Dieser Text wurde von Yasar Mert im Winter 03/04 unter dem Eindruck der damals hoch aktuellen Kopftuchdiskussion verfasst. Auch, wenn diese Diskussion mittlerweile unter den Tisch gefallen zu sein scheint, bleiben die Aussagen und Forderungen des Autors nach wie vor aktuell.
Ein Plädoyer für ein Konzept „Islam in der christlichen Mehrheitsgesellschaft“.
Es scheint als ob kein Tag mehr ohne Meldungen und Diskussion zum Thema „Kopftuchdebatte“ in und um Deutschland/Europa vergeht – man denke nur an jüngste die Stellungnahme des Bundespräsidenten und die Kritik bzw. Zustimmung dazu. Zusätzlich scheint diese Diskussion einen tiefen Graben in der Gesellschaft und Politik zu graben, der sich an folgendem exemplarisch zeigt.
Vor mehreren Wochen hat das baden-württembergische Landeskabinett ein von der Kultusministerin Annette Schavan (CDU) vorangetriebenes Vorhaben verabschiedet: der Gesetzesentwurf zum Verbot des Kopftuchs für Beamtinnen wurde verabschiedet und man möchte es im Januar 2004 zum Gesetz machen. Leider hat sich auch der freiheitlich-demokratische Koalitionspartner zu diesem Beschluss bewegen lassen und somit wenig von der Liebe und Verpflichtung zur Freiheit des Individuums bewiesen.
Dagegen scheint der Aufruf „Religiöse Vielfalt statt Zwangsemanzipation“ der Beauftragen der Bundesregierung für Integration und Migration – Frau Beck – die Gefühle vieler Christen und Nicht-Christen auf den Punkt zu bringen. Es setzt sich für ein gleichberechtigtes Miteinander der Religionen und Kulturen in der Gesellschaft ein und fordert eine differenzierte Betrachtung des Islam und der Muslime/innen.
Eine weitere – europäische - Dimension gewinnt diese Diskussion durch das Vorhaben in Frankreich „merkliche“ religiöse Symbole gänzlich vom Schulalltag zu verbannen. Interessant ist, dass dieser Schritt weder aufgrund übergroßen jüdischen Kippas oder christlichen Kreuzen eingeleitet wurde, sondern wegen dem Wunsch einiger muslimischer Schülerinnen das Kopftuch in der Schule zu tragen, erst relevant wurde. Des weiteren verfügen sowohl die jüdische als auch christliche Gemeinde in Frankreich über vielfältige und umfangreiche Möglichkeiten konfessioneller schulischer Ausbildung im Gegensatz zur muslimischen Gemeinde. Somit liegt der Verdacht nahe, dass die Einbeziehung der jüdischen und christlichen Symbolik eher einen Alibi-Charakter hat und primär gegen eine äußerliche Erscheinung muslimischer Frauen und somit gegen den Islam zu sein scheint.
Sicherlich ist die Bundesrepublik nicht Frankreich; jedoch könnte einem objektiven Beobachter dies nahe gelegt werden ginge es um die Darstellung der nicht-deutschen Realitäten und Diskussionen um den Islam bzw. das Kopftuch. Eine gänzlich andere – ja vielleicht sogar vorbildliche – Wirklichkeit und Vorgehensweise stellt sich dem Europäer nämlich in Großbritannien dar. In diesem Land, welches ähnlich Frankreich viele muslimische Einwanderer aus ehemaligen Kolonien beheimatet, ist es gelungen den Islam gesellschaftlich und vor allem auch politisch zu integrieren. Es gibt eine Vielzahl von muslimischen Schulen, Lehrerinnen mit Kopftuch stellen keine Spaltung der Gesellschaft dar und auch muslimische Parlamentarier gehören zum Alltagsbild. Die scheinbare Ignoranz der Medien dieser Tatsachen gibt Anlass zum Nachdenken.
Worum geht es aber in der Diskussion um das Kopftuch? Geht es wirklich darum das Kopftuch zu verbieten oder ist das Kopftuch-Verbot nur das offensichtliche einer viel tiefer verwurzelten Auseinandersetzung der christlich geprägten deutschen/europäischen Mehrheitsgesellschaft mit der muslimischen (Einwanderer-) Minderheit in der Bundesrepublik und Europa? Warum wird die Diskussion heute so heftig geführt obwohl das Kopftuch schon seit den 60er Jahren zum europäischen Alltag gehört? Ist etwa der Kern der Diskussion eher die Herausforderung einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft an die europäischen Demokratien? Oder ist es viel einfacher und das Wahljahr 2004 wirft schon seine langen Schatten voraus?
