Leichen sind nicht witzig
Ein “Medienkrieg” ist die Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah im südlichen Libanon. Das haben wir in den letzten Jahren immer häufiger gehört - eigentlich handelt es sich mittlerweile bei jedem bewaffneten Konflikt, an dem ein moderner, industrialisierter Staat beteiligt ist, um einen solchen. Es geht um die Macht der Bilder, um Deutungsmacht, um die richtige Beeinflussung der öffentlichen Meinung, zum richtigen Zeitpunkt, mit den richtigen Mitteln. Oder eben mit gefälschten Mitteln; denn immer, wenn Propaganda in der Kriegsführung eine entscheidende Rolle spielt, müssen eben auch einmal gefälschte oder gestellte Bilder sowie Fehlinformationen dazu herhalten, die richtigen Impulse in der Öffentlichkeit zu setzen.
Das beginnt mit Opferzahlen, die der libanesische Ministerpräsident zunächst zu hoch verkündet (40) und dann “leicht” nach unten korrigieren muss (auf ein Opfer, das aber natürlich immer noch zuviel ist). Es geht weiter mit der Suche nach möglichst wirksamen Motiven, die dann dramatisch in die Kameras der Weltpresse gehalten werden - und endet bei dem Reuters-Fotografen, der seine Fotos retuschiert, damit sie dramatisch genug erscheinen, um auch veröffentlicht zu werden. Oder jedenfalls wäre es schön, wenn es dort enden würde. Das ist aber leider nicht der Fall, denn in den letzten Tagen gab es noch eine ganz andere Diskussion: Die über ein Foto, auf dem einige der Leichen von Opfern des israelischen Angriffs auf Kana zu sehen sind.
Einer dieser Toten liegt unter dem Leichentuch in seltsam verkrampfer Haltung da - der Oberkörper leicht aufgerichtet, das Bein angewinkelt. Woran das liegt, das ist nur sehr schwer zu sagen, vor allem nur von Fotos ausgehend. Handelt es sich um die Leichenstarre, die in dieser Position einsetzte? Um post-mortem-Zuckungen, wie sie gelegentlich vorkommen? Für manche, darunter auch das “Opinion Journal” des WSJ, war die Antwort dagegen sofort klar: Es handelt sich um ein gefälschtes Bild, ein Arrangement von Personen, die lediglich als Leichen bezeichnet werden.
Das löste eine große Diskussion aus, sowohl in der amerikanischen als auch der internationalen Blogosphäre, und schon am nächsten Tag ruderten sowohl das Opinion Journal als auch “Augean Stables”, wo man ebenfalls auf die seltsame Haltung des Mannes hingewiesen hatte, eifrig zurück. Einer der Vorteile an der Publikation im Internet ist ja, dass man seine falschen Informationen und Interpretationen nachträglich korrigieren kann - und diese nicht noch ewig auf Papier, “Schwarz auf Weiß”, unberichtigt herumschwirren.
An sich alles halb so schlimm - im Gegensatz zu Florian Klenk, der für die ZEIT und seinen Watchblog einen Artikel über diesen Themenkomplex verfasst hat, habe ich nichts dagegen, wenn sich viele Blogger aktiv daran machen, über die Wahrhaftigkeit und Echtheit von Medienfotos zu spekulieren. Denn wie Adnan Hajj beweist, erzielen sie dabei ja gelegentlich den einen oder anderen Treffer; und ansonsten darf man ihnen eben nicht die Bedeutung zuweisen, die die klassischen Medien für sich in Anspruch nehmen. Blogosphäre ist Stammtisch, ist schnelles Schreiben, ist eben auch hyperkritisch und manchmal unreflektiert. Ein Problem wird es nur, wenn große Medien die Vorwürfe der Blogger ungeprüft übernehmen (wie es die Zeitung mit den vier Buchstaben manchmal tut), eine Bereicherung hingegen, wenn mal ein Magazin den Vorwürfen nachgeht. So wissen wir etwa durch den “Stern” und seine Recherchen nach Richard Norths Vorwürfen nun etwas mehr über “Green Helmet”. Zum Beispiel, dass er sich bei den Aufräumarbeiten in Kana von den Fotoreportern offenbar bedrängt und in seiner Arbeit gestört fühlte - und dass er das tote Kind unter anderem deswegen so wirksam präsentierte, damit diese zufrieden waren und ihn endlich in Ruhe seine Arbeit tun ließen. Auch das ein interessanter Informationsschnipsel aus der Medienschlacht im Libanon.
