14. 3. 2006

Staatliche Aktionskunst

Zur breiten Diskussion um die Aktionskunst in der Synagoge von Pulheim-Stommeln lässt sich eigentlich nicht mehr viel beitragen - die Frankfurter Rundschau war so freundlich, eine breite Auswahl von Kommentaren zu präsentieren. Da ist etwa zu lesen, dass Ralf Giordano die Aktion des Spaniers Santiago Sierra als eine “Niedertracht sondergleichen” empfindet, Henryk Broder hingegen als eine “gigantische Geschmacklosigkeit”. Wo schon Christoph Schlingensief meint, die Aktion sei ihm “zu platt”, müssen sich wohl fast alle einig sein: Sie trifft nicht das Kunstempfinden der Allgemeinheit, vermutlich nicht einmal das einer nennenswerten Minderheit. Was Sierra tut, dient wohl eher der Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit (die er ja auch selbst als Antrieb seines Treibens benennt). (more…)

3. 3. 2006

Klerikale Gewalt auch nebenan

Angesichts der theokratischen und totalitären Entwicklungen im Nahen Osten sind viele Blogger dazu übergegangen, die politische Haltung, die die Hamas, aber auch der iranische Präsident verkörpern, als “Islamofaschismus” zu bezeichnen. Zwar ist diese Klassifizierung durchaus ein wenig zweifelhaft, in Analogie zum Klerofaschismus des Ante Pavelic im Kroatien des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts scheint sie aber nicht vollkommen falsch zu sein. Eine totalitäre, nach den Regeln und Gesetzen einer einzelnen Religion aufgebaute Gesellschaft, die diese mit Gewalt und absoluter Kontrolle über das Privatleben aufrecht erhält, darf und muss durchaus auch mit starken Worten gekennzeichnet werden. (more…)

4. 2. 2006

Die Karrikaturen über den Islam und deren Folgen

Die westlichen Demokratien halten die Werte Presse- und Meinungsfreiheit sehr hoch.

Das schlägt sich im Grundgesetz nieder:

Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus
allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(more…)

5. 1. 2006

Futurologie

Abgelegt unter Karsten Dürotin, Liberales

Manicured Man“Wir beschäftigen uns mit der Zukunft”, so umschreibt der “Manicured Man” bei den X-Akten seine Arbeit. Er gehört einer technokratischen Kabbale mit schier unglaublichen Ressourcen an, die sich die Kontrolle des Planeten im Auftrage finsterer Außerirdischer auf die Fahnen geschrieben hat. Tief mit den Geheimdiensten der Welt verstrickt, sammeln sie Informationen über alles, was auf der Welt geschieht, machen Projektionen und Analysen und steuern den Lauf der Geschichte durch gezielte Einflussnahme. Die Welt aus der Sicht von Verschwörungstheoretikern: Alles hat irgendwie mit Geheimdiensten und finsteren Mächten zu tun, und irgendwo sitzt der verborgene Herrscher der Welt. Ob es nun Aliendiener sind, Freimaurer, der Vatikan oder die jüdische Weltverschwörung - das Prinzip bleibt gleich. (more…)

30. 11. 2005

Killerspiele III

Zu meinem Posting über Killerspiele habe ich mittlerweile zwei Reaktionen erhalten. Neben Dr. Wiefelspütz, der sich ausdrücklich zu einem Verbot bekannt hat, äußerte sich auch der Oberstaatsanwalt a. D. und Bundestagsabgeordnete Jörg van Essen, in einem Statement, das ich hier veröffentlichen darf:

Sehr geehrter Herr Dürotin,

für Ihre E-Mail vom 20.11.2005 danke ich Ihnen. Ich kann nachvollziehen, dass Sie sich zum Thema “Verbot von Killerspielen” an den Bundestag wenden.

