4. 8. 2006

Veraltete Kernreaktoren sind das Problem

Der Störfall im schwedischen Atomkratfwerk Forsmark zeigt einmal mehr, dass es ein großer Fehler war, die Kernforschung in Deutschland herunterzufahren und die Weiterentwicklung moderner Reaktortypen aufgrund politischen Drucks völlig einzustellen. Forsmark gehört, wie auch die Kraftwerke in Tschernobyl, Harrisburg und Temelin, zum mittlerweile längst veralteten Typ der wassergekühlten und -moderierten durch regelbare Steuerstäbe moderierten (herzlichen Dank an dointime) Kernreaktoren, die mit zahlreichen Problemen belastet sind - einer großen Menge an radioaktivem Müll, einer hohen Abgabe von Strahlung an das Kühlmaterial und vor allem der Gefahr eines GAU, einer Kernschmelze also, die zu einer Explosion des Kraftwerks und der radioaktiven Verseuchung weiter Landstriche führen kann.

Da der Forsmark-Zwischenfall (mit der Berichterstattung über diesen beschäftigt sich übrigens Martin Marheinecke bei MMsSenf) nun wieder all die auf die Barrikaden treibt, die uns einmal mehr erzählen werden, dass Kernkraft niemals sicher sein kann und dass die Gefahr eines GAU immer da sein wird, halte ich es mal wieder für an der Zeit, auf die Hochtemperatur-Reaktoren hinzuweisen, die eben diese These widerlegen. Heliumgekühlt und graphitgeregelt, schließt schon die Bauart dieser Reaktoren eine Kernschmelze (und damit den immer befürchteten GAU) vollkommen aus. Auch die Produktion radioaktiven Abfalls ist erheblich geringer, und selbst bei einem Bruch des Reaktorkerns durch äußere Einwirkung wird nur eine sehr geringe Menge an Radioaktivität an die Umwelt abgegeben. (more…)

6. 6. 2006

Zensur des Internet: Deutschland

Nachdem wir jetzt die Kampagne irrepressible.info integriert haben, bin ich durch Kai Schott zu der Erkenntnis gekommen, dass offenbar auch in Deutschland (genauer: Hier in NRW) das Internet zensiert wird. Zwar handelt es sich dabei um Seiten, die ich persönlich niemals empfehlen würde (Hallo, Rayson… ;) ), trotzdem aber ist dieser Vorgang an sich für mich nicht zu begrüßen. Eine einmal eingerichtete technische Infrastruktur, die der Zensur dient, lässt sich auch schnell beliebig ausweiten… *schauder*

7. 5. 2006

Fukuyama vs. Huntington

Für alle Freunde längerer Blogtexte kann ich “Hegels Vollstrecker” bei Apocalypso nur empfehlen. Alan Posener gibt einige Gedanken zur geschichtsphilosophischen Debatte zwischen den Anhängern Francis Fukuyamas und jenen, die eher Samuel Huntington zuneigen, zum Besten. Er führt Fukuyamas “Ende der Geschichte” auf Hegel und Schiller zurück - dieser stelle die moderne Variante des Historizismus dar. Huntington hingegen vertritt mit dem “Kampf der Kulturen” die klassische konservative Interpretation der Geschichtsphilosophie; Posener vergleicht das Denken der deutschen Huntington-Anhänger mit der Stimmung während der napoleonischen Besatzung im frühen 19. Jahrhundert.

Zwar bin ich von seiner Argumentation für ein teleologisches Geschichtsverständnis nicht völlig überzeugt, sie liefert aber durchaus wertvolle und bedenkenswerte Hinweise. Gut lesbar!

9. 3. 2006

Endlich ein Endlager

Nach jahrelangem Tauziehen ist es nun soweit: Deutschland hat ein erstes Endlager für radioaktive Abfälle. Die Lagerstätte im niedersächsischen Schacht Konrad bei Salzgitter ist nun offiziell genehmigt und durch Gerichtsverfahren abgesichert. Auch Umweltminister Gabriel geht nun bereits davon aus, dass das Endlager errichtet werden wird. Natürlich handelt es sich dabei nur um einen kleinen Schritt - als Lager für Atommüll aus Kraftwerken eignet sich der Schacht nicht, es dürfen nur gewisse Mengen schwach und mittelstark radioaktiver Abfälle eingebracht werden - sie entstehen vor allem in Krankenhäusern, bei der Forschung und in der Industrie. Trotzdem aber ist die endgültige Genehmigung einer der ersten größeren Siege der Vernunft in dieser Diskussion seit langem. (more…)

16. 1. 2006

Wo war Julija?