In einer Auseinandersetzung wie dieser ist es in besonderem Maße wichtig, die Basis und die Ausgangssituation für die Argumentation klar darzulegen. Deshalb sei hier eine Feststellung vorweggenommen, die für das weitere Verständnis von fundamentaler Bedeutung ist.
Der oft herangezogene Vergleich von muslimischem Kopftuch, jüdischer Kippa oder christlichen Kreuzen steht auf sehr wackligem Boden. Hierbei wird unterstellt durch das Tragen des Kopftuchs den Islam herausstellen zu wollen bzw. dass das Kopftuch ein politisches Symbol sei; deshalb die Weigerung das Kopftuch (im öffentlichen Raum) dulden zu wollen.
Wird diese These auch in der Öffentlichkeit von so genannten „Islamexperten“ vertreten, kann ein Muslim bzw. eine Muslimin über diese Ignoranz nur staunen. Das Tragen des Kopftuchs ist heute wie auch seit über 14 Jahrhunderten Bestandsteil des islamischen Glaubens – diese Meinung wird von der überwältigenden Mehrheit der Muslime/innen und islamischen Gelehrten auf der ganzen Welt geteilt. Keine Christin würde glauben eine Sünde zu begehen, wenn sie kein Kreuz trägt – für eine kopftuchtragende Muslimin ist das Nicht-Tragen eine Sünde. Somit ist der Vergleich Kreuz und Kopftuch weder passend noch korrekt.
Zurück zur Ausgangsfrage: Worum geht es bei dieser Auseinandersetzung also?
Angeblich geht es beim Kopftuch um Kampf zwischen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden: um die Wehrhaftigkeit des liberalen und neutralen Rechtsstaates gegenüber allen, die ihn von innen her zersetzen wollen, die seine Toleranz ausnutzen, um der Intoleranz, der Frauenunterdrückung ein Heimatrecht inmitten der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaften zu verschaffen. Das muslimische Kopftuch erscheint als Symbol eines expansiven Islams, der es auf Unterwanderung der staatlichen Institutionen angelegt, und dies auch noch an einer ihre empfindlichsten Stellen, der Schule. In den einschlägigen Texten, etwa dem von der baden-württembergischen Landesregierung vorgelegten Gesetzesentwurf, werden zur Begründung eines Verbots lauter universalistische Werte aufgeführt: Menschenwürde, Gleichberechtigung, Demokratie.
Anders formuliert werden diese Werte pauschal als Islam-Fremd dargestellt ohne einer näheren Analyse und Betrachtung unterzogen zu werden. Es wird keine Unterscheidung zwischen den Prinzipien der Religion Islam und dem gelebten Islam mancher Muslime oder muslimischen Gesellschaften gemacht, sondern es werden alle über denselben Kamm geschert. Dies entspricht etwa einem Vergleich des in Nordirland verbreiteten und religiös motivierten Terrors oder von christlichen Sekten mit dem Evangelismus bzw. Katholizismus in Deutschland. (Anmerkung: siehe auch Spiegel Nr. 51)
Der Kampf wirkt umso bedrohlicher, als er nicht in der Öffentlichkeit stattfindet. Muslime sowohl in Deutschland als auch in Europa haben keine Möglichkeit Ihre Argumente und Standpunkte gleichberechtigt in den öffentlichen Diskurs mit einzubringen. Dies liegt vor allem daran, dass sie die notwendigen Instrumentarien in ausreichender Form nicht besitzen, in den entsprechenden Organisationen und Gremien nicht bzw. unterrepräsentiert sind und aber auch nicht von den Mehrheitsmedien in gebührender Weise wahrgenommen werden. Sicherlich besteht hier auch eine Bringschuld der Muslime, als dass sie sich noch besser und organisierter Stimme verschaffen müssen als dies bisher geschehen ist, denn nichts kann für den Standpunkt der Muslime mehr schaden, als ihre Meinungen und Vorstellungen nicht an die Gesellschaft herantragen zu können.