Zwar ist für die FDP-Bundestagsfraktion der angemessene und wirksame Jugendschutz, gerade auch im Bereich der Medien, ein wichtiges politisches Ziel. Aber wie Sie, bin ich skeptisch hinsichtlich der diesbezüglichen Pläne im Koalitionsvertrag von Union und SPD. (more…)

28. 11. 2005

Breitseite für Bürgerfreiheiten

Hach, was habe ich mir den Mund fusselig geredet, als ich Toll Collect noch für eine gute Idee hielt: “Nein, das Mautsystem wird ganz bestimmt nicht zur Überwachung der Bürger genutzt werden. Dafür ist es nicht gedacht, und das kann es eigentlich auch nicht. Außerdem gibt es da ja schließlich noch Gesetze!”. (more…)

24. 11. 2005

Eigentümlich unfrei?

Abgelegt unter Karsten Dürotin, Liberales

Die ausschließlich auf den Begriff des Eigentums aufgebaute anarchokapitalistische Theorie ist von hoher Attraktivität für Liberale und Libertäre. Wer dem Wirken des Staates skeptisch gegenüber steht und sich der Missbrauchsmöglichkeiten bewusst ist, die vor allem moderne demokratische Systeme für Politiker und Lobbyisten bieten, darüber hinaus im Kapitalismus die gerechteste und dem Individuum dienlichste Form der wirtschaftlichen Organisation sieht, der kann nicht anders, als eine gewisse Begeisterung für ein System zu finden, das mit konsequenter innerer Logik einen Gegenentwurf zum modernen Umverteilungsstaat aufbaut. Das ist mehr als verständlich, und es macht die Theorien der Anarchokapitalisten auch zu einer sehr interessanten Quelle für die, die nach Ideen zur freiheitlichen Umgestaltung der Gesellschaft suchen. Trotzdem wäre es für Liberale ein entscheidender Fehler, sich allzu sehr mit anarchokapitalistischen Theorien zu identifizieren - oder gar ein ideologisches oder politisches Bündnis mit ihnen eingehen zu wollen. (more…)

20. 11. 2005

Jugendschutz - oder Zensur?

Neu (30. November): Auf den folgenden Brief habe ich bereits Reaktionen erhalten. Die Antwort von Jörg van Essen findet sich hier.

Dr. Dieter Wiefelspütz, MdB
Laurenz Meyer, MdB
Jörg van Essen, MdB

via Mail

Sehr geehrter Herr Wiefelspütz,
sehr geehrter Herr Meyer,
sehr geehrter Herr van Essen,

ich wende mich an Sie als Bürger ihres Heimatwahlkreises, weil ich hoffe, dass Sie sich im Parlament gegen eine Umsetzung des ominösen “Verbotes für Killerspiele” einsetzen werden, das im Koalitionsvertrag festgehalten ist. Da ich selbst gelegentlich einmal zu einigen der meistkritisierten Computerspiele greife, kann ich nicht begreifen, worin die Bedrohung liegen sollte, die von diesen Spielen ausgeht. Auch jüngere Bekannte, für die diese Spiele ein wesentliches Hobby sind, weisen keine Symptome gesteigerter Aggression auf - oft ganz im Gegenteil. Amokläufer entstehen anders. (more…)

14. 11. 2005

“Idiotologe” Carl Schmitt? (Der Morgen)

Dr. Dean, ein aktiver Linksblogger, kritisiert auf “Der Morgen” Carl Schmitt als den “Idiotologen der Autorität”. Freund-Feind-Denken und eine geradezu religiöse Verliebtheit in den Staat kennzeichnen Schmitt, so Dr. Dean. Mit Verweis auf einen weiteren interessanten Artikel.

13. 11. 2005

Pfeifen im Walde

Der Neoliberalismus ist am Ende. Jedenfalls für den [FR]-Blog. Abzulesen sei das an der Abwahl der Regierung Aznar, den Problemen Blairs und Berlusconis sowie dem Scheitern Donald Tusks in Polen, meint Lutz Büge dort heute - vor allem aber am CDU/SPD-Koalitionsvertrag, in dem (zu seiner offensichtlichen Freude) “nichts neoliberales enthalten” sei. Gut gebrüllt, Löwe! - doch was ist dran? (more…)