Groß war sie angekündigt worden - Julija Tymoschenko sollte eigentlich an der energiepolitischen Diskussion bei Sabine Christiansen teilnehmen. Wie viele andere, so freute auch ich mich darauf, von ihr einige Kommentare zur Gaskrise zwischen der Ukraine und Russland zu hören und vielleicht ein wenig Aufschluss über die Vorgänge dort zu erhalten, die immer noch sehr unklar sind. Doch Frau Tymoschenko sagte ihre Teilnahme kurzfristig ab. Da sie ohnehin nur per Konferenzschaltung hätte dabei sein sollen, kann es sich wohl kaum um terminliche Gründe gehandelt haben; wahrscheinlicher ist politischer Druck. (more…)

9. 11. 2005

Atomkonsens bleibt erhalten

Schlechte Nachrichten für Energiepreis und Wirtschaft, sollte man meinen: Der Atomkonsens, den die rot-grüne Regierung ausgehandelt hat, wird auch von der Großen Koalition unverändert übernommen. Das bedeutet, dass es nach wie vor das Ziel ist, 2021 den letzten deutschen Atomreaktor abgeschaltet zu haben. Doch ganz so schnell sollte man das Thema nicht abhaken - denn wie auch die Atomkraftgegner immer wieder betont haben, gehen die vereinbarten Restlaufzeiten meist bis an den Rand der technischen Lebensdauer der Atomanlagen. Es werden also überwiegend Reaktoren abgeschaltet, die ganz unabhängig von ökologischen Erwägungen ohnehin zu alt wären; da kann man sich kaum widersetzen.

Auf der anderen Seite hat die Koalition aber die Haltung zur Modernisierung und zum Ausbau nuklearer Energienutzung korrigiert. Die Erforschung neuer, sichererer Atomkraftwerke soll nicht nur erhalten, sondern sogar noch ausgebaut werden. Und ob Deutschland sich angesichts der kommenden Energiekrise aus ideologischen Gründen weigern wird, seine selbst entwickelten, sicheren Energiequellen zu nutzen, darf man bezweifeln. Also sind wir vielleicht bei der nächsten oder übernächsten Runde neuer Reaktoren wieder dabei? Hoffnung besteht jedenfalls, da auch noch in dieser Legislaturperiode ein neues Gesetz zur Entsorgung radioaktiven Mülls verabschiedet werden soll.

Mehr zu den Koalitionsverhandlungen bei der Süddeutschen.

26. 10. 2005

The Fight over Wireless (Slate)

Das Slate Magazine beschäftigt sich mit Wireless LAN und der Verwirklichung flächendeckenden drahtlosen Netzzugangs:

The Fight Over Wireless

Der Autor Adam Penenberg wirft unter anderem die interessante Frage auf, ob man den drahtlosen Zugang als öffentliche oder marktorientierte Dienstleistung anbieten sollte. Offenbar gibt es in den USA bereits eine ganze Reihe von Kommunen, die ein öffentliches W-LAN-Netzwerk errichten wollen. Von solchen Überlegungen ist man im technikfeindlichen Deutschland aber natürlich noch weit entfernt. Elektrosmog und so.

8. 4. 2005

Genforschung und Abtreibung

Die Kinder hatten es dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. ganz besonders angetan - und so war auch einer der Kämpfe, die er sein Leben lang führte, der für den Schutz ungeborener Kinder. Wer Kinder nicht primär als Ergebnis eines biologischen Prozesses sieht, sondern als Gottesgeschenk, das vom Moment der Zeugung an vollständig Mensch ist und alle menschlichen Rechte genießen sollte, für den müssen sowohl der Abbruch ungewollter Schwangerschaften als auch die Forschung an embryonalen Stammzellen eine Horrorvorstellung sein. Dass Kardinal Meißner sich bei Abtreibungskliniken und Genforschungslaboren an die menschenverachtenden Praktiken und Forschungen der Nationalsozialisten erinnert fühlt, mag ihm vor diesem Hintergrund nachgesehen werden.

