Vor knapp einer Woche, am 21. Mai, erschien in der “Welt” ein Artikel über die “amerikafreundliche Szene” im Internet. “Kaum zu glauben, aber in Deutschland leben noch Leute, denen weder rote noch grüne Sterne vor den Augen tanzen”, schreibt der Autor Hannes Stein, und wundert sich ausführlich darüber, dass es in Deutschland noch Menschen mit eigener Meinung gibt. Ausführlich recherchiert hat er aber offenbar, denn sein Artikel listet die “Crème de la Crème” der liberalen Bloggerszene auf.
Angefangen bei der “Achse des Guten“, weiter über “Davids Medienkritik” und “Senordaffy” bis hin zu “No Blood for Sauerkraut” und dem auch bei uns sehr beliebten Blogg von “Statler und Waldorf” ist fast jeder vertreten. Vielleicht hätte man noch den “Kapitalismus-Blogg” auflisten können, und die wachsende Bewegung der Objektivisten erwähnen. Und jedem unserer Leser fällt sicher noch der eine oder andere interessante Blog ein - so wenige sind es eben doch nicht, die sich da “von der deutschen Mehrheitsmeinung verabschiedet haben” (Stein).
Die Liberale Stimme hat er nicht erwähnt, und das ist aus mehreren Gründen auch richtig so. Zum einen sind wir eben kein Blog, sondern vor allem ein klassisches Online-Magazin, das sich aber einige Methoden der Blogger zunutze macht. Zum anderen, und das ist wohl noch wichtiger, treffen wir nicht das Klischee, das die “Welt” offenbar von den Bloggern hat.
Sicher sind viele Beobachtungen Hannes Steins richtig. Dass die meisten Liberalblogger eher jung als alt sind, ist eine Tatsache; dass sich eher intelligente als einfältige Menschen unter ihnen finden, werden sie selbst wohl am wenigsten bestreiten wollen. Und auch die politische Grundhaltung - offen gegenüber Israel und Amerika, überzeugt von Kapitalismus, offener Gesellschaft und moderner Demokratie - beschreibt er adäquat.
Vielleicht hätte es sich für den “Welt”-Autor aber trotzdem gelohnt, auch unserer Site einmal einen kleinen Besuch abzustatten. Hier hätte er nämlich seine andere Erkenntnis widerlegt gefunden - dass die in liberalen Kreisen diskutierten Themen und Thesen durch eine “Eisdecke” von der übrigen Gesellschaft getrennt sind, dass mithin “nicht einmal ein ordentlich krachender Streit” zwischen den liberalen Bloggern und der übrigen Gesellschaft entstehen könne, weil sie geistig nichts miteinander zu schaffen hätten.
Eben hier will die LSO ja wirken. Denn auch wenn - wie Stein ja ganz richtig beobachtet - sich die meisten Blogger wenig darum scheren, was die “Mehrheitsmeinung” von ihnen hält, so haben sie doch Einsichten und Erkenntnisse zu bieten, die der öffentlichen Diskussion erheblich nutzen könnten. Eine Einheitsmeinung kann Deutschland auf Dauer nicht vertragen. Eine tiefe Spaltung der Gesellschaft in Lager, die nicht einmal mehr miteinander reden können, aber ebenfalls nicht.
Darum ist es uns ein Anliegen, hier die Mehrheitsmeinung und die Erkenntnisse und Einsichten der modernen liberalen Intelligenz miteinander zu konfrontieren. Nur aus Disput und Analyse, gegenseitigem Abklopfen und direkter Konfrontation der Meinungen kann eine wirklich breite gesellschaftliche Strömung entstehen, die über die Bloggerszene hinausgeht. Diese aber ist nicht nur positiv zu sehen, sondern absolut notwendig - mit der Einheitsmeinung fährt die Bundesrepublik ja gerade an die Wand.
Was noch bleibt, ist folgende Erkenntnis des “Welt”-Beitrags: “Es gibt keine gemeinsame Sache, für die alle subversiven Tagebuchschreiber im Internet ihre Kräfte bündeln würden.”
Auch hier hat er Recht - wer unvorbereitet auf die Bloggerszene trifft, stellt zunächst einmal nur fest, dass sie offensichtlich zu jeder wichtigen gesellschaftlichen Frage eine andere Meinung haben und sich dabei auf moralische Prinzipien berufen, die für normale Mitbürger meist unvertraut und fremd wirken. Das war zwar mit den Grünen kaum anders, als sie sich Ende der 70er Jahre allmählich zu konstituieren begannen; zumindest gab es bei ihnen aber das einigende Thema, die Ökologie, die eine Kategorisierung und Einschätzung ermöglichte.
Doch im Gegensatz zu Hannes Stein sieht der Autor dieser Zeilen ein solches Thema längst für gegeben. Die Globalisierung, die mittlerweile einen immer schlechteren Ruf bekommt, ist ein Thema, das fast alle liberalen Autoren eint. Wir glauben an den Freihandel, den Wegfall von Zoll- und Handelsschranken und eine kooperative Welt, die nationale Grenzen durch internationale Wirtschaftsverflechtungen ersetzt - und dieses Thema ist es, für das sich die meisten von uns einsetzen. Hier wird sich über kurz oder lang ein Profil bilden - der “CounterATTAC” steht bevor.