11. 11. 2005

Kalter Wind aus dem Osten

Nach dem Sieg Lech Kaczynskis bei den polnischen Präsidentschaftswahlen scheint sich das Klima zwischen der PiS und der “Platforma Obywatelska” (PO) deutlich verschlechtert zu haben. Obwohl man vor der Wahl noch angekündigt hatte, gemeinsam die Regierung bilden zu wollen, hat die PO nun endgültig den Weg in die Opposition gewählt. Offensichtlich hatten sich die Liberalkonservativen die Zukunft etwas anders vorgestellt, mit einem Präsidenten Donald Tusk und einem von der eigenen Partei gestellten Regierungschef. Der neue Ministerpräsidenten Marcinkiewicz hingegen, der ebenso wie Kaczynski nicht gerade für verbale Zurückhaltung bekannt ist, war wohl für viele Abgeordnete der “Bürgerplattform” nicht wählbar. (more…)

4. 11. 2005

Neocons Reloaded

Abgelegt unter Karsten Dürotin, Liberales

Angesichts der teils kabarettistischen Auseinandersetzungen mit Anarchobloggern hat sich Kollege Petersen vom Extrablog dazu entschlossen, sich einmal mit dem Neocon-Vorwurf auseinanderzusetzen. Dazu benutzt er eine etwas kurz gefasste Definition, die sich vor allem mit der Herkunft der amerikanischen Neocons beschäftigt. Dass man etwa “aus dem linken politischen Spektrum in das rechte übergetreten sein” muss, gilt wohl nur für wenige der heutigen amerikanischen Neocons. Es bezieht sich mehr auf den ursprünglichen “Verrat” einiger demokratischer Denker und Politiker, die ihre Kernthemen - einen außenpolitischen Idealismus und Interventionismus - besser bei den Republikanern vertreten sahen und darum die Partei wechselten. (more…)

30. 4. 2005

Die Fungesellschaft

Manchmal kann man nicht anders, als jenen (vor allem konservativen) Zeitgenossen zuzustimmen, die sich andauernd über die “Fungesellschaft” und ihre zunehmende Verdummung beklagen. Vor allem Lehrer und Ausbilder in der Wirtschaft sind es, die da den Untergang des Abendlandes in einem Verfall der Bildung kommen sehen - und wenn man sich das abendliche Werbefernsehen ansieht, regt sich leise Zustimmung.

Da wird für jenes Spülmittel, das schon seit langem die Hände der Hausfrauen beim Spülen pflegt, eine neue Mixtur beworben. Welche Vorteile diese haben soll, kommt dabei nicht heraus; stattdessen zielt die Werbung darauf ab, den Verbraucher für den sog. “Soda-Effekt” der Reinigungsflüssigkeit zu begeistern. Durch die Identifikationsfigur - einen kleinen Jungen - wird er darüber aufgeklärt, was Soda bedeutet: “Dass es sprudelt”.

In einer kleinen Grafik, die vom Niveau des begleitenden Textes her wohl auch eher für Grundschüler gestaltet wurde, erfahren wir, dass dieser neue Soda-Effekt das Fett bereits bei Kontakt mit dem Wasser ablöse; nun, das taten die vorangegangenen 282 Reinkarnationen der Marke ja ebenfalls. Ob das nun mittelbar oder unmittelbar mit dem “Soda-Effekt” zu tun hat - egal, hauptsache Blasen steigen auf.

Analysiert man diese Werbung auf die Zielgruppe hin, so kommt man recht schnell zu dem Schluss, dass sie sich vor allem an Kinder richtet. Das Unternehmen nimmt in der erzählten Geschichte die Rolle der Mutter ein, die auf das Kind achtet und dafür sorgt, dass es tut, was gut für es ist. Da ein kleines Kind aber nicht wirklich versteht, warum Spülen oder etwa Zähneputzen gut und wichtig sind, haben schon unsere Eltern bei letzterem zu einem kleinen Trick gegriffen: “Blendi” bekämpfte nicht nur Karies, sondern schmeckte auch noch sehr gut. Und “Pril” blubbert jetzt eben.

