9. 9. 2006

Rückkehr des Lehrgeldes

Früher, in der “guten alten Zeit”, war es ja so, dass sich Ausbildungsbetriebe keine Gedanken über die Höhe der Ausbildungsvergütung machen mussten. Ganz im Gegenteil, damals war es noch üblich, dass ein Auszubildender nicht nur umsonst für den Lehrherrn arbeitete, sondern sogar selbst noch Geld bezahlte, das so genannte “Lehrgeld”. Dieses ist in Deutschland zwar mittlerweile durch das Berufsbildungsgesetz abgeschafft, unser lieber Gesetzgeber ist aber gerade dabei, es durch die Hintertür wieder einzuführen.

So erlauben es neue gesetzliche Regelungen, dass in vielen Ausbildungsberufen nicht mehr nur Betriebe ausbilden dürfen (wie es zuvor war), sondern auch so genannte “wirtschaftsnahe Träger” - wie etwa das Berufsförderungswerk der Bauindustrie e.V. in Kerpen. Eigentlich eine gute Idee, denn so soll auch jungen Erwachsenen, die auf anderem Wege keine Ausbildungsstelle gefunden haben, die Möglichkeit zu einer Ausbildung gegeben werden. Einziger Haken: Der Azubi erhält natürlich keine Ausbildungsvergütung, sondern muss sogar noch 198,- Euro im Monat für seine Ausbildung bezahlen. Und arbeitet die Hälfte der Ausbildungszeit unentgeltlich (als “Praktikant”, wie ich das Wort liebe) in Betrieben der Bauindustrie. Schließlich ist eine Ausbildung ohne praktische Erfahrungen ja relativ nutzlos, wie man zugeben muss.

An sich ist dieses Vorhaben ja begrüßenswert - denn jeder junge Mensch sollte die Chance haben, eine Ausbildung zu machen. Betrachtet man es aber mal wieder mit der Fragestellung “welche Anreize gibt diese Gesetzgebung”, dann sieht die Sache schon wieder anders aus. Denn es ist für ein Unternehmen ja gar nicht so uninteressant, statt eines Auszubildenden (den man bezahlen muss und der auch noch weitere Kosten verursacht) lieber einen Praktikanten aus einem solchen Programm aufzunehmen (der ist nämlich umsonst - und bekommt der Praktikumsträger eigentlich in der Praktikumszeit die 198,- Euro?). Also baut man einfach einen Ausbildungsplatz ab; schon sitzt ein weiterer junger Mensch auf der Straße und muss in diesem Programm untergebracht werden. Außerdem wird der Anreiz, Ausbildungsplätze zu schaffen, auch für die Wirtschaft insgesamt gesenkt - denn den nötigen Nachschub an Fachkräften kann man ja dann durch die “wirtschaftsnahen Träger” decken, die ihn erheblich kostengünstiger zur Verfügung stellen können.

Insgesamt könnte sich diese Neuregelung also auf lange Sicht durchaus als teurer Rohrkrepierer erweisen. Teuer für die jungen Menschen, die ihren Lebensunterhalt und das Lehrgeld finanzieren müssen, und teuer für den Staat, der das Lehrgeld durch Förderung für diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, aufbringen muss.

2 Kommentare »

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  1. Wer kommt eigentlich auf solche Ideen? Wer arbeitet (auch Azubis und Praktikanten tun das) sollte entlohnt werden. Das ist doch noch Marktwirtschaft hier oder?

    Wenn ich schon “Bildungsträger” höre…

    Comment von Paul — 9. 9. 2006 @ 18:10

  2. Seltsames Modell und die Wirkungen werden wohl so sein, wie du sie beschrieben hast. Also: Daumen nach unten. Andererseits wie sollen die immer noch fehlenden Ausbildungsplätze eigentlich entstehen? Die Gewerkschaften sagen, der Ausbildungspakt sei gescheitert und die Funktionäre der Arbeitgeberverbände erzählen das Gegenteil. In diesem Jahr war es so, und in diesem Jahr wieder.

    Viele junge Leute werden in irgendwelchen Maßnahmen “geparkt” oder müssen sich als so genannte Praktikanten verdingen. Das scheint für unsere Gesellschaft inzwischen so normal zu sein, dass sich offenbar kaum noch einer darüber aufregt. Dabei ist das eine der schlimmsten Seiten an der Massenarbeitslosigkeit.

    Comment von apollon — 9. 9. 2006 @ 18:39

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