10. 8. 2006

Private Schulen für Migratenkinder – Zukunftsmodell?

Deutsch-türkischer Trägerverein startet mit Schule. Große Nachfrage aufgrund negativer Erfahrungen mit regulären Schulen.

Eringerfeld - Als erste Schule der türkischen Community Nordrhein-Westfalens beginnt das Privatgymnasium Eringerfeld in Geseke in der kommenden Woche mit dem Unterricht. Schulträger der staatlich anerkannten Ersatzschule ist die Regenbogen-Bildungswerkstatt aus Paderborn. Der 1998 gegründete Verein will Kinder mit türkischem Migrationshintergrund fördern und so zur Integration von Migranten in die Gesellschaft beitragen.

Es gibt kaum bilinguale Förderung in NRW, obwohl an vielen Schulen Muttersprachler Ergänzungsunterricht anbieten. Nur an einigen Schulen im Ruhrgebiet werden Türkisch und Russisch auch als reguläre Fremdsprachen angeboten, in denen die Schülerinnen und Schüler einen Abschluss erreichen können, obwohl diese Absolventen in der Wirtschaft sehr begehrt sind. Private Ersatzschulen haben nun diesen „Markt“ erkannt.

Besonderheiten des Gymnasiums in Eringerfeld sind das angeschlossene Internat mit rund 300 Plätzen sowie spezieller Förderunterricht. Nach 13 Uhr unterrichten Lehramtsanwärter in Hauptfächern wie Mathematik oder Fremdsprachen. “Faktisch sind wir eine Ganztagsschule”, sagt Turan Devrim, Vorsitzender des Fördervereins. Außerdem sollen die Naturwissenschaften ab der achten Jahrgangsstufe in Englisch unterrichtet werden.

Vom nächsten Schuljahr an sollen zunächst 170 Schülerinnen und Schüler der Stufen fünf bis sieben unterrichtet werden. “Bisher liegen uns über 210 Anmeldungen vor”, so Devrim. Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler stamme aus Ostwestfalen und dem Ruhrgebiet, vereinzelt aber auch aus dem Frankfurter Raum oder aus Süddeutschland. Grund für das große Interesse seien negative Erfahrungen türkischstämmiger Eltern mit regulären Schulen: “Im täglichen Kontakt kommt es immer wieder zu Situationen mit nicht selten negativem Ausgang für Migranten”, sagt Devrim.

Tatsächlich ist der Bedarf an bilingualen Schulen beziehungsweise an der muttersprachlichen Förderung enorm: Von den 2,8 Millionen nordrhein-westfälischen SchülerInnen haben 477.000 einen ausländischen Pass oder kamen als Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Forscher der PISA-Studie sprechen sogar von 880.000 SchülerInnen, die im weiteren Sinne einen Migrationshintergrund haben - das ist fast jedes dritte Schulkind.

“Es ist schon erschreckend, dass es in einem Land mit so vielen Einwanderern wie NRW kaum Schulen gibt, die deren Sprachen fördern”, sagt ein Kölner Grundschullehrer der taz heute in diesem Zusammenhang. “An staatlichen Schulen kommen Kinder mit Migrationshintergrund zu kurz.”

10 Kommentare »

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  1. Um mal nur den zuletzt zitierten Satz zu kommentieren:
    Es ist wahrlich auch nicht Aufgabe staatlicher Schulen, alle Sprachen zu fördern, die Zuzügler aus dem Ausland so mitbringen. Sondern die Landessprache und eine oder mehrere internationale Verkehrssprachen. Also zuallererst Deutsch. Dann Englisch, Französisch, Spanisch. Türkisch oder Arabisch nicht. Das ist Privatvergnügen.
    Und daß “Kinder mit Mihugru” an staatlichen Schulen “zu kurz kommen” dürfte maßgeblich mit dem Unwillen ihrer Eltern zu tun haben, ihnen vor der Einschulung Deutsch beizubringen. Ob die Einrichtung von privaten Volksgruppenschulen dieses Problem löst, bleibt abzuwarten.

    Comment von FAB. — 11. 8. 2006 @ 7:47

  2. @FAB:
    Interessant, dass nur Englisch (510 Millionen Menschen sprechen Englisch), Französisch (180 Millionen), Spanisch einfallen (417 Millionen). Mir würde zumindest noch Chinesisch wichtig sein (880 Millionen), aber auch das im Text angesprochene Russisch (280 Millionen) oder Arabisch (300 Millionen). Schließlich könnte man argumentieren, dass der Japanisch-Unterricht (127 Millionen), den viele Schulen heutzutage anbieten, auch nicht so viel wichtiger ist als Türkisch (rd. 80 Millionen).

    Insbesondere das Französische wird in seiner Bedeutung maßlos überschätzt. Letztlich stimme ich aber zu, dass Türkischunterricht keine Hauptaufgabe des deutschen Schulsystems sein kann.