Was man der katholischen Kirche aber nicht nachsehen sollte, ist die intolerante, gnaden- und verständnislose Art, wie sie mit Menschen umgeht, die anderer Meinung sind. Nicht jeder Befürworter der Gentechnologie ist automatisch ein moderner Frankenstein, dem menschliches Leben und seine Würde völlig einerlei sind und der bereit ist, jegliche Moral auf dem Altar des wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Nutzens zu opfern. Und nicht immer, wenn etwas gegen die Leiden Behinderter oder Kranker unternommen werden soll, liegt die Ursache darin, dass die Gesunden den Anblick der Kranken nicht ertragen können. Oft ist es vielmehr der Wunsch, den Kranken oder Behinderten von der Notwendigkeit zu befreien, mit seinem Leiden leben zu müssen.

Wer die Verwendung menschlicher Embryonalzellen zu Forschungszwecken begrüßt, kann dabei durchaus gleichzeitig ein Anhänger und Verteidiger der Menschenwürde sein - wenn er nur andere Kriterien für den Beginn wirklich menschlichen Lebens anlegt. Das kann die Geburt sein; sowohl der jüdische als auch der muslimische Glaube etwa erkennen Föten noch nicht als Menschen an, sondern betrachten die Geburt als Beginn menschlichen Daseins. Für viele westliche Menschen ist der Beginn der eigenen Hirnaktivität des Ungeborenen entscheidend; andere argumentieren, dass der Fötus erst dann ein richtiger Mensch ist, wenn er nach einer Frühgeburt auch außerhalb des Mutterleibes lebensfähig ist.

Unbestreitbar ist, dass diese unterschiedlichen moralischen Grundlagen eine Einigung außergewöhnlich schwierig machen. Was dem Einen das einzig moralisch richtige scheint, ist dem Anderen ein fürchterliches Gräuel. Der Vorwurf der widernatürlichen Menschenversuche kann mit unterlassener Hilfeleistung gegenüber all jenen leidenden Mitmenschen beantwortet werden, die durch wissenschaftlichen Fortschritt von ihren Krankheiten befreit werden können. Ein schwieriges Dilemma, das nur durch ständigen Austausch von Meinungen abgemildert werden kann. Erst, wenn man sich gegenseitig eine moralische Haltung zuerkennt, kann über dieses Thema vernünftig und zielführend gesprochen werden.

Verkompliziert wird diese Diskussion durch eine weitere Gruppe, deren Beiträge aber wesentlich schwieriger einzuordnen sind: den Ökologisch-Alternativen, die mitten in der Diskussion plötzlich die Seiten gewechselt haben und nun keinen klar erkennbaren moralischen Standpunkt mehr einnehmen. In der Diskussion um den §218 befanden sie sich noch im Konflikt mit der katholischen Kirche. Die Feministinnen, eine der treibenden Kräfte hinter der alternativen Bewegung, hatten den Schlachtruf “Mein Bauch gehört mir!” geprägt und kämpften für die Abschaffung des Abtreibungsverbotes. Dass in diesem Bauch schon ein menschliches Wesen sei, wollten sie nicht anerkennen.

Die Fristenregelung, die letztendlich anstatt des alten Abtreibungsparagraphen eingeführt wurde, erlaubt den Abbruch ungewollter Schwangerschaften bis in die 13. Woche ohne große Formalitäten und gesetzliche Konsequenzen. Später ist eine Abtreibung nur noch im Rahmen einer Güterabwägung möglich, wenn die Erhaltung des Lebens des Kindes etwa eine übermäßige Gefährdung des Lebens der Mutter darstellen würde. Man kann also davon ausgehen, dass der Gesetzgeber den Fötus erst ab der 13. Woche nach der Empfängnis als vollwertigen Menschen betrachtet. Anders lassen sich weder die relativ leichte Tötung des Ungeborenen vor diesem Termin noch seine deutlich geschütztere Stellung danach erklären.

Beim Thema Genforschung aber vergessen die Grünen und ihre Unterstützer gern diese Rechtsauffassung, die sie selbst mit erkämpft haben: Plötzlich schließen sie sich den Katholiken an und streiten entschlossen für den Schutz des menschlichen Lebens vor “skrupellosen Wissenschaftlern, die Experimente an ungeborenen menschlichen Babys durchführen wollen”. Ja, so manch einer, der stets die Evolutionstheorie vor die Schöpfungsgeschichte gestellt hat, verkündet heute, dass er nicht damit einverstanden sei, wenn der Mensch “Gott spielt” und sich “in die Schöpfung einmischt”. Ein unerklärlicher Sinneswandel.