Nun ist dem leider so – und das Ergebnis ist blanke Rat- und Politiklosigkeit. Es wird über den Islam und die Muslime gesprochen und man vermeidet konsistent eine Dialogaufnahme oder zumindest ein konstruktives Signal der Gesprächsbereitschaft mit Muslimen. Auf der einen Seite eröffnet dieses „Nicht-Vorhandensein“ der Muslime in der Diskussion und die beschrieben Vorgehensweise Spekulationen und Vorurteilen Tür und Tor; auf der anderen Seite hat es den Anschein, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht so recht wissen wie Sie mit diesem vermeintlichen Gegner umgehen soll. Bis auf eine Stelle: das Kopftuch. Dieser scheinbar unsichtbare Kampf wird am Kopftuch offensichtlich und deshalb wird dieser auch so vehement und unnachgiebig geführt.
Hier stellt sich wiederum die ursprüngliche Frage nach dem tatsächlichen Willen dieser Bekundung. Geht es wirklich um die Verteidigung von Menschenrechten und Grundwerten oder schafft diese Handlung erst den Zustand, dem sie wehren will und dann mit deklarierten Absichten direkt zuwiderläuft? Anders formuliert: erzeugt ein Kopftuchverbot eigentlich nicht die Bedrohung, der es wehren will?
Sollte es wirklich eine islamisch geprägte Bewegung im Untergrund geben, dann müssten alle Bemühungen doch zuerst darauf zielen, sie ihrer Heimlichkeit zu entreißen, sie wieder in das normale öffentliche Leben zu integrieren. Es ist allgemein bekannt, dass das Gefühl religiöser Unterdrückung und Benachteiligung je geringer werden desto mehr die Gläubigen gesamtgesellschaftlich eingebunden sind. Hingegen geben Verbote Chancen für besondere Glaubenstreue, führen zu unerwünschten Solidarisierungen, schaffen uferlose Abgrenzungsprobleme, stärken extreme Strömungen, geben der Trotzidentität ein Thema, schaffen das, was sie vermeiden wollen, nämlich die Politisierung des Kopftuches und treffen in ihrer pauschalen Wirkung auch feministische Motive für das Kopftuch.
Warum dann wird dieser Prozess in Deutschland in genau die andere Richtung gesteuert? Warum werden die Muslime immer mehr ins gesellschaftliche Abseits „gelotst“?
Dies lässt sich wieder exemplarisch am Kopftuchverbot erläutern, denn hiermit wird genau der Prozess der Eingliederung und Normalisierung des Islams in der BRD empfindlich gehindert. Wenn muslimische Frauen vom Schuldienst ausgeschlossen werden, nimmt sich die Gesellschaft selber die Möglichkeit, sie als gleichberechtigte Bürgerinnen beim Wort zu nehmen. Des weiteren werden sie einem Berufsverbot unterzogen, der seinesgleichen in der deutschen Geschichte sucht. Die Integrationsmöglichkeit dieser Menschen – die wohlgemerkt Bürger mit denselben Rechten und Pflichten wie alle anderen sein sollten – wird verringert, ja es wird sogar in die entgegengesetzte Richtung gesteuert.
Hieraus resultiert, dass es sich beim Kopftuchstreit eigentlich um eine Stellvertreterdebatte auf dem Rücken vieler muslimischen Frauen handelt - unter Verwendung von Prinzipien und Zielen, die man scheinbar mit dieser Auseinandersetzung zu schützen versucht. Den meisten Befürwortern des Verbots in der BRD geht es weit weniger um global geltende Werte wie Menschenrechte oder Frauenunterdrückung. Dies wird v.a. dadurch deutlich wie versucht wird ein radikal laizistisches Modell zu vermeiden also rechtfertigen weshalb nur islamische Kopftücher nicht aber christliche oder jüdische Symbole mit dem Schuldienst nicht zu vereinbaren seien. Der hiermit ausgelöste Offenbarungseid hält auch nicht Stand vor christlichen Würdenträgern – leider.
