7. 4. 2006

Habermas meldet sich zu Wort

Jürgen Habermas gilt als einer der führenden Philosophen in Deutschland. So wird es auch in der Blogosphäre mit großem Interesse aufgenommen, wenn er sich über die Möglichkeiten und Auswirkungen des Internet als Kommunikationsmedium äußert, wie er es in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Bruno-Kreisky-Preises getan hat (Der Standard veröffentlicht diese auch im Web). Der Teil der Rede, der sich direkt mit dem Internet auseinandersetzt, ist dabei relativ kurz; und auch, wenn er die Blogosphäre nicht explizit erwähnt, ist doch klar, dass er von ihr spricht: “Die horizontale und entformalisierte Vernetzung von Kommunikationen” dürfte wohl das sein, was wir Blogger täglich erleben.

Die entsprechenden Zeilen lassen sich in einfacheren Worten zusammenfassen: Den Vorteil an der Kommunikationsform Internet sieht Habermas darin, dass in totalitären Staaten das Monopol der Eliten auf Verbreitung von Informationen und Deutungsmacht gebrochen wird. Er erkennt aber auch einen Nachteil darin, dass hierzulande das Monopol der Eliten auf Verbreitung von Informationen und Deutungsmacht gebrochen wird. (more…)

1. 4. 2006

Man wähle seine Kreise mit Bedacht

Ich bin sehr für Meinungsfreiheit, das betone ich bei jeder Gelegenheit. Ich finde auch, dass Anhänger extremer und/oder obskurer politischer Ansichten diese vertreten können müssen, solange sie nicht zu einem aktiven Kampf gegen unsere Ordnung aufrufen. Aber man muss ja nicht auch noch durch einen Link eine Empfehlung für sie abgeben; so habe ich das Blog “Freiheit und Zivilisation” von Robert Grözinger schon seit einer Weile nicht mehr verlinkt. Einige der dortigen Texte waren mir sehr suspekt, und auch als Übersetzer des Buches “Demokratie - der Gott, der keiner ist” wurde er mir nicht unbedingt sympathischer.

Ich rate allen liberalen Bloggern, eine Linkempfehlung für dieses Blog noch einmal sorgfältig zu überdenken. Während ihr das tut, solltet ihr den Beitrag “Antikapitalistische Franzosen” lesen. Wer mit mir zu der Auffassung kommt, das Grözinger hier einen grundlegenden Widerspruch zwischen Demokratie und freier Marktwirtschaft konstruiert, sollte bedenken, dass er sich damit gegen unsere Verfassung ausspricht. Als erklärter Anhänger des freien Marktes muss er - seiner eigenen Logik folgend - ein Feind der demokratischen Ordnung sein.

Wie gesagt, auch solche Meinungen kann man meinetwegen vertreten. Immerhin sieht Grözinger ja die Demokratie als Sieger und ruft nicht dazu auf, sie zu beseitigen. Wer sich aber mit seiner Haltung nicht in ein Boot setzen will, sollte ihn auch nicht empfehlen - und für die, die sie insgeheim teilen, habe ich eigentlich kein Verständnis.

13. 11. 2005

Pfeifen im Walde

Der Neoliberalismus ist am Ende. Jedenfalls für den [FR]-Blog. Abzulesen sei das an der Abwahl der Regierung Aznar, den Problemen Blairs und Berlusconis sowie dem Scheitern Donald Tusks in Polen, meint Lutz Büge dort heute - vor allem aber am CDU/SPD-Koalitionsvertrag, in dem (zu seiner offensichtlichen Freude) “nichts neoliberales enthalten” sei. Gut gebrüllt, Löwe! - doch was ist dran? (more…)

28. 10. 2005

Quatschbude Europa?

Je öfter ich es lese, desto besser gefällt mir das Blog German Joys von Andrew Hammel. Der Autor ist Amerikaner, lebt aber in Deutschland und bietet wunderbare Innenansichten seines Gastlandes, geprägt vom Blick eines Fremden. Als (beinahe) Außenstehender kann er besonders schonungslose, aber auch vorurteilsfreie Beobachtungen des politischen und gesellschaftlichen Lebens hierzulande bieten.

Heute wendet sich Hammel einem der Dauerbrenner der deutschen Blogosphäre zu, den “weichen” Intellektuellen in Europa, die nach einer verbreiteten Ansicht oft die realen Gefahren des militanten Islamismus und seiner Unterstützer in der arabischen Welt herunterspielen. Als Beispiel für diese Auffassung dienen ihm ein privater Bekannter und Leon de Winter, dessen Blog “Free West” er seinen Lesern empfohlen hat. (more…)

25. 8. 2005

Never mess with Bloggistan

Abgelegt unter Blogosphäre, Lesetipps

Der Blindtext-Blog berichtet über eine Auseinandersetzung zwischen dem Blog Politically Incorrect und Lutz Büge von der Frankfurter Rundschau: Never mess with Blogistan

22. 8. 2005

Jeder ist frei, meine Meinung zu teilen

Aus seiner Sympathie für den amerikanischen Moderator Rush Limbaugh, das “Maschinengewehr” der extremen Rechten, macht Jürgen Krafzik keinen Hehl. Ebenso wenig aus seiner Meinung über Atheisten, Homosexuelle, Muslime und andere Randgruppen. Er fabuliert von Plänen, Europa unter muslimische Kontrolle zu stellen, nennt die Abtreibungsgesetze einen “Babycaust” und die Teilnehmer des Christopher Street Day “Horrorgestalten”. (more…)

26. 5. 2005

Die “Welt” und die Welt der Blogger

Vor knapp einer Woche, am 21. Mai, erschien in der “Welt” ein Artikel über die “amerikafreundliche Szene” im Internet. “Kaum zu glauben, aber in Deutschland leben noch Leute, denen weder rote noch grüne Sterne vor den Augen tanzen”, schreibt der Autor Hannes Stein, und wundert sich ausführlich darüber, dass es in Deutschland noch Menschen mit eigener Meinung gibt. Ausführlich recherchiert hat er aber offenbar, denn sein Artikel listet die “Crème de la Crème” der liberalen Bloggerszene auf.