Erklärbar wird er nur dann, wenn man bedenkt, dass nicht etwa ein ernsthaftes moralisches Fundament die ökologisch-alternative Politik bestimmt, sondern vielmehr ein diffuses Geflecht aus Angstgefühlen, mit dem die Menschen in die Ablehnung moderner Wissenschaft und Technologie gedrängt werden. Ob Radioaktivität, Feinstaub, Elektrosmog, Klimawandel oder der menschliche Eingriff in “die Schöpfung” - stets sind es unsichtbare, geruchlose und kaum messbare Bedrohungen, die die Grünen erspähen. In jeder Neuentdeckung, jeder Entwicklung, die vorgestellt wird, sieht der Öko-Alti eine Bedrohung für seine Lebensweise, je abstruser und schemenhafter, desto besser.

Wer gleichzeitig für Abtreibungen und gegen Gentechnik eingestellt ist, der hat große Schwierigkeiten, sich zu rechtfertigen und seine Haltung anderen Menschen zu erklären. Im Prinzip offenbart er damit einen Mangel an Beschäftigung mit beiden Themen - er zeigt, dass er nur seinen ersten Gefühlen und Meinungen nachgeht, anstatt moralischen Fragen ernsthaft auf den Grund zu gehen. Insofern ist die katholische Kirche sicher der ernstzunehmendere Gegner in dieser Diskussion - aber auch der, den wir, als Befürworter gentechnischer Forschung, deutlich mehr respektieren sollten.

27. 10. 2004

1000 Fragen und Hans-Olaf Henkel

Mancherlei Kritik ist bereits über die Kampagne “1000 Fragen” der Aktion Mensch geäußert worden. Manche, auch in der Redaktion der Liberalen Stimme, waren entsetzt von der einseitigen und plump vereinfachenden Art und Weise, in der hier die komplexen wissenschaftlichen und moralischen Fragen der Biotechnologie angerissen wurden. Man fragte sich, ob die Aktion Sorgenkind im Rahmen der Umbenennung von einer karitativen Organisation in ein Sprachrohr des christlichen Fundamentalismus amerikanischen Stils verwandelt worden war.

Besonders derb war das Motiv zur Frage “Darf der Mensch alles, was er kann?”. Diese - an sich bereits
provokant formulierte Frage - wurde mit dem Bild einer Comicgestalt unterlegt, die an den grünen “Hulk” aus dem gleichnamigen Film erinnerte. Offenbar machte sie gerade eine Veränderung vom gewöhnlichem Menschen hin zu einem muskelbepackten Monster durch. Dass solch eine Verwandlung mit den Mitteln der Biotechnologie weder möglich ist noch für unsere Wissenschaft vorstellbar scheint, wurde großzügig übersehen; dass diese Anzeige nicht etwa Diskussion anregen, sondern Ängste schüren sollte, war offensichtlich.

Viele andere Motive waren ebenfalls sehr einseitig ausgewählt und betextet worden; die extrem lange Laufzeit der Kampagne lässt ebenfalls vermuten, dass eine freie Diskussion nicht wirklich das Interesse der Initiatoren der Kampagne war. Darunter litt das Ansehen der Aktion Sorgenkind in liberalen und atheistischen Kreisen, ebenso aber auch das Thema selbst, das nun schwieriger als zuvor zu diskutieren schien. Eine Zuspitzung der Debatte von Fundamentalisten aller Seiten dürfte ihr wohl kaum zuträglich sein.

Das scheint sich aber nun auch bei der Aktion Mensch herumgesprochen zu haben; mittlerweile sind einige Motive geändert und entschärft worden, und auch die “andere Seite” hat einen Platz in der Debatte gefunden. Die oben angesprochene Frage nach den Grenzen der Forschung dokumentiert jetzt kein Comicmonster mehr, sondern Hans-Olaf Henkel, der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und frühere Vorsitzende des BDI. Ein überraschender Anblick, denn Herr Henkel ist sonst ja nicht gerade als christlich-moralischer Bedenkenträger und Kritiker von Technologie und Fortschritt bekannt.

Der angefügte Kommentar Henkels erleuchtet die Situation dann aber. Er schreibt: “Aus den über 9000 Fragen, die bisher im 1000Fragen-Projekt gesammelt wurden, habe ich diese für die Diskussion ausgewählt, weil wir noch immer so wenig können, dass sich die Frage nach den freiwilligen Grenzen unserer Technik nur in den seltensten Fällen stellt. Den Weg zu einem Leben in Würde weisen auf dieser Erde nicht weniger, sondern mehr Technik und Wissenschaft.”