Beispielhaft sind die Erklärungen, die der Vorsitzende der EKD Huber noch vor seiner Wahl als Berliner Bischof abgab. Der „offenkundige Unterschied“ zwischen dem Kopftuch und dem Kreuz eines Pfarrers bestehe darin, „dass das Kopftuch eine kulturelle Kluft symbolisiert“. Wenn dagegen jemand, so Huber in aller Unschuld, „ein Kreuz trägt, hat es mit einer Spaltung der Gesellschaft wirklich nicht zu tun.“
Diese Aussage ist nicht nur gesellschaftsfremd anhand von über 3 Millionen Musliminnen und Muslimen in der Bundesrepublik für die weder das Kreuz und noch weniger das Kopftuch eine Spaltung der Gesellschaft bedeuten, sondern sie sollte auch aus christlicher Sicht verblüffend sein.
Das Argument, dass das Kopftuch als Symbol einer mangelnden Gleichstellung von Frauen und Männern im Staatsdienst nichts zu suchen habe, hat als Referenz weder die Religion noch den Rechtsstaat, sondern eindeutig die herrschende Kultur, von der keine Abweichung geduldet werden soll.
So heisst es im baden-württembergischen Gesetzentwurf klipp und klar: „Die Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen entspricht der Landesverfassung.“ Hier stellt sich auf die tiefere Frage nach der Definition von abendländischer Kultur. Alle drei Religionen Christentum, Judentum und Islam haben ihren Ursprung im Nahen Osten und berufen sich auf die gleichen Urväter. Der Islam ist seit dem 7. Jahrhundert in Europa beheimatet – Andalusien, Bosnien, Osmanisches Reich – und hat zweifelsohne gerade in seiner Blütezeit in Andalusien dazu beigetragen Europa zu dem zu machen was es heute ist. Diese Argumentation ist aber nicht nur an dieser Stelle unstimmig. Bei Muslimen soll es schon genügen, dass ihr Äußeres „bei Schüler oder Eltern den Eindruck hervorrufen kann“, gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu sein.
Skandalös was hier zum Vorschein kommt: nicht die Worte und Handlungen, noch nicht einmal die Absichten seiner Trägerin sprechen das Urteil über deren Verfassungstreue, sondern das, was die Umgebung in ihr Äußeres hineinlegt. Hängen somit zukünftig die Gewährung der Menschenrechte bzw. Bürgerrechte für Minderheiten oder Einzelpersonen vom Eindruck der Mehrheit ab? Geht es also beim Kopftuchstreit nicht um Menschenrechte, sondern um die Vorherrschaft der Mehrheit und der Kultur dieser Mehrheit?
Es entsteht der Eindruck, dass überall im zivilisierten Westeuropa mit fadenscheinlichen Begründungen elementare Menschenrechte beschnitten werden – sofern es um Rechte von Musliminnen geht. (Anmerkung: jüngst hat ein dänisches Arbeitsgericht eine Entlassung einer Arbeitnehmerin wegen dem Tragen des Kopftuchs bestätigt)
Wie kann man sich aus dieser Stellvertreterdebatte befreien und zu einem konstruktiven Dialog beisteuern? Wie kann man erreichen, dass es nicht zu den von Huntington prophezeitem „Clash of civilisations“ kommt, sondern ein friedliches und freiheitliches Zusammenleben auf europäischem Boden gesichert wird?
Diesen Fragen gehe ich in den nächsten Paragraphen nach. Wichtigste Voraussetzung ist allerdings, dass sowohl die Mehrheits- als auch Minderheitsgesellschaft und der Statt innerhalb der eigenen Gemeinschaft als auch im Zusammenleben mit den anderen Gemeinschaften sich den Herausforderungen der jetzigen Realität stellen und entsprechende Antworten erarbeiten.
A. Konzept für den Islam in der nicht-islamischen Mehrheitsgesellschaft
Das Fehlen eines Konzepts für und mit dem Islam in der Bundesrepublik und in Europa ist sicherlich eine der Hauptursachen für die derzeitige „Misere“ – es fehlt an Strategien zur Vermeidung von kultureller Ausgrenzung oder Polarisierung.
Das Kopftuch ist nur ein Symptom. Eine Debatte, die sich darauf konzentriert, verharmlost die tiefer liegenden Probleme, die mit einem Kopftuchverbot nicht vom Tisch sind.
Zu den Problemen gehört, dass die Politik noch keine ganzheitliche Islampolitik entwickelt hat, sondern selektiv vorgeht: Der eine macht Islampolitik über den schmalen Ansatz des Religionsunterrichtes, der andere macht Islampolitik auf dem Umweg über Schächterlasse, wiederum andere entwickeln eine Islampolitik aus einem feministischen Ansatz und oft wird die Islampolitik zum Unterthema der Rechtspolitik, der Sicherheitspolitik oder anderer Politikbereiche.
