Veraltete Kernreaktoren sind das Problem
Der Störfall im schwedischen Atomkratfwerk Forsmark zeigt einmal mehr, dass es ein großer Fehler war, die Kernforschung in Deutschland herunterzufahren und die Weiterentwicklung moderner Reaktortypen aufgrund politischen Drucks völlig einzustellen. Forsmark gehört, wie auch die Kraftwerke in Tschernobyl, Harrisburg und Temelin, zum mittlerweile längst veralteten Typ der wassergekühlten und -moderierten durch regelbare Steuerstäbe moderierten (herzlichen Dank an dointime) Kernreaktoren, die mit zahlreichen Problemen belastet sind - einer großen Menge an radioaktivem Müll, einer hohen Abgabe von Strahlung an das Kühlmaterial und vor allem der Gefahr eines GAU, einer Kernschmelze also, die zu einer Explosion des Kraftwerks und der radioaktiven Verseuchung weiter Landstriche führen kann.
Da der Forsmark-Zwischenfall (mit der Berichterstattung über diesen beschäftigt sich übrigens Martin Marheinecke bei MMsSenf) nun wieder all die auf die Barrikaden treibt, die uns einmal mehr erzählen werden, dass Kernkraft niemals sicher sein kann und dass die Gefahr eines GAU immer da sein wird, halte ich es mal wieder für an der Zeit, auf die Hochtemperatur-Reaktoren hinzuweisen, die eben diese These widerlegen. Heliumgekühlt und graphitgeregelt, schließt schon die Bauart dieser Reaktoren eine Kernschmelze (und damit den immer befürchteten GAU) vollkommen aus. Auch die Produktion radioaktiven Abfalls ist erheblich geringer, und selbst bei einem Bruch des Reaktorkerns durch äußere Einwirkung wird nur eine sehr geringe Menge an Radioaktivität an die Umwelt abgegeben.
Diese Technologie, schon vor einem Vierteljahrhundert ausgerechnet hier in Deutschland entwickelt, wird mittlerweile bei den meisten neu errichteten Kernkraftwerken verwendet - so etwa in China, das 30 neue Hochtemperaturreaktoren errichten will. Auch in Japan, Südafrika, Indonesien und den USA wird dieser Reaktortyp eingesetzt; überall dort sind es deutsche Ingenieure, die eine mit deutschen Steuergeldern entwickelte Technologie zur Energieversorgung der Menschen in diesen Ländern nutzbar machen. Nur hier nicht - nicht mehr jedenfalls.
Denn der bisher einzige deutsche HTR - der THTR-300 in Hamm Uentrop - kam leider erst in einer Zeit zum Einsatz, als massive Kampagnen und teils gewalttätige Demonstrationen die Entwicklung und den Bau von Kernkraftanlagen in Deutschland zum Erliegen brachten. Erst waren es immer neue Genehmigungsverfahren, die die Fertigstellung und Inbetriebnahme der Anlage verzögerten, später waren es immer neue Meldungen von den (bei der Erprobung eines neuen Verfahrens unvermeidlichen) technischen Schwierigkeiten, die das neue Reaktormodell in Verruf brachten. Ein kleinerer Störfall, bei dem allerdings kaum Radioaktivität austrat (und natürlich nie die Gefahr eines GAU bestand), gab dem Reaktor schließlich den Todesstoß.
Neue Hochtemperaturreaktoren ließen sich durch die veränderten politischen Rahmenbedingungen (der Ausstieg aus der Kernkraft wurde nun ein gemeinsames Ziel des sich etablierenden rot-grünen Bündnisses) nicht mehr errichten, das Know-How wanderte aus Deutschland ab und die Forschungskraft hierzulande wurde lieber in Wind- und Solarenergie umgelenkt, die aber auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein werden, Kernenergie und fossile Brennstoffe zu ersetzen. Und die entscheidende Verbesserung der Kernkraft ist schließlich von jenen verhindert worden, die ihr nun den Mangel an dieser Verbesserung vorhalten. Sehr geschickt.










Kernkraft mag sicher sein - heute. Aber bei den Halbwertzeiten einiger Reaktorprodukte reicht mir das nicht. Wir wissen doch schon nach 4000 Jahren nicht mehr wozu die ägyptischen Pyramiden (das mit den Gräbern ist eine Theorie) gedacht waren, geschweige denn wie sie gebaut wurden. Und wie will man denn nun das Wissen über Kernkraftwerke und das - locker gesagt - drumherum bewahren, wenn Plutoniumisotope eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren haben? Wohlgemerkt Halbwertzeit, danach ist noch immer die Hälfte von dem Zeug - das zudem auch noch unabhängig von seiner Strahlung giftig ist - da.