    Comment von Karsten Dürotin — 11. 8. 2006 @ 10:54

  3. Für mich stellt sich die Frage warum ein Türkisch-Unterricht nicht Aufgabe des deutschen Schulsystems sein kann?

    Es gibt zwei Argumente die aus meiner Sicht klar dafür sprechen:

    1. Entgegen der allgemeinen empfundenen Überzeugung sind sehr viele Sprachwissenschaftler davon überzeugt, dass das Erlernen der Muttersprache - ich spreche hier von einem schulisch unterstützten Erlernen - klar das Erlernen einer weiteren Sprache fördert. Um dies an der Türkischen Sprache der über 2 Millionen Türken in Deutschland zu verdeutlichen: Kinder/Jugendliche die ein gutes Türkisch sprechen (weil zum einen zu Hause und in der Schule entsprechend gefördert wurde) sprechen auch eine gutes Deutsch (und andere Sprachen). Kinder/Jugendliche deren Türkisch schlecht ist sprechen in der Regel auch ein schlechtes Deutsch - es wird typischerweise ein Mischmasch aus Türkisch und Deutsch gesprochen (fehlende Kompetenz in beiden Sprachen).
    Als wissenschaftliche Untermauerung empfehle ich Aufsätze, Schreiben, Interviews von Prof. Claud Maria Riehl von der Uni Köln zu diesem Thema.

    2. Das Recht auf das Erlernen der Muttersprache ist ein Menschenrecht. Natürlich muss man in einer multikulturellen Gesellschaft wie Deutschland ein Für und Wider abwägen ob und welche Einwanderer-Sprachen auch in der regulären Schule angeboten werde. Warum sollte an den Schulen nicht ein Wahlfach “Türkisch” vorhanden sein? Zum einen würde es den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung tragen (über 2 Millionen mit Muttersprache Türkisch) und zum anderen sprechen auch wirtschaftliche Gründe (Türkei als aufstrebender Markt) oder die Tatsache, dass Türkisch nicht nur in der Türkei, sondern auch in Azerbaycan, Zypern, Bulgarien, Makedonien, Rumänien, Irak, Iran und sehr eng verwandte Sprachen in Turkmenistan, Usbekistan, Kirgizistan und Kasachstan gesprochen werden dafür. Letztendlich ist aber auch zu betonen, dass die türkischen Bürger der Bundesrepublik Deutschland genauso wie alle anderen auch Steuern zahlen mit denen das Schulsystem finanziert wird.

    Comment von Yasar Mert — 11. 8. 2006 @ 12:44

  4. @ Karsten:
    Wir leben in einer Welt, in der außerhalb Europas die vorherrschende internationale Verkehrssprache Englisch ist. Also spricht immer noch das meiste für Englisch als erste Fremdsprache. Daneben in einer “immer engeren Union” der europäischen Völker, nicht wahr? Und da bietet es sich an, die Sprachen unserer Nachbarn zu lehren. Im übrigen ist Französisch in Europa immer noch sehr viel eher eine Verkehrssprache als Chinesisch. Die Leute, die Chinesisch irgendwann mal beruflich brauchen können, sind immer noch eine sehr überschaubare Gruppe. Zur Allgemeinbildung gehört das also hierzulande nicht. Die Sprachen unserer Nachbarn schon viel eher. Polnisch bspsw wird völlig vernachlässigt.

    @ Yasar
    Menschenrecht? Wie ich schrieb: Türkisch und Arabisch ist Privatvergnügen. Niemand würde auf die Idee kommen, den Leuten Spracherwerb nach gusto verbieten zu wollen. Nur leben wir halt in Deutschland. Und da hat ein Elternpaar, daß sein Kind auf deutsche Schulen schicken will, dafür zu sorgen, daß das Kind mit 6 Jahren ausreichend Deutsch spricht. Daran führt kein Weg vorbei. Es ist nicht Aufgabe des öffentlichen Schulsystems, solche Mängel auszubügeln, die manche Leute sehenden Auges anrichten. Lösung:
    Sprachtest bei der Einschulung. Im Bedarfsfall Vorschule, bis das nötige Niveau erreicht ist. Und zwar auf Kosten der Eltern. Anders kriegt man die Deutsch-Verweigerer nicht motiviert.

    Comment von FAB. — 11. 8. 2006 @ 14:53

  5. Nebenbei: was sind “türkische Bürger der BRD”? Entweder man ist Staatsbürger der BRD. Deren Sprache ist Deutsch. Dann hat man diese Sprache auch zu benutzen. Insbesondere sie seinen Kindern beizubringen. Oder man ist türkischer Staatsbürger. Dann ist man Gast, und kann kaum erwarten, daß die Wohnung des Gastgebers nach dem eigenen Geschmack umdekoriert wird. Oder das Schulsystem des Gastgebers.

