Nach mehreren Jahrzehnten des fast völligen Stillstandes in der bemannten Raumfahrt scheint jetzt endlich wieder Bewegung in diese zu geraten. Zwar hat die NASA nach dem Absturz der Discovery die vorsichtigen Versuche wieder beendet, in den erdnahen Raum zurückzukehren. Auch das von USA und Russland gemeinsam geplante und betriebene Projekt „Mir“ und die Internationale Raumstation ISS haben sich nicht gerade als enthusiastisch verfolgte Zukunftsprojekte erwiesen. Doch die Technologie für Raumflüge ist mittlerweile bekannt und verhältnismäßig erprobt, zahlreiche technische Entwicklungen haben Probleme der frühen Raumfahrt gelöst. Die Werkstofftechnik, aber auch die Luftfahrt und andere Bereiche der Forschung und Technik sind Welten entfernt von den Möglichkeiten der 70er Jahre, als die amerikanischen Space Shuttles geplant und entworfen wurden.
Und nun, endlich, ist auch die Wirtschaft auf den Plan getreten. Mit dem „Ansari-X“-Preis, der zur Förderung der privaten Raumfahrt 10 Millionen Dollar für denjenigen auslobte, der als erster mit einem privat finanzierten und gebauten Raumschiff zwei Mal innerhalb von zwei Wochen eine Höhe von 100 km über dem Meeresspiegel erreichen würde, war das Rennen eröffnet. Wer zunächst noch glaubte, der Preis sei mehr als Scherz gedacht, wurde schon bald eines besseren belehrt. Denn es fanden sich nicht nur Horden von mehr oder weniger verrückten Garagen-Astronauten, die vergeblich nach Geldgebern für ihr eigenes kleines Raumschiff suchten. Auch einige erfahrene Raumfahrttechniker, Astronauten und Ingenieure hatten es auf den Preis abgesehen – und mit dem Microsoft-Mitbegründer Paul Allen auch einen finanzstarken Investor an ihrer Seite, der über das Preisgeld hinaus auch die zusätzlichen Kosten abzudecken bereit war.
Dass Allen zusätzliche Publicity brachte, war auch nicht von Nachteil, und so stellte sich sein Team von Ingenieuren und Piloten schon bald als klarer Favorit des privaten Rennens in den Weltraum heraus. „SpaceShipOne“ wurde in einer Zeit geplant, entwickelt und gebaut, in der öffentliche Investoren wohl noch nicht einmal die Analysen über die Chancen des Projekts fertig gestellt hätten. Vor wenigen Wochen dann der erste Start – und all jenen, die über die „Spinnerei“ Allens gelacht hatten, verging der Spaß: Das Raumschiff startete, erreichte das Weltall und kehrte sicher zur Erde zurück. Zwar konnte der Ansari-X-Preis noch nicht direkt eingeheimst werden; aus Sicherheitsgründen musste das Shuttle eine Weile auf dem Erdboden bleiben. Am Mittwoch war es dann aber soweit – zum zweiten Mal erreichte eine private Mission den Weltall, und mit der heutigen dritten Landung sind sowohl der Preis als auch die Zukunft des bemannten Raumflugs gesichert.
Und diese wird bereits engagiert gestaltet. Allen ist dabei nicht allein – Richard Branson, der Gründer von einigen Dutzend verschiedener Virgin-Firmen (Records, Air, Interactive), ist auch dabei. Der PR-erfahrene Unternehmer, den Naomi Klein in „No Logo“ als „Rock’n’Roll-CEO“ bezeichnet hat, scheint auch in der Raumfahrt wieder ein Geschäft zu wittern, das finanziell ebenso einträglich sein könnte wie vom Marketingstandpunkt aus gesehen. „Virgin Galactic“ soll das Kind heißen – Branson will eine ganze Flotte von Allens Raumfähren kaufen und den Flug ins All für 170.000$ anbieten. Eine gigantische Summe, sicher – doch darf man nicht vergessen, dass Weltraumbegeisterte schon wesentliche höhere Beträge geboten und bezahlt haben, um einen Platz an Bord der staatlichen Raumfähren zu bekommen.
Diese waren noch dazu unbequem, ganz und gar nicht auf Passagiere ausgelegt und von Menschen bevölkert, die auf das tote Gewicht der reichen Bordgenossen gern verzichtet hätten. Bei den neuen Raumfähren wird das anders sein; ähnlich wie bei der Concorde werden hier wohl der Reiz der Hochtechnologie und luxuriöser Komfort einhergehen.