Atomenergie verlangt meiner Überzeugung nach den perfekten Menschen. Und den brauchte es schon für den gescheiterten Kommunismus.
Comment von marcc — 4. 8. 2006 @ 13:06
@marcc
Keine Gesellschaft hat bisher wegen Rücksichtnahme auf theoretisch in weitester Ferne liegende Nachfahren darauf verzichtet, den Wohlstand für die jetzt Lebenden und ihre Kinder und Kindeskinder zu sichern.
Abgesehen davon ist es ein wenig pessimistisch anzunehmen, das Abfall- bzw. Lagerproblem ließe sich zukünftig nicht lösen. Der Mensch hat schon größere technische Leistungen vollbracht.
Und das konnte er nur deshalb, weil er seinen Erfindungsreichtum nicht aus Angst vor potentiellen Gefahren selbst beschränkt hat.
Nebenbei: Auch ausgestoßenes CO2 oder diverse hochgiftige Industrieabfälle (die nicht einmal so etwas wie eine Halbwertzeit haben, also in Jahrtausenden noch genauso giftig sein werden wie heute) sind Abfall und wird die Generationen nach uns noch betreffen. Wollen wir die Industrialisierung sicherheitshalber rückgängig machen?
Comment von Boche — 4. 8. 2006 @ 13:22
Man könnte den ganzen atomaren Restmüll in Raketen packen und in die Sonne schießen. Warum sollte das in 50 Jahren nicht machbar (finanzierbar) sein und in der Sonne stört der dann überhaupt nicht mehr….
Das habe ich mal einem Öko erklären wollen, der wäre mir beinah an die Gurgel gegangen…. ;)
Comment von GWT — 4. 8. 2006 @ 14:13
Der Fehler bei diesem Zwischenfall lag nicht an der Technik allein, sondern an der Tatsache, dass man zu “sparsam” war, bekannte Fehler zu reparieren. Denn Fakt ist ja, dass die Fehler in der Notsystemtechnik bekannt waren, selbst beim Hersteller (AEG) und nur nie behoben wurden. Und das kann auch mit neuesten Reaktortypen passieren…
Comment von SoWhy — 4. 8. 2006 @ 15:08
Werner Schnappauf zeigt sich antizyklisch, was die öffentliche Meinung angeht:
Bayern will neue Atomkraftwerke
Comment von Karsten Dürotin — 4. 8. 2006 @ 17:07
Atomaren Restmüll in Raketen packen und mit einhundertprozentiger Sicherheit in die Sonne schießen ist tatsächlich eine Lösung. Ich vermute, dass auch nicht die Finanzierung das Problem ist, sondern eben die absolute Sicherheit, dass das Zeug nach einem Fehler nicht durch die Atmosphäre diffundiert.
Wie ich es oben schonmal andeutete, lässt mir die Atomenergie auch zuwenig Fehler zu. Wenn was schiefgeht sind ganz Landstriche möglicherweise unbewohnbar. Bzw. die Menschen wollen dort nicht mehr leben. Und da Menschen dazu neigen Fehler erstmal ausbügeln und vertuschen zu wollen, brauchen wir da entweder eine perfekte Technik oder eben den neuen Menschen.
Aber man muss da nicht lange hin- und herdiskutieren. Guckt einen Standort aus und versucht einfach dort ein AKW zu bauen. Das hat ja nicht mal die CSU in Wackerdorf geschafft.
Comment von marcc — 4. 8. 2006 @ 17:09
Roland Koch ist auch für ein AKW in Hessen. Allerdings hat er bislang auch nicht gesagt wo.
Aber ganz realistisch glaube ich, dass ein weiterer Reaktor an einem schon bestehenden Standort (bei uns wäre es Biblis) die wenigsten Probleme bekommen würde.
Comment von marcc — 4. 8. 2006 @ 17:13
@marcc:
Das mit den Pyramiden ist ein schlechtes Beispiel, weil die damalige Kommunikationstechnik nicht annähernd so weit fortgeschritten war, wie es die heutige ist - ganz besonders nicht, was die Aufbewahrung von Informationen angeht. Und die reine Zeitspanne macht es auch nicht, im Mittelalter etwa wusste man weitaus weniger über die Zeit des alten Ägypten, als wir das heute tun.
Im Übrigen entsteht bei HT-Reaktoren kein Plutonium, sondern lediglich ein weniger gefährliches Uranisotop.
@SoWhy:
Natürlich, das ist in vielen Fällen die eigentliche Gefahr - dass die Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden. Darum juble ich ja auch nicht die herkömmlichen Reaktoren und ihre Sicherheitsmaßnahmen hoch, sondern verweise auf neue, inhärent sicherere Reaktortypen, auf die die alten Vorwürfe so nicht zutreffen.