Ein klares Statement von einem, der sich auch nach seinem Abtritt als Sprecher der deutschen Wirtschaft mehr um Reformen in der deutschen Gesellschaft bemüht hat, als man das von den meisten Akteuren der politischen Szene behaupten kann. Während viele von ihm ein Klischeebild haben, das ihn lediglich als knallharten Funktionär und Marktradikalen zeichnet, erkennt man doch an seinen Büchern und diesem kurzen Beitrag zur 1000Fragen-Diskussion, dass hier auch ein moralisch und sozial denkender und engagierter Mensch spricht.

Somit kann man nur beiden gratulieren - Herrn Henkel für einen Kommentar, der kurz und elegant aufzeigt, dass nicht jeder, der der christlichen Moral in einzelnen Punkten
widerspricht, ein kalter und seelenloser Technokrat sein muss. Zum anderen aber auch der Aktion Mensch, dass sie die Aktion “1000 Fragen” nun offenbar zu einer wirklich offenen Diskussion und einer vielschichtigen Betrachtungsweise führt und eine bekannte Figur der “Gegenseite” gewonnen hat, sich öffentlich im Rahmen der Diskussion zu äußern.
Weitere Informationen:

www.1000fragen.de

4. 10. 2004

Ad Astra!

Nach mehreren Jahrzehnten des fast völligen Stillstandes in der bemannten Raumfahrt scheint jetzt endlich wieder Bewegung in diese zu geraten. Zwar hat die NASA nach dem Absturz der Discovery die vorsichtigen Versuche wieder beendet, in den erdnahen Raum zurückzukehren. Auch das von USA und Russland gemeinsam geplante und betriebene Projekt „Mir“ und die Internationale Raumstation ISS haben sich nicht gerade als enthusiastisch verfolgte Zukunftsprojekte erwiesen. Doch die Technologie für Raumflüge ist mittlerweile bekannt und verhältnismäßig erprobt, zahlreiche technische Entwicklungen haben Probleme der frühen Raumfahrt gelöst. Die Werkstofftechnik, aber auch die Luftfahrt und andere Bereiche der Forschung und Technik sind Welten entfernt von den Möglichkeiten der 70er Jahre, als die amerikanischen Space Shuttles geplant und entworfen wurden.

Und nun, endlich, ist auch die Wirtschaft auf den Plan getreten. Mit dem „Ansari-X“-Preis, der zur Förderung der privaten Raumfahrt 10 Millionen Dollar für denjenigen auslobte, der als erster mit einem privat finanzierten und gebauten Raumschiff zwei Mal innerhalb von zwei Wochen eine Höhe von 100 km über dem Meeresspiegel erreichen würde, war das Rennen eröffnet. Wer zunächst noch glaubte, der Preis sei mehr als Scherz gedacht, wurde schon bald eines besseren belehrt. Denn es fanden sich nicht nur Horden von mehr oder weniger verrückten Garagen-Astronauten, die vergeblich nach Geldgebern für ihr eigenes kleines Raumschiff suchten. Auch einige erfahrene Raumfahrttechniker, Astronauten und Ingenieure hatten es auf den Preis abgesehen – und mit dem Microsoft-Mitbegründer Paul Allen auch einen finanzstarken Investor an ihrer Seite, der über das Preisgeld hinaus auch die zusätzlichen Kosten abzudecken bereit war.

Dass Allen zusätzliche Publicity brachte, war auch nicht von Nachteil, und so stellte sich sein Team von Ingenieuren und Piloten schon bald als klarer Favorit des privaten Rennens in den Weltraum heraus. „SpaceShipOne“ wurde in einer Zeit geplant, entwickelt und gebaut, in der öffentliche Investoren wohl noch nicht einmal die Analysen über die Chancen des Projekts fertig gestellt hätten. Vor wenigen Wochen dann der erste Start – und all jenen, die über die „Spinnerei“ Allens gelacht hatten, verging der Spaß: Das Raumschiff startete, erreichte das Weltall und kehrte sicher zur Erde zurück. Zwar konnte der Ansari-X-Preis noch nicht direkt eingeheimst werden; aus Sicherheitsgründen musste das Shuttle eine Weile auf dem Erdboden bleiben. Am Mittwoch war es dann aber soweit – zum zweiten Mal erreichte eine private Mission den Weltall, und mit der heutigen dritten Landung sind sowohl der Preis als auch die Zukunft des bemannten Raumflugs gesichert.