Nein, das Problem sehe ich ganz woanders - bei der Menschenverachtung und dem perversen Zynismus, den manch einer der “kritischen” Blogger an den Tag legt. Es ist eine Sache, wenn man angesichts eines Fotos, dessen Echtheit man anzweifelt, sachliche Kritik äußert, auf Ungereimtheiten hinweist und diese zur Diskussion stellt. Eine andere Sache ist es, wenn man versucht, angesichts eines Fotos, das auch nur möglicherweise Leichen zeigt, die wenige Stunden zuvor von einem zusammengestürzten Haus begraben worden sind, besonders witzig zu sein. Ob nun “popping up - quite literally” (Opinion Journal), “Hisbollah-Bilderrätsel” (Politically Incorrect), Verweise auf Monty Python (wieder Opinion Journal) oder “da merkt so manch ein Toter, dass es doch nur eine Fleischwunde war” (vom sonst hochgeschätzten Statler, wohl ebenfalls mit Verweis auf die britischen Meister des Schwarzen Humors) - all das scheint den Autoren vielleicht ungemein schlagfertig und witzig, bei dem Gedanken, dass sie sich hier über getötete Menschen lustig machen, wird mir aber einfach nur schlecht.
Und besonders zartbesaitet bin ich ja nun eigentlich auch nicht. Ganz im Gegenteil, ich mag den scharfen, ironischen und sarkastischen Ton, der in der Blogosphäre vorherrscht, greife ja auch selbst einmal zu ihm. Wenn sichergestellt wäre, dass es sich bei diesen Fotos um eine Fälschung handelte, würde ich nicht einmal etwas einwenden - denn dann wäre dieser Zynismus nur eine Reaktion auf die nicht weniger zynische und ekelhafte Propaganda, die solche Bilder künstlich erzeugt. Solange aber auch nur der Hauch eines Zweifels daran besteht, dass es sich um gefälschte Bilder handelt, muss man eben über die Möglichkeit nachdenken, dass man sich mit jedem “lustigen” Kommentar über ganz real ermordete Menschen lustig macht. Und da kann ich nur hoffen, dass jeder, der solche Witze macht, an seinem Lachen zumindest kräftig zu husten hat.
Übrigens: Ich kann einfach nicht beurteilen, ob das fragliche Foto wirklich Tote zeigt, oder ob es nur gestellt ist. Statler weist ja darauf hin - die Haltung des verrenkten Toten ist auf verschiedenen Bildern schon unterschiedlich, und angesichts der Manipulationen, für die die Hisbollah verantwortlich ist, kann man leider nichts ausschließen. Aber ich sehe eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich wirklich um zivile Opfer eines militärischen Angriffs handelt. Und da drückt man entweder sein Bedauern aus - oder hält’s Maul.










Yep - man soll mit Leichen keine Scherze treiben. Außerdem würde Israel sich wohl kaum für den Angriff auf ein Wohnhaus entschuldigen, wenn dieses Haus von Potemkin erbaut gewesen wäre.
Anders liegt die Sache bei jenem palästinensischen Trauerzug damals in Tulkarem oder in Dschenin, wo die angeblichen Leichen der Widerstandskämpfer bei der Annäherung eines israelischen Hubschraubers auf einmal panisch von ihren Bahren sprangen und davonrannten. Vor laufenden Kameras. So etwas nennt man wohl eine PR-Katastrophe.
Der erste Medienkrieg war übrigens der von 1914 bis 1918. Neu heutzutage ist höchstens, dass sich unsere tapferen Journalisten widerspruchslos “embedden” lassen. Von der Hisbollah wie von den Amerikanern.
Comment von Chat Atkins — 11. 8. 2006 @ 9:56
Vollste Zustimmung!