Zu schrecklichen Katastrophen kommt es auch in der chemischen Industrie, beim Transport von Öl und in vielen anderen Lebensbereichen - die deswegen aber keiner verbieten will. Das wirkliche Problem bei der Kernkraft sind der GAU und die hohe Menge an radioaktiven Abfällen. Und da bieten HTR eben eine Lösung, die man aber mit Atomkraftgegnern meist gar nicht diskutieren kann.
Comment von Karsten Dürotin — 4. 8. 2006 @ 17:13
Das mit dem Schuss in die Sonne sehe ich ebenso skeptisch wie Marcc, aber man kann nie wissen.
Interessanter finde ich die Fortschritte auf dem Gebiet der Transformationstechnik, bei der radioaktives Material in ungefährliche Substanzen umgewandelt werden kann. Da gab es vor ein paar Tagen eine Meldung im Netz (habe ich leider verlegt), ist aber noch weit weg von der “Serienreife”.
Comment von Karsten Dürotin — 4. 8. 2006 @ 17:15
Naja, die aktuelle Kommunikationstechnik mit Papier, Festplatten und DVDs halte ich auch nicht gerade für zukunftssicher. Brennbar, komischer Metallkasten mit runden Scheiben drin und dieanderen Dinger glänzen lustig und man kann sich drin spiegeln.. Ohne Lesegeräte ist das schon schwierig mit den Dingern. Und in Stein meißeln ist gerade nicht besonders im Trend. ;-)
Ein Abschwung wie nach der Römerzeit und in Mitteleuropa gibt wieder Warlords und Drachentöterlegenden.
Comment von marcc — 4. 8. 2006 @ 17:25
Es gibt aber auch eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich mit der Aufbewahrung solcher Informationen beschäftigen. Im Übrigen ist wohl wahrscheinlich, dass selbst im Falle eines neuen Mittelalters ein ehemaliges Endlager mit einem Tabu belegt würde, weil auf diesem Ort ein Fluch läge - die Leute, die dort ihre Hütten gebaut haben, sind immer schnell gestorben. Nur, um deine Post-Doomsday-Überlegungen mal fortzuführen…
Und dass die Menschen im “Neuen Mittelalter” ein Kraftwerk wieder anschmeißen würden, um dann einen großen GAU zu produzieren, ist mir etwas zu abwegig…
Comment von Karsten Dürotin — 4. 8. 2006 @ 17:32
=> Atommüll zu Sonne jagen
Ist nur _ein_ Beispiel, man könnte ihn auch auf dem Mond endlagern , oder nicht zur Sonne schießen, sondern in die andere Richtung in die Weiten des Alls, wo er irgendwo dann landet oder weiterfliegt. Übrigens ist der Atommüll nicht strahlenbelasteter als die Sonne selbst, also würde ein “Rückdiffundieren” gar nicht möglich sein, er würde sogar der Sonne als Brennstoff dienen, würde also sozugagen recyceled. Das einzig Problematische wäre der Transport des Mülls zur Rakete und die Phase des Abschusses (und die Kostenfrage).
Was ich aber meine, der Punkt “Atomkraft ja gut, aber der Restmüll!” kann vernachlässigt werden, da man Atommüll erst einmal zwischenlagern kann und später, wenn eine Lösung gefunden worden ist, kann man ihn endlagern. Das man bei der Endlagerung auch utopistische Konzepte ins Auge fassen kann ist zulässig (wir haben da etwas Zeit) und was machen mit den Weiten des Weltalls und unserer ganzen Weltraumfahrt?
Comment von GWT — 4. 8. 2006 @ 18:10
Man kann es auch pragmatisch sehen. Atomenergie gilt so gut wie überall nicht als Problem, sondern als dessen Lösung. Zu hoffen, dass wir, weil wir in Deutschland auf die besonders sicheren Reaktoren verzichten, von den Fallouts der unsicheren Reaktoren unserer Nachbarn verschont bleiben, hat etwas Mystisches.
Das ist das eine.
Offene Fragen aber für mich: Atommüll (wie schon gesagt) und Terrorgefahr.
Und: Ich bin ein Freund des Marktes und der Weisheit der Vielen. Wenn Atomenergie beherrschbar ist, wird sich doch bestimmt ein Versicherer finden, der alle Folgeschäden zu einer Prämie bereit ist abzudecken, mit denen ein Kernkraftwerk wirtschaftlich zu betreiben ist. Sollte das nicht funktionieren, kann ich nur konstatieren, dass der Markt an die Beherrschbarkeit anscheinend nicht glaubt.