Angefangen bei der “Achse des Guten“, weiter über “Davids Medienkritik” und “Senordaffy” bis hin zu “No Blood for Sauerkraut” und dem auch bei uns sehr beliebten Blogg von “Statler und Waldorf” ist fast jeder vertreten. Vielleicht hätte man noch den “Kapitalismus-Blogg” auflisten können, und die wachsende Bewegung der Objektivisten erwähnen. Und jedem unserer Leser fällt sicher noch der eine oder andere interessante Blog ein - so wenige sind es eben doch nicht, die sich da “von der deutschen Mehrheitsmeinung verabschiedet haben” (Stein).

Die Liberale Stimme hat er nicht erwähnt, und das ist aus mehreren Gründen auch richtig so. Zum einen sind wir eben kein Blog, sondern vor allem ein klassisches Online-Magazin, das sich aber einige Methoden der Blogger zunutze macht. Zum anderen, und das ist wohl noch wichtiger, treffen wir nicht das Klischee, das die “Welt” offenbar von den Bloggern hat.

Sicher sind viele Beobachtungen Hannes Steins richtig. Dass die meisten Liberalblogger eher jung als alt sind, ist eine Tatsache; dass sich eher intelligente als einfältige Menschen unter ihnen finden, werden sie selbst wohl am wenigsten bestreiten wollen. Und auch die politische Grundhaltung - offen gegenüber Israel und Amerika, überzeugt von Kapitalismus, offener Gesellschaft und moderner Demokratie - beschreibt er adäquat.

Vielleicht hätte es sich für den “Welt”-Autor aber trotzdem gelohnt, auch unserer Site einmal einen kleinen Besuch abzustatten. Hier hätte er nämlich seine andere Erkenntnis widerlegt gefunden - dass die in liberalen Kreisen diskutierten Themen und Thesen durch eine “Eisdecke” von der übrigen Gesellschaft getrennt sind, dass mithin “nicht einmal ein ordentlich krachender Streit” zwischen den liberalen Bloggern und der übrigen Gesellschaft entstehen könne, weil sie geistig nichts miteinander zu schaffen hätten.

Eben hier will die LSO ja wirken. Denn auch wenn - wie Stein ja ganz richtig beobachtet - sich die meisten Blogger wenig darum scheren, was die “Mehrheitsmeinung” von ihnen hält, so haben sie doch Einsichten und Erkenntnisse zu bieten, die der öffentlichen Diskussion erheblich nutzen könnten. Eine Einheitsmeinung kann Deutschland auf Dauer nicht vertragen. Eine tiefe Spaltung der Gesellschaft in Lager, die nicht einmal mehr miteinander reden können, aber ebenfalls nicht.

Darum ist es uns ein Anliegen, hier die Mehrheitsmeinung und die Erkenntnisse und Einsichten der modernen liberalen Intelligenz miteinander zu konfrontieren. Nur aus Disput und Analyse, gegenseitigem Abklopfen und direkter Konfrontation der Meinungen kann eine wirklich breite gesellschaftliche Strömung entstehen, die über die Bloggerszene hinausgeht. Diese aber ist nicht nur positiv zu sehen, sondern absolut notwendig - mit der Einheitsmeinung fährt die Bundesrepublik ja gerade an die Wand.

Was noch bleibt, ist folgende Erkenntnis des “Welt”-Beitrags: “Es gibt keine gemeinsame Sache, für die alle subversiven Tagebuchschreiber im Internet ihre Kräfte bündeln würden.”

Auch hier hat er Recht - wer unvorbereitet auf die Bloggerszene trifft, stellt zunächst einmal nur fest, dass sie offensichtlich zu jeder wichtigen gesellschaftlichen Frage eine andere Meinung haben und sich dabei auf moralische Prinzipien berufen, die für normale Mitbürger meist unvertraut und fremd wirken. Das war zwar mit den Grünen kaum anders, als sie sich Ende der 70er Jahre allmählich zu konstituieren begannen; zumindest gab es bei ihnen aber das einigende Thema, die Ökologie, die eine Kategorisierung und Einschätzung ermöglichte.

Doch im Gegensatz zu Hannes Stein sieht der Autor dieser Zeilen ein solches Thema längst für gegeben. Die Globalisierung, die mittlerweile einen immer schlechteren Ruf bekommt, ist ein Thema, das fast alle liberalen Autoren eint. Wir glauben an den Freihandel, den Wegfall von Zoll- und Handelsschranken und eine kooperative Welt, die nationale Grenzen durch internationale Wirtschaftsverflechtungen ersetzt - und dieses Thema ist es, für das sich die meisten von uns einsetzen. Hier wird sich über kurz oder lang ein Profil bilden - der “CounterATTAC” steht bevor.

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