In einer Gesellschaft in der vermeintlich islamische Themen wie Schächten, Religionsunterricht oder das Kopftuch ständig und vehement in die Öffentlichkeit und vor Gerichte gezogen werden, ist schon eine Art Offenbarungseid für die Politik und die Politiker. Das Fehlen einer Gesamtpolitik führt nicht nur zu inkompatiblen Intentionen, sondern auch zu einer überwiegend reaktiven Islampolitik, bei dem Themenniveau und -anlässe nicht von der Politik vorgegeben werden und diese somit in die Defensive getrieben wird.
Viel grundsätzlicher sind die Fragen nach dem Funktionieren der Demokratie wie sie sich in Westeuropa herausgebildet hat. So sind zwar Pluralität, Religionsfreiheit und Menschenrechte sicherlich Pfeiler dieser Demokratien, aber es wird bei einer genaueren Betrachtung deutlich, dass sich diese Demokratien fast ausschließlich nur mit einer eindimensionalen Ausrichtung dieser Prinzipien auseinandersetzen mussten. Anders ausgedrückt gab es fast immer homogene Mehrheitsgesellschaften, die sich zwar ideologisch bzw. politisch unterschieden aber in ihren kulturellen Ausprägungen kaum verschieden waren. Geht man einen Schritt weiter stellt sich folgendes Bild dar: der moderne Staat hat einen (totalitären) Absolutheitsanspruch – extreme dieses Totalitarismus sind der Faschismus und Kommunismus gewesen. Jedoch ist auch der moderne liberale Staat irgendwie totalitär, aber sicherlich nicht autoritär.
Das wirkliche Leben mit und in der Pluralität bedeutet nicht nur politische Pluralität sondern auch kulturelle und gesellschaftliche Pluralität und das Widerfinden dieser Realität in allen Bereichen eines Staates.
Somit wird ganz offensichtlich, dass das Demokratieverständnis noch weiter verbessert und ausgebaut werden muss.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass es eben nicht reicht – wie von der CDU gemacht – große Anfragen an die Bundesregierung zu stellen und mit den erworbenen Kenntnissen gewiss vorhandene Überfremdungsängste in der Gesellschaft nicht zu begegnen. Es reicht auch nicht Alibi-Vertreter in Parteien und Organisationen auf zu nehmen, denen der Rückhalt bei den Muslimen fehlt und somit diese nicht repräsentieren können, aber im Sinne der Politiklosigkeit und oft gegen die Interessen der Mehrheit der Muslime handeln.
Was wir brauchen ist auf deutscher und europäischer Ebene eine Politik der Integration – gesellschaftlich wie vor allem auch politisch – in der die Muslime und andere Minderheiten in viel stärkerem Maße in die Zusammenarbeit und Verantwortung genommen werden und gleichzeitig auch mehr Rechte und Gestaltungsspielraum erhalten. Wir brauchen eine Politik, die sich bewusst ist, dass verordnete Integration nicht erfolgreich sein kann und deshalb den Inhalt der Integration zusammen mit den Minderheiten erarbeitet. Wir brauchen eine Politik, die auf der Akzeptanz des Islams und anderer Minderheiten basiert und nicht auf eine Verhinderungstaktik setzt. Schließlich brauchen wir eine Politik, die der demographischen Entwicklung in Deutschland und Europa Rechnung trägt.
B. Gleiches Recht für alle
Obwohl ganz offensichtlich verfassungswidrig erklären einige Bundesländer Gesetze gegen das Tragen von Kopftüchern und anderen sog. „islamischen Symbolen“ in Schulen einzuführen. Dies ist eindeutig eine Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit und verstößt nicht nur gegen das Grundgesetz, sondern auch gegen EU-Richtlinien, die eine Diskriminierung aufgrund Religion verbieten. Hier ist die Politik vor allem in den Bundesländern aufgefordert sich auf die Werte Freiheit, Demokratie und Menschenrechte und der Gleichheit aller Menschen rückzubesinnen und entsprechend zu handeln.