Allein mit der kleinen Klientel, die solche Summen aufbringen kann und auch bereit ist, sie für einen kurzen Weltraumflug auszugeben, lassen sich die Raumschiffe aber wohl nicht bezahlen. Branson muss also langfristigere Perspektiven sehen, wenn man nicht annehmen will, dass er diesmal endgültig den Verstand verloren hat und sich verzocken wird. Doch das hat man auch von seinen früheren Projekten angenommen – und von Paul Allen und dem SpaceShipOne an sich. Nehmen wir also einmal an, dass es diese Perspektiven gibt – wo könnten sie liegen? Was für ein Markt existiert für Raumfähren (oder vielmehr was für ein Markt wird sich entwickeln, wenn diese zur Verfügung stehen)?
Das Beispiel Concorde führt hier auf eine erste Fährte. Der ballistische Flug über einen niedrigen Orbit stellt die schnellste Reisemöglichkeit dar, die mit unserer augenblicklichen Technologie zu erreichen ist, schneller noch als die Überschallreisen mit dem französischen Ausnahmeflugzeug. Für eine oder zwei der Raumfähren ließe sich wohl also auch eine dauerhafte Kundschaft finden, wenn sich die Flugkosten auf Dauer noch reduzieren lassen – Spitzenmanager, der Jet-Set und jeder mit einem vollen Terminkalender und dem nötigen Kleingeld könnte hier das exklusive Transportmittel des 21. Jahrhunderts finden. Und das Vorhandensein einer solchen Flotte allein könnte vielen anderen Projekten das Leben schenken. Die Kosten einer Mission mit dem Ziel, eine Basis im Orbit oder auf dem Mond zu errichten, würden erheblich sinken, wenn bereits eine Transportmöglichkeit einfach und kostengünstig zur Verfügung steht.
Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es schon eine beachtliche Menge privater Aktivität auf den Umlaufbahnen unseres Planeten gibt. Allerlei Fernseh-, Verkehrs- und Kommunikationssatelliten umkreisen die Erde, die zu einem erheblichen Teil privaten Investoren gehören und auch von diesen betrieben werden. Die fehlende staatliche Finanzierung der Raumfahrt hat NASA, ESA und die russische Raumfahrtbehörde dazu gezwungen, einen erheblichen Teil ihrer Kosten aus privaten Kassen zu decken. Die privaten Betreiber finanzierten die wissenschaftlichen Projekte mit und erlaubten es den einst so aktiven Raumfahrtprogrammen trotz des verschwundenen Interesses der Regierungen, ein bisschen Weltraum zu inszenieren, um die Menschen zufrieden zu stellen. Diese Gelder werden sich auf Dauer wohl in Richtung der privaten Raumfahrt orientieren, die den Flug ins All günstiger und zu besseren Konditionen anbieten kann als die bisherigen Größen des Markts.
Das aber würde bedeuten, dass die staatlichen Raumfahrtprogramme auf Dauer gar nicht mehr zu finanzieren sein werden und vermutlich über kurz oder lang eingestellt werden müssen. Für die Grundlagenforschung, die Universitäten und Stiftungen in aller Welt im Erdorbit betreiben, stünde ebenfalls eine erhebliche Umstellung bevor – ohne NASA und ESA müssten auch sie sich Platz an Bord der privaten Raumfahrzeuge mieten, und eine möglicherweise wesentliche Rechnung Bransons würde aufgehen.
Ein echter Markt für die private Raumfahrt wäre gegeben und könnte dieser eine langfristige Zukunft sichern. Ob das aber so geschehen wird, bleibt fraglich, denn zumindest ein anderer Mitspieler hat sich in den letzten Monaten etabliert – die chinesischen Raketen haben binnen weniger Monate eine große Zahl an Satelliten und sogar schon einen Menschen ins All gebracht. Eine Meldung, die immerhin auch den amerikanischen Präsidenten George W. Bush dazu brachte, eine Ausweitung und Intensivierung des Raumfahrtprogramms und sogar den Flug zum Mars anzukündigen – auch, wenn es bisher bei der Ankündigung geblieben ist.
Und so steht uns ein neues Rennen ins All bevor, das in den nächsten Monaten und Jahren einen Quantensprung in der menschlichen Entwicklung oder die größte Vernichtung von Kapital in unserer Geschichte darstellen könnte. Noch ist unklar, wer die Beteiligten sein werden; sicherlich werden Virgin Galactic und die Chinesen eine Rolle spielen, doch könnten sich noch weitere private Unternehmen und Konglomerate finden, die Allen und Branson Konkurrenz machen wollen. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass auch die nationalen Raumfahrtprogramme mit Cape Canaveral, Baikonur und den ESA-Anlagen in der Karibik noch eine erhebliche Rolle in der Raumfahrt spielen könnten, wenn sie sich dazu entscheiden. Das Rennen ist also noch nicht einmal richtig gestartet, doch wir können bereits die ersten Teilnehmer auf dem Weg zu den Startblöcken beobachten.