    Comment von FAB. — 11. 8. 2006 @ 15:03

  6. @FAB: Obwohl ich die Argumentation laecherlich finde, moechte ich trotzdem kommentieren - eben weil die Argumente falsch sind:
    Viele Buerger in Deutschland sind ethnisch gesehen keine Deutsche, sondern eben “nur” Staatsbuerger Deutschlands. Die Definition des Staatsbuergertums ueber die ethnische Zugehoerigkeit ist auch in Deutschland veraltet und nicht mehr in Uebereinstimmung mit den Realitaeten. Diese Menschen - zum Beispiel Daenen, Sorbern aber auch Tuerken haben eine andere Muttersprache neben der Verkehrssprache Deutsch. Dies sollte als Bereicherung gesehen werden. Weiterhin sind diese Menschen nicht Gaeste in diesem Land - sondern hier geboren und aufgewachsen; genauso wie Sie.

    Comment von Yasar Mert — 11. 8. 2006 @ 16:11

  7. Ich bilde mir ein, ausschließlich mit der Staatsangehörigkeit argumentiert zu haben, und nicht mit der Volkszugehörigkeit. Mit anderen Worten: die Antwort hat keinen Bezug auf meinen Kommentar.
    Dänen und Sorben sind in ihren jeweiligen Siedlungsgebieten autochthone Minderheiten, und haben deshalb schon staatsrechtlich eine völlig andere Stellung als etwa eingebürgerte Türken.
    Die Auflösung der deutschen Gesellschaft in auch sprachlich rivalisierende Volksgruppen, die Sie anscheinend wollen, ist in meinen Augen keinesfalls eine Bereicherung. Sondern der Beginn einer Entwicklung, die den künftigen Bürgerkrieg zwar nicht notwendig herbeiführen muß, aber jedenfalls begünstigt. Verzichte dankend.
    Jeder kann - auch das hatte ich gesagt - soviele Sprachen pflegen, wie er mag. Aber mit dem Erwerb der Staatsangehörigkeit erkennt man die kulturellen Grundlagen des dazugehörigen Staates als verbindlich an. Dazu gehört auch die jeweilige Sprache. Wer das nicht will, sollte die Staatsangehörigkeit nicht erwerben. Was viele Türken ja auch tun. Und als Nicht-Staatsangehöriger ist man Gast, unabhängig davon, wo man aufgrund der Zufälle der elterlichen Biographie geboren wurde.
    Auch von Gästen kann man übrigens das eine oder andere erwarten. Zum Beispiel, daß sie nicht dadurch das Schulsystem und die anderen Schüler schädigen, daß sie große Zahlen von sprachunkundigen Kindern an der Schultür abgeben mit der Einstellung, nun seht zu, wie ihr mit denen klarkommt. Ich nenne das schlechtes
    Benehmen.

    Comment von FAB. — 11. 8. 2006 @ 17:40

  8. Das essentielle Problem solcher Betrachtungsweisen ist:

    1. die Betrachtung der heutigen Realitaet als etwas stetiges und nicht veraenderliches. Dies ist eben nicht der Fall. Die Gesellschaft, die Kultur, die Bevoelkerungsgruppen - diese sind alle einer Dynamik unterworfen.

    2. Staatsbuergerschaft in Verbindung mit einer Ethnizitaet zu bringen. Dies ist keine zukunftsweisende Einstellung. Es sollte eine Aenderung in Richtung Verfassungsnation geben.

    Comment von Yasar Mert — 11. 8. 2006 @ 20:43

  9. Schon wieder: was hat das mit meinen Ausführungen zu tun? Sollte es das überhaupt? Ich bin etwas ratlos.
    Den Punkt 1. fasse ich übrigens als Drohung auf.

    Comment von FAB. — 12. 8. 2006 @ 0:02

  10. Ich bin mit einer Türkin verheiratet und habe so gesehen auch einen “angeheirateten” Migrationshintergrund und ich kenne diese Schule. Worin eine Förderung der Immigration bestehen soll wenn man grade wieder eine exklusive Schule für bestimmte Bevölkerungsgruppen gründet muß mir mal jemand erklären. Das ist so ähnlich wie mit den türkischen Fernsehsendern. Da viele meiner Bekannten und Verwandten nicht so gut deutsch können interessiert sie das deutsche Fernsehprogramm nicht. Es gibt zwei Möglichkeiten, man lernt deutsch oder man holt sich den Zugang zu türkischem Fernsehen. Mittlerweile kenne ich eine Menge Haushalte die gar keine deutsche Sender mehr habe. Ist ja auch viel bequemer als deutsch zu lernen. Etwas anderes finde ich aber noch bedenklicher als die Tatsache das sich Türken durch diese Schule noch weiter ausgrenzen. Der Träger der Schule ist der Regenbogen e.V. Eine durchaus bedenkliche Organisation. Hier hat man nun die Möglichkeit die Kinder weitestgehend ausserhalb deutscher Kontrolle politisch und religiös einzunorden. Ich kenne einen Schüler dieser Schule der zuvor nicht mal die Hauptschule geschafft hat. Nun ist er auf diesem angebliche Gymnasium. Die Leistungen, das sagt selbst die Mutter, sind nicht besser geworden. Ich will es mal sarkastisch ausdrücken. Bei der Gehirnwäsche spielt es keine Rolle wie leistungsfähig das Gehirn vorher war.

    Comment von Heiko Dopheide — 8. 3. 2007 @ 20:31

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