Erwähnenswert sind die einzelnen Stimmen, die sich dieser Instrumentalisierung mahnend widersetzen so wie der ehemalige Verfassungsrichter Prof. E.G. Mahrenholz. Er sieht in solchen Gesetzesvorhaben „eine politische Diskriminierung einer Gruppe“ für die es keine Parallele in der deutschen Gesetzgebung gäbe. So würden mit dem geplanten baden-württembergischen Gesetz „die Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen aus dem sonst dort formulierten generellen Verbot von politischen, religiösen oder weltanschaulichen Bekundungen durch Lehrkräfte an staatlichen Schulen ausgenommen.“. Damit wären es nur noch islamische Symbole, die von dem Verbot berührt werden.
.
Ähnlich skeptisch äußert sich Fr. Beck über Anti-Kopftuch Gesetze. So sieht sie diese als „ein integrationspolitisch problematisches Signal.“ Es verstöße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, wenn „muslimische religiöse Symbole aus der Schule“ ferngehalten werden, „christliche oder jüdische aber“ zugelassen werden. Die „Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften“ sei aus verfassungsrechtlicher Sicht geboten. Vollkommen zuzustimmen ist ihr auch, dass die Diskriminierung islamischer Symbole Konflikte schürt anstatt sie zu reduzieren.
Als neuester Beitrag ist die Erklärung des Bundespräsidenten Herr Rau zu sehen. Herr Rau tritt ganz entschieden für eine Gleichbehandlung aller Religionen ein ohne sich für oder gegen das Kopftuch als solches auszusprechen. Kaum wurde diese Erklärung bekannt, gab es auch schon Kritik vor allem seitens der konservativen Union und – leider auch – seitens der katholischen Kirche. Bedauerlicherweise muss sich die Union – sowohl CDU als auch CSU – unterstellen lassen, dass sie dieses Thema für das Wahljahr 2004 missbrauchen (zusammen mit dem EU-Beitritt der Türkei). Anders lassen sich die teilweise ignoranten und intoleranten Wortmeldungen der CSU und CDU nicht erklären. Herr Stoiber sieht für eine Gleichbehandlung von Kreuz und Kopftuch keinen Raum und aus den Reihen der CDU ist zu hören, dass das Kopftuch ganz klar ein politisches Symbol gegen die Demokratie und unsere Wertvorstellungen sei. Dies sind völlig falsche Behauptungen und zusätzlich fehlt ihnen jegliche Beweisführung. Umso trauriger ist es zu lesen, dass auch Kardinal Ratzinger das Kopftuch nicht nur als religiöses Symbol sieht. Man könnte diese Liste noch weiter führen – aber diese Auszüge sollten reichen.
Sehen diese Herren (interessanterweise sprechen sich vor allem die Herren gegen das Kopftuch aus) denn nicht, dass sich die Bundesrepublik (und Europa) zum einen geändert hat (Deutschland ist multikulturell und multireligiös) und dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Religionsfreiheit zugesteht? Sehen sie nicht ein, dass solche intoleranten Ansichten und Verhaltensweisen dem gemeinsamen Leben und Zusammenleben schaden?
Sieht man nicht, dass Muslime und andere Nicht-Christen doch auch eine Art „Gegenoffensive“ starten könnten – auf den Pfeilern der Gleichbehandlung und Religionsfreiheit – und eine weitere Polarisierung erreichen, wenn auch Klagen gegen Oster-, Advents- und Weihnachtsfeiern – oder kurz: allem christlichem – an öffentlichen Bildungseinrichtungen eingereicht würden. In diesem Falle wäre der „Kampf der Kulturen“ der Wirklichkeit sehr nahe.
Ein weiterer Beitrag zum Gelingen in diesem Zusammenhang wäre das Vermeiden der Stigmatisierung der Muslime und die Garantie der Gleichbehandlung durch Sicherheitskräfte und die Anwendung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit. Dies ist insbesondere nach dem 11.09.01 nicht in dem Maße gelungen wie man es sich gewünscht hätte. Die zahlreichen Razzien und Untersuchungen islamischer Einrichtungen (Moscheen, Zentren, Häuser, etc.) haben in ihrer überwältigenden Mehrheit keine neuen Erkenntnisse über vermeintliche Terror-Aktivitäten oder dergleichen hervorgebracht. Was allerdings erreicht wurde ist ein tiefes Misstrauen vieler Muslime gegenüber den deutschen Sicherheitsapparaten, denn viele Menschen bzw. Einrichtungen wurden auf entwürdigenden Art und Weise untersucht und behandelt, und ein Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber den untersuchten Einrichtungen und Personen.