Wobei noch zu ergänzen ist, daß auch hier wie überall gilt: Gemacht wird, was sich verkauft …
Comment von MomoRules — 11. 8. 2006 @ 12:17
“Gemacht wird, was sich verkauft …”
Indem Fall wäre dann aber der Käufer schuld, nicht der Schreiber ;-)
Comment von njus — 11. 8. 2006 @ 12:51
mir ist gestern in den nachrichten eines aufgefallen… und das ist eigentlich sinnbildlich für diesen krieg:
da meinte irgendeiner von der un, er verstehe nicht wieso die hisbollah ihre raketen aus wohngebieten abfeuert und dann verschwindet. man wisse doch ganz genau, dass die israelis als reaktion diese gebiete beschiessen würden.
d.h. also, dass man trotz des wissens, dass die hisbollah längst weg ist, absichtlich in die libanesischen wohngebiete schiesst. hier wird die logik einfach umgedreht und damit jedwede moral, die man sich in einem krieg erhalten kann, geopfert um strafmaßnahmen auszuüben.
nur eben nicht gegen jene, die die agression ausüben. auch nicht gegen jene, gegen die man diesen krieg führt. und spätestens an diesem punkt muss man sich doch tatsächlich fragen, was die eigentliche absicht dieses krieges ist, wenn die offizielle durch das handeln im krieg komplett verfehlt werden.
btw: böse zungen würden nun behaupten, dass ehemalige gewerkschaftsführer selbst für krieg zu blöde sind. ;o)
Comment von wirtschaftsweiser_ch — 11. 8. 2006 @ 15:42
Die militärische Logik bei dem Vorgehen ist mir schon klar: Die Katjushas bestehen nicht nur aus dem “fliegenden Ofenrohr”. Im Grunde sind es nämlich die guten alten Stalinorgeln aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie werden von einer Art Lafette abgeschossen, dem wertvollsten Teil der Abschussanlage. Militärisch macht es daher Sinn, diese “Infrastruktur” zu zerstören. Moralisch geht das natürlich nach hinten los …
Comment von Chat Atkins — 11. 8. 2006 @ 16:00
Green Helmet ist der Hizbollah-Kommandant “civil defence” für den südlichen Libanon, wie Libanons Zeitung Daily Star entlarvt.
Der NDR hat in einem Video am Mittwoch gezeigt, wie Kana von Green Helmet inszeniert wurde.
Comment von W. Prals — 11. 8. 2006 @ 16:07
Dem Gesamttenor des Artikels stimme ich ohne weiteres zu.
Aber daß wir durch den Stern und seine “Recherchen” jetzt mehr über diesen Mann wissen, wage ich bis auf weiteres zu bezweifeln. Der Stern gibt nämlich für seine “Erkenntnisse” weder Quellen an, noch, wie man diese “Fakten” verifiziert hat. Nichts. Ich halte es für durchaus möglich, daß die einfach nur den Kandidaten befragt und seine Antworten - die natürlich über jeden Zweifel erhaben sind - ungeprüft wiedergegeben haben. Das ist in einem Zusammenhang, in dem es doch gerade darum ging, daß man da unten eben nicht alles aufs Wort glauben darf, schon ziemlich schwach. Und reicht auf keinen Fall, um die arrogante Haltung beim Stern zu rechtfertigen.
Comment von FAB. — 11. 8. 2006 @ 18:03
@W. Prals:
Kann man das irgendwo online lesen?
Comment von Karsten Dürotin — 11. 8. 2006 @ 18:05
Hier ist jedenfalls das Video über “Green Helmet”
http://www3.ndr.de/…
Comment von Kane — 12. 8. 2006 @ 13:13
Das Video ist interessant und auch sehr aufschlussreich - allerdings zeigt es nicht, “wie Kana von Green Helmet inszeniert wurde”, sondern lediglich, dass dieser Mann sich darum gekümmert hat, dass die anwesenden Reporter gute Bilder bekamen. Das ist schon was anderes, IMHO.
Und was man beim “Daily Star” (habe den Link mal selbst ausgegraben, dank an Sendungsbewusstsein) nachlesen kann, ist nicht etwa, dass Green Helmet der “Hizbollah-Kommandant civil defence” ist, sondern lediglich, dass der Mann “Civil defence chief” für den südlichen Libanon ist - von Hisbollah ist da keine Rede.
Was Sie schreiben, ist leider voreilig und irreführend, W. Prals.
Comment von Karsten Dürotin — 12. 8. 2006 @ 14:32
@Chat Atkins
Mir fällt auch in anderen Foren auf, dass manche Leute besonderen Wert darauf legen, der Hisbollah Stalinorgeln anzudichten. Warum? Bislang gibt es keinerlei Beweis dafür, und wenn, dann wäre der Beschuss Libanesischer Wohnhäuser absolut sinnlos, eher sogar ein Kriegsverbrechen…
Stalinorgeln kann man nicht in Wohnhäusern parken.
Comment von Klaus Lenz — 13. 8. 2006 @ 22:20