Sind die Werbetexter der Marke nun der Ansicht, das Filiarchat in deutschen Haushalten sei so weit vorangeschritten, dass die Kinder bereits über die Marke des benutzten Spülmittels entscheiden (und da natürlich für das teure Markenprodukt)? Dem widerspricht aber doch ein anderes Klischee, dass die heutige Jugend nämlich überhaupt nicht mehr im Haushalt hilft. Warum also sollten sich die Kids für die Marke des Spülmittels interessieren?

Vielleicht ist es ja auch eine eher langfristige Strategie, die die Kinder als aufwachsende Konsumenten im Blick hat. Immerhin gelang es mit Kreationen wie dem “Anti-Ageing-Effekt”, dem “Blubb” oder den “Frühstücks-Cerealien” auch nicht, die damaligen Erwachsenen zu überzeugen - dafür aber sind die damaligen Kinder heute als Konsumenten häufig fest an die damit assoziierten Produkte gebunden.

Oder ist es die “Fungesellschaft”, die die Werber im Auge haben? Denn diese, so will es das Klischee, will ja nicht mehr über die Inhaltsstoffe des Spülmittels und deren Wirkung nachdenken, sondern “Fun” auch beim Spülen erleben. Wäre das wahr, so würde es natürlich Sinn machen, sich mit der Werbung an Kinder zu wenden - nämlich die so genannten “Erwachsenen” der Fungesellschaft. Ob dieses Klischee stimmt, darüber kann man wohl geteilter Meinung sein; zu hoffen bleibt aber, dass dem nicht so ist, denn das wäre der ideale Brutplatz für Faschismus und Diktatur. Diktatoren wollen erwachsene Kinder, keine Bürger.

Buchtipp: “Strategien der Verdummung: Infantilisierung in der Fungesellschaft” / hrsg. von Jürgen Wertheimer und Peter V. Zima - München: Beck 2001. ISBN 3-406-45963-3

14. 4. 2005

Von “Ideologen” und “Populisten”

“Ideologiefrei” ist ein schönes Modewort, mit dem sich immer wieder kleine Parteien zu Wort melden. Wer es verwendet, der möchte sich von Rechten und Linken zugleich abgrenzen, Weltoffenheit und einen freien Verstand demonstrieren. Im Gegensatz zu den verachteten Ideologen, die reflexartig immer nur ihre Glaubenssätze rezitieren, ist der ideologiefreie Politiker vollkommen unbeeinflusst von solchen vorgefertigten Meinungen und sucht statt der Lösung, an die er glaubt, lieber die richtige. Eine glänzende Selbstdarstellung, der sich auch die “Pragmatiker” der klassischen Parteien, meist populistische Machtpolitiker á la Roland Koch oder Jörg Haider, gern bedienen.

Eine “Ideologie”, das ist ein zusammenhängendes System aus einzelnen Ideen, die sich gegenseitig ergänzen und ein kohärentes, einheitliches Bild der Welt liefern. Solche Ideensysteme sind tatsächlich überaus zahlreich. Kommunismus, Faschismus, Sozialismus, Liberalismus, Korporativismus, Christentum, Islam, Buddhismus, Scientology… die Liste ließe sich, mit aktuellen und historischen Beispielen, nahezu endlos fortsetzen. Es handelt sich nicht allein um politische Gedanken, die in Ideologien zementiert werden; auch religiöse oder sonstige weltanschauliche Haltungen kommen ohne Ideologie nicht aus.

Die Ablehnung des Begriffes in unserer heutigen Zeit ist wohl auf die Arbeit der postmodernen Philosophie, besonders der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, zurückzuführen. Geprägt von den Erfahrungen aus der totalitären Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat diese ein völlig neues Bild der Welt erzeugt. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass die bis dahin gängigen ideologischen Systeme trotz zusammenhängender Logik und hoher Ansprüche immer wieder versagt haben, wenn es um die Lösung der Probleme der Menschheit oder die friedliche Organisation ihres Zusammenlebens ging.