C. Beitrag der Medien
Was wir brauchen ist ein Dialog mit den Muslimen und vor allem auch den Musliminnen, die ein Kopftuch tragen möchten. Es ist erforderlich den Islam wie ihn die Muslime verstehen zu akzeptieren – natürlich unter der Voraussetzung der Akzeptanz von Freiheit und Demokratie – und nicht einen Versuch zu starten eine Wunsch-Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft des Islams den Muslimen zu überstümpeln. Historisch gibt es genügend Beispiele mit denen das Scheitern und die Fehler solch einer Politik dargelegt werden können. Oft ist für das Gelingen eine positive Unterstützung durch die Medien entscheidend.
Im Zeitalter der Informationsgesellschaft ist die Rolle und sollte das Bewusstsein der Medien für Minderheiten eine besondere sein. Leider wird in den Medien oft in unausgewogener Weise über den Islam und die Muslime berichtet bzw. kommentiert. Muslime können sich nicht mit den Schrecken des Terrors identifizieren. Trotz dieser klaren und deutlichen Abgrenzung wird in den Medien oft der Eindruck erweckt, dass die sehr kleine Anzahl von Menschen, die meinen den Islam als Rechtfertigung für Terrorakte zu verwenden, repräsentativ für eine gesamte Glaubensgemeinschaft seien.
Schon die Wahl der korrekten Begriffe und Ausdrücke sollte von hoher Sensibilität geprägt sein. Jedoch ist dieser Anspruch nicht angebracht wenn es um den Islam geht. Es wird subtil der Eindruck vermittelt, dass der Islam und Muslime gleich Terror und Schrecken sein (z.B. „islamische Terroristen“, „Heiliger Krieg“, „Islam und Schwert“, etc.). Weiterhin sollte man meiden unklare und undefinierte Begriffe wie Islamist, Fundamentalist zu verwenden.
Schwer vermittelbar ist zudem ein Vertrauensverhältnis in die Medien, wenn diese weiterhin einen doppelten Standard verwenden. Ein schreckliches Beispiel hierfür konnte man in einem Kommentar in der „Die Zeit“ vom 18.12.03 lesen. So wird dort ermahnt, dass sich „die Europäer erinnern müssen wofür sie stehen, und wo nötig, kämpfen, darunter nicht wichtigeres als die judäo-christlichen Grundlagen.“. Ich musste diesen Satz mehrmals lesen um meinen Augen trauen zu können. Ist dies ein konstruktiver Beitrag zum Dialog oder gar ein Aufruf zum Kulturkampf?!
D. Verantwortung der Muslime
Das Zusammenleben der Muslime in einer mehrheitlich nicht-muslimischen Gesellschaft kann nur gelingen, wenn auf muslimischer Seite parallel zum nicht-muslimischen Beitrag entschieden und erklärt dafür beigetragen wird.
Zum einen geht es um die Konfrontation des Islam mit seiner eigenen Situation, nämlich mit der Tatsache, dass er eine „Theologie der Integration“ zu entwickeln hat. Seit Medina nämlich diskutiert der Islam die Frage, wie islamische Mehrheiten mit „andersgläubigen“ Minderheiten umzugehen haben. Heute aber ist anders zu fragen, nämlich, wie sich Muslime in eine nicht-muslimische und säkularisierte Gesellschaft integrieren können. Doch diese Fragen müssen von innen aufbrechen, werden sie von außen aufgedrängt, dann lösen sie nur defensive Reaktionen aus.
Sehr eng verbunden ist hierzu auch die Fragestellung nach der Stellung der Muslime in der Gesellschaft und ihrem Beitrag zum Gedeihen der Gesellschaft. Muslime müssen die soziale und ökonomische Wirklichkeit des Islam wieder in den Vordergrund bringen und somit einen Ausweg aus dem „Catch 22“, dem Teufelskreis“ von reaktiver Abwehr zu Themen wie Kopftuch, Islamunterricht, etc. finden. Sie müssen sich auf eigene Projekte konzentrieren und auch klar und deutlich den Nutzen für die Gesellschaft im Auge behalten.
