8. 4. 2005

Genforschung und Abtreibung

Die Kinder hatten es dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. ganz besonders angetan - und so war auch einer der Kämpfe, die er sein Leben lang führte, der für den Schutz ungeborener Kinder. Wer Kinder nicht primär als Ergebnis eines biologischen Prozesses sieht, sondern als Gottesgeschenk, das vom Moment der Zeugung an vollständig Mensch ist und alle menschlichen Rechte genießen sollte, für den müssen sowohl der Abbruch ungewollter Schwangerschaften als auch die Forschung an embryonalen Stammzellen eine Horrorvorstellung sein. Dass Kardinal Meißner sich bei Abtreibungskliniken und Genforschungslaboren an die menschenverachtenden Praktiken und Forschungen der Nationalsozialisten erinnert fühlt, mag ihm vor diesem Hintergrund nachgesehen werden.

Was man der katholischen Kirche aber nicht nachsehen sollte, ist die intolerante, gnaden- und verständnislose Art, wie sie mit Menschen umgeht, die anderer Meinung sind. Nicht jeder Befürworter der Gentechnologie ist automatisch ein moderner Frankenstein, dem menschliches Leben und seine Würde völlig einerlei sind und der bereit ist, jegliche Moral auf dem Altar des wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Nutzens zu opfern. Und nicht immer, wenn etwas gegen die Leiden Behinderter oder Kranker unternommen werden soll, liegt die Ursache darin, dass die Gesunden den Anblick der Kranken nicht ertragen können. Oft ist es vielmehr der Wunsch, den Kranken oder Behinderten von der Notwendigkeit zu befreien, mit seinem Leiden leben zu müssen.

Wer die Verwendung menschlicher Embryonalzellen zu Forschungszwecken begrüßt, kann dabei durchaus gleichzeitig ein Anhänger und Verteidiger der Menschenwürde sein - wenn er nur andere Kriterien für den Beginn wirklich menschlichen Lebens anlegt. Das kann die Geburt sein; sowohl der jüdische als auch der muslimische Glaube etwa erkennen Föten noch nicht als Menschen an, sondern betrachten die Geburt als Beginn menschlichen Daseins. Für viele westliche Menschen ist der Beginn der eigenen Hirnaktivität des Ungeborenen entscheidend; andere argumentieren, dass der Fötus erst dann ein richtiger Mensch ist, wenn er nach einer Frühgeburt auch außerhalb des Mutterleibes lebensfähig ist.

Unbestreitbar ist, dass diese unterschiedlichen moralischen Grundlagen eine Einigung außergewöhnlich schwierig machen. Was dem Einen das einzig moralisch richtige scheint, ist dem Anderen ein fürchterliches Gräuel. Der Vorwurf der widernatürlichen Menschenversuche kann mit unterlassener Hilfeleistung gegenüber all jenen leidenden Mitmenschen beantwortet werden, die durch wissenschaftlichen Fortschritt von ihren Krankheiten befreit werden können. Ein schwieriges Dilemma, das nur durch ständigen Austausch von Meinungen abgemildert werden kann. Erst, wenn man sich gegenseitig eine moralische Haltung zuerkennt, kann über dieses Thema vernünftig und zielführend gesprochen werden.

Verkompliziert wird diese Diskussion durch eine weitere Gruppe, deren Beiträge aber wesentlich schwieriger einzuordnen sind: den Ökologisch-Alternativen, die mitten in der Diskussion plötzlich die Seiten gewechselt haben und nun keinen klar erkennbaren moralischen Standpunkt mehr einnehmen. In der Diskussion um den §218 befanden sie sich noch im Konflikt mit der katholischen Kirche. Die Feministinnen, eine der treibenden Kräfte hinter der alternativen Bewegung, hatten den Schlachtruf “Mein Bauch gehört mir!” geprägt und kämpften für die Abschaffung des Abtreibungsverbotes. Dass in diesem Bauch schon ein menschliches Wesen sei, wollten sie nicht anerkennen.

Die Fristenregelung, die letztendlich anstatt des alten Abtreibungsparagraphen eingeführt wurde, erlaubt den Abbruch ungewollter Schwangerschaften bis in die 13. Woche ohne große Formalitäten und gesetzliche Konsequenzen. Später ist eine Abtreibung nur noch im Rahmen einer Güterabwägung möglich, wenn die Erhaltung des Lebens des Kindes etwa eine übermäßige Gefährdung des Lebens der Mutter darstellen würde. Man kann also davon ausgehen, dass der Gesetzgeber den Fötus erst ab der 13. Woche nach der Empfängnis als vollwertigen Menschen betrachtet. Anders lassen sich weder die relativ leichte Tötung des Ungeborenen vor diesem Termin noch seine deutlich geschütztere Stellung danach erklären.

Beim Thema Genforschung aber vergessen die Grünen und ihre Unterstützer gern diese Rechtsauffassung, die sie selbst mit erkämpft haben: Plötzlich schließen sie sich den Katholiken an und streiten entschlossen für den Schutz des menschlichen Lebens vor “skrupellosen Wissenschaftlern, die Experimente an ungeborenen menschlichen Babys durchführen wollen”. Ja, so manch einer, der stets die Evolutionstheorie vor die Schöpfungsgeschichte gestellt hat, verkündet heute, dass er nicht damit einverstanden sei, wenn der Mensch “Gott spielt” und sich “in die Schöpfung einmischt”. Ein unerklärlicher Sinneswandel.

Erklärbar wird er nur dann, wenn man bedenkt, dass nicht etwa ein ernsthaftes moralisches Fundament die ökologisch-alternative Politik bestimmt, sondern vielmehr ein diffuses Geflecht aus Angstgefühlen, mit dem die Menschen in die Ablehnung moderner Wissenschaft und Technologie gedrängt werden. Ob Radioaktivität, Feinstaub, Elektrosmog, Klimawandel oder der menschliche Eingriff in “die Schöpfung” - stets sind es unsichtbare, geruchlose und kaum messbare Bedrohungen, die die Grünen erspähen. In jeder Neuentdeckung, jeder Entwicklung, die vorgestellt wird, sieht der Öko-Alti eine Bedrohung für seine Lebensweise, je abstruser und schemenhafter, desto besser.

Wer gleichzeitig für Abtreibungen und gegen Gentechnik eingestellt ist, der hat große Schwierigkeiten, sich zu rechtfertigen und seine Haltung anderen Menschen zu erklären. Im Prinzip offenbart er damit einen Mangel an Beschäftigung mit beiden Themen - er zeigt, dass er nur seinen ersten Gefühlen und Meinungen nachgeht, anstatt moralischen Fragen ernsthaft auf den Grund zu gehen. Insofern ist die katholische Kirche sicher der ernstzunehmendere Gegner in dieser Diskussion - aber auch der, den wir, als Befürworter gentechnischer Forschung, deutlich mehr respektieren sollten.