Die Frankfurter Schule legte die Grundlagen für die Techniken des Dekonstruktivismus, der jeden philosophischen Gedankengang kritisch analysiert. Die unausgesprochenen Voraussetzungen, die für die jeweiligen Gedanken zugrunde gelegt wurden, sind dabei für den Dekonstruktivisten ebenso wichtig wie Fehler in logischen Ketten oder Ignoranz gegenüber Fakten, die den eigenen Ideen widersprechen. Durch dekonstruktivistische Techniken lässt sich ein Ideensystem auf seine Schwächen und Fehler abklopfen und damit seines Wahrheitsanspruches entmanteln. Einem sorgfältigen und kompetenten Dekonstruktivisten fällt dabei jedes ideologische System zum Opfer - menschliches Denken ist eben notwendigerweise fehlerhaft, vereinfachend und unvollständig.

Für die postmoderne Philosophie heißt das, dass diese sich eigentlich selbst unnötig gemacht hat; wenn die besten Theorien und Gedankengänge nicht zur reinen Wahrheit führen können, dann würde es eigentlich keinen Sinn mehr machen, sie zu erstellen und zu durchdenken. Mindestens ein bekannter amerikanischer Philosoph, Richard Rorty, hat daraus die Konsequenz gezogen und ist nun nicht mehr Professor für Philosophie, sondern für Literatur - seiner Ansicht nach sind philosophische (und damit auch politologische) Texte nicht als Suche nach Wahrheit, sondern als literarische Übung zu betrachten.

Natürlich ist dieser Schluss auch unter Philosophen alles andere als unumstritten. Dass in einzelnen Gedanken, gepresst in das enge Korsett der jeweils eigenen Sprache, nicht die absolute und reine Wahrheit liegen kann, bedeutet nicht automatisch, dass diese Gedanken nicht zumindest eine Annäherung an die Wahrheit darstellen können. Insofern macht es also nach wie vor Sinn, sich mit Theorien und ideologischen Systemen zu beschäftigen - vor allem, wenn sich ihre Ergebnisse regelmäßig mit empirischen Erkenntnissen decken. Die Lehre aus Postmoderne und Dekonstruktivismus ist zwar, dass ein ideologisches System allein nicht den Maßstab für alle Entscheidungen bilden kann. Der vollständige Verzicht auf solche Systeme aber lässt den Menschen allein und ohne Gesellschaft sprachlos mit seinen Instinkten und dem ersten Anschein der Dinge zurück.

Doch genug der Philosophie und zurück in den Bereich der Politik, mit dem wir uns ja hier befassen wollen. Gehen wir davon aus, dass es die Postmoderne ist, die die “ideologiefreien” Politiker beeinflusst hat, und dass sie aufgrund der Erkenntnisse der Kritischen Theorie den Entschluss gefällt haben, künftig vollkommen ideologiefrei Politik zu gestalten. Wie wäre das möglich? Kann es überhaupt erreicht werden?

Die erste - und offensichtlichste - Methode wäre die, jegliche Theorie fallen zu lassen und stets nur nach dem ersten Anschein der Dinge und der ersten eigenen Meinung dazu zu handeln. Nach Stanley Fish, einem weiteren Vertreter des “pragmatischen Ansatzes”, den auch Richard Rorty als Philosoph verfolgte, tun wir Menschen das ohnehin; selbst die elaboratesten theoretischen Systeme sind seiner Ansicht nach nur Versuche, eben jenen ersten Anschein in schöne Worte zu kleiden, um sich rhetorisch gegenüber sich selbst und Anderen abzusichern.

Doch diese Vorgehensweise eignet sich (wenn überhaupt) nur bei Individualentscheidungen; wenn es um Entscheidungen geht, die eine Gemeinschaft fällen soll, ist das nicht so einfach. Denn es ist ja sehr unwahrscheinlich, dass der erste Anschein - oder gar die erste Meinung - bei allen Menschen gleich ausfallen werden. Weder Rorty noch Fish bestreiten, dass diese durch Erfahrungen und unsere individuelle Lebensgeschichte geprägt werden. Insofern ist irgendeine Art von Austausch oder Diskussion über jedes Thema vonnöten, über das eine fundierte Entscheidung gefällt werden soll. Und da diese sich im Bereich der Sprache befinden, werden sie sich automatisch theoretischer Systeme (”Ideologien”) bedienen, um Überzeugungskraft und logischen Zusammenhang zu erreichen.