Und diese wird bereits engagiert gestaltet. Allen ist dabei nicht allein – Richard Branson, der Gründer von einigen Dutzend verschiedener Virgin-Firmen (Records, Air, Interactive), ist auch dabei. Der PR-erfahrene Unternehmer, den Naomi Klein in „No Logo“ als „Rock’n’Roll-CEO“ bezeichnet hat, scheint auch in der Raumfahrt wieder ein Geschäft zu wittern, das finanziell ebenso einträglich sein könnte wie vom Marketingstandpunkt aus gesehen. „Virgin Galactic“ soll das Kind heißen – Branson will eine ganze Flotte von Allens Raumfähren kaufen und den Flug ins All für 170.000$ anbieten. Eine gigantische Summe, sicher – doch darf man nicht vergessen, dass Weltraumbegeisterte schon wesentliche höhere Beträge geboten und bezahlt haben, um einen Platz an Bord der staatlichen Raumfähren zu bekommen.

Diese waren noch dazu unbequem, ganz und gar nicht auf Passagiere ausgelegt und von Menschen bevölkert, die auf das tote Gewicht der reichen Bordgenossen gern verzichtet hätten. Bei den neuen Raumfähren wird das anders sein; ähnlich wie bei der Concorde werden hier wohl der Reiz der Hochtechnologie und luxuriöser Komfort einhergehen.

Allein mit der kleinen Klientel, die solche Summen aufbringen kann und auch bereit ist, sie für einen kurzen Weltraumflug auszugeben, lassen sich die Raumschiffe aber wohl nicht bezahlen. Branson muss also langfristigere Perspektiven sehen, wenn man nicht annehmen will, dass er diesmal endgültig den Verstand verloren hat und sich verzocken wird. Doch das hat man auch von seinen früheren Projekten angenommen – und von Paul Allen und dem SpaceShipOne an sich. Nehmen wir also einmal an, dass es diese Perspektiven gibt – wo könnten sie liegen? Was für ein Markt existiert für Raumfähren (oder vielmehr was für ein Markt wird sich entwickeln, wenn diese zur Verfügung stehen)?

Das Beispiel Concorde führt hier auf eine erste Fährte. Der ballistische Flug über einen niedrigen Orbit stellt die schnellste Reisemöglichkeit dar, die mit unserer augenblicklichen Technologie zu erreichen ist, schneller noch als die Überschallreisen mit dem französischen Ausnahmeflugzeug. Für eine oder zwei der Raumfähren ließe sich wohl also auch eine dauerhafte Kundschaft finden, wenn sich die Flugkosten auf Dauer noch reduzieren lassen – Spitzenmanager, der Jet-Set und jeder mit einem vollen Terminkalender und dem nötigen Kleingeld könnte hier das exklusive Transportmittel des 21. Jahrhunderts finden. Und das Vorhandensein einer solchen Flotte allein könnte vielen anderen Projekten das Leben schenken. Die Kosten einer Mission mit dem Ziel, eine Basis im Orbit oder auf dem Mond zu errichten, würden erheblich sinken, wenn bereits eine Transportmöglichkeit einfach und kostengünstig zur Verfügung steht.

Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es schon eine beachtliche Menge privater Aktivität auf den Umlaufbahnen unseres Planeten gibt. Allerlei Fernseh-, Verkehrs- und Kommunikationssatelliten umkreisen die Erde, die zu einem erheblichen Teil privaten Investoren gehören und auch von diesen betrieben werden. Die fehlende staatliche Finanzierung der Raumfahrt hat NASA, ESA und die russische Raumfahrtbehörde dazu gezwungen, einen erheblichen Teil ihrer Kosten aus privaten Kassen zu decken. Die privaten Betreiber finanzierten die wissenschaftlichen Projekte mit und erlaubten es den einst so aktiven Raumfahrtprogrammen trotz des verschwundenen Interesses der Regierungen, ein bisschen Weltraum zu inszenieren, um die Menschen zufrieden zu stellen. Diese Gelder werden sich auf Dauer wohl in Richtung der privaten Raumfahrt orientieren, die den Flug ins All günstiger und zu besseren Konditionen anbieten kann als die bisherigen Größen des Markts.

