Mit Erschrecken…
…sah ich gerade den Tagesschau-Bericht vom Abflug der deutschen Truppen in den Kongo. Und zwar vor allem wegen der Reaktion der Soldaten selbst. Waren bei den bisherigen Auslandseinsätzen fast nur Soldaten zu hören, die sich Sorgen um ihr Schicksal in der Fremde machten, wenn sie auch die Notwendigkeit ihres Einsatzes betonten, so erschienen mir die jungen Menschen diesmal fast schon gehirngewaschen. Vor allem die Soldatin, die sagte: “Ich freue mich, dass es (…) jetzt endlich los geht” als auch ihr Kamerad, der sich darauf freute, das fremde Land zu sehen, erschienen mir nicht gerade wie Menschen, die sich der vor ihnen liegenden Gefahren und Bedrohungen wirklich bewusst sind. Eher schon wie manipulierte Hurra-Krieger, die ich in der Bundeswehr eigentlich nicht vermutet hätte. Bedächtig erschien allein der Kommandant, der auf die Risiken eines derartig komplexen Einsatzes hinwies.
Im Gegensatz leider zu seinem obersten Dienstherren. Dass Verteidigungsminister Franz Josef Jung gegen alle Experten mit siegesgewisser Miene verkündete, er sei sich sicher, dass die Soldaten in vier Monaten wieder zuhause seien, war schon ziemlich daneben. Ein gewisser Pessimismus ist im Bereich der Kriegführung eine Tugend, die dem Hessen wohl nicht so sehr liegt. Warten wir ab, mit welcher Begründung Jung im November die Verlängerung des Einsatzes beantragen wird - oder bereits vorher erklären wird, warum der eine oder andere Soldat überhaupt nicht mehr nach Hause kommt. Dieses Risiko scheinen alle Beteiligten nämlich sehr entschlossen auszublenden.










Ich frage mich immer noch was dieser Einsatz soll. Die Probleme im Kongo, grundsätzlich in Afrika, sind viel zu komplex um sie mit Bundeswehrsoldaten zu lösen. Allerspätestens nach dem Abzug wird alles wieder zum Gehabten zurückkehren…vermutlich schon vorher.
Comment von Paul — 16. 7. 2006 @ 20:56
was soll denn dieses heuchlerische geschwätz, dürotin? IHR wollt die sicherung wirtschaftlicher interessen der BRD im ausland, also bekennt euch auch dazu!
was DU hier grade abziehst ist nichts anderes als “das hab ich aber nicht gewollt….” quasi vorbeugend um sagen zu können “not may cup of tea” wenn die zinksärge aus dem kongo zurückkommen. gruß an den petersen!
ekelhaft!
Comment von artur — 16. 7. 2006 @ 20:59
auch die ahnungslosigkeit eines paul ist erschreckend: lese er hier: http://tinyurl.com/krmck
Comment von artur — 16. 7. 2006 @ 21:03
@artur:
Labertasche. Und eine unhöfliche noch dazu.
Warum ich gegen den Kongo-Einsatz bin, habe ich schon mehrfach dargelegt - zu wenig Truppen, um wirklich etwas zu bewirken, zu unklarer Auftrag, viel zu optimistische Planung, all das spricht dagegen, am von Frankreich und Belgien geplanten Einsatz teilzunehmen.
Doch nehmen wir dann einmal an, dass es gute Gründe für den Einsatz gibt und er vielleicht doch sinnvoller ist, als ich das beurteilen kann. Dann will ich immer noch keinen Verteidigungsminister sehen, der die Gefahren kleinredet und unrealistische Prognosen hören lässt - und ebensowenig sehen, dass die entsandten Soldaten mit einer unangemessenen Begeisterung in die Fremde aufbrechen (oder diese jedenfalls im Fernsehen verbreiten). So einfach ist das.
Ansonsten wäre es nett, wenn du erläuterst, wer “WIR” eigentlich sind (ich kann mich nicht entsinnen, zu einer Gruppe zu gehören, die die wirtschaftlichen Interessen unseres Landes militärisch im Ausland vertreten sehen will). Übrigens, nur mal aus Interesse: Dieses “BRD” statt “Deutschland” kenne ich eigentlich nur von zwei politischen Richtungen. Von welcher kommst du?
Comment von Karsten Dürotin — 16. 7. 2006 @ 22:02
Das Wissen, für einen Auslandseinsatz gut vorbereitet zu sein und während dieser Zeit ein üppiges “Buschgeld” zusätzlich zum Sold zu bekommen, kann einen Soldaten schon frohlocken lassen.
Comment von Olaf Petersen — 17. 7. 2006 @ 6:40
@Olaf:
Gut vorbereitet? Auf den Kongo? Denkst du wirklich, man kann einen Menschen auf die Situation dort gut vorbereiten? Und was den Extrasold angeht… ob ich dafür von einem Elfjährigen mit einer AK beschossen werden möchte, der seit drei Jahren Kampferfahrung hat?
Was denkst du eigentlich über den Einsatz?
Comment von Karsten — 17. 7. 2006 @ 10:26
Und wenns dann erschossen werden sind´s hin. Dann schaun´s blöd.
Comment von Ben Kalenol — 17. 7. 2006 @ 13:07
“wer “WIR” eigentlich sind ”
Na, das ist die Weltverschwörung
Ansonsten: Bitte nicht ein paar von der Tagesschau auf die Schnelle interviewte Soldaten überbewerten.
Viele jüngere Soldaten freuen sich zwar auf die Gefahrenzulage, aber die meisten sind gegen den Kongo Einsatz.