Von den hier Kommentierenden ist übrigens wohl niemand in die Kernenergie vernarrt. Wenn es eine Technik gibt, die den Energiebedarf der nächsten 50 Jahre zu vergleichbaren Kosten (inkl. aller Folgekosten) zu decken in der Lage ist, dann nehmen wir lieber die.
Lasst uns über unser Verhältnis zu Risiko und Sicherheit diskutieren….
Comment von Rayson — 4. 8. 2006 @ 21:33
@rayson
1. Die Folgeschäden aus einem GAU sind in Staaten mit Verursacherhaftung so erheblich, daß sie bestenfalls ein Konsortium von Versicherern schultern könnte. Die naheliegendste Konstruktion ist daher die Entschädigung durch den Staat, also den Steuerzahler, der auch am finanzstärksten ist (der unverseuchte Teil zumindest), Mit Einführung der staatlichen Entschädigung wird aber aus dem Problem der Risikobewertung ein fast rein politisches Problem: Welcher “wissenschaftlichen” Studie zur Unfallwahrscheinlichkeit sollen wir, die Steruzahler, glauben. Fazit: Die Marktwirtschaft scheint Problemen dieser Größenordnung und mit dieser langfristigen Perspektive (d.h. zunächst einmal nur der einzelne GAU) nicht gewachsen zu sein. Es drängt sich mir vielmehr die Analogie zur öffentlichen Sicherheit auf, die ja auch, zumal in transnationalen Gebilden, wie der EU mit Privatmilizen “gemanaget” (wenn auch in keinen Falle garantiert) werden könnte.
2. Wenn die HTR-Option u.ä. (ich habe auch positives darüber gelesen) so interessant ist, warum hat der Markt sie nicht längst favorisiert, analog zu Sonnenenergie.
Comment von xyz — 6. 8. 2006 @ 19:59
@xyz:
Der Markt hatte niemals Gelegenheit, hier in Deutschland über die HTR-Option zu entscheiden, da es zunächst technische Schwierigkeiten gab und dann der einzige hierzulande bisher errichtete Reaktor dieser Art vor seinem effektiven Einsatz geschlossen wurde.
International ist der HTR bereits eine äußerst beliebte Technologie, wie die im Beitrag genannten Beispiele verdeutlichen sollten.
Im Übrigen ist der HTR nur ein Beispiel für inhärent sichere Kernreaktoren - auch im Falle des Druckwasserreaktors ist eine Kernschmelze durch die Bauart (und erneut nicht durch Kontrollsysteme) ausgeschlossen.
Bei der gesamten Diskussion über die Kernenergie finde ich eben so bemerkenswert, dass die Kernschmelze immer noch das allgemein akzeptierte Schreckgespenst ist, diese aber bei modernen Reaktoren gar nicht mehr vorkommen kann.
@Rayson:
Dass der Atommüll die größte Problematik darstellt, da stimme ich mit dir überein. Wie gesagt, man muss auf weitere Fortschritte im Bereich der Transformation hoffen - und Deutschland bräuchte eine Wideraufbereitungsanlage, um die Castor-Transporte zu verkürzen.
Zur Terrorgefahr: Diese ist im Falle der moderneren Reaktoren ein weitaus geringeres Problem, weil man nicht einfach in den Kontrollraum eindringen und den GAU herbeiführen kann. Aber es bleibt ein Problem, das gebe ich zu.
Comment von Karsten Dürotin — 6. 8. 2006 @ 20:18
Der Kraftwerkstyp in Tschernobyl setzt auf Graphit als Moderator und nicht auf Wasser und gerade bei dieser Technik ist die GAU-Gefahr größer, da ein Verdampfen des Kühlmittels die Kernspaltungsreaktionen begünstigt (während des Verdampfen von Wasser, wenn es auch als Moderator benutzt wird, zum Verlangsamen der Reaktionen führt).
Comment von dointime — 19. 8. 2006 @ 11:21
dointime hat recht.
Insofern jedenfalls, als Tschernobyl tatsächlich graphitmoderiert war. Eine Heliumkühlung aber ist der in Tschernobyl ebenfalls verwendeten Wasserkühlung überlegen, und mehr noch gilt das für die spezielle Moderationstechnik der HTR, die nicht durch regelbare Graphitstäbe, sondern durch eingehüllte Kugeln stattfindet.
Ich bitte mein Versehen zu entschuldigen.
Mehr zum Tschernobyl-Reaktor hier (da kann man auch sehen, dass ich Unrecht hatte).
Comment von Karsten Dürotin — 19. 8. 2006 @ 16:53