Das aber würde bedeuten, dass die staatlichen Raumfahrtprogramme auf Dauer gar nicht mehr zu finanzieren sein werden und vermutlich über kurz oder lang eingestellt werden müssen. Für die Grundlagenforschung, die Universitäten und Stiftungen in aller Welt im Erdorbit betreiben, stünde ebenfalls eine erhebliche Umstellung bevor – ohne NASA und ESA müssten auch sie sich Platz an Bord der privaten Raumfahrzeuge mieten, und eine möglicherweise wesentliche Rechnung Bransons würde aufgehen.

Ein echter Markt für die private Raumfahrt wäre gegeben und könnte dieser eine langfristige Zukunft sichern. Ob das aber so geschehen wird, bleibt fraglich, denn zumindest ein anderer Mitspieler hat sich in den letzten Monaten etabliert – die chinesischen Raketen haben binnen weniger Monate eine große Zahl an Satelliten und sogar schon einen Menschen ins All gebracht. Eine Meldung, die immerhin auch den amerikanischen Präsidenten George W. Bush dazu brachte, eine Ausweitung und Intensivierung des Raumfahrtprogramms und sogar den Flug zum Mars anzukündigen – auch, wenn es bisher bei der Ankündigung geblieben ist.

Und so steht uns ein neues Rennen ins All bevor, das in den nächsten Monaten und Jahren einen Quantensprung in der menschlichen Entwicklung oder die größte Vernichtung von Kapital in unserer Geschichte darstellen könnte. Noch ist unklar, wer die Beteiligten sein werden; sicherlich werden Virgin Galactic und die Chinesen eine Rolle spielen, doch könnten sich noch weitere private Unternehmen und Konglomerate finden, die Allen und Branson Konkurrenz machen wollen. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass auch die nationalen Raumfahrtprogramme mit Cape Canaveral, Baikonur und den ESA-Anlagen in der Karibik noch eine erhebliche Rolle in der Raumfahrt spielen könnten, wenn sie sich dazu entscheiden. Das Rennen ist also noch nicht einmal richtig gestartet, doch wir können bereits die ersten Teilnehmer auf dem Weg zu den Startblöcken beobachten.

1. 7. 2004

Der Ausstieg aus dem Ausstieg

Wenn man die aufsteigenden (oder längst lodernden) Konflikte unter rein materialistischen Gesichtspunkten betrachtet, kann man leicht analysieren, um welche Güter die Kriege des 21. Jahrhunderts geführt werden: um Öl und Wasser.

Zum einen löst das zur Neige gehende Öl bei den Industrie- und Schwellenländern einen wahnsinnig anmutenden Wettlauf darum aus, wer mehr verschwenden kann, bevor es verbraucht ist. Zum anderen stellen Bevölkerungsexplosion und die zunehmende Desertifikation die Menschen vor die Notwendigkeit, immer mehr Bewässerungsprojekte zu starten und die Landwirtschaft zu intensivieren, was nur durch die Kontrolle über ausreichende Wassermengen möglich ist.

Dass beide Güter nur in begrenzter Menge vorhanden sind, lässt die Gegner einer rücksichtslosen Macht- und Kriegspolitik stets fordern, wir mögen uns doch bescheiden, unseren technologischen Entwicklungsstand herunterschrauben und die Segnungen des Fortschritts eben wieder aufgeben - eine Perspektive, die auch nicht viel besser scheint und aus gutem Grund kaum Zustimmung findet.

Wenn man aber hinter die Fassade blickt, so sieht man, dass sich beide Probleme eigentlich nur als Symptome eines Einzigen darstellen - des Problems der Energieversorgung. So ist Öl nur ein bequemer Energieträger, der für die industrielle Entwicklung von entscheidender Bedeutung war, diese Bedeutung aber bald verlieren wird. Wasser ist überall dort in großer Menge vorhanden, wo man Energie zur Verfügung hat, um etwa das Meerwasser zu entsalzen und Pumpen sowie Röhrensysteme zu betreiben.

Israel - das mit beinahe seinem gesamten Staatsgebiet in der Negev-Wüste gelegen ist - ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man selbst diese Region mit ausreichender Energie urbar machen und für intensive Landwirtschaft nutzen kann. Ein Teil des Hasses, den die Mullahs schüren, beruht auf Neid - den fortschrittlichen, westwärts gewandten Israelis ist etwas gelungen, was nirgendwo sonst im Nahen Osten erreicht wurde. Die Scheichs und Potentaten der arabischen Länder werfen lieber das Geld aus den Ölquellen mit beiden Händen zum Fenster hinaus, als wirklich etwas für die nachhaltige Entwicklung in ihren Ländern zu tun.