Wollte man Fish’ Gedanken auf eine Gesellschaft übertragen, so könnte man diese öffentliche Diskussion einfach streichen und stattdessen direkt über jede Entscheidung abzustimmen, ohne vorher Gedanken auszutauschen. Das Ergebnis wäre eine demokratische Entscheidung, die direkt die impulsiven und unreflektierten Meinungen der Mitglieder dieser Gesellschaft darstellen würde - das politische Wort dafür ist Populismus. Und genau dieser ist das verbindende Element zwischen den meisten “ideologiefreien” Parteien: Sie sind gnadenlos populistisch, inkonsistent in ihren Äußerungen und reflektieren ihre Forderungen kaum. Außerdem muss man in Betracht ziehen, dass hier keine gute oder gerechte Lösung für Probleme gesucht wird, sondern lediglich der Minderheit die erste Meinung der Mehrheit aufgezwungen wird, ohne diese auch nur begründen zu können - sicher kein geeignetes System, um mit politischen Fragen umzugehen.

Noch unangenehmer wird “Ideologiefreiheit” aber dann, wenn sie noch bedeutungsleerer daherkommt und tatsächlich nur eine besonders aggressive Methode ist, die Ideologie ihres jeweiligen Urhebers zu verkaufen. Indem eine bestimmte Denkweise gewählt und - im besten ideologischen Stil - als “Wahrheit” präsentiert wird, von der einen “die Ideologien” nur ablenken würden, wird ein qualitativer Unterschied zwischen verschiedenen gedanklichen Systemen hergestellt, der den Erkenntnissen der Kritischen Theorie direkt entgegensteht.

Typischerweise wird ein künstlicher und sachlich falscher Gegensatz zwischen “Wissenschaft” und “Ideologie” postuliert und ausschließlich erstere als Grundlage des eigenen Denkens dargestellt. Diese Art von Demagogik ist besonders für jene Menschen attraktiv, die den systematischen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nicht nachvollziehen können, und wird vor allem von hypermaterialistischen Philosophien wie dem Sozialdarwinismus und der modernen Technokratie gern genutzt.

Eine dritte Art des Umgangs mit Ideologiefreiheit ist denkbar, und sie ist sicherlich die, die alle “Ideologiefreien” für sich in Anspruch nehmen. Im Prinzip ist die Lehre aus der Postmoderne, dass man jede Entscheidung aus unterschiedlichen Sichtwinkeln und mit variierenden Wertungskriterien betrachten sollte, um möglichst viele Aspekte der Realität bei der Entscheidung mit einzubeziehen. Doch auch hier stellen sich eine ganze Reihe von Problemen, unter anderem erneut der Unterschied zwischen Individual- und Kollektiventscheidungen, aber auch rein praktische Schwierigkeiten.

Es wäre nämlich vollkommen illusorisch, sich das Ziel zu setzen, alle möglichen Blickwinkel und Maßstäbe zu prüfen, bevor man eine Entscheidung fällt. Auch aus diesem Grunde haben sich Ideologien ja ursprünglich entwickelt - sie sollen den angesichts der Realität überwältigten Verstand in die Lage versetzen, diese auf wenige Fakten zu reduzieren und anhand dieser zu entscheiden. Dabei wechseln wir mit Gewohnheit und Leichtigkeit zwischen allen möglichen Systemen. Ein Elektriker wird etwa beim Aufbau eines Stromkreises eine Weltsicht zugrunde legen, die die gesamte Welt als Anordnung von Spannungen und geladenen Teilchen betrachtet, da diese “Ideologie” zu den besten Ergebnissen seiner Arbeit führt. Versucht er aber, am Abend die Laune seiner Frau zu erahnen, wird er dieses System sicher nicht verwenden, auch wenn diese “Laune” durch bioelektrische Prozesse erzeugt wird - er wird stattdessen ein gedankliches System anlegen, das auf seinen Kenntnissen der Verhaltenspsychologie beruht.