Comment von Atlantiker — 17. 7. 2006 @ 22:11
Was ich über den Einsatz denke? Bin unschlüssig. Deutschland macht für die Pralinenkoalition den Postillon d’amour im Kongo. Und da wir (Deutschland) ganz nebenbei an Kongos Nordostgrenze (=>Südsudan) dabei sind, einen brandneuen Staat aus dem Boden zu stampfen, ist es doch gar nicht schlecht, wenn wir vorsorglich nachweisen, dass wir unseren (Thormälens) Milliarden auch ein paar harte Hombres nachfolgen lassen können, oder?
Persönlich: Eigentlich hat jeder Soldat, egal welcher Nation, egal welchen Zeitalters, damit zu rechnen, dass er seine persönliche Feuertaufe zu bestehen hat. Eigentlich. Aber deutsche Soldaten befanden sich bis August 1990 sozusagen in einem Dornröschenschlaf.
Aus diesem bin ich (und viele andere) damals aufgewacht, als man mir bedeutete, ich hätte mich und meinen Zug in Bereitschaft zu halten, in die Türkei zu verlegen. Da war es wieder, das mulmige Gefühl, das wohl alle Soldaten aller Zeiten kennen: Du hast einen Vertrag unterschrieben, der Dich Leben und Gesundheit kosten kann und Du bist eigentlich auf alles und für alles ausgebildet und vorbereitet. Nun hängt alles davon ab, wie Du Dich selbst einschätzt.
Der springende Punkt: Was es moralisch bedeutet, Soldat zu sein, überfordert gerade die jungen Menschen. Haben sie doch in unserer Gesellschaft meistens nur gelernt, dass das Leben aus einer grossen Zahl von Rechten und Ansprüchen besteht, aber nur wenig aus Pflichten. Dementsprechend muss der moderne deutsche Soldat damit leben, dass die zivile Gesellschaft seine blosse Existenz, ganz zu schweigen von seinen Handlungen, mit Unverständnis und Spott quittiert.
Comment von Olaf Petersen — 18. 7. 2006 @ 7:25
@Atlantiker:
Ich bezweifle stark, dass diese Interviews “auf die Schnelle” mit irgendwelchen Soldaten gemacht wurden. Eher nehme ich an, dass das Oberkommando die zu Interviewenden ausgewählt und vermutlich sogar darüber instruiert hat, was für eine Art von Interview man erwartet. Entweder das, oder die Bundeswehr versagt im heute sehr wichtigen Bereich der Medienkriegsführung.
@Olaf:
Habe gerade erst (dank Google-Cache) deinen Beitrag über Thormälen und seine Aktivitäten im Südsudan gelesen. Sehr erhellend.
Comment von Karsten Dürotin — 18. 7. 2006 @ 9:47
Hi Karsten!
Habe mir inzwischen eigenen Webspace nebst Blogsoftware (Serendipity) beschafft. Werde erst in einigen Wochen wieder online gehen, musste aber beim Webspace sofort zuschlagen, für Kurzentschlossene gab es 6 Monate gratis.
Mir schwebt vor, eine Mischung aus Website und Blog aufzustellen, aber ich werde nichts überstürzen.
Zu Deiner Antwort an Atlantiker: Es wäre ein Armutszeugnis für die Bundeswehr, müsste sie ihren Soldaten soufflieren, was sie in Interviews zu sagen hätten. Wenn Vertrauenswürdigkeit und Integrität der Soldaten in Frage stünden, sollte man sie nicht mit deutschen Hoheitsabzeichen versehen in’s Ausland schicken.
Comment von Olaf Petersen — 18. 7. 2006 @ 11:58
Dann ist die Bundeswehr aber außergewöhnlich. Die amerikanische Armee beispielsweise überwacht sehr genau, welcher Soldat wem welches Interview gibt. Ist das in Deutschland nicht der Fall? Und ist das nicht ein Problem, bei der Bedeutung, die die Medien mittlerweile für die Kriegsführung haben?
Comment von Karsten Dürotin — 18. 7. 2006 @ 13:32
Die Wahlen im Kongo sind vermutlich eine Farce! Die größte demokratische Oppositionspartei UDPS boykottiert die Wahlen. Bis auf den alten Marxisten Gizenga haben alle anderen Präsidentschaftskandidaten, die Chancen haben, bereits in der Allparteienregierung gesessen und sind ehemalige Warlords! Super Bedingungen für den Aufbau einer Demokratie. Und unsere Truppen sichern nicht die Wahl, sondern die Herrschaft von Kabila. Der hat sich mit dem Westen arrangiert und überläßt ihm die Bodenschätze, dafür hält der Westen Uganda und Ruanda im Zaum, damit sie keine Rebellion im Ostkongo schüren. Die Wahl ist gelaufen, bevor sie begonnen hat. Die Hochburg von UDPS-Chef Tshisekedi ist die Provinz Kasai. Bei Unruhen knallts dort zuerst und die Lawine rollt nach Kinshasa, daß der Präsident bereits kontrolliert. Wenn andere ehem. Milizenchefs wie Bemba das Ergebnis nicht anerkennen, rollt die Lawine vom Norden bzw. Osten auf Kinshasa zu. Die deutschen Soldaten in der Hauptstadt zu stationieren, ist völlig sinnlos, wenn man mehr will als weiße Ausländer beschützen. Fazit: Bundeswehr = Leibwache von Kabila und Vertretern von Personen und Institutionen mit Geschäftsinteressen im Kongo.
Man sollte vielleicht meinen ersten Artikel für die LSO, “Wo die Unregierbarkeit zu Hause ist” noch einmal hervorkramen!
Comment von Kay Hanisch — 18. 7. 2006 @ 19:01