergewöhnlich alberne Beschäftigungstherapie für überflüssige städtische Bedienstete - wer sieht diese Grabsteine schon als eine Bedrohung für Leib und Leben an?
Gestern sah ich bei einem Besuch auf dem Friedhof eine der Markierungen, die die Prüfer auf den Grabsteinen hinterlassen und mit denen sie die Eigentümer darum bitten, sich mit der Friedhofsverwaltung in Verbindung setzen, damit der Stein wieder ordentlich befestigt werden kann. Ein einziges Schild auf dem ganzen Friedhof von mehreren hundert Gräbern ist wohl ein Beleg dafür, mit welcher Aufmerksamkeit und Liebe sich unsere Mitmenschen um das Gedenken ihrer Angehörigen kümmern. Wieder aber hatte ich das Gefühl, dass es doch eine gewisse Verschwendung öffentlicher Gelder ist, hier mit behördlicher Kontrolle zu arbeiten. Kann man doch davon ausgehen, dass in die Nähe der Grabsteine ohnehin nur diejenigen kommen, denen die Steine gehören, und dass diese durchaus ein Eigeninteresse daran haben, nicht unter einen umfallenden Stein zu gelangen.
Gerade wollte ich einen etwas sarkastischen Kommentar zu den Bildern schreiben, die ich von dem entsprechenden Stein gemacht habe, da kam ich auf die Idee, vielleicht doch noch einmal Google zu bemühen, um herauszufinden, ob es tatsächlich Fälle gibt, in denen jemand von einem Grabstein erschlagen wurde. Und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass dieser Fall gar nicht so unwahrscheinlich ist, wie man im ersten Moment annehmen sollte. Jedes Jahr geschehen in Deutschland (zugegebenermaßen nach Information eines Herstellers von Grabsteinrüttelmaschinen) etwa 100 Unfälle mit umstürzenden Grabsteinen, und etwa alle zwei Jahre gehen diese sogar tödlich aus.
Meist sind es kleine Kinder, die sich während der Grabpflege langweilen und zwischen den Gräbern Fangen oder Verstecken spielen. Sie halten sich an den Steinen fest, wirbeln um sie herum - und liegen schließlich unter einem etliche Zentner schweren Stein. Die Überlebenschancen sind gering: Fünfhundert Kilo Granit oder Marmor können schon einen Erwachsenen ernsthaft verletzen, ein Kind verschwindet manchmal völlig unter dem Stein und wird einfach zerquetscht.
Zwar bin ich immer noch skeptisch, ob es wirklich nötig ist, dass städtische Behörden sich dieses Themas annehmen - doch angesichts der Mithaftungspflicht, die der (meist kommunale) Friedhofsbetreiber bei Unfällen hat, kann man das doch wieder verstehen. Auf jeden Fall aber bin ich überrascht darüber, wo die täglichen Lebensgefahren so lauern können. Erschlagen von einem Grabstein… wer würde schon daran denken?










Die Behörde muss doch etwas tun: Am Ende würde sonst die Leiche von ihrem eigenen Grabstein erschlagen.
MfG
Comment von Chat Atkins — 4. 6. 2006 @ 18:22
Ich kann mich auch erinnern das ich von Jahren schonmal davon hörte in Zusammenhang mit einem Unfall. Die Gefahr sollte man gerade auf dem Land nicht unterschätzen, wo die Menschen (auch gerade Ältere) sich noch intensiver der Grabpflege widmen.
Auch wenn sie nicht mehr wirklich fit sind wird oft intensiv Blumen gepflanzt, das Grab verschönert usw.
Comment von nite owl — 4. 6. 2006 @ 20:45