Beide Gesichtpunkte können nur unter bestimmten Voraussetzungen erreicht werden. Exemplarisch seine hier aufgeführt:
- Eine Re-Definition der Rolle der Frau: Man muss sich weg von der durch Traditionen geprägten Rolle der Frau hin zur im Islam und in der früh-islamischen Geschichte eindeutig emanzipatorisch ausgelegten Rolle der Frau bewegen.
- Ohne Bildung und Wissen ist eine Partizipation an der Gesellschaft nicht im gewünschten Maße möglich. Obwohl es viele „Beiträge“ in Sport sowie Freizeit-Kultur von muslimischer Seite gibt, ist der Anteil an der Wissenschaft und der Kultur nicht entsprechend ihrer Proportion in der Bevölkerung. Die Muslime müssen sich und vor allem für ihre Kinder sehr viel stärker im Bereich der Bildung engagieren und einsetzen.
- Eine „Theologie der Integration ohne Assimilation“ muss gelebt werden. Unter Beibehaltung der eigenen Kultur, Sprache, etc ist eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft erforderlich. Für eine konkrete Ausfüllung dieser Forderung sollten auch die verschiedensten Formen der Integration wie z.B. soziale, wirtschaftliche, etc. in Betracht gezogen werden – als Beispiele kann man die stattgefundene Integration von anderen Minderheiten in Europa heranziehen.
- Die politische Integration der Muslime muss vorangetrieben und ausgebaut werden. Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Integration ist die politische Integration noch im frühen Anfangsstadium. Hier gilt es eigene Standpunkte klar zu definieren und publik zu machen. Entscheiden ist auch die Herausbildung von Politikern mit Rückhalt in der muslimischen Bevölkerung.
- Es ist ein Überdenken des Verhältnisses zu den ehemaligen Heimatländern der muslimischen Einwanderer wie Türkei, Algerien, etc. erforderlich. Diese Beziehung sollte sich zu einer Partnerschaft von Gleichberechtigten entwickeln – zwingend ist die Lösung von einer Bevormundung durch diese Staaten.
Schlusswort
Die historische Feststellung von Max Frisch „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ könnten wir heute umformulieren in „…und es kamen Muslime“. Deutschland und Europa müssen sich ihrer Verantwortung bewusst ein Konzept für ein Europa mit den Muslimen und dem Islam erarbeiten. Alles andere wird nur als Zeit- und Kraftverschwendung in die Geschichte eingehen.
Die Bundesrepublik ist hier im besonderen Maße prädestiniert eine Vorreiterrolle in Europa zu spielen. Im Gegensatz zu den anderen großen europäischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder Italien hat sie keine negative Vergangenheit mit dem Islam. Es gab keine muslimischen Kolonien Deutschlands und Deutschland hat auch seit dem Mittelalter nicht gegen Muslime gekämpft. Im Gegenteil, seit ein paar Jahrhunderten herrscht eine lebhafte und konstruktive Auseinandersetzung vor allem auf künstlerischer und militärischer Ebene mit den Muslimen. Man denke nur an Goethe oder Rilke oder an die Zusammenarbeit mit den Osmanen. Deutschland muss sich diesem Schatz nur bewusst werden.
Abschließend möchte ich den Wunsch äußern, dass sich der Freiheit, den Menschenrechten und der Demokratie verbundene und verpflichtete Menschen in Europa aufrütteln und ein klares Zeichen setzen. Ein Zeichen für Toleranz, ein Zeichen für Menschenrechte und ein friedliches Zusammenleben in Deutschland und in Europa.
Es muss ein Aufstand der Anständigen geben – für uns alle.
Ich möchte, dass meine Kinder und Kindeskinder sich wegen ihrer Religion nicht schämen müssen. Sie sollen frei darüber entscheiden können und diese Entscheidung auch frei leben können.
Ich möchte ein Deutschland und ein Europa in denen sich Menschen für die Freiheit (der Kleidung) des und der anderen und andersartigen einsetzen.
Ich möchte ein Europa, dass sich nicht nur den christlichen und jüdischen Errungenschaften und Überlieferungen erinnert, sondern auch den fundamentalen Einfluss des Islams zum Gelingen dieser nicht vergisst – ohne das muslimisch geprägte Andalusien wäre Europa nicht dort wo es heute ist.
Ich möchte ein Europa in dem es nicht entscheidend ist der „richtigen“ Religion anzugehören.