Um diesen Hass zu überwinden, müsste es also vor allem gelingen, auch den Staaten der arabischen und muslimischen Erdregionen Energie in ausreichender Menge zukommen zu lassen, um ihren Lebensstandard zu steigern und durch intensive Landwirtschaft, Meerwasserentsalzung und die Vorteile moderner Technologie und Medizin Hungersnöte und Epidemien zu verhindern. Darüber sind sich seit langer Zeit alle einig - nur: wie soll es geschehen?

Die Alternativen, die uns in Deutschland dargelegt werden, stammen zum einen von der Rot-/Grünen Regierung, die Bescheidenheit predigt, unsere eigene Energieproduktion sowie den Lebensstandard im Land ständig senkt. In einer Art Untergangsstimmung sollen wir uns damit abfinden, dass die Zeit des technischen Fortschritts nun eben vorbei sei und wir alle gemeinsam unsere Gewohnheiten an die der Dritten Welt anpassen müssen.

Auf der Gegenseite steht der Entwurf der Regierung Bush in den USA, den die CDU-Chefin Angela Merkel seit geraumer Zeit unterstützt. Wir würden ebenso wie die anderen Staaten, die in den Irak-Krieg verwickelt waren, unseren Ölverbrauch weiter sprunghaft ansteigen lassen und uns mit gewaltsamen Mitteln den Nachschub sichern.

Keiner dieser beiden Entwürfe aber zweifelt an dem größten historischen Fehler Deutschlands in den vergangenen sechzig Jahren - dem Ausstieg aus der Kernenergie. Der “Stern” etwa zitierte jetzt bereits den Grünen nahestehende Experten und Produzenten von Windkraftanlagen, die das jährliche Abschalten eines Atomkraftwerks ab 2007 als illusorisch bezeichnen. Immerhin müssten wir ja - ohne Wachstum - damit jährlich auch die Energie eines Atomkraftwerks aus einem anderen, vermutlich fossilen, Energieträger gewinnen. Alternative und regenerative Energien sind schlicht nicht in der Lage, diesen gewaltigen neuen Bedarf aufzufangen.

So ist die Lage bereits heute schon so, dass wir billigen Atomstrom aus Frankreich importieren müssen, um den Energiebedarf unseres Landes zu decken. Eine Anekdote aus den 80er Jahren weiß, dass Mitarbeiter deutscher Kernkraftwerke nach einem routinemäßigen Besuch in Kraftwerken des Nachbarlandes manchmal wochenlang wegen Verstrahlung nicht arbeiten durften. Auch heute bleiben die Franzosen noch weit hinter den deutschen Sicherheitsstandards zurück.

Wie es im östlich der Grenze aussieht, wo die Tschechen auf den Strom aus Temelin angewiesen sind, einem Reaktor vom Typ, der auch in Tschernobyl zum Einsatz kam, mag man gar nicht bedenken. Wenn es aber wirklich zur Abschaltung kommt, dann kann es gut sein, dass auch durch deutsche Steckdosen Temelin-Strom fließt (wie es in Österreich oft bereits geschehen sein soll).

Angesichts dieser Situation bleibt uns in Deutschland kaum etwas anderes übrig, als den “Ausstieg aus dem Ausstieg” zu vollziehen und uns wieder in der Kernenergie zu engagieren. Mit dem immer noch reichlich vorhandenen Know-How würde es uns sicher schnell gelingen, wieder eine Spitzenposition in der Kraftwerkstechnologie einzunehmen.

Mit Hilfe der deutschen Sicherheitsstandards und bedeutender Eigenentwicklungen, wie dem inhärent sicheren Hochtemperaturreaktor, können wir die Atomenergie auf der ganzen Welt etwas sicherer machen, anstatt uns durch Verweigerung von einer Zukunftstechnologie auszuschließen und am Ende noch selbst Strom aus unsicheren Anlagen verbrauchen zu müssen.

Zu diesem Weg rät uns nicht nur das unmittelbare Eigeninteresse an weiterem Wachstum und stärkerer Unabhängigkeit von den Ölimporten aus dem Nahen Osten, sondern auch unser gewachsenes Verständnis von ökologischen und globalökonomischen Zusammenhängen. Vor allem aber spricht dafür, dass sich angesichts der Fakten im Augenblick kein anderer Weg zur Lösung der zahlreichen Probleme anbietet.