Die Empirik lehrt uns, dass manche Zeitgenossen diese Systeme aber nach anderen Kriterien auswählen, als wir das selbst tun. Wohl jeder hat schon Menschen kennengelernt, die sich kaum für die Empfindungen anderer interessieren und bei Betrachtungen über Menschen außergewöhnliche Maßstäbe verwenden. Zum Beispiel könnte dies eine ökonomistische Weltsicht sein, die alle Details menschlicher Beziehungen mit den Begriffen und Vorstellungen der Wirtschaftswissenschaften beschreibt und analysiert. Und das muss ja nicht einmal falsch sein, denn ökonomische Erwägungen spielen in zwischenmenschlichen Beziehungen nun einmal auch eine Rolle. Da aber auch andere Systeme auf diese Beziehungen einwirken, würde eine rein ökonomische Analyse regelmäßig und notwendigerweise falsche Ergebnisse erzeugen.

Wie zuvor festgestellt, ist die Auswahl der Bezugssysteme jedoch sehr individuell und hängt vor allem von Erfahrungen mit ihnen in der Vergangenheit ab. Wessen Umfeld sehr individualistisch oder materialistisch ausgelegt ist, der hat mit der ökonomischen Verhaltenseinschätzung sicher gute Erfolge gehabt; in einem kleinen, religiös geprägten Dorf hingegen wird es von Vorteil sein, die christlichen Moralvorstellungen zugrunde zu legen, wenn man das Verhalten anderer beurteilen möchte. Ebenso sieht es in anderen Bereichen aus: Zu jeder Problemstellung werden zahlreiche unterschiedliche logische Systeme existieren, innerhalb derer eine Antwort ermittelt werden kann - mit entsprechend variablen Ergebnissen.

Das Problem: In einer repräsentativen Demokratie wie der Unseren ist der Stellvertretergedanke von hoher Bedeutung. Man wählt einen Mitbürger, von dem man glaubt, dass er die eigenen Interessen und Ansichten gegenüber dem Rest der Bevölkerung vertritt und sie durchzusetzen versucht. Das kann logischerweise nur jemand sein, der in vielen oder gar den meisten Fällen ähnliche Maßstäbe und Kriterien zur Problemlösung anlegt und daher zu ähnlichen Lösungsansätzen kommt, wie der Wähler selbst. Die Wahl des Repräsentanten drückt die eigene Weltsicht aus, wie auch immer sie ausfallen mag.

Um eine solche Wahl in einer ideologiefreien Welt treffen zu können, müsste man also alle Kandidaten, die zur Wahl stehen, genauestens persönlich kennen und mit ihnen über alle wichtigen politischen Themen und ihre Meinung dazu bereits gesprochen haben. Wohlgemerkt, nicht nur über die Themen der Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch über zukünftige und bisher noch unbekannte Themen, weil sich das Mandat des Abgeordneten ja über den Augenblick hinaus in die Zukunft erstreckt und in dieser neue Entscheidungen nötig machen könnte. Mangels präziser Vorhersagen zukünftiger Abläufe und Ereignisse ist das aber nicht umzusetzen.

Allerdings ist es für die Wähler ja möglich, abzuschätzen, wie sich der Kandidat bei gewissen Themen verhalten wird, wenn sie nicht nur seine Ansichten zu vergangenen Themen kennen, sondern auch den Weg, auf dem sie entstanden sind - wenn sie also wissen, welche Denkmuster ihr Repräsentant in den meisten Fällen anlegt. Zwar bleibt hier immer noch die Wahrscheinlichkeit, dass in einem bestimmten Falle andere Maßstäbe gelten; zumindest aber ist eine praktikable Annäherung erreichbar.

