5. 6. 2006

Kriegsschuld?

Mit großem Erstaunen habe ich gestern den vierten und letzten Teil der Serie “Imperium” aus der Reihe “ZDF Expedition” verfolgt. Dabei waren es nicht einmal die zahlreichen Details aus dem Leben des letzten deutschen Kaisers - diese waren mir überwiegend schon aus anderen Dokumentationen und Büchern bekannt. Nein, die Überraschung kam bei der Antwort auf die Frage nach der Kriegsschuld auf. Selten zuvor habe ich einen Bericht gesehen, der eine so deutliche Absage an die Alleinschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg erteilt hat und damit dem internationalen Konsens von Versailles widersprach (abgesehen von der deutschen Geschichtsschreibung zwischen den Kriegen).

Das Urteil des Historikers Professor Alexander Demandt (FU Berlin) ist interessant:

Die Erde galt ja als aufteilbarer großer Kuchen. Und wer kriegt das größte Stück? Die Deutschen - zu spät gekommen - mischen sich da rein, wollen einen Platz an der Sonne. Die sind aber besetzt - wer ist jetzt schuld? Derjenige, der den Platz haben will oder derjenige, der ihn nicht hergibt? Und von daher muss man sagen: Nach einem Schuldigen zu suchen, ist außerordentlich schwer. Es sei denn, man hat das Bedürfnis, einen zu finden!

Das haben wir in der Schule aber doch deutlich anders gehört… und es lässt mich auch an den aufkeimenden Konflikt unserer Tage denken. Sucht Ahmadinedschads Iran nun auch nur einen “Platz an der Sonne”? Denn neben religiösen Gründen spielt ja auch der iranische Wunsch nach wirtschaftlicher und politischer Größe eine Rolle; aus wirtschaftlichen Gründen stehen viele Iraner hinter dem zivilen Atomprogramm, aus dem Wunsch nach größerer politischer Bedeutung stammt die (zumindest teilweise) Unterstützung für dessen militärische Komponente.

Und sind es nicht wir, die den Platz an der Sonne nicht hergeben wollen? Der Vergleich zum 2. Weltkrieg, zum entschlossenen Kampf des freien Westens gegen das Unrechtsregime der Nazis, wird oft gezogen - aber lässt sich unsere Lage vielleicht auch mit der vor dem 1. Weltkrieg vergleichen? Denn eine klare Blockbildung gibt es nicht, stattdessen stehen wir vor einer Situation mit zahlreichen Gróß- und Mittelmächten, die allesamt ihre eigenen Interessen verfolgen.

6 Kommentare »

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  1. Seit der so genannten “Fischer-Kontroverse” in den frühen 60er-Jahren gilt die Erkenntnis von der geteilten Schuld am ersten Weltkrieg. Prof. Fritz Fischer hatte in seinem Buch “Griff nach der Weltmacht” und einem weiteren Buch den deutschen Anteil an der Katastrophe herauspräpariert - darunter vor allem die gnadenlose Dummheit des Operetten-Kaisers Wilhelms II., seiner Entourage und der gesamten deutschen Bourgeoisie, die endlich auch “einen Platz an der Sonne” forderte - und konkret vor allem das halbe Osteuropa via Alldeutschen Verband. “Kriegsgeil” waren aber auch Österreicher, Russen, Franzosen und Italiener. Am wenigsten von allen wohl die Engländer und schon gar nicht die Amerikaner, die damals für sich die “splendid isolation” propagierten. Im allgemeinen wurde der Kriegsausbruch 1914 von den meisten Europäern als “Erlösung von den Schrecken des Friedens” erfunden. Nur wenige widerstanden - Romain Rolland oder Stefan Zweig. Wir brauchen uns aber darauf nichts einbilden: Den für den noch katastrophaleren Zweiten Weltkrieg tragen nahezu ausschließlich wir Deutschen die Schuld; da könnte man höchstens den anderen Europäern den Vorwurf machen, dass sie dem Hitler nicht gleich eins aufs Dach gegeben haben, als noch Zeit war.

    Comment von Chat Atkins — 5. 6. 2006 @ 16:28

  2. Ich habe es auch gehört, dieser Kommentar hat mich aus dem milden Schlummer, in die mich die tendenziell belanglose ZDF-Sendung versetzt hat, aufgeschreckt.
    So problematisch der Artikel 231 der Versailler Vertrags (Alleinschuld Deutschlands und Österreich-Ungarns am Kriege), ohne die (von langer Hand vorbetreiteten) Planungen des deutschen Generalstabs, ohne die, modern gesprochen, massive PR-Arbeit der deutschen Rüstungslobby, ohne den - gezielt “gezüchteten” - deutschen Hurrapatriotismus, der die krassen sozialen und reginalen Differenzen im Kaiserreich verkleisterte und ohne eine schwache, opportunistische Regierung und ohne die unbedachten “Brandreden” des “dümmsten aller Hohenzollern” (Max Weber) hätte der 1. Weltkrieg jedenfalls so nicht stattgefunden.

