9. 8. 2006

Ein China geht, das andere kommt

Abgelegt unter Kay Hanisch, Außenpolitik

Es wird einsam um Taiwan. Nur 25 Staaten weltweit erkennen die Inselrepublik als legitime Vertretung Chinas an. Seit letzter Woche sind es nur noch 24. Denn mit dem Tschad hat nun einer der wichtigsten Verbündeten Taiwans in Afrika die Fronten gewechselt und Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen und gleichzeitig zu Taipeh abgebrochen. Auf der Inselrepublik führte das zu Verstimmung, schließlich bestand zum Tschad eine neunjährige freundschaftliche Beziehung und das Land hat erheblich von der finanziellen Unterstützung der Insel-Chinesen im Gesundheits-, Landwirtschafts- und Infrastrukturbereich profitiert. Was also veranlaßte den Tschad zu diesem Schritt?

Man muß wissen, daß seit 1990 ein gewisser Idriss Déby Präsident des Tschad ist. Früher Sicherheitsberater des Diktators Hissen Habre, hat er dessen Herrschaft mit einem kurzen Bürgerkrieg beendet. Idriss Déby gilt als gewitzter militärischer Stratege, aber nicht unbedingt als weitsichtiger Politiker. Mehrparteiensystem und unabhängige Presse verdankt der Tschad eher westlichem Druck als Débys überzeugtem Demokratieverständnis. Und der Mann mit dem Eddie-Murphy-Grinsen ist noch etwas: ein ausgemachter Ganove, der seinen Vorteil nie aus den Augen verliert. Seit der Tschad 2003 zu den ölfördernden Ländern gehört hat die Korruption Einzug gehalten, das Land gilt seither als eines der korruptesten der Erde.

Seit dem Déby 2005 in einem von der Opposition boykottierten Referendum seine eigentlich nicht vorgesehene dritte Amtsperiode durchboxte, wuchs der Widerstand gegen ihn. Heute kämpfen mehrere bewaffnete Gruppen gegen die Herrschaft des Präsidenten und seiner Patriotischen Heilsbewegung (MPS). Viele dieser Gruppen wie die „Vereinigte Front für den Wechsel“ (FUC) werden vom Sudan unterstützt, der wiederum zu den von China hofierten Regimes in Afrika zählt. Im Gegenzug unterstützt der Tschad die Rebellen in der sudanesischen Provinz Darfur. Um seinen immer größer werdenden Hunger nach Rohstoffen zu stillen, weitetet China seinen Einfluß in Afrika beständig aus. Die Chinesen sind bei afrikanischen Machthabern sehr beliebt, nerven sie doch nicht mit der Einhaltung von Menschenrechten herum. Für das Regime Déby wurde im Frühjahr 2006 die Luft immer dünner, als FUC-Rebellen bereits bis in die Hauptstadt gekommen waren. Nachdem sich Taiwan in die tschadische Ölindustrie eingekauft hatte, drohte der Konflikt Sudan-Tschad vollends zu einem Stellvertreter-Krieg der „beiden Chinas“ um afrikanisches Erdöl zu werden.

Als Grund für den Abbruch der Beziehungen zu Taiwan nannte der Tschad knapp „Interessenfragen“. Es kann also zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Zum einen folgt der Tschad damit einem afrikanischen Trend, nur noch 5 der 53 afrikanischen Nationen erkennen Taiwan an. Im Oktober 2005 hatte Senegal seine 10 Jahre währenden Beziehungen zum Inselstaat gekappt.
Warum dieser plötzliche Bruch mit einem befreundeten Staat? Hatte doch Déby immer in der UNO und anderen internationalen Organisationen für eine Beteiligung Taiwans geworben. Und hätte er sich nicht der Unterstützung Taiwans sicher sein können im Kampf gegen die pro-sudanesischen Rebellen? Vermutlich ist im Hintergrund ein ganz anderer Kuhhandel abgelaufen. Vielleicht hat der Tschad China großzügige Angebote bei der Beteiligung an der Ausbeutung seiner Rohstoffe gemacht. Oder aber die Chinesen geben sich mit dem diplomatischen Triumph über Taiwan zufrieden. Als Gegenzug muß Peking vielleicht Druck auf Sudan ausüben, die tschadischen Rebellen nicht mehr zu unterstützen. Oder wenigstens die Waffenlieferungen nach Khartum reduzieren. Unter libyscher Vermittlung kamen die Präsidenten Tschads und Sudan überein, die diplomatischen Beziehungen wieder auf- zunehmen und in Richtung Frieden hinzuarbeiten. Es ist nicht schwer zu erkennen, daß mit China jetzt neben Frankreich und den USA eine weitere Hegemonialmacht in Afrika auftaucht. Gute Beziehungen zu allen „Global Playern“ sind auch für Tschad von Vorteil.
So oder so. Idriss Déby hat noch kein Geschäft verschmäht, daß ihm die Macht sichert und dem Tschad vielleicht ein bisschen Stabilität beschert.

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