Und damit wären wir beim Grundkonzept der “ideologischen”, klassischen Partei. Während sich ihre Mitglieder in jeder einzelnen Frage voneinander unterscheiden können, eint sie doch die Erkenntnis, dass sie eine bestimmte Sicht der Welt bevorzugen und viele ihrer persönlichen und vor allem politischen Entscheidungen basierend auf dieser Weltanschauung fällen. Dabei muss nicht jede Entscheidung, die die Partei fällt, im Sinne dieser gemeinsamen Weltanschauung sein, wenn gute Gründe dagegen sprechen - die meisten aber werden sich an der gemeinsamen Ideologie orientieren.

Eine solche Orientierung aber fehlt der “ideologiefreien” Partei vollkommen. Ihre Entscheidungen können heute so, morgen so ausfallen, je nach öffentlicher Stimmung, der Meinung einer Führerfigur oder dem Wetter. Mit vollkommen austauschbaren Orientierungssystemen (oder ganz ohne sie) wird die politische Arbeit der Partei zum belanglosen Gefasel ohne Kontext und langfristige Wirkung; für gewöhnlich wird sie sich auch in Kurzsichtigkeit verirren, weil mit wachsenden Zeiträumen auch die vollständige Analyse komplexer Sachverhalte immer unmöglicher wird.

Ordentliche Politik erfordert eben die Auseinandersetzung mit den Gedanken anderer ebenso wie eine moralische Richtschnur und die ständige Reflexion des eigenen Handelns. Die Erkenntnisse de Postmoderne haben uns von diesen Notwendigkeiten nicht befreit, sondern ihre Erfüllung nur erschwert und verkompliziert. Wem die Geduld fehlt, sich diesen Anforderungen zu stellen, kann in der Politik mehr schaden als nutzen; dieses aber auch noch als Leitfaden anzunehmen, rüttelt an den Grundfesten der Politik insgesamt.

13. 4. 2005

Werte, Religion und Politik

Wie soll man sich entscheiden in der heftigen Diskussion zwischen SPD/PDS und dem bürgerlichen Lager um die Einführung eines verbindlichen Werteunterrichts in Berlin? Einfach ist das nicht, denn beide Seiten haben schlechte Argumente. Die CDU/CSU kämpft im Namen der christlichen Religion für deren hervorgehobene gesellschaftliche Position; die Sozialisten aber haben die Vorstellung eines Werteunterrichts, der allen Kindern ein einheitliches weltanschauliches Korsett verpassen soll.

Besonders attraktiv scheint der FDP-Ansatz, eine möglichst breite Palette unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Unterrichtsformen zu bieten, zwischen denen die Schüler dann frei wählen können. Sein Nachteil, den aber sowohl die Christ- als auch die Sozialdemokraten immer wieder deutlich herausstellen, ist das fortgesetzte Fehlen einer verbindlichen, überkonfessionellen Unterrichtsform, in der alle Schüler zusammen etwas über die gemeinsamen Werte erfahren, die die Grundlage unseres Gemeinwesens bilden.

Doch wenn man diese Kritik hört, kann man nicht umhin, sich zu fragen, was die Kinder in anderen Fächern - Politik, Geschichte, Sozialwissenschaften, Gemeinschaftskunde - eigentlich lernen. Ein Geschichtsunterricht, der sich nicht mit der Entwicklung und Veränderung vielfaltiger moralischer und ethischer Werte beschäftigt, lehrt nicht Geschichte, sondern nur Geschichten. Die Sozialwissenschaften haben ethische Werte als Grundlage ihres Denkens - wenn sie nicht in einer entmenschlichten, mechanistischen Weise unterrichtet werden.

Gar nicht erst fragen darf man sich aber, welche Aufgaben den Eltern eigentlich bei der Erziehung ihrer Kinder noch zufallen sollen. Wenn jetzt von staatlicher Seite entschieden wird, welche Werte die Kinder vermittelt bekommen, wenn der Staat sich immer mehr über Sozialarbeiter und Jugendschutz der Aufsicht über sie bemächtigt, werden Eltern bald nur noch eine Aufgabe haben - mit ihrer Arbeit die vom Staat erzogenen Kinder zu ernähren. A Brave New World.

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