    Nun, wer ist schuld - oder besser: verantwortlich? Für mich ist klar: Deutschland! ( Mal abgesehen davon, dass die Kolonialmächte einen “Kuchen” unter sich verteilten, was ihnen gar nicht gehörte,) Für die deutsche Volkswirtschaft waren die erworbenen Kolonien eher schädlich als nützlich, und eine Verständigung mit den rmeistens pragmatische Ziele verfolgenden “angelsächsischen” Mächten wäre selbst 1913 (im Falle der USA sogar bis 1917) noch möglich gewesen.
    Allerdings kann meiner Ansicht nach keiner Regierung - auch nicht der kaiserlich-deutschen - der Vorwurf gemacht werden, sie habe bewußt auf die Entfesselung eines Weltkriegs hingearbeitet. Im Falle Deutschlands sind nachweislich Friedenmühungen “in letzter Minute” der Reichsregierung vom Generalstab und vom auswärtigen Amt sabotiert worden. (Sogar das ZDF-Filmchen deutete das an.)
    Ob der Iran auch “nur” seinen “Platz an der Sonne” will - “ohne jemanden in den Schatten zu stellen”? In diesem Falle wäre eine pragmatische Lösung möglich. Denn damals wie heute ist die Welt kein “Kuchen” (und erst recht kein “Wanderpokal”). Ich fürchte allerdings, dass die derzeitige iranische Regierung, auch starke ideologische, religiöse und auch irrational-verschwörungstheoretisch Motive für ihre Poltik hat.

    Comment von MartinM — 5. 6. 2006 @ 18:46

  3. @Chat:
    Wie ich schon sagte, der Geschichtsunterricht an meinem staatlichen Gymnasium vertrat ganz klar die Alleinschuldtheorie; inwieweit das mit meinem Lehrer zu tun hatte, der dem linken SPD-Flügel angehörte (und später auch Landratskandidat der SPD war), sei dahingestellt. Später, auf einer christlichen Schule (doch, da war ich), hat ein eher konservativer Geschichtsunterricht mir zwar die Version mit der geteilten Schuld vermittelt, ich bin ihr danach aber nur sehr selten begegnet. Die Alleinschuld ist populärer…

    @Martin:
    Ganz persönlich gehe ich von einem Kuchen der verteilten Kriegsschuld aus, von dem sich Deutschland ein besonders großes Stück abzuschneiden hat.
    Inwieweit der Iran eher rationale Interessen verfolgt, da bin ich noch nicht zu 100% sicher. Zu 90% allerdings schon - alles deutet auf eine ähnlich fanatische und uneinsichtige Führung hin, wie wir sie aus unserer eigenen Geschichte kennen. Aber reichen 90%, um einen Militärschlag zu befürworten? Eine schwierige Frage für jeden, der politische Meinungen publiziert. Oder zumindest sollte sie es sein.

    Comment von Karsten Dürotin — 5. 6. 2006 @ 19:27

  4. Man soll aus einem blinden Lehrer, den man mal hatte, nicht gleich den Rückschluss auf ganze Fachbereiche ziehen.

    Nur weil Deutschland 1914 keine “Alleinschuld” hatte, darf man übrigens nicht glauben, dass es keine “Schuld” gehabt hätte.

    Versailles war ein - zugegebenermaßen ziemlich dummer - Siegerjustizvertrag, der insbesondere von französischer Seite das Ziel hatte, nie wieder Deutschland militärisch so stark werden zu lassen, dass es zu einer Bedrohung für ein Land mit einer nur ungefähr halb so großen Bevölkerung werden könne. Wie gesagt: zwar dumm, aber irgendwie schon verständlich.

    Andererseits wissen wir ja auch, was die Ludendorffs und Stinnes’ den besiegten Völkern reingedrückt hätten, wären sie Sieger gewesen. Dagegen war Versailles harmlos …

    MfG

    Comment von Chat Atkins — 5. 6. 2006 @ 23:06

  5. Oh, vielleicht hat der Bezug auf meinen Unterricht auch einen falschen Eindruck erweckt: Ich habe mich schon auch mit Hilfe von Büchern, Fernsehsendungen etc. informiert - und da ist eben zum großen Teil die deutsche Alleinschuld zu finden. War jedenfalls mein Eindruck. Und offenbar auch der von Martin - oder?

    Und in Bezug auf die Sieger und ihre Bedingungen: Wenn die deutsche Militärführung frühzeitig begriffen hätte, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, dann hätte man vielleicht einen Frieden des Ausgleichs… ach, Schall und Rauch.

    Comment von Karsten Dürotin — 5. 6. 2006 @ 23:41

  6. Dass ein Großteil der Medien nur vorgefasste Meinungen der Redaktionen oder der Schreiber in griffige Darstellungen ummünzen kann, ist nichts Neues. Deshalb informieren sich jene Menschen, die etwas “wirklich” wissen wollen, ja auch bei der Wissenschaft - und nicht im Journalismus. Zwischen beiden liegt ein tiefer Graben.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Fischer-Kontroverse

    Comment von Chat Atkins — 6. 6. 2006 @ 10:40

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